Die Fakebusters – im Kampf gegen die Fake News!

Man soll ja auch mal loben, wenn es was zu loben gibt. So dürfen wir uns für das nächste Jahr mit gutem Gewissen grosse Hoffnungen machen. Die breit angelegte Missinformation der Bevölkerung wird ein Ende nehmen: Facebook hat sich zum Wohle der Community entschieden, Fake News zu bekämpfen. Und das ist gut so, denn wer möchte schon die Menschen dazu zwingen, dass sie selbst nachdenken müssen. Schon meine Grossmutter sagte immer: „Man soll nie selbst denken, wenn es auch ein anderer übernehmen kann!“

Testbild aus dem Fernsehen

Ein Bild für Insider: Als man dieses Bild im Fernsehen antraf, wusste man, dass es Zeit war, abzuschalten.

Denken beeinträchtigt die Gesundheit
Wir wissen es alle: Unzählige Aspirin-Studien belegen, dass ständiges Denken Kopfschmerzen bereitet. Und da wir diesem biologischem Zwang des Denkens sowieso schon andauernd ausgesetzt sind, müssen wir uns dem nicht auch noch in der Freizeit aussetzen. Das wäre ja, wie wenn man hauptberuflicher Jogger wäre (schon schlimm genug) und sich in der Freizeit auch noch zum Spass Waterboarding aussetzen würde. Das muss doch nicht sein. Darum hat sich Facebook entschieden, wie Mitte Dezember 2016 bekannt gegeben wurde, uns dabei zu helfen, den Newsfeed anzupassen und mit Warnungen zu versehen, damit wir nicht mal auf die Idee kommen selbst zu denken.

Ein rigoroser Prozess
Entsprechende Warnungen erhalten alle Links und Posts, die zuerst angezweifelt, überprüft und als „nicht wahrheitsgemäss“ eingestuft wurden. Da Facebook die ganze Arbeit nicht selbst erledigen kann (ist halt nur ein kleines Milliarden-Unternehmen), gibt es mehrere solcher Organisationen, die nun für uns nachdenken. Sie alle haben einen ausführlichen und streng überwachten Codex von beinah unzähligen fünf Punkten unterzeichnet! Von drakonischen Strafen bei Missachtung des Codexes wird bisher nicht gesprochen. Es bleibt uns also im Moment nur auf die weltberühmte Berufsehre der Fakebusters zu setzen.

Mehr Fake News, mehr Klicks für die Schiedsrichter
Die Liste aller Organisationen, die sich dem International Fact Checkers Network Code of Principles unterzogen haben, ist vorläufig übersichtlich. Von den 43 Namen fallen da aber einige sofort dadurch auf, weil sie Medienunternehmen sind oder dazu gehören. Wie beruhigend für uns alle, weil sich der Bock ja schliesslich am besten im Garten auskennt. Das Gute an der Sache ist: Die Fake Busters werden für ihre kritische Haltung mit Klicks belohnt (mehr Besuche der eigenen Website).

Alte Weisheit: einfach abschalten!
Jetzt da wir diese Fake Busters haben, können wir uns mit gutem Gewissen zurücklehnen. Vorbei sind die Tage, an denen wir uns mit überfordernden Fragen beschäftigen mussten und uns dies davon abhielt, ein Konsument zu sein. Am Ende des Tages bleibt uns nur noch, uns an Peter Lustig in der Kindersendung  Löwenzahn zu erinnern: „Also. Versucht’s doch auch mal. Es ist doch ganz einfach. Aber vorher abschalten!

„Fake News“: Ein Sündenbock à la carte

Mal schauen, ob es der Ausdruck „Fake News“ zum Wort des Jahres 2017 schafft. Das Zeug dazu hätte er jedenfalls. Er bringt einen Missstand zum Ausdruck und ist herrlich ungenau, sodass jeder ihn verwenden kann, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was es damit wirklich auf sich hat. Der aktuelle Sprachgebrauch dieses Ausdruckes allerdings zielt darauf ab, falsche und stark überdehnte Darstellungen der Geschehnisse aus dem Sichtfeld der Menschen zu filtern. Und wenn von „Fake News“ die Rede ist, dann sind die grossen Medienorganisationen nie gemeint. Obwohl man ihnen genauso vorwerfen kann, „Fake News“ zu produzieren.

