Ganz und gar Revolutionäres

Um nochmal auf die Apfelwatsch zurückzukommen: Was eigentlich fangen die stolzen Besitzer mit ihr an, wenn sie sie nicht gerade laden oder wegen Mobbinggefahr unter dem Ärmel verstecken müssen? Eine kleine Umfrage von giga.de gibt Auskunft.

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Selten, aber ungemein nützlich: die Apple Watch, diesmal auf rotem Grund. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Also, nach abnehmender Beliebtheit: 68 Prozent finden es unglaublich angesagt, Benachrichtigungen am Handgelenk zu sehen. Klar, das verstehe ich jetzt voll. Als vielbeschäftigter Sozialschwätzer erhält man ja im Schnitt alle 10 Sekunden einen potenziell eminent wichtigen Post aus seinem immensen Freundeskreis. Wo käme man da ohne Apple Watch auch hin? Man wäre sozusagen pausenlos damit beschäftigt, sein Handy aus der Tasche, dem Hosensack oder sonst wo hervorzuklauben und es gleich wieder wegzustecken, weil sich 90 Prozent der Posts dann doch als nicht soo wichtig entpuppen.

Grossartige 67 Prozent halten es für deutlich angebrachter, die Zeit von einer Apple Watch abzulesen als von einer dieser knickrigen analogen Uhren. Ist ja auch wahr, jetzt haben wir uns seit dem Mittelalter mit echten Zeigern und Ziffernblättern herumgeschlagen, da war es höchste Zeit, dass endlich jemand die falschen erfand.

58 Prozent finden die Sensoren für die Fitness-Aktivitäten supertoll. Womit bewiesen wäre, dass Apfelprodukte gut für Ihre Gesundheit sind. 48 Prozent sind so vernarrt in das ultracoole Design, dass sie weiter gar nichts tun, als ihr Ührchen zu streicheln und liebkosen. 45 Prozent versuchen mit ihm, ihr nicht minder verehrtes iPhone fernzusteuern. Immerhin 27 Prozent lieben die Herausforderung, all die  Benachrichtigungen, die ja neuerdings an ihrem Handgelenk landen, auch dort zu bearbeiten. 23 Prozent sind die Funktionen eh Wurst, weil sie sowieso jeden neuen Digitalkram ausprobieren. 5 Prozent finden nichts besonders toll, 4 Prozent anderes und 2 Prozent behaupten, es lasse sich gut spielen, auf zwei Quadratzentimetern Glas. Da soll noch einer sagen, Apple hätte nicht schon wieder ganz und gar Revolutionäres geschaffen!

Meist ist sie ja dunkel

Jetzt wird seit einem halben Jahr ein unglaublicher Wirbel um diese Apple Watch gemacht – aber kennen Sie eigentlich jemanden, der eine hat? Ich jedenfalls komme in meinem weiteren Bekanntenkreis genau eine einzige bekennende Trägerin. Oder haben Sie schon je jemanden gesehen, der irgendwas mit diesem Teil anstellt – eine seiner unglaublich coolen Funktionen nutzt? Meist ist sie ja dunkel, die Watch, weil ihr sonst noch vor dem Mittagessen der Saft ausgeht. Sicher, gelegentlich hebt einer in der S-Bahn seltsam ungelenk seinen Arm in Richtung Kopf, um kurz die Zeit zu prüfen. Aber Nachrichten beantworten auf der zweimal daumennagelgrossen Anzeige? Oder in die Uhr reinquasseln zum Telefonieren?   Navigieren? Mit Siri plaudern? Nöö, ist alles offensichtlich zu unpraktisch, oder zu peinlich in der Öffentlichkeit.

Apple Watch mit der Uhrzeit auf der Anzeige

Selten in freier Wildbahn anzutreffen: Eine Apple Watch und erst noch was drauf. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Überhaupt scheint mir, als fühlten sich viele Halter einer Apple Watch ein wenig schikaniert. Das bestätigt etwa BranBern, indem er auf Giga.de beichtet: „… ich ertappe mich dabei, wenn ich vom Büro in allgemeine Räume gehe (Raucherzimmer, Küche), dass ich meine hochgekrempelten Ärmel runterlasse (und somit die Uhr überdecke)“ – und dies nur, um ja nicht in den Verdacht zu kommen, dass er damit angeben will. Sowas ist natürlich schlimm und sollte dringend stärker thematisiert werden in unserer Gesellschaft.

