Vom Untergang des Abendlandes

Jessas, Maria und Josef, jetzt haben wir doch tatsächlich den ersten Toten durch ein selbstfahrendes Auto! Und ganz blöd lief das noch dazu: Der Autopilot eines Tesla (was sonst?) hat – doof, wie er ist – den Aufbau eines Sattelschleppers mit einem Verkehrsschild verwechselt und folgerichtig angenommen, da komme er locker untendurch. Dem Fahrer (des Tesla, nicht minder doof) fällt auch nichts auf, weil er gerade anderweitig beschäftigt war – mit Videogucken,  sagt man. Und rums! der Tesla kracht seitlich in den Lastwagen. Beim Versuch, unter ihm durchzutauchen verliert er zwar Dach und Eigentümer, aber immerhin, er kommt auf der anderen Seite wieder raus. Der Autopilot, dieser unsensible Kerl, ist zwar etwas verwirrt, findet aber, das sei ja gar nicht so schlecht gelaufen. Also fährt noch „einige Hundert Fuss“ weiter, bis ihn ein standhafter Strommast doch noch  zum Stehen bringt.

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Teuer, doof, Tesla (Bild: ReubenGBrewer via Wikicommons)

Die Medien stellen seither eifrig die Haftungsfrage, die Verkehrsbehörden reiben sich verschlafen die Augen. Die Bedenkenträger wussten es ja immer schon – autonome Autos sind des Teufels. In den digitalen Kuschelecken wird krass Betroffenheit zelebriert, der Aktienkurs von Tesla taucht kurz um drei Prozent, rappelt sich indes gleich wieder auf – also: keine Panik auf der Titanic?

Natürlich ist das tragisch, natürlich ist es elend, wenn einer so brutal und unverhofft aus dem Leben gerissen wird. Aber wissen Sie, was das Schlimmste am Ganzen ist? Der vielgepriesene Elon Musk himself samt seiner treudoofen Fangemeinde. Der traut sich am Tag 1 nach dem Sündenfall tatsächlich, ein lakonisches „Our condolences for the tragic loss!“ über Twitter (wo sonst?) auf die Hinterbliebenen abzufeuern. Und als wäre das nicht schon genug: Der Dödel hängt auch noch einen Link zur offiziellen, garantiert keimfreien Stellungnahme seiner PR-Abteilung hintan.

Dort kriegt man unter dem Titel „A Tragic Loss“ gleich mal die Perspektive zurechtgerückt: Der Autopilot sei bitteschön schon mehr als 130 Millionen Meilen gefahren, bevor er jetzt den ersten Toten produziert habe. Demgegenüber töteten konventionelle, also von Menschen gesteuerte Autos, in den USA durchschnittlich schon alle 94 Millionen Meilen einen Menschen – und weltweit gar schon nach 60 Millionen Meilen. Das tröstet doch ungemein und 4425 Twitterfuzzis gefällt es auch noch. Wenn das mal nicht der Anfang vom Untergang des Abendlandes ist.

Und die Moral von der Geschichte? Erstens: Man sperre all diesen grössenwahnsinnigen Hightechbubis ihre Twitter-Konten. Zweitens: Man verbiete dem Menschen endlich, Kraftfahrzeuge zu fahren, denn so bescheuert wie der dürfte sich selbst der lausigst programmierte Autopilot kaum je aufführen.

Zuversicht

Hallo und willkommen im 2016. Was es uns wohl bringen mag? Ich jedenfalls wünsche Ihnen alles Gute, Berge von Likes und Horden von Followern. Die Chancen dafür stehen gut und mehr noch: Laut glaubhaften Quellen soll es insbesondere wirtschaftlich wieder rasant vorwärtsgehen. Der Bitcoin zum Beispiel wird ein wahres Kursfeuerwerk lostreten. Es werden endlich viele lahme Zeitungen hops gehen und durch agile Blogs ersetzt. Die IT-Multis werden wieder Gewinne scheffeln, die dem Staatsbudget eines durchschnittlichen osteuropäischen Landes entsprechen.