Auch bei den etablierten Medien findet man Fake-News.

Pure Angstmacherei mit erfundenen Quellen?
Ein Beispiel ist der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Titel „Berlin fürchtet Cyber-Angriffe und Propaganda aus Russland„. Über den Inhalt muss man nichts sagen, denn der Titel ist klar. Der kurze Text verweist dann auf ungenannte Quellen aus dem Kanzleramt, dem Innenministerium und den Sicherheitsbehörden.

Auf den Artikel angesprochen, verweist der Regierungssprecher Steffen Seibert den Artikel ins Land der Märchen (Bundespressekonferenz vom 9.12.16). Das sind „Fake News“  und reine Angstpropaganda eines renommierten Blattes. Natürlich, Seibert könnte auch lügen, aber wenn er nicht dazu befragt wurde und wir nicht wissen, was er dazu gesagt hätte, dann sind das reine Meldungen aus der Gerüchteküche.

Wahrheitssucher Opfer eigener Scheuklappen
Politifact.com, ein in der linken Szene angesehenes Portal, prüft als Faktenkontrolleur Aussagen von Politikern auf deren Wahrheitsgehalt.  Bis vor Kurzem taxierte einer der Redakteure die Behauptung eines US-amerikanischen Politikers, dass der zukünftige Vize-Präsident Mike Pence Geld von der AIDS-Prävention zur Conversion-Therapy umleiten wolle, als wahr. Als Beleg wurde eine alte Website von Pence auf archive.org  ausgegraben, auf der rein gar nichts davon stand. Es dauerte rund vier Monate bis zum 02. Dezember 2016, bis sich der Autor der Realität stellte und seine Einschätzung teilweise revidierte. Und das auch nur aufgrund Hinweisen von Dritten. Wenn das mal keine „Fake News“ sind.

Nur wir machen die richtigen News
Der Ausdruck „Fake News“ wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Nicht nur aus oben genannten Gründen, sondern auch, weil er sehr nützlich ist. Deswegen, weil der Ausdruck unter dem Deckmantel der Aufklärungen zielgerichtet und brandmarkend eingesetzt werden kann. Damit versuchen die etablierten Medien, die zunehmend funktional und wirtschaflich versagen, die Deutungshoheit über die Interpretation der Geschehnisse zurück zu gewinnen. Ausserdem nützen „Fake-News“ den Verlagshäusern im Verhandlungspoker gegen die sozialen Netzwerke. „Fake News“ ist sozusagen ein Kampfbegriff der etablierten Medien, um ihr darbendes Geschäftsmodell noch ein wenig länger zu erhalten.

Checkst Du schon oder rätselst Du noch?

Google, der Filterblasen-Lieferant unseres Vertrauens, hat sich letzte Woche entschieden, in der U.S.-Version seines News-Services eine weitere „Info“-Rubrik einzufügen: Fact Check. Wenn eine News zu einem bestimmten Thema auftaucht, wird (sofern vorhanden) auch ein Artikel hinzugefügt, der die in der News beschriebenen Fakten überprüft.

Screenshot aus Google News

Fact Check: Das Einfallstor in die neue Wahrheit. Nur eine Rubrik von vielen. Das kann sich aber auch jederzeit ändern.

Die Qualität wird von Google beurteilt
Welche Texte als Fakten-Checker-Texte taugen, entscheidet Google anhand des Inhalts und anhand von Kennzeichnungen im Quelltext der Seite. Google nennt als gutes Beispiel das International Fact-Checking Network. Gemäss NZZ behält sich Google auch das Recht vor, Inhalte von Websites in News und der Suche herabzustufen, wenn missbräuchlich behauptet wird, auf Fact Checking zu setzen. Dies wird aber im Blogpost von Richard Gingras, Head von Google News, nicht erwähnt.