Kein Wunder also, wenn sich die derart Geschubsten am liebsten nur in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen vier Wände diesem Wunder modernster Technik widmen. Neuerdings sollen auch die Treffen der Anonymen Apple-Watch-User (AAWU) grossen Zulauf erhalten. Dort können sie sich in solidarischer Umgebung ihrer Leidenschaft hingeben. Dort wird dann gemeinschaftlich der Force Touch geübt. Man eignet sich in moderierten Zweiergruppen die Bedeutung der verschiedenen Vibrationssignale an und verfasst Petitionen an Tim  für grössere Akkus. Das Wichtigste aber sei, sagt meine Informantin, dass man sich gegenseitig aufbaue, gegen die Tyrannei einer missgünstigen Welt stütze und veganen Grüntee trinke. Am besten gefällt ihr jeweils, wenn sich am Ende des Abends alle im Kreis versammeln und den eigenen Herzschlag mit ihren Nächsten teilen.

Neues Familienmitglied?

Am 9. September wird Apple in San Francisco einer seiner berühmten Produkte-Launch-Veranstaltungen durchführen. Eingefleischte Apple-Fans werden sich diesen Abend reservieren und via Live-Stream (falls es denn einen gibt) verfolgen, was ihnen als nächstes beschert wird. Im Gespräch sind zwei neue Generationen der iPhones 6s und 6s Plus, aber auch die nächste Generation von Apple TV gilt als vielversprechender Kandidat.

Apfel

Noch ist der Apfel nicht angebissen. Wir dürfen gespannt sein. (Quelle: Flickr.com // PeterFranz // CC BY 2.0))

Medien werden versuchen, sich in der Berichterstattung zu übertrumpfen, die Gerüchteküche wird brodeln (noch mehr als jetzt schon) und sobald klar wird, welches Gadget zu welchem Zeitpunkt wo verfügbar sein wird, wird man sich in den Apple Stores weltweit (unter anderem demjenigen an der Zürcher Bahnhofstrasse) die Hände reiben. Neben einem verstärkten Zulauf können die sich dort schon jetzt auf eine Invasion von Campern freuen, die bereits Tage vor dem Produkt-Launch vor dem Shop übernachten, um sicher sein zu können, das neue Teil möglichst bald ihr eigen nennen zu können.

Faszination über alles

Doch was macht sie aus, diese Faszination für Apple? Ok, es gibt auch andere Unternehmen mit einer ähnlich treuen Fangemeinde – Asics beispielsweise. Aber die Fans von „Koi“, dem Schuh von Asics, sind immerhin Sammler. iPhone- und iPad-Sammler gibt es hingegen nicht sehr viele auf dieser Welt. Schliesslich kann man jeweils nur ein Gerät auf einmal bedienen und sobald das neue draussen ist, gilt das alte tendenziell als uninteressant.

Was ist es also? Ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die Fans zusammenhält? Eine Art Kult oder Glaube? Eine Art Schwarmintelligenz? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Und klar: Nicht alle Fans sind gleichermassen vom Apple-Virus befallen. Manche nutzen die Produkte einfach, weil sie beispielsweise Grafiker sind und ihnen iOS diesbezüglich schlichtweg mehr bietet als irgendein anderes Betriebssystem. Oder sie finden die Apfel-Produkte schöner als die von Samsung (wobei es rein äusserlich immer schwieriger wird, diese beiden Marken zu unterscheiden, aber das ist ein anderes Thema, mit dem sich Juristen sehr gerne auseinandersetzen).

Campen? Ja, aber bitte nicht auf der Strasse

So oder so dürfen wir gespannt sein, welche Pläne Apple schmiedet und mit welchen Innovationen das Unternehmen mit dem angebissenen Apfel diesmal aufwartet. Aber campieren sollten wir dennoch besser in den Bergen. Ist eh viel schöner dort.

Mobiler Irrgarten

Haben Sie schon einmal mit Ihrem Handy über ticketcorner.ch ein Ticket gekauft? Ich habe es letztens versucht und ich rate Ihnen wärmstens davon ab. Es ist ein Gebastel sondergleichen.

