So funktioniert Marktwirtschaft

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Taxi? Show me your Credit Card!

Achgott, achgott was können Twitterer doch naiv sein. Da hat Uber gestern im Tohuwabohu um die Geiselnahme bei Sprüngli in Sidney ein wenig an seinen Preisen geschraubt und schon schüttet die böse Twitter-Bande die gesammelte Scheisse der Welt über diesem sympathischen Jungunternehmen aus. Dabei hatte es nur Gutes im Sinn: „We are all concerned with events in CBD. Fares have increased to encourage more drivers to come online & pick up passengers in the area.”

Voilà! Das war richtig und wichtig, weil doch viele ganz schnell aus diesem Hochrisikogebiet raus wollten. Schliesslich weiss man ja: Geiselnehmer treten immer gleich in Rudeln und stets zur selben Zeit in derselben Stadt auf. Das hebt die Chance ungemein, selbst in die Fänge eines Irren zu geraten. (Im Fall von Sydney, bei 100 Irren und durchschnittlich 30 Geiseln beträgt die übrigens rasch mal 6,5 x 10-5 Prozent.)

Also bitte, liebe Leute, was regt ihr euch auf? So funktioniert Marktwirtschaft und Cyber-Ökonomie im Besonderen. Was knapp ist, wird teurer, und dies, wenn es digital bereitgestellt wird, innert Sekunden. Alles andere hiesse ja Regulation, staatlicher Eingriff und das ist eines Volkes wirklich nicht würdig, das gerade eine so fortschrittliche Regierung gewählt hat. Good morning Australia!

Weder klein noch sympathisch

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Taxi? Very cheap! („KolkataRickshaw“ von Arne Hückelheim, über Wikimedia Commons)

Deutschland hat es gerade wieder schwer. Östlich von Hameln sammelt die gut getarnte Filiale einer bekannten Schweizer Spiesserpartei Wähler engros und besetzt mit den falschen Absichten die richtigen Themen. Westlich von Hameln betätigen sich kostümierte Ratten als Menschenfänger, und bundesweit muss man nun feststellen, dass Geiz nicht immer geil und Start-ups nicht immer lustig sind. Das ist eine harte Lektion für ein Volk, das hippe Jungunternehmen stets mit Internet und Internet immer mit gratis oder mindestens billig gleichsetzt.

Angestossen hat den Lernprozess Uber, diese Pseudotaxizentrale aus dem sonnigen Kalifornien. Sie gehört zu den Klitschen, die fröhlich „Nutzen ist besser als besitzen!“ singen und sich damit eine rasch wachsende Gemeinde auf den einschlägigen sozialen Rummelplätzen geschaffen haben. Sie hat sich der Share-Ökonomie verschrieben, was nach öko klingt und gerade ungemein zieht. Ihr Produkt ist eine App, über die sich Privatwagen bestellen lassen, die einen um rund ein Drittel billiger von hier nach dort karren als ein Taxi.

Sowas gefällt natürlich Schnäppchenjägern genauso wie Schwarzarbeitern und Steueroptimierern. Nur die Taxifahrer fingen an zu nörgeln. „Warum brauchen die keine Genehmigung und wir schon? Wieso dürfen die ohne Taxiprüfung? Wie sieht es mit Gesundheitschecks aus, mit Fahrzeugkontrollen? Versicherungen?“ Da haben sie allerdings recht, all das soll ja dem Wohl des Passagiers dienen, ist aber nicht gratis zu haben. So sah es dann auch das Landgericht Frankfurt. Es verbot Uber bis auf Weiteres die Vermittlung von Fahrten, und zwar bundesweit. Die Taxeler nahmen das Urteil dankend entgegen. Uber hingegen liess umgehend ausrichten, man scheisse auf den deutschen Rechtsstaat und werde „seine Tätigkeit in ganz Deutschland fortführen. Der Fortschritt lässt sich nicht ausbremsen.“

Und warum meint sich ein Start-up so etwas leisten zu können? Weil es eben weder klein noch sympathisch ist und dazu noch ein paar finstere Mächte samt zugehörigen Milliarden im Rücken hat. Dabei sind etwa Goldmann Sachs, Jeff Bezos (Amazon) und – Sie erraten es nicht! – mein immerwährender Liebling Google natürlich. Den Freunden von Verschwörungstheorien sei hier auch noch verraten, dass Uber ein Liebling der amerikanischen Tea Party ist. Grover Norquist, eines ihrer übelsten Mitglieder, soll letzthin gesagt haben: „Heute gibt es zwei politische Bewegungen in Amerika. Die eine steht auf der Seite von Uber, die andere auf der Seite der Steuerbehörden. Entscheide dich.“

Also, Deutschland, so schwer kann diese Entscheidung ja nicht sein, nicht wahr?