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

Aber auch für gute Unterhaltung wird gesorgt sein. Das Kalifat hat angekündigt, uns auch heuer via seinen Distributionspartner Youtube mit packenden Meuchelvideos zu versorgen. Pinterest will im Gegenzug und als Ausgleich sozusagen seine Abteilung für flauschige Haustiere massiv ausbauen. Und, noch eine gute Nachricht für die wachsende Gruppe der einfachen Gemüter: Die Weltorganisation der privaten TV-Sender hat mit grossem Mehr an ihrer letzten Vollversammlung beschlossen, dieses Jahr noch grössere Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, ihre Sendeformate frei von jeglicher geistigen Herausforderung zu halten.

Als religiös veranlagter Mensch und Konsument schöpft man Zuversicht aus der Prophezeiung, dass im Herbst die siebte Reinkarnation des iPhones erscheinen wird. Als Chinese, darf man sich auf den Fortschritt freuen, den Millionen von Uber-Fahrern übers Land bringen. Als Twitterer hat man es sowieso gut, weil einem Herr Trump dort weiterhin und noch verstärkt die Welt in 140 Zeichen erklären wird. Apropos: Das Darknet eröffnet demnächst einen Store, in dem willige Politiker zum Kauf angeboten werden.

Sie sehen: Die Welt liegt uns zu Füssen – treten wir drauf!

Die Zeit, der Wille, das Wissen

Das Schöne am derzeit wütenden Digitalismus ist, dass sich jeder als Experte fühlen darf, der schon ein paar Tweets und Posts abgesondert hat. Und wer seine Weisheiten ganz laut ins Land hinausschreit, der hat auch gute Chancen, von thematisch überforderten Massenmedien emporgejubelt zu werden. So geschehen letzthin beim „Sonntagsblick“ mit einer gewissen Susanne Müller-Zantop (sind diese gekoppelten Doppelnamen eigentlich wieder legal?) in einem Beitrag von Guido Schätti.

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CEO oder Verwaltungsratspräsident? Egal, Haupsache es twittert fleissig.

„Wer nicht twittert, ist eine Fehlbesetzung!“, lässt sich die Dame fett im Titel zitieren. Wer dann hofft, das Zitat beim Weiterlesen in seinem Kontext irgendwo wiederzufinden, hofft vergebens. Eigentlich hatte sie ja bloss behauptet, dass es heute für einen CEO anspruchsvoller sei, sich medial zu präsentieren und „wer das nicht akzeptieren will, ist eine Fehlbesetzung.“ Daraus hat sich Herr Schätti dann seinen süffigen Twitter-Imperativ zurechtgezimmert. Und wer hofft, der Autor würde sich ein wenig eingehender mit dem auseinandersetzen, was ihm die geschäftstüchtige Kommunikationsberaterin ins offene Öhrchen gepustet hat, der hofft vergebens. Hier ging es dem Autor offensichtlich bloss darum zu provozieren – für den Rest des Jobs fehlte ihm dann doch die Zeit, der Wille, das Wissen, das Handwerk oder sonst was in der Art.

Wie bei den chronisch magersüchtigen Redaktionen von heute üblich, wird die Geschichte ein paar Tage später im Schwesterblatt „Blick am Abend“ wieder aufgekocht. Dort serviert man uns eine belanglose Hitparade der twitternden CEOs in der Schweiz. „Biver ist König unter den Twitter-CEOs“ jubelt es von Seite 6 ganz oben entgegen. Doch was betriebswirtschaftlich so ungeheuer hilfreich sein soll, wenn die ständig überlasteten Leute aus der Teppichetage in sozialen Bierzelten herumlungern, das erfahren wir nicht.