Labyrinth

Mobil unterwegs zu sein ist nicht immer einfach. (Quelle: flickr.com // vgm8383 // CC BY-NC 2.0)

Beim Login fängt alles an. Dort stehen drei Optionen zur Verfügung: Einloggen via externe Login-Verbindung, also Google, Facebook und Co.  (nein, ich will meine Freizeitpläne nicht ungefiltert ins Silicon Valley übermitteln), einloggen mit einem bestehenden Account (habe ich nicht) oder einen neuen Account anlegen (ok, mache ich).

Es folgt der übliche Rattenschwanz an Infos, den man bei solchen Gelegenheiten angeben muss: Anrede, Name, Adresse, Geburtsdatum (Gott sei Dank mit Drop-down-Menü), Land sowie Handynummer und E-Mail-Adresse (beides obligatorisch. Hrmpf.). Zähneknirschend setze ich zudem das Häkchen bei „Bitte senden Sie mir Ihren Newsletter nicht zu, sondern nur eine Auftragsbestätigung“.

„Sorry. Dieser Benutzername ist vergeben“

Nun kann ich einen Benutzernamen und ein Passwort definieren. Immerhin muss letzteres nur zwei Zeichen lang sein, was zwar sicherheitstechnisch äusserst fragwürdig ist, aber gut, ich will mich ja nicht beklagen.

Währenddessen läuft die Sanduhr. Mir bleiben noch 26 der total 38 Minuten.

Ich habe meine Logindaten definiert und klicke auf „Weiter zur Zahlungsart“. „Der von Ihnen eingegebene Benutzername ist vergeben“ leuchtet es mir rot entgegen. Ah. Hätten sie das nicht früher prüfen können?

„sdkjfsaldkf“ ist auch ein Benutzername

Ich fange noch mal von vorne an. Ok, nicht ganz. Glücklicherweise sind alle Daten noch da, nur das Passwort wurde sinnigerweise gelöscht. Ich starte erfolgslos einen zweiten Versuch. Beim dritten Versuch gebe ich nur einen neuen Benutzernamen ein und lasse die beiden Passwort-Felder absichtlich leer.

„Bitte geben Sie ein Passwort ein“ und „Bitte bestätigen Sie Ihr Passwort“ heisst es diesmal. Kein Hinweis, ob der eingegebene Benutzername bereits existiert oder nicht. Nun denn. Fortan heisse ich „sdkjfsaldkf“. Mein (mehr als zwei Zeichen langes) Passwort akzeptiert die Software ebenfalls. Sehr gut.

Weitere fünf Minuten sind vergangen.

Nun kann ich die endlich Zahlungsart auswählen. Ich versuche es mit der ID der Postfinance Card. Doch das Zahlenfeld, in dem ich die ID eingeben muss, ist eine Ziffer zu kurz.

Ich kann es nicht glauben. Ich versuche es dreimal, prüfe die Nummer fünfmal. Nichts zu machen. (Später werde ich feststellen, dass diese Eingabe einwandfrei funktioniert. Dass es sogar noch Platz für zwei, drei weitere Ziffern hätte. Aber an diesem Tag funktioniert es nicht. Warum auch immer).

Gutes, altes Notebook

Mir reichts. Ich breche den Vorgang ab. Schlafe eine Nacht darüber. Logge mich am nächsten Tag via Notebook in meinem nagelneuen Account ein, wähle diesmal die Optionen  „Print@home“ und „per E-Rechnung“ und drei Minuten später habe ich die Bestätigung in meinem Postfach.

Geht doch.

Begehung allerlei groben Unfugs

„Eine Selfie-Stange (auch Selfie-Stick oder Selfie-Stab) ist eine zumeist teleskopierbare Stange, die als Armverlängerung für den Fotografen dient. Wesentlicher Verwendungszweck ist das Sich-selbst-Fotografieren mit einer richtungsjustierbaren Kamera am dem Handgriff gegenüberliegenden Ende, insbesondere einem Smartphone, also das Erstellen eines sogenannten Selfies.“ Alles klar? So steht’s jedenfalls in Wikipedia aber so richtig elegant scheint mir das dann doch nicht formuliert zu sein.

