Ein Klick und der Russe vor der Tür ist weg

Wer die letzten eineinhalb Jahre nicht in einem Loch in der Erde verbracht hat, wird wohl davon gehört haben, dass die Russen wieder kurz davor stehen, den Weltfrieden zu vernichten. Sie expandieren an allen Ecken und Enden (Ukraine), klüngeln mit widerlichen Diktatoren (Syrien) und verwandeln mit Fake-News bzw. Cyber-Attacken gestandene Demokratien in Bananenrepubliken (USA). So plärrt es zumindest aus den (Medien)-Lautsprechern.

Zwei Screenshot zur Google Suche mit den Begriffen BND Russland und Wahlen.

Mit einem Klick auf die Rubrik News verändert sich der Blick auf die Realität drastisch. Wer von uns macht diesen Klick? (Stand 13.02.2017)

Der rote Bär geht um
Und welches Land wird das nächste sein? Welches Land wird als nächstes von den mächtigen Fängen des russischen Bären aus seiner liberalen, demokratischen Umlaufbahn geworfen? Man munkelt, er werde dieses Jahr seine Pranken in die Bundestagswahlen von Deutschland schlagen. Seit Monaten warnen deutsche Politiker, unter anderem angestachelt vom Chef des Bundesnachrichtedienst (BND), vor den Einmischungsversuchen der Russen. Uns wurde ein heisser Wahlherbst angekündigt…

Ничего (nichts)
Mit Enttäuschung muss ich jetzt feststellen, dass die Versprechungen wohl ein wenig zu hoch gegriffen waren. Die deutschen Wahlen könnten doch langweiliger werden als versprochen. Die Zeit.de titelt nämlich: „Keine Beweise für russische Desinformationskampagne“. Nach einer einjährigen Untersuchung fand der BND keine Belege dafür, dass Russland die deutsche Öffentlichkeit zu manipulieren versucht.

Das Gesicht wahren?
Trotz des eindeutigen Ergebnisses lassen sich sowohl die Zeit.de als auch der BND eine Hintertür offen. Es gäbe Grund zur Sorge, denn Russland sei (hört, hört!) auf einem „konfrontativen“ Kurs gegenüber Deutschland, sagen sie. Ausserdem bedeutet die Formulierung „keine Belege“ etwas anderes, als zu schreiben, sie hätten nichts gemacht.

Mit einem Klick die Welt verändern
Die Spitze dieser Realsatire ist aber der eigentliche Auslöser für diesen Post: Meine neueste Google-Suche zum Thema (s. Bild). Links sind die Resultate der allgemeinen Suche zu sehen und rechts diejenigen in der Rubrik News (13.02.2017). Mit nur einem Klick löst sich das russische Schreckgespenst in Luft auf und die Demokratie ist gerettet. Endlich können wir alle wieder beruhigt schlafen.

Mit Karton in die virtuelle Unterhaltung

Jetzt ist es schon bald drei Jahre her, dass Jungs von Google an der jährlichen Entwicklerkonferenz I/O ihr Google Cardboard vorgestellt haben. Zu Recht erregten sie damit einiges Aufsehen. Ziel von Google Cardboard war es, für wenig Geld den Menschen (und Entwicklern) einen Einblick in die virtuelle 3D-Welt zu ermöglichen. Und das mit Erfolg.

Mit dieses Video zeigt die Gipfelbesteigung des Eiger. Mit einem Klick auf das Cardboard-Symbol unten rechts teilt sich der Bildschirm in zwei Teile.

Restliche Welt ausblenden
Google Cardboard ist ein Karton-Gestell, in das man sein Smartphone einspannen und mit einem Gummiband am Kopf befestigen kann. Die zwei darin enthaltenen Linsen ermöglichen dem Benutzer stereoskopisches Sehen und blenden mit den seitlichen Wänden die restliche Umwelt aus. Es ist das, was man als Virtual-Reality-Brille bezeichnet. Recht rudimentär und nicht besonders bequem, aber dafür auch für nur schlappe 20 Franken erhältlich.

