Eingeschlossen

Vor kurzem habe ich einen Artikel über die Plagen des Alltags gelesen. Da ging es unter anderem um schreiende Kleinkinder, aggressive Autofahrer, Platznot und den Hochnebel. Das war ganz lustig zu lesen.

flickr.com // Wasile // CC BY-NC 2.0

Allerdings fehlte etwas in dieser Aufzählung. Eingeschlossene Handys. Genauer gesagt Handys, die in einem Spind, zum Beispiel in einem Hallenbad, eingeschlossen sind. Beziehungsweise: Handys, die dort eingeschlossen sind und Geräusche von sich geben. Einen Weckruf beispielsweise. Typ Atomreaktoralarm, Stufe 3. Und zwar im Endlosmodus. Falls Sie dummerweise Ihren Spind gleich daneben haben, sind Sie danach sicher wach. Nur leider ist das nicht der Zweck der Übung.

Endlosanrufe

Es gibt natürlich auch immer wieder Handys, die im Spind klingeln. Das ist ja normalerweise auch kein Problem. Normalerweise. Eine Weile lang habe ich jeden Morgen um die gleiche Zeit das Handy einer Frau gehört. Vermutlich hatte sie mit ihrem Freund Schluss gemacht und der Arme hatte riesigen Liebeskummer. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass das immer gleiche Handy mit dem immer gleichen Klingelton jeden Morgen um ca. 6:30h im immer gleichen Spind in meinem Hallenbad endlos klingelte. Und sobald der Klingelton abriss, ein paar Sekunden verstummte, um dann wieder von vorne zu beginnen.
Ich meine, wenn die beiden damals wirklich miteinander geredet hätten – also die Besitzerin des Handys und der Anrufer – hätten sie schnell herausgefunden, dass Anrufe zwischen 6h und 7h morgens vermutlich ins Leere laufen, weil die Besitzerin des Handys dann im Bassin ihre Runden dreht. Inzwischen hat sich der Mann vermutlich von seinem Liebeskummer erholt. Oder die Frau kommt nicht mehr schwimmen. Zumindest ihr Handy ist verstummt.

Alltagsgeräusch – und doch …

Ich weiss. Handys klingeln überall. Im Kino, im Tram, im Zug oder bei der Arbeit. Auf die verschiedenen Melodien, die man dabei zu hören bekommt, will ich gar nicht eingehen. Aber normalerweise klingeln sie nicht lange. Andernfalls, wenn der Arbeitskollege mit der telefonsüchtigen Freundin mal wieder sein Handy auf dem Tisch liegengelassen hat, kann man es unter ein Kleidungsstück stecken, dann ist der Ton wenigstens gedämpft (man darf einfach nicht vergessen, ihm hinterher Bescheid zu sagen). Oder man kann den Handybesitzer auch direkt ansprechen und ihn freundlich darauf hinweisen, dass sein Handygeklingel nervt. Bei eingeschlossenen Handys hingegen kann man nichts machen. Ausser zu verschwinden oder den Ton schlichtweg zu ignorieren.
Dabei wäre es so einfach: Der Vibrationsmodus funktioniert im Alltag perfekt. Das surrende Geräusch stört kaum jemanden. Und ein Alarm, der ins Leere klingelt, ist nun mal ein schlechter Alarm. Besonders dann, wenn er aus einem geschlossenen Spind kommt.

Einkauf mit Hindernissen

Es ist Abend und die Warteschlange vor den vier Self-Checkout-Automaten im Coop ist lang. Als ich an der Reihe bin, gehe ich zum leeren Checkout, um meine Einkäufe einzuscannen. Doch da sehe ich, dass dort eine Flasche Eistee liegt, zusammen mit einer Packung Kaugummis. Der Bildschirm meldet, dass noch 40 Rappen fehlen, um den Einkauf abzuschliessen.

flickr.com / slgckgc / CC BY 2.0

Ich versuche den verlorenen Käufer ausfindig zu machen. Da kommt er schon um die Ecke: ein Junge, etwa sieben Jahre alt. Ihm fehlen nicht 40, sondern nur 5 Rappen, denn 35 Rappen hält er in seiner Hand. Bis ich das aber verstehe, vergeht eine Weile. Schliesslich zahle ich ihm den fehlenden Betrag und er bedankt sich überschwänglich und geht. An der Kasse hätte man ihm die 5 Rappen wahrscheinlich durchgehen lassen. Oder einer der Kunden hätte sie ihm gezahlt. Aber ein Checkout-Automat versteht da keinen Spass.