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„Selfie, Louvre, Paris 12 June 2015“ von Douglas O’Brien from Canada über Wikimedia Commons

Was soll’s! Dieser Zauberstab ist ein Renner und gehört in den Fundus jedes ambitionierten Egomanen. Er ist so ab 30 Franken zu haben, in verschiedenen Materialien und Farben versteht sich. So ermöglicht er nun „den perfekten Schnappschuss. Von oben, unten und von vorne. Tolle Winkel – tolle Bilder!“ Es gibt welche mit einer Fernbedienung, die 10 m weit reichen soll – wofür, erschliesst sich zwar nicht, aber gut zu wissen. Es gibt solche mit extra weich gepolstertem Smartphone-Halter, der das gute Stück vor Kratzern schützt.

In der freien Wildbahn indes macht sich nicht nur zum Affen, wer damit hantiert, sondern gefährdet auch noch seine Umgebung und sich selbst. Im Tram steht er meist quer und neigt dazu, ins Auge zu gehen. In Museen zerschrammt er mit Vorliebe Expressionisten. Im öffentlichen Raum lässt er seine Eigentümer rückwärts vors heranrasende Auto stolpern. Auf Brücken nötigt er sie, sich noch einen Tick weiter übers Geländer zu lehnen. Im Fussballstadium wird er flugs zum Schlag-Stick. Im Urlaub verursacht er Beziehungskrisen, wenn vergessen, und ganz generell begünstigt er die Begehung allerlei groben Unfugs.

Im Römer Kolosseum ist er deshalb verboten. Das hat zwei amerikanische Reisende nun allerdings nicht daran gehindert, a) ihre Namen in eine der antiken Wände zu ritzen und sich b) anschliessend mit dem Selfie-Stick damit abzulichten. Verhaftet worden sollen sie sein – recht so.

Die Zeit, der Wille, das Wissen

Das Schöne am derzeit wütenden Digitalismus ist, dass sich jeder als Experte fühlen darf, der schon ein paar Tweets und Posts abgesondert hat. Und wer seine Weisheiten ganz laut ins Land hinausschreit, der hat auch gute Chancen, von thematisch überforderten Massenmedien emporgejubelt zu werden. So geschehen letzthin beim „Sonntagsblick“ mit einer gewissen Susanne Müller-Zantop (sind diese gekoppelten Doppelnamen eigentlich wieder legal?) in einem Beitrag von Guido Schätti.

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CEO oder Verwaltungsratspräsident? Egal, Haupsache es twittert fleissig.

„Wer nicht twittert, ist eine Fehlbesetzung!“, lässt sich die Dame fett im Titel zitieren. Wer dann hofft, das Zitat beim Weiterlesen in seinem Kontext irgendwo wiederzufinden, hofft vergebens. Eigentlich hatte sie ja bloss behauptet, dass es heute für einen CEO anspruchsvoller sei, sich medial zu präsentieren und „wer das nicht akzeptieren will, ist eine Fehlbesetzung.“ Daraus hat sich Herr Schätti dann seinen süffigen Twitter-Imperativ zurechtgezimmert. Und wer hofft, der Autor würde sich ein wenig eingehender mit dem auseinandersetzen, was ihm die geschäftstüchtige Kommunikationsberaterin ins offene Öhrchen gepustet hat, der hofft vergebens. Hier ging es dem Autor offensichtlich bloss darum zu provozieren – für den Rest des Jobs fehlte ihm dann doch die Zeit, der Wille, das Wissen, das Handwerk oder sonst was in der Art.

Wie bei den chronisch magersüchtigen Redaktionen von heute üblich, wird die Geschichte ein paar Tage später im Schwesterblatt „Blick am Abend“ wieder aufgekocht. Dort serviert man uns eine belanglose Hitparade der twitternden CEOs in der Schweiz. „Biver ist König unter den Twitter-CEOs“ jubelt es von Seite 6 ganz oben entgegen. Doch was betriebswirtschaftlich so ungeheuer hilfreich sein soll, wenn die ständig überlasteten Leute aus der Teppichetage in sozialen Bierzelten herumlungern, das erfahren wir nicht.