Mit Faktenkontrolle gegen den Beelzebub-Kandidaten im Wahlkampf
Fact Checking ist das Hysterie-Wort des Jahres in den USA. Ausgelöst durch die zahlreichen falschen und bis zur Unkenntlichkeit übertriebenen Behauptungen im U.S.-amerikanischen Wahlkampf schreien die Demokraten danach, um Donald Trump den Saft abzudrehen. Und die Medienhäuser versuchen damit wieder zu kitten, dass sie Donald Trump so viel Sendezeit gegeben und zu diesem Schlamassel beigetragen haben.

Wieder mal eine technische Lösung für ein gesellschaftliches Problem
Nun ging Google, noch vor den Wahlen, noch einen Schritt weiter. Was wie eine hilfreiche Funktion im Dickicht des Internet-Dschungels klingt, stellt eher eine potenzielle Gefahr für die Demokratie dar. Und das gleich aus mehreren Gründen:

  • Nur einfache Behauptungen (z.B. „die meisten Ausländer sind kriminell“) können eindeutig widerlegt werden. Alles andere sind Interpretationen von Informationen. Und Menschen interpretieren nie ausgewogen.
  • Wer entscheidet, wann ein Fakt in den Texten geklärt ist? Und wie gründlich hat dies zu geschehen? Google hat darauf zwar keinen Einfluss, aber wählt die Kontrollorgane aus. Diese erhalten damit sehr viel Macht.
  • Google entscheidet nun nicht nur, was wir sehen (Filterblase), sondern auch noch, was wahr ist. Google bestimmt, welche Organisationen vertrauenswürdig sind und verleiht ihnen somit zusätzliche Glaubwürdigkeit.
  • Wenn uns ständig jemand vorgibt, was stimmt und was nicht, wird unsere Medienkompetenz noch weiter sinken.

Man kann mir gerne vorwerfen hier „Technopanik“ zu verbreiten. Das mag zwar sein, doch ist bei Google immer grosse Vorsicht geboten. Nicht nur, weil die Jungs aus dem Silicon Valley in einem Verzerrungsfeld leben, sondern weil sie auch noch verdammt viel Macht haben.

Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

Kulturpessimistisch?

Zensur?

Über die Segnungen wohlmeinender Zensur nachdenken? Quelle: Wiki Commons

Manchmal frage ich mich schon, wo wir mit all dem interaktiven Webzeugs so hinsteuern. Die sogenannt sozialen Medien scheinen nach und nach von Dummschwätzern, im schlimmsten Fall von Fundis und braunem Gesockse übernommen zu werden. Ja, selbst das Niveau in den ehemals nerdigen Plauderecken wird immer mieser.

Sie finden das arg kulturpessimistisch? Dann sehen Sie sich doch zum Beispiel kurz auf Firefox Input um. Eigentlich ist diese Feedback-Seite ja dazu gedacht, Anregungen von Nutzern für die weitere Entwicklung des Browsers zu sammeln. Was dort aber im Zusammenhang mit der neuen Version an Mist deponiert wird, ist wirklich niederschmetternd.

Ein „awful holy shit“ sei die neue Nutzeroberfläche und folgerichtig gehöre den Entwicklern, ihren Frauen und Kindern respektive ihren „cocksucking gay boyfriends … be cut off the head and then shitting them into the open head, their eyeballs ripped out and you fucking Australis chrome clone DRM lovers and Google servants should be forced to eat their disgusting remnants! STUPID FUCKING CUNTS AND GOOGLE WHORES!!!“

Dabei sind ja eigentlich bloss die Reiterchen im Firefox etwas nach oben gerutscht und die Einstellungen nach rechts. Also, wenn ich etwas zu sagen hätte im Netz, ich würde als Erstes über die Segnungen einer wohlmeinenden Zensur nachdenken lassen.