Ja, und eins noch: Herr Biver ist vor drei Jahren in Rente gegangen und steht dem Unternehmen seither als Präsident des Verwaltungsrats vor. Das ist nicht ganz dasselbe wie ein CEO, aber das spielt angesichts der meisterlichen Titelei eh keine grosse Rolle mehr.

Die Ohren des FBI fliegen immer mit

Ja, eigentlich wollte ich heute ein paar Zeilen über Orange loswerden und der Firma beim Neustart alles Gute wünschen. Sie hat es auch nötig. Der Ruf ist freundlich gesagt durchzogen und wenn sie mir als Kunden ein SMS mit einem Link schickt, der auf die bevorstehende tolle Veränderung aufmerksam macht, dann bringt es diese Klitsche fertig, dass sich ihre Werbevideos von meinem Smartphone nicht abspielen lassen. Also business as usual bei Orange. Immerhin bleibt sich dieses Unternehmen bis zum Schluss treu…

Foto eines Warteraums vor einem Flugzeug-Terminal.

Das FBI hat seine Augen und Ohren überall. Wir können gespannt sein, wer das nächste Sicherheitsrisiko wird.

Grenzwertiger, schlechter Scherz
Es gibt aber Wichtigeres zu berichten. Vor ein paar Tagen musste Chris Roberts, ein Experte für Sicherheitsfragen in modernen Flugzeugen, feststellen, dass das FBI keinen Spass versteht. In einer Mitteilung in Twitter erlaubte er sich einen Scherz, der die Bundespolizei veranlasste, ihm während zwei Stunden Fragen zu stellen. Er schrieb in diesem Tweet, er wolle jetzt mal ein wenig mit der Software der Passagiermaschine rumspielen, in der er gerade selbst sass.

„Nein, lassen sie uns doch ihren Laptop tragen“
Diesen Tweet hatte man bei den Sicherheitsbehörden offensichtlich abgefangen. Die freundlichen Polizisten in Anzügen hielten es sodann für nötig, Rogers bei seiner Ankunft gleich am Terminal abzuholen und ihm eine kostenlose Fahrt in die Zentrale zu offerieren.  Es blieb aber nicht bei dieser Höflichkeit. Das FBI erlöste ihn von seinem Gepäck und nahm ihm bis auf sein Telefon alle elektronischen Geräte ab. Bis heute hat er sie nicht zurückbekommen.

Motiv unbekannt
Rogers dürfte seine eigenen Vermutungen haben, wieso er diese Vorzugsbehandlung bekommen hatte. Er sei nach eigenen Angaben vor zwei Monaten vom FBI aufgefordert worden, über gewisse Sicherheitslücken in Flugzeugen nicht mehr zu berichten. Er hingegen ging damit an die Presse und bekam Sendezeit bei CNN und Fox. Die gleiche Fluggesellschaft, mit der er vorher flog, verweigerte Rogers später den Zutritt zum Flugzeug. Na klar, aus Sicherheitsgründen.

Was war die Botschaft?
Es lässt sich nur schwer beurteilen, ob es sich hier um eine Retourkutsche, einen Wink mit dem Zaunpfahl oder Alarmismus handelt. Offensichtlich ist hingegen, dass Sicherheitsbehörden ihre offenen Ohren auf jedes Gleis legen und in kurzer Zeit den Standort ermitteln können. Es ist nur eine Frage des Willens und des Geldes. Und nicht zu vergessen: Das FBI ist in solchen Fragen so humorlos wie ein Partyclown auf Alkoholentzug.

Die Rettung naht – Anonymous spielt mit ISIS Whack A Mole

Ein Mann spielt Whack A Mole und trägt eine Anonymous-Maske

Whack A Mole – Schlag den Maulwurf: Mit den Propaganda-Konten der ISIS zu spielen kann zwar Spass machen, ist aber nur ein netter Zeitvertreib.