Ja, und eins noch: Herr Biver ist vor drei Jahren in Rente gegangen und steht dem Unternehmen seither als Präsident des Verwaltungsrats vor. Das ist nicht ganz dasselbe wie ein CEO, aber das spielt angesichts der meisterlichen Titelei eh keine grosse Rolle mehr.

Solcherlei Liedgut

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Sag’s mit Bliss, aber sag’s. (Immanuel Giel über Wiki Commons)

„Gefällt mir! Dass es ’n Mädchen wird.
Shitstorm-Angriff, Para installiert.
Gefällt mir! Riesen-Oktopus entdeckt.
Like den Button. Scroll to the next.
Gefällt mir! Der neue Fixiestore.
Warum hab ich’s geliked? Ich verabscheue Sport.
Gefällt mir! Dass dir das nicht gefällt.
Klappe zu, Stecker ziehen, raus in die Welt.“

Hübsch, nicht? lst leider nicht von mir, sondern von einer norddeutschen Kapelle namens Deichkind und stammt aus dem Stück „Like mich am Arsch“. Schön, dass es nach andere gibt, denen dieses Trata um das digitale Lebensgefühl auf den Wecker geht. Nun gut – musikalisch ist es vielleicht nicht der ganz grosse Hammer. Aber das waren Protestsongs eh noch nie – nicht wahr, Bob, gell, Alice? Aber ich mag die Jungs. Immerhin pisst hier mal jemand auf die schöne neue Weltordnung und ein wenig auch auf die Datenbonzen, die sie uns mit all ihrer Macht und fiesen Methoden ins Hirn reinhämmern:

„Folgen, posten, hiden, hosten,
ich muss ins Netz, bin am Verdursten.
Ich muss Freunde filtern, Bild aus, Bild an.
Singlehunter sind am Wildern.
Ich muss Jesus liken, Learjets ordern.
Styles und neue Statements fordern.
Spielen im Team und streamen und schwärmen,
Random Standpunkt, danke gern!“

Solcherlei Liedgut nährt in mir die Hoffnung, dass diese geschundene Generation Digital nicht schon bald vollständig aussterben wird, weil sie ihre Tage dumpfbackig und naiv in den digitalen Klamaukbuden verdämmert und dabei – einer nach dem anderen – an Dehydrierung zugrunde geht.

Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

Das Internet – als wir noch nicht das Produkt waren

Unzählige Schüler sitzen an Schulbänken und tippen auf Schreibmaschinen. Der Lehrer kontrolliert im Hintergrund.

10-Finger-System? Früher besuchte man einen Schreibmaschinenkurs. Computer gab es nicht. Das sah dann so ähnlich aus.

Vor kurzem war ich unterwegs und wollte kurz mit der App des öffentlichen Verkehrs nachschlagen, wann der nächste Bus kommt. Trotz vollem Empfang konnte ich keine Verbindung mit dem Internet aufnehmen. Erst nach einer geschlagenen Viertelstunde kam ich auf die Idee, nicht mehr am Handy zu fummeln und einfach jemanden zu fragen. An der Kasse fand ich dann eine nette Dame, die mir versuchte Auskunft zu geben. Da sie es auch nicht wusste, schlug ihre Kollegin dann im Kursbuch (ja, das gibt es noch!) nach. Sie und ich, das mussten wir beide zugeben, hatten nur noch wenig Übung im Lesen von Fahrplänen… Sie blätterte so lange leicht ratlos in dem Büchlein rum, bis sich die erste Kollegin auf der Website der staatlichen Verkehrsbetriebe informiert hatte…

Fremdplatzierte Erinnerungen an eine Zeit, die nur offline war
Kursbücher lesen war doch früher kein Problem. Obwohl die Erinnerungen schwinden, kann ich mich noch einigermassen an die Zeit vor dem Internet erinnern – z. B. an die Schulzeit ohne Wikipedia oder an das Leben vor der Nonstop-Informationsversorgung. Doch je weiter sich die Technik entwickelt, desto mehr fühlen sich meine Erinnerungen an, als seien sie, wie im Film Total Recall, in meinem Hirn fremdplatziert worden. Doch sie sind echt und noch da. Aber was nützt mir das Wissen um eine Zeit vor dem Internet und dessen zweifelhaften Effekten?