Die Warteschlange ist inzwischen um einiges länger geworden.

Zwei von vier stehen still

Nach etwa fünf Minuten fällt mir auf, dass der Checkout-Automat rechts neben mir frei ist. Eine Frau steht zuvorderst in der Warteschlange und starrt gedankenverloren ins Leere. Ich winke ihr zu, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie eigentlich an der Reihe wäre. Doch sie schüttelt nur den Kopf und erklärt, der Checkout-Automat funktioniere nicht.

Ich beuge mich zum Bildschirm des Automaten hinüber. Dort steht „Papierrolle leer“. Die gedankenverlorene Frau macht mich darauf aufmerksam, dass ein zweiter Checkout-Automat hinter mir ebenfalls eine Fehlermeldung anzeigt und nicht mehr funktioniert. „Ich habe schon nach Hilfe gerufen, aber niemand kommt“, meint sie schulterzuckend.

Zwei von vier Checkout-Automaten sind also ausser Betrieb. Etwa zehn Menschen stehen stoisch in der Warteschlange und niemand regt sich.

Ich erkläre der nächstbesten Kassiererin die Situation. Welcher der vier Automaten denn kaputt sei, will sie wissen. Ich verstehe nicht, wieso das relevant sein soll und mache eine vage Handbewegung zur Seite: „Na, die beiden dort drüben halt“, antworte ich, inzwischen leicht genervt.

Sie bittet eine Kollegin um Hilfe und ich fahre fort, meine Einkäufe zu scannen.

Keine zweite Runde mehr

Als ich meine drei Avocados einpacken will, merke ich, dass eine davon faul ist. Neben mir steht inzwischen eine Coop-Mitarbeiterin und wechselt die Papierrolle. Ich mache sie auf mein Avocado-Problem aufmerksam und frage sie höflich, ob ich ihr die faule Avocado geben könne und mir stattdessen nach dem Zahlvorgang im Früchteregal eine neue holen könne. Sie schüttelt den Kopf und erklärt mir, ich solle die Avocado einfach löschen, mir dann eine neue holen und erneut anstehen, um diese zu zahlen. Wie zur Bestätigung löscht sie mir ungefragt die dritte Avocado auf meinem Bildschirm.

Da reisst mir der Geduldsfaden. „Hören Sie, ich zahle jetzt drei Avocados, packe zwei davon ein und hole mir nachher eine dritte. Ich stehe hier nicht noch einmal an. Und diese hier nehmen Sie bitte mit.“ Ich drücke ihr die faule Avocado in die Hand, sie starrt mich wortlos an und sagt nichts mehr. Vermutlich fragt sie sich, was mit mir los ist. Sie weiss nicht, dass ich seit einer gefühlten halben Stunde an diesem Checkout stehe und versuche, meinen Einkauf zu Ende zu bringen.

Als ich endlich zahlen könnte, erscheint eine Meldung auf meinem Bildschirm: „Altersüberprüfung“. Ich stöhne innerlich auf. Ich habe zwei Flaschen Bier gekauft. Natürlich. Glücklicherweise steht die Verkäuferin immer noch neben mir und bringt die Sache wortlos in Ordnung. Sie vermeidet es, mich dabei anzusehen und ich fühle mich schlecht, weil ich sie vorhin so angefahren habe.

Endlich kann ich zahlen, packe meine Einkaufstüten und gehe zurück zum Früchteregal. Dort hole ich mir die schönste Avocado, die ich finden kann. Als ich zum Ausgang laufe, erwarte ich halbwegs, dass mich ein Mitarbeiter stoppt und mich fragt, ob ich die Avocado nicht zahlen will. Aber niemand beachtet mich und ich verlasse den Laden.