„We, Anonymous around the world, have decided to declare war on you the terrorists“ offenbarte das Hackerkollektiv Anonymous im Januar 2015 in seiner eigenen, leicht martialischen, Art. Dieser Ankündigung hat die lose Gruppe von Informatik-Experten jetzt taten Folgen lassen. Gemäss eigenen Angaben hat sie 800 Twitter-Konten entführt, gelöscht oder aufgedeckt, über die Propaganda für den ISIS verteilt wurde. Ausserdem hat die Gruppe weitere dubiose Twitter-Konten identifiziert, die nach dem Löschen von 1500 Konten (durch das Unternehmen Twitter selbst) neu angelegt wurden.

Schlag den Maulwurf
Anonymous wollte gemäss eigener Aussage mit diesen Aktionen nicht die Arbeit der Regierungen erledigen, sondern nur zeigen, dass es einfach wäre, dies zu tun. Und man fragt sich, warum also die Behörden so wenig unternehmen. „Sie können oder wollen nicht“, vermutet das Hackerkolektiv. Mit zweiterem dürfte es wohl recht haben: Es ist nicht schwer Social Media-Konten zu identifizieren und zu löschen. Was diese Aktionen  aber auch zeigt: Es ist auch nicht schwer, einfach wieder neue Konten zu eröffnen… Das erinnert mich an Whack A Mole. Kennen Sie das Spiel?

Gegen Ideologien helfen keine Exekutionen
Ich unterstelle Anonymous vorläufig guten Willen. Nur: Auf die Propaganda einfach den Deckel drauf zu halten ist nutzlos, denn das wäre reine Symptombekämpfung. ISIS ist weniger eine terroristische Organisation, als eine Bewegung oder Ideologie. Und Ideologien können nicht erschossen werden (frei nach Hermann Jelinek). Löschen nützt aber auch nichts.

Der Rest der Fangemeinde

N-Rickli

Süss, nicht? Nathalie Rickli, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von nathalie-rickli.ch

Soso, da soll es also 13 000 Leute in diesem Land geben, die unserer süssesten Versuchung am rechten Rand auf Twitter folgen. Sie ahnen,  Nathalie Rickli ist gemeint, und gelesen habe ich das in einer dieser Gratisgazetten. Trotzdem – ich vermutete einen Kommafehler und ging nachsehen. Doch tatsächlich, es stimmt!

Nun frage ich mich natürlich, was das für Leute sind und warum die sowas tun. Frau Ricklis digitales Oeuvre ist ja eher deprimierend. Gut, wer mit der Volkspartei sympathisiert und trotzdem weiss, wie man einen Computer anwirft, kann als Kandidat gelten. Und dann gibt’s ja noch die Männer mittleren Alters, die knuddelige Blondinen grundsätzlich gut finden. Aber sind das wirklich so viele? Und warum um alles in der Welt sollen sich die auf Twitter zutexten lassen, wenn sie via Suchmaschinen* doch viel schneller viel mehr und viel knuddeligere Bildli von Nathalie kriegen können. Und überhaupt, wer ist der Rest der Fangemeinde? Ein Klick ins Followerverzeichnis sollte etwas mehr Klarheit verschaffen.

Da wäre etwa Daniel Wyss. Er ist politisch engagierter Vater, chinesisch verheiratet, und wird (muss?) bald nach Hong Kong ziehen. Da liegt es natürlich auf der Hand, sich vorher chez Nathalie zu versichern, dass Auswandern eine gute Option ist.

Jessica Brandenburger ist Studentin und wirkt im Vorstand der Juso BS. Sie hat sich wohl an der letzten VV daneben benommen und muss nun zur Strafe an der digitalen Front den Feind ausspähen. Ähnlich wird’s Erik Marquart ergangen sein als Bundessprecher Grüne Jugend.

