Mein Tesla, mein ferngesteuertes Auto

Hurrikan Irma hat sich aufs Meer verzogen und die nächste Verwüsterin, Hurrikan Maria, ist schon unterwegs. Für die Medien sind diese Wirbelstürme ein gefundenes Fressen. Damit kann man unzählige Stunden Fernsehmaterial senden und wunderbare Geschichten über Zerstörung, Trauer und Elend erzählen. Die Aufmerksamkeitsstatistiker kommen aus dem Fingerabschlecken nicht mehr heraus. Und wie immer produzieren solche Ereignisse auch Helden.

Tesla-Sportwagen auf einer Wiese im Grünen

Wem gehört eigentlich dieser schicke Sportwagen? Und weiss der Besitzer das auch? Foto: Pixabay.com

Update durch die Luft
Meistens sind es die üblichen Verdächtigen: Feuerwehrleute, Rettungsmannschaften, Polizisten oder Privatpersonen, die kleine Viecher vom Baum retten. Dieses Mal kommt aber eine neue Person dazu: Elon Musk. Der Chef von Tesla. Sein Unternehmen hat vom Hurrikan Irma betroffenen Fahrern seiner Elektromobile eine zusätzliche Funktion gewährt. Sie durften für die Flucht vor dem Unwetter zum ersten Mal ihre ganze Batterieladung ausschöpfen. Tesla verschickte dafür auf die Schnelle, ohne grosse Ankündigung, ein Softwareupdate durch die Luft und setzte dem ganzen Zauber auch ein Ablaufdatum. Am 16. September war der Spuk schon wieder vorbei. Wie bei einer App auf einem Smartphone.

Von der netten Geste zur Preis-Diskriminierung
Die Reaktionen in den Medien waren unterschiedlich. Während im Business Insider von einer netten Geste die Rede war, berichtete man auf dem Nachrichtensender CNN und dem Portal The Verge neutral über die Sache. Kritischer hingegen  wird im Guardian darüber geschrieben. In Artikel wird immerhin das Thema Preis-Diskriminierung erwähnt. Ausserdem stellt der Autor die Frage, ob sich der Kunde vielleicht nicht ein wenig betrogen fühle. Der Experte meint am Ende nur: „Gewöhnen sie sich daran“.

Konsumgüter-Elektronik trifft auf die Autobranche
Ähnlich kritisch ist das deutsche Magazin Der Spiegel. Der Autor sieht darin letztlich eine PR-Aktion. Es würde sich ja nicht besonders gut machen, wenn Teslas auf der Flucht vor dem Unwetter liegen bleiben würden.  Und damit liegt er sicherlich nicht falsch. Interessant ist auch die Feststellung in einem Artikel der New York Times. Ein Analytiker einer Bank hält fest: „Du bringst damit eine Mentalität aus der Konsumgüter-Elektronik in ein langlebiges Produkt“. Meinen tut er: Da prallen zwei Welten aufeinander. Kritisch hinterfragt oder eingeordnet wird aber auch hier nicht.

Wem gehört eigentlich mein Auto?
Die Frage, die mir bei der ganzen Sache in den Sinn kam, wurde aber nirgends gestellt. Wenn der Hersteller nach Gutdünken Funktionen übers Netz ein und ausschalten kann: Wer hat über welche Eigenschaften die Kontrolle? Und wenn ich die Kontrolle nicht habe, gehört mir der Wagen eigentlich noch?

Aufbruchstimmung

Die Schweizer Medienszene bewegt sich. Zwar nur ein bisschen, aber das reicht für einen Anfang: Ab 2018 soll das digitale Magazin „Republik“ qualitativ hochwertigen Online-Journalismus ohne Werbung anbieten. Hinter dem Projekt, das derzeit erst in den Köpfen seiner Macher existiert, stehen die beiden Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser sowie derzeit acht weitere Mitarbeiter.

Bild: www.republik.ch

Um das nötige Geld für das Magazin aufzubringen, hat die Crew ein Crowdfunding gestartet, mit dem Ziel, mindestens 3’000 neue Mitglieder zu gewinnen. Dieses Ziel hat sie am 26. April geknackt, dem ersten Tag des Crowdfundings. Das wiederum bedeutet, dass die versprochenen Investorengelder von 3,5 Millionen fliessen werden. 22’000 Abonnenten muss das Magazin gemäss eigenen Aussagen in den nächsten fünf Jahren erreichen, um selbsttragend zu sein. Den zehntausendsten Leser hat die Republik am vierten Tag des Crowdfundings gewonnen.