Bis zu diesem Tag habe ich Self-Checkout-Automaten gemocht.

Ticketkauf auf Italienisch

Ich war kürzlich am Bahnhof Milano Centrale und wollte ein Metro-Tagesticket für die Innenstadt lösen. Vor dem Eingang zur Metro standen ein paar Ticketautomaten, die Bargeld sowie EC- oder Kreditkarten akzeptierten. Vor einigen Automaten hatten sich Warteschlangen gebildet.

Ein leeres Perron des Bahnhofs Milano Centrale (Bild: flickr.com // Nathan Guy // CC BY-SA 2.0).

Ich ging zu einem freien Automaten, klickte mich durch das Menü, schob die Karte in den Schlitz und tippte meinen Code ein. „Vorgang nicht ausgeführt“, hiess es auf Italienisch auf dem Display. Da ich wusste, dass mit der Karte alles in Ordnung war, versuchte ich es ein zweites Mal an einem anderen Automaten. Fehlanzeige.

Keine grossen Noten

Ich versuchte es ein drittes Mal, diesmal mit Bargeld. Münzen hatte ich keine, nur eine 50-Euro-Note. Leider wollte der Automat partout keine grosse Note schlucken. Als ich mich umsah, fiel mir auf, dass die Personen an den anderen Automaten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen schienen. Die Warteschlangen waren auch länger geworden. Eine Frau, möglicherweise eine Angestellte der Metro, wuselte zudem zwischen den Menschen hin und her und versuchte hektisch ihnen zu erklären, wie sie den Automaten bedienen sollten. Ihre Erklärungen schienen allerdings nicht zu fruchten.

Ich beschloss, meine Geldnote am nahen Kiosk zu wechseln. Also schnappte ich mir einen Kaugummi und streckte ihn dem Kioskverkäufer zusammen mit dem Geld entgegen. Statt die Note zu nehmen, hielt er mir ein Bündel Tickets unter die Nase. „Brauchen Sie noch Metrotickets?“ Und ob ich die brauchte.

Einsame Ticketautomaten

Gleicher Bahnhof, ein paar Stunden später. Mein Zug würde in einer halben Stunde fahren und ich musste noch ein Ticket für die Rückreise in die Schweiz besorgen. Vor den Ticketschaltern stand eine lange Warteschlange. Falls ich mich in die Schlange einreihte, würde ich es nicht schaffen, bis zur Abfahrt meines Zuges ein Ticket zu kaufen.

Etwas weiter hinten in der Halle standen einsam ein paar Ticketautomaten. Entweder funktionierten sie ähnliche schlecht wie ihre Cousins in der Metrohalle oder die Italiener mochten es, mit einem Menschen hinter dem Schalter zu plaudern. Ich musste mein Glück versuchen. Es blieb mir eh nichts anderes übrig. Und siehe da. Der Automat funktionierte problemlos. Und er bot obendrein alle Optionen, die sich ein Reisender nur wünschen konnte. Fünf Minuten später hatte ich mein Ticket und erwischte meinen Zug problemlos.

Auf der Heimreise fragte ich mich, warum all die Menschen wohl in der Schlange gewartet hatten. Sie hätten doch einfach ein Ticket am Automaten lösen können. Es wäre sogar möglich, online im Browser oder mit der Trenitalia-App Tickets zu kaufen (allerdings sind die  Bewertungen der App nur mittelmässig und scheinen nicht für alle Strecken zu funktionieren). Leider habe ich die Wartenden nicht gefragt.

Arg handycapiert

Letzthin im Zug, da war mir ziemlich langweilig. Es war schon stockdunkel draussen, und es gab überhaupt nichts Interessantes zu gucken im Fenster. So sah ich mich nach etwas Lesbarem um im Abteil und fand eine dieser netten, bunten Frauenzeitschriften. Die sind ja nicht durchgängig uninteressant für unsereins, weil es neben all dem aufgeregten Kosmetik- und Modegeplapper ja oft noch so Ratgeber zum Thema Männer gibt. Da kann man fast immer was lernen.

Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons

Glückliches Mädchen, als der Gebrauch von Kommunikationsmitteln noch nicht gesundheitsgefährdend war. (Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons)

Aber darum geht es jetzt gar nicht, sondern um einen erschütternden Beitrag einer Barbara Sonnentag und Erkenntnis, dass unsere Damen noch viel stärker durch die Digitalisierung gefährdet sind als gedacht. Rund um den Erdball ringen offensichtlich Orthopäden die Hände, weil ihnen immer mehr weibliche Opfer die Praxen mit einem neuen Krankheitsbild einrennen: dem Handynacken. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um eine Überlastung der oberen Wirbelsäule infolge ständigen Blicks auf das Handy. Menschlich gesehen ist das eine Tragödie, weil so was nicht nur höllisch wehtun, sondern schlimmstenfalls den ganzen Oberkörpers auf Dauer immobilisieren kann. Kurz: Die Betroffenen sind arg handycapiert.

Schöne Kacke, nicht? Jetzt sind die Mädels schon im Büro ständig dieser ungesunden Informatik ausgesetzt, wo sie sich dann laufend Mausarme, gereizte Augen und Kribbelfinger einfangen. Nein, jetzt werden sie auch noch in ihrer Freizeit – von ihrem liebsten Gadget notabene – an Leib und Gesundheit bedroht. Und all das nur, weil ihnen ein paar geldgeile Jungs aus dem Silicon Valley auf Teufel komm raus Designerdrogen wie Facebook, Whatsapp oder Pinterest verdealen.

Datenexzess

Gib‘ jemanden den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand. Dieses Sprichwort hat sich in den letzten Monaten für Microsoft schmerzlich bewahrheitet. Das Angebot für unlimiertem Speicherplatz bei Onedrive haben manche User etwas gar zu ernst genommen: Bis zu 75 TB an Daten haben sie auf dem Cloud-Speicher hinterlegt, wie Microsoft im Unternehmensblog schreibt. Man stelle sich das mal vor: Das ist die gesamte Musik-, Video- und Bildersammlung von mir, von Ihnen und unseren engsten Freunden zusammen. Und das mal zehn. Oder so ungefähr. Wie kann man so viele Daten akkumulieren?

Tablet

Je mehr desto besser? (Quelle: flickr.com // CC BY-NC-ND 2.0 // Gregor Gruber)

Ein Jahr Zeit

Dieser Daten-Exzess hat nun ein Ende: Alle Nutzer, bei denen sich mehr als 1 TB häuft, haben ein Jahr Zeit, ihre Daten anderswo unterzubringen. Wer nur ein paar TB gespeichert hat (was ja auch schon viel ist), dürfte damit kein allzu grosses Problem haben – mal abgesehen davon, dass ein Umzug, egal welcher Art, immer mit Aufwand verbunden ist.

Aber man versetze sich mal in die erwähnten Datenhamsterer: Um 75 TB innerhalb eines Jahres umzuziehen, müssten sie jeden Tag durchschnittlich 210 GB an Daten downloaden. Und sie natürlich sonstwo unterbringen. Das dürfte teuer und sehr aufwendig werden.

Abgespeckte Angebote

Das ist aber noch nicht alles: Microsoft limitiert auch die bisherigen Speicherangebote von Onedrive. Das neue Datenlimit liegt bei 1TB. Künftig wird der kostenlose Speicher für neue und bisherige Nutzer von 15 GB auf 5 GB reduziert, ab 2016 kosten 50 GB knapp zwei US-Dollar pro Monat. Die bisherigen 100-GB- und 200-GB-Angebote wird es für neue Nutzer nicht mehr geben.

Mit dieser Aktion dürfte sich das Unternehmen arg in die Nesseln gesetzt haben, wie die Nutzerkommentare auf dem Unternehmensblog zeigen. Von „Microsoft hat mein Vertrauen missbraucht“ über „Ich ziehe zu Google Drive um“ bis hin zu „Onedrive is für mich tot“, kann man alles finden.