Wie der Viehhandel Scherrer hingegen ins Fahrwasser von NR gelangt ist, ist weniger offensichtlich. Vielleicht interessiert man sich dort neben dem Kuhhandel auch für die Kunst des Rattenfangens? Michael Steiner und Philippe Flück wiederum werden sich als Journalisten wohl oder übel hier herumtreiben müssen. Was aber hat das Schizophrenie-Netz hier verloren? Keine Ahnung, ehrlich.

*Mein persönlicher Tipp: Wenn Sie beispielsweise ecosia.com benutzen, können Sie dabei auch gleich noch den Urwald retten.

Linkes Nasenloch wieder unter Kontrolle

Erkaeltungstanz

Erkältung hinweggetanzt…

Meine Nase läuft, mein Hals kratzt, ich bin schlapp und zu nix zu gebrauchen. Ein ausgezeichnete Gelegenheit also, wieder mal bei Twitter vorbeizuschauen – schliesslich hat man mich dort schon wieder schmerzlich vermisst. Und schliesslich hat doch letzthin die keimfreie Kim Kardashian geraten, man solle sich mit allen Lebensfragen vertrauensvoll an die dortige Gemeinschaft wenden.

(Der Server war inzwischen wieder fleissig und hat eine paar Leute für mich herausgesucht, denen ich doch eigentlich folgen könnte. Ferdinand Kobelt zum Beispiel: Von dem habe zwar noch nie etwas gehört, doch das ist weiter nicht erstaunlich, weil er ja „Chief Information Security Officer of the Swiss Federal Department of Defence“ ist. Aber das nur nebenbei.)

Ich gebe also hoffnungsfroh „#Erkältung“ ein und finde viele, viele Menschen denen es ähnlich mies geht. Man fühlt sich gleich verstanden. Doerthe versucht es mit Humor und zählt munter die Taschentücher, die sie tagsüber vollsabbert. Auch Björn kann der Erkältung etwas Gutes abgewinnen, hat ihn doch ein Niesanfall letztens vor einer üblen Flirt-Attacke gerettet. Fräulein 0.2 lässt hingegen beleidigt wissen, sie sei gerade von der eigenen (!) Mamma ins Bett geschickt worden. Währenddessen ist Monah bereits eine Runde weiter und hat ihr linkes Nasenloch wieder unter Kontrolle.

Kristina reicht mich an www.derneuemann.net weiter, wo ich eine Sammlung an altbewährten Hausmitteln finde. Dort gibt es zwar nichts, was ich nicht schon kenne, aber ein paar schöne Worte schon. Hermann erklärt mir, dass Antibiotika kein wirksamer Schutz gegen eine Erkältung sind – was ich schade finde, denn die hätte man in Form von importiertem Hühnerfleisch ja rasch und günstig zur Hand.

Brigitte (die Frauenzeitschrift) fragt „Wie gut vertragen sich eigentlich Sport und Erkältung?“ – das ist zwar jetzt nicht mein Thema, aber gut zu wissen für später. R. W. Schmidt, hat den Verdacht, dass Apotheker oft nur „Kohle machen u. nutzlose freie Medikamente verkaufen“ im Sinn hätten. Genau, und deswegen werde ich es vorderhand mit HerrGruenkocht halten, der empfiehlt: „Während der Erkältung dreimal am Tag 10 Minuten eine halbe Zitrusfrucht betrachten, wirkt stärkend“. Sollte das wider Erwarten doch nichts bringen, gäbe es ja noch das Angebot „Krankheiten hinweggetanzt, heute: die Erkältung“ aus der Rudolf-Steiner-Community. Sieht grauenhaft aus und erstickt garantiert jeden unerwünschten Keim.

Fast wie bei den Scientologen

Keep Calm and Tweet

Die Mailbox wird’s Ihnen danken. Quelle: Wiki Commons

Was passiert eigentlich, wenn man zwar Mitglied in einem sozialen Netz ist, aber dort nicht regelmässig herumlungert? Richtig, man gerät alsbald ins Visier des Kundendienstes und wird sozial betreut, heisst: ordentlich bespamt. Klar, das Ziel dabei ist stets dasselbe, nämlich die verirrten Schäfchen wieder zurück zur Herde zu leiten, aber die Mittel, die sind doch erstaunlich unterschiedlich.