Scheinbare Kopie des Lebens
Nein, das ist keine rhetorische Frage. Was nützt es mir zu wissen, dass man früher für einen Vortrag einen Berg Bücher zusammentragen musste? Oder was nützt es mir zu wissen, dass es in unserer Kindheit noch keine „soziale Netzwerke“ gab, die einem vorgaukeln, die realen Beziehungen und Interaktionen wiederzuspiegeln? Was nützt es mir zu wissen, dass früher Wertschätzungen nicht mathematisch gemessen und Interessen algorhythmisch abgeschätzt wurden? (vgl. Artikel auf Quartz „What it feels like to be the last generation to remember life before the internet„)

Das Internet vor der Kommerzialisierung
Ehrlich gesagt: Ich weiss nicht, was mir dieses Wissen nützt. Vielleicht finde ich später eine klare Antwort. Was ich aber auf jeden Fall nicht vergessen will: Es gab schon ein Internet vor Facebook, Google, Instagram oder Snapchat. In diesem Internet ging es nicht um das Verdienen von Geld. Und wenn alle diese Plattformen verschwinden, wird es dieses Internet immer noch geben…

Harmonisch, global und keimfrei

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Widerstand zwecklos: Kleiderladen auf Mafia Island, Tansania. (Kevin Andrew / Frontier Gap via Wiki Commons)

Kennen Sie Kim Kardashian? Nein? Na da haben Sie aber gewaltig was verpasst. Ich will das mal für Sie zusammenfassen: Die Dame ist 34, halb armenisch, halb amerikanisch. Sie trägt einen intergalaktischen Nuttenlook, den sie auch noch selbst entwirft. Sie hat als Leistungsausweis ferner etwa eine millionenschwere (Ex-?)Freundin aufzuweisen, 1 geleaktes Sexvideo (da kann ich leider nicht mit einem Link dienen), 1 Folge in CSI NY, eine viel beachtete Family Soap, mehrere Auftritte in diesen aufregenden US-amerikanischen Talkshows. Sie soll 700 000 Dollar täglich mit ihrem tollen Handyspiel verdienen (das leider auf meinem alten Knochen nicht läuft). Und neulich durfte sie gar an der Re/code-Konferenz für eine aussterbende Handy-Marke werben und ein paar ganz heisse Tipps abgeben für alle, die ihr nacheifern und berühmt und reich werden wollen.

Das alles finden immerhin 25 Millionen Twitter-Follower, 24 Millionen Facebook-Fans und 20 Millionen Instagram-Fans ganz supi. Und ich, als eher mässig erfolgreicher Blogger, habe mich natürlich flugs auf die Socken gemacht, um hinter alle ihre Erfolgsgeheimnissen zu kommen. Ich muss gestehen, das Konzept ist bestechend. Es fusst auf dieser äusserst gepflegten Belanglosigkeit, deren wohl nur Menschen fähig sind, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sozialisiert wurden. Kim plaudert hier ganz authentisch aus, dass sie gerade zu viel um die Hüften hat und ergo total vernarrt in ihr Bauchwegtraining ist. Sie referiert munter die Nichtigkeiten des Lebens und sie findet sich dabei extrem okee. Das zeigen auch die vielen, vielen Bildli von sich und ihren nicht minder entzückenden Schwestern, von ihren Partys, Plüschtierchen, Feriendestinationen und immer wieder von ihrem gigantischen Dekolleté. KK auf dem Roten Teppich, KK vor dem Flieger, KK nach dem Einkauf, KK mit Kind, KK mit Lagerfeld, KK mit den Produkten, für die sie wirbt.

Ist das nicht aufregend? Und Frau Kardashian kriegt alles auch so wunderbar harmonisch, global und keimfrei hin, dass es dem Geschäftsbericht eines multinationalen Ölkonzerns gut zu Gesicht stünde. Man sieht ihr gar nicht an, dass sie hierfür täglich geschlagene 12 Stunden hart arbeitet und das 6 Tage die Woche. Was für ein Einsatz als Frau, als Mutter, als Unternehmerin, als Vorbild für eine Generation digitaler Weltenbürger/-innen, die alle auch gern und rasch mal Promis würden.

Da kann ich wirklich nicht mithalten, und mir wird klar, warum ich nie 25 Millionen Klicks auf meinen Posts haben werde. Aber: Danke Kim!