Nun, Google, Dropbox und Co. wirds freuen. Zumindest solange sie sich nicht erfrechen, ihre Datenspeicher-Angebote ebenfalls zu reduzieren.

Netzneutralität – das Märchen von der einfachen Lösung

Ein Netzwerk-Switch an dem alle Anschlüsse belegt sind.

Neutzneutralität – die Sachlage ist wesentlich komplizierter, als es viele glauben wollen.

Eigentlich wäre es ja angebracht, sich diese Woche kurz über die vielen naiv-empörten Reaktionen zu mokieren, die im Zusammenhang mit dem manipulierten „Newsfeed“ auf Facebook in die Schlagzeilen gekommen sind. Aber das wäre sozusagen ein Penalty ohne Goalie…

Mich beschäftigt im Moment stattdessen das Thema Netzneutralität. Die relativ oberflächlich gehaltene Diskussion, die den Zugang zum Internet zum Menschenrecht erhebt und so tut, als seien alle Bits und Bytes von Schöpfung an gleich, wird uns bezüglich der wirklich zu lösenden Probleme nicht weiterbringen. Die Gründe dafür, dass dieses Thema so abgehandelt wird, sind verständlich: Es ist sehr technisch und komplex. Ausserdem ist es recht einfach auf die bösen Internetserviceprovider einzudreschen, die einem die Musik oder das Video skandalöserweise zum monatlichen Downloadvolumen dazurechnen. Obwohl ich selbst kein Informatiker bin, möchte ich in den nächsten Posts einige Einblicke in die Materie ermöglichen. Schlüsse daraus ziehen muss dann jede(r) selbst.

Das Gleichgewicht im Netz ist endgültig dahin
Das Internet ist als dezentraler Zusammenschluss von verschiedenen regionalen und lokalen Netzen organisiert. Auf globaler Ebene sind diese Netze (z. B. zwischen den Kontinenten) durch sogenannte „Backbones“ verbunden. Die verschiedenen Internetserviceprovider (ISPs) versuchen stets, sich in einem gegenseitigen Ausgleichszustand zu bewegen, denn Datenverkehr (abhängig von Bandbreite und Zeit) kostet. Wenn das nicht möglich ist, dann werden entweder Ausgleichszahlungen fällig oder man versucht andere Lösungen zu finden um den Datenverkehr zu minimieren. So werden etwa von den Endverbrauchern besonders nachgefragte Daten bzw. Inhalte beim ersten Laden zwischengespeichert oder in separaten Boxen (Bsp. Google Global Cache) in den eigenen Datencentern vorrätig und durch den Inhalte-Anbieter aktuell gehalten.

Das Problem ist nicht der Inhalt, sondern die Menge
Es geht also ums Gleichgewicht. Seit der Einführung von Filesharing-Netzwerken und später von Cloud- und insbesondere Streamingdiensten wird das Gleichgewicht komplett über den Haufen geworfen. Einem Durchschnittsnutzer ist es nicht klar, dass es für den ISP ein massiver Unterschied ist, ob ich im Netz surfe oder Musik oder Filme on demand beziehe. Die Bandbreite und Datenmenge wird dadurch um ein x-Faches erhöht. Hier liegt einer meiner Kritikpunkte zur aktuellen Debatte: Es geht nicht darum was, sondern wieviel? Es wird so getan, als ob die bösen Internetprovider gerne die Zensurkeule auspacken würden. Das ist zwar technisch möglich, aber das zu tun erscheint mir keine nachhaltige Geschäftsstrategie. Es ergibt keinen Sinn, ständig den einen Streaming-Dienst zu pushen, obwohl die Nutzer einen anderen wollen. In Wirklichkeit geht es bei dieser Frage nur um die technischen Anforderungen und Kosten, die mit dieser zunehmend exzessiven Online-Nutzung unweigerlich zusammenhängen.