Inhalte vervielfacht
Obwohl Cardboard nicht neu ist, lohnt sich ein Kauf jetzt immer noch. Denn inzwischen haben sich die konsumierbaren Inhalte vervielfacht. Man findet auf Youtube eine Menge davon. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass die für die Aufnahme nötigen speziellen Kameras deutlich günstiger geworden sind. Ausserdem haben sich endgültig die Smartphones mit der nötigen Bildschirmgrösse etabliert. Nicht zuletzt ist Cardboard jetzt sehr einfach zu kaufen.

Gipfelbesteigung im Wohnzimmer
Für den Einstieg lohnt es sich, die Google Cardboard App zu installieren. Damit bekommt man ein paar einfache Anwendungen vorgeführt wie beispielsweise Flüge durch virtuelle Welten oder Google Earth. Daneben kann ich nur empfehlen, in Youtube nach „Cardboard video 360“ zu suchen. Da sind ein paar interessante Filme zu finden. Unter anderem auch eine spektakuläre Gipfelbesteigung des Eigers, bei der man sich in alle Richtungen umsehen kann.

Erstaunlicher Erstkontakt
Es ist ziemlich erstaunlich, wie weit man mit einem Stück Karton und zwei Linsen in die virtuelle Realität eintauchen kann. Wenn man ein Smartphone mit der Bildschirmgrösse von fünf bis sechs Zoll hat und sich noch wenig mit den Möglichkeiten der virtuellen Realität beschäftigt hat, lohnt sich der Kauf auf jeden Fall.

Konfliktmanagement

Lassen Sie mich nochmals auf die selbstfahrenden Autos zurückkommen. Also, erstens habe ich unterdessen erfahren, dass diese lustigen Spielzeuge doch mehr Mist bauen, als ich eigentlich erwartet hatte. Wer’s nicht glaubt, darf sich auf Youtube gerne selbst ein Bild davon machen.

Rajiv im Knast

Das Leben als Programmierer hatte sich Rajif auch anders vorgestellt. (Bild: Mohanatnow via Wiki Commons)

Zweitens hat die Sache bei näherem Hinsehen ungeahnt verzwickte Seiten: Nehmen wir an, eine selbstfahrende Karosse zieht innerorts ein wenig um die Häuser – brav im Rahmen des Tempolimits. Nehmen wir weiter an, ihr kommt einer dieser riesigen, gelben Bagger entgegen, die jeden, der nicht selbst drauf sitzt, in tiefste Minderwertigkeitsdepressionen stürzen. Wie auch immer: Kurz bevor sich die beiden kreuzen, schert hinter dem Bagger in ein Motorrad zum Überholen aus. Der Autopilot rechnet kurz nach und kommt zum Ergebnis: Bremsen wird wohl nicht reichen.

Wenn er das Zweirad samt Fahrer verschonen will, bleiben ihm zwei Optionen: a) Er reisst das Auto nach links vor den Bagger oder b), er weicht rechts übers Trottoir aus. Mit a) gefährdet er seinen eigenen Passagier. Mit b) riskiert er Leib und Leben zweier Rentnerinnen, die vor dem Gartentürchen gerade munter schwatzen.

Was tut ein guter Roboter in solch einem Fall? Schiesst er das Motorrad ab, weil dessen Pilot ja schliesslich Schuld am ganzen Schlamassel ist? Wirft er sich vor den Bagger, weil sein Fahrer von allen Gefährdeten die besten Knautschzonen drumrum hat (den Baggerfahrer darf er aufgrund der herrschenden Massenverhältnisse ja vernachlässigen)? Fährt er die Rentnerinnen platt, weil er die verbleibende Lebenserwartung der Beteiligten gegeneinander aufrechnet? Egal was – jemand wird zu Schaden kommen, soviel ist klar.