Fangen wir an bei Google+: Dort scheint man mich inzwischen entweder vergessen oder meine Posts in diesem Blog gelesen zu haben. Jedenfalls hat man mir im innerhalb eines Jahres gerade vier Mails gewidmet. Weiter so!

Pins

Pinterest wiederum schickt mir stoisch jede Woche eine Sammlung von „Pins, die dir gefallen werden“. Weil aber mein Östrogenspiegel immer noch zu wünschen übrig lässt, bleibt das natürlich folgenlos. Mir gefallen weder die „Wedding Photo Ideas“ von Erin noch die lustigen „Yummy Mummy Dogs“ von Stacey (obwohl – die sehen eigentlich recht unanständig aus). Und Beth’s great Ideas zum Organisieren von Kühlschränken helfen auch nicht weiter. Das Gute daran: der Link zum Abbestellen.

Freunde

Facebook ist schon deutlich fürsorglicher: Von dort kriege ich im Schnitt alle drei Tage den netten Hinweis: „Du hast mehr Freunde auf Facebook als du denkst“. Das beruhigt doch ungemein. Aber Spass beiseite: In Wirklichkeit will Zucki ja nur an meine Kontakte. Das klingt dann so: „Du findest alle deine Freunde am schnellsten auf Facebook, indem du deine E-Mail-Kontakte importierst.“ Netter Versuch, aber leider nein.

Auch den Rechnern von Twitter ist rasch aufgefallen, dass ich mich so gut wie nie sozial betätige. Deshalb versorgen sie mich plusminus zweimal wöchentlich mit Motivations-Mails. Hier scheint man aber richtig Geld für die Programmierung einer mehrstufig eskalierenden Kundenbetreuungslösung ausgegeben zu haben. Es fängt an mit den „Trends dieser Woche auf Twitter“. Das sind eine Handvoll Tweets, von denen der Server meint, sie interessierten mich. Typischerweise sind das solche, mit denen SRF für seine Sendungen oder Rafi Hazera für seinen Blog wirbt. Wahlweise lässt sich auch Herr Hugi nochmals zum Grippen vernehmen und der FC Zürich zu seinem Unentschieden gegen Aarau. Faszinierend.

Fehlende Profilfotos

Hilft das nichts, stuft mich der Algorithmus nach ein paar weiteren Wochen als renitent ein, legt einen Zacken zu und mahnt: „Rene Mosbacher, vervollständige Dein Twitter Profil noch heute!“ Er legt mir nahe, endlich mein Profilfoto abzuliefern, einen Hintergrundheader einzufüllen und eine kurze Biografie nachzureichen – „Worauf wartest Du?“ Gute Frage.

Diese Phase dauert ein, zwei Wochen. Dann schaltet die Logik wieder auf nett: „Twitter hat Vorschläge für Dich!“ Weil sie mich für unfähig hält, schlägt sie mir ein paar Leute vor, denen ich folgen kann, um an die Informationen zu kommen, die für mich „heute wirklich wichtig sind oder es morgen vielleicht sein werden.“ Das klingt ja schon fast wie bei den Scientologen.

Abgesehen davon: Mir ist schleierhaft, was mir die vorgeschlagenen Leute bringen sollen. Zwei Journalisten der NZZ sind darunter, deren Artikel ich im realen Leben stets zu überblättern pflege. Dazu kommt noch einer aus dem Tessin. Der macht den Eindruck, er sei gerade auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung und vertreibe sich derweil die Zeit mit Posten in so gut wie allen sozialen Netzen, und zwar auf Italienisch.