Das eigene Angebot zu priorisieren ist okay
Wenn beispielsweise die Swisscom ihr eigenes Online-Video-Angebot keiner Download-Beschränkung unterwirft, dann will sie vielleicht ihr eigenes Produkt pushen – was ich grundsätzlich als rechtmässig und nicht verwerflich erachte – oder sie ist einfach nicht bereit, die Kosten für den Datentransfer von anderen Videodiensten zu zahlen.
Oder anderes betrachtet: Wenn es keine Download-Beschränkung gibt, werden die eigenen Datenpakete priorisiert (Stichwort QOS), weil die Swisscom schliesslich in erster Linie dafür sorgen muss, dass die eigenen Services reibungslos laufen. Dafür haben die Leute schliesslich bezahlt. Das mag für den einen Nutzer unbrauchbar und nutzlos sein, denn er oder sie will nur einen schnellen Internetzugang, aber für den anderen ist das nützlich.

Konkret heisst das: Wenn Orange den Datenverkehr von Spotify nicht zum bezahlten Volumen dazurechnet, dann wird Spotify wohl bezahlt haben (die begrenzte Bandbreite im Mobilfunk verschärft hier die Situation noch) . So einfach ist das.

Im nächsten Post gehe ich auf den Kritikpunkt „Internet der verschiedenen Geschwindigkeiten“ ein und auf die Angst, ohne neutrale Netze an Innovationspotenzial zu verlieren.

Party-Überdosis

Der Morgen nach der Party. Chaos in der Küche.

Wenn die Gäste abgezogen (worden) sind: Der Morgen nach der Party-Überdosis.

Die Anfänge des Internets reichen in die frühen 1970er Jahre (zumindest der nicht-militärische Teil). So alt ist in etwa auch die leicht naive Vorstellung, dass das World Wide Web eine friedensfördernde, weil verbindende, Wirkung hat.  Seit wir jetzt auch noch diese sozialen Netzwerke haben, ist dieses  Gerücht nicht mehr tot zu kriegen. Die Bezeichnung „Social Media“ bzw. soziale Netzwerke wäre übrigens mein Kandidat für die Wahl des grössten PR-Geniestreichs der letzten 20 Jahre.

Aber wollen wir mal nicht so sein. Ja, das Internet verbindet – zumindest manchmal. Nein, damit sind nicht die Zillionen von Katzenbildern oder die üblichen „Wie riecht denn dein Atem nach der Pizza vom türkischen Italiener von gegenüber?“-Statusmeldungen aus Facebook gemeint.  Am liebsten sind mir ja die automatisierten Meldungen von den Sport-Apps, die mir immer wieder zeigen müssen, was für ein fauler Hund ich doch bin. Aber verzeihen sie, ich schweife ab.

Wenn sie dann mal kommen, die Internet-Freunde
Sicher haben Sie auch schon von diesen leicht überbordenden Facebook-Parties gehört, an denen alle 5000 Facebook-Freunde und Freundes-Freunde von Lieschen Müller gekommen sind. Lieschen war damit verständlicherweise doch ein wenig überfordert. So muss es dann auch vor kurzem der Firma Sophidea aus dem beschaulichen Cheyenne (Bundesstaat Wyoming, USA) gegangen sein.  Am 22. Januar hatte sie nämlich so gegen 500 Millionen Internetbesucher aus China zu Gast. Die Internet-Abschottungsmechanismen der chinesischen Regierung legten für einmal den Rückwärtsgang ein: Sie leiteten während ungefähr acht Stunden drei Viertel des Internetverkehrs, der aus Chinas raus geht, an einige Server weiter, die normalerweise zu denen gehören, die geblockt werden. Unter anderem eben an Sophidea in Cheyenne.

Acht Stunden Party-Horror
Es kam so wie es immer kommt, wenn die Partygäste wie Heuschrecken über den Gastgeber herfallen: Alles wird ruck-zuck ausgetrunken und der Spass ist ziemlich schnell vorbei. Die Party-Überdosis stellte sich nach weniger als einer Millisekunde ein und der Gastgeber verzog sich wimmernd ins letzte unbesetzte Kämmerlein. Der Server stellte sich in der Hoffnung tot, der Sturm würde bald vorübergehen. Was er dann auch tat. Die chinesischen Behörden legten den Hebel einfach wieder um, die Partygäste verzogen sich und die Dinge nahmen wieder ihren gewohnten Lauf.