Unklar hingegen ist, wer im folgenden Gerichtsverfahren für die Entscheidung des Roboters gerade stehen muss. Naheliegend wäre ja der Autohersteller. Dessen Anwälte werden aber bestimmt mit dem Finger auf den Hersteller des Autopiloten zeigen. Jener wiederum wird die Klage flugs an den Unterlieferanten weiterreichen, der für Softwaremodul 22b „Konfliktmanagement“ zuständig ist. Der findet nach eingehender Prüfung des Codes in Zeile 52 596 der Subroutine AFS/32-5 einen Hack, der nicht konform mit Chapter 3.5 der Programming Guidelines ist. Besagte Subroutine behandelt zwar bloss den Defekt eines der beiden Aussentemperatursensoren, aber immerhin, da hätten wir schon mal was Gerichtsverwertbares. Und weil sich der Unfall in Oracle, Arizona (USA), zugetragen hat, die Subroutine aber in Indien geschrieben wurde, hat Programmierer Rajif aus Mubai nun Klagen am Hals, dass ihm die Ohren schlackern.

Vom Untergang des Abendlandes

Jessas, Maria und Josef, jetzt haben wir doch tatsächlich den ersten Toten durch ein selbstfahrendes Auto! Und ganz blöd lief das noch dazu: Der Autopilot eines Tesla (was sonst?) hat – doof, wie er ist – den Aufbau eines Sattelschleppers mit einem Verkehrsschild verwechselt und folgerichtig angenommen, da komme er locker untendurch. Dem Fahrer (des Tesla, nicht minder doof) fällt auch nichts auf, weil er gerade anderweitig beschäftigt war – mit Videogucken,  sagt man. Und rums! der Tesla kracht seitlich in den Lastwagen. Beim Versuch, unter ihm durchzutauchen verliert er zwar Dach und Eigentümer, aber immerhin, er kommt auf der anderen Seite wieder raus. Der Autopilot, dieser unsensible Kerl, ist zwar etwas verwirrt, findet aber, das sei ja gar nicht so schlecht gelaufen. Also fährt noch „einige Hundert Fuss“ weiter, bis ihn ein standhafter Strommast doch noch  zum Stehen bringt.

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Teuer, doof, Tesla (Bild: ReubenGBrewer via Wikicommons)

Die Medien stellen seither eifrig die Haftungsfrage, die Verkehrsbehörden reiben sich verschlafen die Augen. Die Bedenkenträger wussten es ja immer schon – autonome Autos sind des Teufels. In den digitalen Kuschelecken wird krass Betroffenheit zelebriert, der Aktienkurs von Tesla taucht kurz um drei Prozent, rappelt sich indes gleich wieder auf – also: keine Panik auf der Titanic?

Natürlich ist das tragisch, natürlich ist es elend, wenn einer so brutal und unverhofft aus dem Leben gerissen wird. Aber wissen Sie, was das Schlimmste am Ganzen ist? Der vielgepriesene Elon Musk himself samt seiner treudoofen Fangemeinde. Der traut sich am Tag 1 nach dem Sündenfall tatsächlich, ein lakonisches „Our condolences for the tragic loss!“ über Twitter (wo sonst?) auf die Hinterbliebenen abzufeuern. Und als wäre das nicht schon genug: Der Dödel hängt auch noch einen Link zur offiziellen, garantiert keimfreien Stellungnahme seiner PR-Abteilung hintan.

Dort kriegt man unter dem Titel „A Tragic Loss“ gleich mal die Perspektive zurechtgerückt: Der Autopilot sei bitteschön schon mehr als 130 Millionen Meilen gefahren, bevor er jetzt den ersten Toten produziert habe. Demgegenüber töteten konventionelle, also von Menschen gesteuerte Autos, in den USA durchschnittlich schon alle 94 Millionen Meilen einen Menschen – und weltweit gar schon nach 60 Millionen Meilen. Das tröstet doch ungemein und 4425 Twitterfuzzis gefällt es auch noch. Wenn das mal nicht der Anfang vom Untergang des Abendlandes ist.

Und die Moral von der Geschichte? Erstens: Man sperre all diesen grössenwahnsinnigen Hightechbubis ihre Twitter-Konten. Zweitens: Man verbiete dem Menschen endlich, Kraftfahrzeuge zu fahren, denn so bescheuert wie der dürfte sich selbst der lausigst programmierte Autopilot kaum je aufführen.