So geht noch etwas Zeit ins Land, bevor Twitter dann winseln beginnt: „Hallo Rene Mosbacher! Nimm Dir zwei Minuten und komme zu Twitter zurück! … Wir haben Dich auf Twitter vermisst!“ Ist das nicht rührend?

#sotchi

Keine Medaille für Skijaeger

Letzthin auf Twitter

Nachdem ich letzthin über Twitter gefrotzelt habe und sich gar niemand so recht darüber aufgeregen wollte, nehme ich das gerne nochmal auf. Also, ich will Ihnen jetzt die Geschichte von Franz erzählen. Franz ist schon ein etwas älteres Modell. Er hält sich aber geistig für durchaus noch rege und trägt sich schon länger mit dem Gedanken, einem dieser famosen sozialen Netzwerke beizutreten. Weil er in seiner Pendlerzeitung letzthin aufgeschnappt hat, dass es Twitter zwar gerade nicht so gut gehe, sich dort aber vergleichsweise doch die gehobeneren Kreise aufhalten sollen, entscheidet er sich spontan.

Er nimmt also all seinen Mut zusammen und hangelt sich durch den leicht interpretationsbedürftigen Registrationsprozess des Kurz-Nachrichtendienstes. Auf der heiligen Startseite angekommen, bestaunt er deren stupende Sprödheit. Er lässt sich von der sorgsam gepflegten Wir-sind-die-Insider!-Atitüde berücken, von all den sprachlichen Artefakten und den grassierenden Sonderzeichen. Das alles erinnert ihn an die ASCII-Mailboxen, an die fiependen Modems der frühen 1990er-Jahre; er seufzt.

Seine Augen tänzeln über den Bildschirm, auf der Suche nach etwas Bekanntem, etwas Verständlichem. Dann bleibt er dankbar bei #sotchi hängen – Sport verbindet und trägt ja zur Völkerverständigung bei, wie man hört. Er klickt also auf #sotchi und freut sich darauf, gleich alles Wichtige über die Olympiade serviert zu bekommen, „gerade so wie eine Zeitung, in der Dich alle Überschriften interessieren„.

Franz bekommt zuerst vier Bilder von durchwegs fragwürdiger Güte zu sehen, die wohl irgendwas mit Sotchi zu tun haben sollen. Das erste zeigt einen Zeitungsausschnitt, auf dem zu lesen ist: „Keine Medaillen für Skijäger“ und „Die deutschen Biathlon-Männer scheiterten gestern wieder beim Scheissen. Heute sollen es die Frauen rausholen“. „Bah“, denkt sich Franz, „die deutschen Biathlon-Männer gehen mir am Arsch vorbei!“ Aber wie das so läuft im digitalen Leben, er klickt trotzdem drauf. Es öffnet sich ein Rahmen, dort drin breitet sich das Foto doppelt so gross aus wie zuvor, und es wird dadurch nicht besser.

Franz bewundert die Schlieren um die Buchstaben herum und fragt sich, ob das jetzt Kunst sei. Während sein Blick wieder zu vagabundieren beginnt, hellt sich sein Gesicht unversehen auf. Unter dem Bild sieht er eine Box, in der Box findet er das Profilbild vom Absender des Auschnitts und das zeigt ein bekanntes Gesicht. Es gehört Oliver Pocher, den er von Rundfunk und Fernsehen her kennt und verehrt. Franz ist entzückt, findet rasch die Schaltfläche für „Antworten“, klickt drauf und schreibt mit feuchten Fingern: „Sehr geehrter Herr Pocher, das ist aber schön, dass Sie auch hier sind. Freundliche Grüsse Franz, Schweiz“.

Franz wird noch ein par Mal wiederkommen und vergeblich auf eine Antwort warten. Doch irgendwann wird ihm das zu blöd. Er wird sich die Adresse von Herrn Pochers Website erschnorcheln und sich dort direkt via fananfragen@oliverpocher.de über den offensichtlich mangelnden Anstand in deutschen Komikerkreisen beschweren.