Herrje, François Flückiger!

Ich wünschte mir, dass Menschen im Web mehr Ideen austauschen und weniger über sich selbst reden.

François Flückiger in Weltwoche 19-20/2015

Also wirklich, lieber Herr Flückiger, da haben Sie sich ja total global in die Nesseln gesetzt. Sie, als Computerwissenschaftler am Cern, immerhin die Wiege des WWW, und Mitglied der Internet Hall of Fame, derart kulturpessimistisch? Immerhin verdanken wir dem neu entdeckten Narzismus im Web so erlesene Errungenschaften wie die Nacktfotos von Kim Kardashian, die Videopredigten von Roger Köppel, die Fanpage der Bözen Onkels.

Das, mein Lieber, sind die Dinge, die das Volk sehen will – Millionen von Freunden, Zigtausende von Followers können nicht irren. Aber Ideen austauschen? Braucht‘s nicht, bringt‘s nicht, gibt Kopfweh und klingt weiss Gott nicht lustig. Das Leben ist schliesslich, wie man heute weiss, eine Casting-Show und keine Erfindermesse.

David Cameron gibt Zunder auf Tinder

Die Wellen schlagen gerade hoch in Grossbritannien. Im Vorlauf zur Abstimmung über den Verbleib von Grossbritannien in der EU (genannt Brexit) gibt fast jeder Tag ein neues Bonmot preis. Sowohl Befürworter als aus Gegner der EU sind sich nicht zu schade, die Argumente (oder was davon noch übrig bleibt)  bis auf die Spitze zu treiben. Keiner der Exponenten ist sich zu schade, vollen Einsatz zu geben.

Roter Kopf auf einem gelben Zunderschwamm.

Tinder heisst auf Deutsch Zunderschwamm. David Cameron gibt Gas auf Tinder.

Geschichte(n) und Zahlen

Am Wochenende beglückte Londons ehemaliger Bürgermeister die Bevölkerung mit einem schönen Hitler- und Napoleon-Vergleich, hier zu repetieren ein völliges Totschlagen menschlicher Zeit bedeuten würde. (Und wir alle haben ja nicht unbegrenzt davon zur Verfügung.) Die britische Regierung hingegen, allen voran David Cameron, Premier von Grossbritannien,  hat weniger übrig für Geschichtsunterricht, dafür mehr für Zahlen. Deswegen präsentierte er als Argument für den Verbleib von Grossbritannien in der Eu der Bevölkerung die Rechnung für einen Brexit schon im Voraus: 5000 Pfund pro Nase. 

Ausgang ungewiss

Alles in allem eine in ihrer Form recht absurde, doch amüsante Schmierenkomödie also, deren Ausgang gemäss dem Brexit poll-tracker der Financial Times (Umfragebarometer) noch recht offen ist. Allein über die, eingeschränkte Sinnhaftigkeit dieses Brexit poll-trackers  könnte man einen ganzen Text schreiben. Keine Sorge, auch das lassen wir mal (heute) weg.

Voller Körpereinsatz

Nein die Initialzündung zu diesem Post gab ein anderes Detail, das erst kürzlich bekannt geworden ist: David Cameron, dessen politische Zukunft an dieser Abstimmung hängt, verliert langsam die Nerven. Anders kann ich mir nämlich nicht erklären, wieso ein britischer Premierminister für die Gewinnung von Stimmenden auf der Dating-Plattform Tinder ein Konto eröffnet. Was sagt wohl Frau Camerons zum vollen Körpereinsatz ihres Mannes?

Früher hätte es das nicht gegeben

Es ist schon unglaublich, wie sich die Zeiten ändern. Der Chef der konservativen Tories und Verteidiger des Empire eröffnet ein Konto auf einer Dating-Plattform mit zweifelhaftem Ruf um eine Abstimmung zu gewinnen. Schöner hätten es sich auch die Jungs von Monty Python nicht ausdenken können. Und für alle Älteren unter uns sei hier gesagt: Nein, das hätte es früher nicht gegeben! Die gute alte Maggie Thatcher hätte sich für öffentlich politische Prostitution nicht her gegeben.

Das Ende der schallenden Ohrfeige

Hach, was waren das noch für Zeiten, als Frauen ungebetene Avancen noch mit einer schallende Ohrfeige quittierten. Hochrot, mit einem bleichen Handabdruck im Gesicht, zogen sich die öffentlich gedemütigten Herren jeweils zurück und frönten anschliessend dem tröstenden Alkohol. Oder gab es das nur im Fernsehen? Ich weiss es nicht, denn mir ist das nie passiert. War es mir doch jeweils von vorneherein schon klar, wann eine Annäherung keine Aussicht auf Erfolg haben würde. Heute ist das scheinbar anders.

Ein weisser Mann mit Sombrero trink Schnaps aus der Flasche während ihm ein Latino gleichzeitig Bier in den Rachen kippt.

Betrunken in Mexiko: Hoffentlich ist die Netzabdeckung gut. Sonst wirds schwer mit der elektronischen Zustimmung.

Nein meint nein
Wenn eine Frau „Nein“ sagt, dann gibt es an diesem Wort nichts zu deuteln. Die Selbstverständlichkeit dieses Satzes sollte sich in zivilisierten Ländern eingestellt haben. Dem scheint aber nicht so. Sonst gäbe es keine Erklärung für einen langsamen aber aktuellen Trend in den USA und dem Vereinten Königreich, der uns hier in der digitalen Provinz hoffentlich nie erreichen wird. Man könnte ihn Consent-Hype (Einverständnis) nennen.

Ein Checkliste mit fünf Punkten
Kürzlich führte eine Universität in Kalifornien einen „Consent Carnival“ (Einverständnis-Karneval – Karneval, da stimmt schon mal zumindest die besoffene Grundstimmung) durch, um den offensichtlich versauten männlichen Studenten klar zu machen, wann eine Frau ihr Einverständnis zu sexuellen Avancen und Handlungen gegeben hat und wann nicht. Eine Checkliste (beklebt mit der Schleichwerbung eines Süssigkeitenherstellers)  soll auch dem dümmsten Studenten das korrekte Verhalten während jedem möglichen Geisteszustand ermöglichen.

Die Lösung für den Medienbruch
Mit einem bunten Strauss an Stichwörtern wurde gleichzeitig auch beinharte Aufklärungsarbeit geleistet: Von A wie Autonomie der Frau bis P wie Pansexualität. Während Studenten und Studentinnen bemängelten, dass das Thema Alkohol nicht besprochen wurde, hätte ich an einem anderen Punkt Zweifel an der Nützlichkeit der Veranstaltung gehabt: beim Medienbruch. Können womöglich vollgetrunkene Studenten (und um die geht es ja schliesslich) überhaupt noch irgendetwas auf die Reihe bekommen (geschweige denn eine rechtsgültige Einverständniserklärung) wenn es ihnen Siri oder Google Now nicht vorkaut? Zum Glück konnte ich nach einer kurzen Recherche diesen beunruhigenden Gedanken ad acta legen: Es gibt dafür eine App!

Naheliegend für Facebook
Es enttäuscht mich allerdings ein wenig, dass Facebook oder Tinder noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen sind. Dort lernen sich doch die Leute kennen. Wieso nicht auch gleich dort das Administrative erledigen? Natürlich verbunden mit einem Statusupdate: „Manuela und Peter haben sich darauf geeinigt, Körperflüssigkeiten auszutauschen. Wünscht ihnen viel Vergnügen!“ Gerade für Facebook, verwurzelt im College-Verkehrs-Geschäft, wäre das naheliegend gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Facebook kauft ja gerne schon bestehende Netzwerke auf.

Zuversicht

Hallo und willkommen im 2016. Was es uns wohl bringen mag? Ich jedenfalls wünsche Ihnen alles Gute, Berge von Likes und Horden von Followern. Die Chancen dafür stehen gut und mehr noch: Laut glaubhaften Quellen soll es insbesondere wirtschaftlich wieder rasant vorwärtsgehen. Der Bitcoin zum Beispiel wird ein wahres Kursfeuerwerk lostreten. Es werden endlich viele lahme Zeitungen hops gehen und durch agile Blogs ersetzt. Die IT-Multis werden wieder Gewinne scheffeln, die dem Staatsbudget eines durchschnittlichen osteuropäischen Landes entsprechen.

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

Aber auch für gute Unterhaltung wird gesorgt sein. Das Kalifat hat angekündigt, uns auch heuer via seinen Distributionspartner Youtube mit packenden Meuchelvideos zu versorgen. Pinterest will im Gegenzug und als Ausgleich sozusagen seine Abteilung für flauschige Haustiere massiv ausbauen. Und, noch eine gute Nachricht für die wachsende Gruppe der einfachen Gemüter: Die Weltorganisation der privaten TV-Sender hat mit grossem Mehr an ihrer letzten Vollversammlung beschlossen, dieses Jahr noch grössere Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, ihre Sendeformate frei von jeglicher geistigen Herausforderung zu halten.

Als religiös veranlagter Mensch und Konsument schöpft man Zuversicht aus der Prophezeiung, dass im Herbst die siebte Reinkarnation des iPhones erscheinen wird. Als Chinese, darf man sich auf den Fortschritt freuen, den Millionen von Uber-Fahrern übers Land bringen. Als Twitterer hat man es sowieso gut, weil einem Herr Trump dort weiterhin und noch verstärkt die Welt in 140 Zeichen erklären wird. Apropos: Das Darknet eröffnet demnächst einen Store, in dem willige Politiker zum Kauf angeboten werden.

Sie sehen: Die Welt liegt uns zu Füssen – treten wir drauf!

Zu viel des Guten

Kürzlich bin ich einen modernen Mercedes E500 gefahren. Das war kein Auto. Sondern ein fahrender Computer. Als ich den Motor startete, straffte sich der Gurt automatisch und drückte mich in den Sitz zurück. Einen Schaltknauf gabs keinen. Die Gangschaltung funktionierte automatisch. Genau wie die Scheinwerfer. Fuhr ich in einen Tunnel, leuchteten sie auf. Verliess ich den Tunnel, schalteten sie sich wieder aus.

Das Steuerrad vibrierte, wenn mein Reifen den Fahrstreifen touchierte. Das Auto bremste automatisch ab, sobald ich dem vorderen Wagen zu dicht auffuhr. Wollte ich ihn überholen, warnte mich ein rotes Dreieck im Seitenspiegel, falls gerade kein guter Zeitpunkt war, um nach links auszuscheren. Ignorierte ich das Dreieck, weil es meiner Ansicht nach zu lange leuchtete, erklang ein durchdringender Warnton, der Tote geweckt hätte. Ein ähnlich nerviger Ton erklang, wenn ich im menschenleeren Parkhaus den Gurt bereits gelöst hatte und nur noch kurz meine Position korrigieren wollte.

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Gute alte Zeiten

Wehmütig denke ich an den guten alten Peugeot 205 zurück, den ich früher ab und zu gefahren bin: Er war handgeschaltet, ohne jeglichen Schnickschnack. Alles funktionierte mechanisch. Selbst die Scheiben musste ich von Hand runterkurbeln.

Aber zugegeben: Das Gefährt war auch sehr alt. Nach einer langen Winternacht brauchte es einige Geduld, um den Motor zu starten. Ohne Choke war da nichts zu machen. Auf der Autobahn musste ich den Motor süferli aufwärmen, damit er auf seine 110 Stundenkilometer kam. Und bei 120 Stundenkilometern hatte ich das sichere Gefühl, das Auto würde bald auseinanderfallen.

Technik ja, aber …

Ich habe nichts gegen moderne und schnelle Autos. Technische Spielereien sind wunderbar, sofern sie mir das Leben erleichtern. Auch ich war schon froh um einen Tempomat, wenn ich auf einem US-Highway 350 Meilen geradeaus fahren musste und den Fuss vom Gaspedal nehmen konnte. Bei 45 Grad Celsius Aussentemperatur habe ich durchaus nichts gegen eine Klimaanlage im Auto einzuwenden. Letztlich kann ich den ganzen technischen Schnickschnack ja auch ausschalten, wenn er mich zu sehr aufregt.

Aber mich stört, wenn ein Auto darauf aufgelegt ist, mir das Denken abzunehmen. So wie bei den sogenannten „connected cars“ der Zukunft. Diese sollen den Handy-Kalender des Fahrers auslesen und ihm mitteilen, ob er es noch rechtzeitig zu seinem Termin schaffen wird oder ob er nicht vielleicht eine Abkürzung nehmen sollte. Selbstverständlich berechnet vom Online-GPS-System, das genau über alle aktuellen Baustellen Bescheid weiss. Oder es erinnert den Fahrer an sein Sporttraining nach der Arbeit und registriert womöglich mithilfe des Gewichtssensors auf dem Rücksitz, dass sich die Sporttasche nicht an ihrem üblichen Platz befindet.

Ich besitze kein Auto. Habe nie eins besessen. Aber wenn ich eins hätte, dann müsste es mindestens 20 Jahre alt sein. Ein bisschen Elektronik ist gut. Aber fahren, schalten und denken möchte ich immer noch selbst.

Ganz und gar Revolutionäres

Um nochmal auf die Apfelwatsch zurückzukommen: Was eigentlich fangen die stolzen Besitzer mit ihr an, wenn sie sie nicht gerade laden oder wegen Mobbinggefahr unter dem Ärmel verstecken müssen? Eine kleine Umfrage von giga.de gibt Auskunft.

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Selten, aber ungemein nützlich: die Apple Watch, diesmal auf rotem Grund. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Also, nach abnehmender Beliebtheit: 68 Prozent finden es unglaublich angesagt, Benachrichtigungen am Handgelenk zu sehen. Klar, das verstehe ich jetzt voll. Als vielbeschäftigter Sozialschwätzer erhält man ja im Schnitt alle 10 Sekunden einen potenziell eminent wichtigen Post aus seinem immensen Freundeskreis. Wo käme man da ohne Apple Watch auch hin? Man wäre sozusagen pausenlos damit beschäftigt, sein Handy aus der Tasche, dem Hosensack oder sonst wo hervorzuklauben und es gleich wieder wegzustecken, weil sich 90 Prozent der Posts dann doch als nicht soo wichtig entpuppen.

Grossartige 67 Prozent halten es für deutlich angebrachter, die Zeit von einer Apple Watch abzulesen als von einer dieser knickrigen analogen Uhren. Ist ja auch wahr, jetzt haben wir uns seit dem Mittelalter mit echten Zeigern und Ziffernblättern herumgeschlagen, da war es höchste Zeit, dass endlich jemand die falschen erfand.

58 Prozent finden die Sensoren für die Fitness-Aktivitäten supertoll. Womit bewiesen wäre, dass Apfelprodukte gut für Ihre Gesundheit sind. 48 Prozent sind so vernarrt in das ultracoole Design, dass sie weiter gar nichts tun, als ihr Ührchen zu streicheln und liebkosen. 45 Prozent versuchen mit ihm, ihr nicht minder verehrtes iPhone fernzusteuern. Immerhin 27 Prozent lieben die Herausforderung, all die  Benachrichtigungen, die ja neuerdings an ihrem Handgelenk landen, auch dort zu bearbeiten. 23 Prozent sind die Funktionen eh Wurst, weil sie sowieso jeden neuen Digitalkram ausprobieren. 5 Prozent finden nichts besonders toll, 4 Prozent anderes und 2 Prozent behaupten, es lasse sich gut spielen, auf zwei Quadratzentimetern Glas. Da soll noch einer sagen, Apple hätte nicht schon wieder ganz und gar Revolutionäres geschaffen!