Wer die Republik mit 240 Franken unterstützt, erhält dafür ein Jahresabo für das digitale Magazin. Zudem wird man damit Mitglied der Project-R-Genossenschaft und zu einem kleinen Teil auch Verleger des Online-Magazins. Seibt und seine Crew wollen mit diesem Projekt ein Geschäftsmodell für den Journalismus des 21. jahrhunderts schaffen – unabhängig von Grossverlagen und von Werbung. Dafür nutzen sie unter anderem das Internet als Plattform und Social Media als Beschleuniger.

Kritik lässt nicht auf sich warten

Nicht alle finden diese Idee gut. Michael Furger von der NZZ am Sonntag beispielsweise spricht von einer Werbelüge: Erstens werde in der Schweiz schon heute hervorragender Journalismus gemacht. Zweitens sei eine Bezahlzeitung heute im Gegensatz zu früher weniger abhängig von Werbung, da sie sich bereits zu zwei Dritteln durch Abonnenten finanziere. Und: Dieser Anteil werde weiter wachsen. Woher Furger diese Gewissheit nimmt, weiss vermutlich nur er selbst. Zudem wirft er mit „Bezahlzeitung“ alle Nicht-Gratiszeitungen in einen Topf – von der kleinen Lokalzeitung wie dem Reussboten bis hin zu grossen Zeitungen wie der NZZ.

Fest steht: Wer Werbung schaltet, ist letztlich auf die eine oder andere Weise erpressbar. Oder zumindest abhängig von Geldgebern, die nicht an den journalistischen Inhalten selbst, sondern nur an deren Lesern interessiert sind. Und selbst wenn eine Zeitung „nur“ zu einem Drittel durch Werbung finanziert ist, ist das eigentlich immer noch zu viel.

Die Republik hat zudem nie behauptet, dass es heute keinen guten Journalismus mehr gebe. Sie hat lediglich darauf hingeweisen, dass das Geschäftsmodell der traditionellen Medien heute nicht mehr existiert. Also das klassische Zusammenspiel zwischen journalistischen Inhalten, den Werbeinseraten und den Lesern, die die Inhalte und somit auch die Werbung lesen sollen. Stattdessen hätten Google und Co. übernommen, erklärt die Republik. Der Versuch der Verlage, ebenfalls ein Stück vom Onlinegeschäft zu ergattern, führe letztlich dazu, dass die Schweizer Medienlandschaft aus Spargründen immer mehr fusioniere und so tendenziell zu einem grossen Ganzen verschmelze, in dem der Einzelne untergehe. Anders gesagt: Das Eis für guten Journalismus ist dünner geworden.

Furgers an den Haaren herbeigezogene Kritik lässt nur einen Schluss zu: Er ist neidisch. Dabei sollte er sich eigentlich für die Republik freuen: Die Crew hat bewiesen, dass in einer Branche, die sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast befindet, neue Ideen eine Chance haben. Und dass man als reines Online-Medienunternehmen auch ohne Werbung Geld verdienen kann. Denn es gibt nach wie vor Menschen, die für gut recherchierte Geschichten und Informationen gerne etwas zahlen, grössere Zusammenhänge verstehen und sich eine eigene Meinung bilden wollen.

Andere versuchen es auch

Die Republik ist nicht das erste Magazin, das nur von seinen Abonnenten finanziert werden will. Auch das digitale Coup-Magazin bietet werbefreie und gut recherchierte Geschichten an. Es ist ist vor einem Jahr ebenfalls mit einem Crowdfunding gestartet. 50’000 Franken sammelte die Redaktion damals. Nun liefert sie einmal im Monat eine grosse Geschichte aus der Schweiz. 20’000 bis 40’000 Zeichen sind die Artikel lang, wie Mitinitiant Joel Bedetti kürzlich gegenüber der Quartierzeitung „Quartierecho“ sagte. Je nach Layout entspräche das etwa 6 bis 8 Seiten Text mit Bildern in einem Printmagazin. Ein Abo kostet 5 Franken im Monat oder 50 Franken im Jahr. Die Redaktion richtet sich explizit an Leser, „die sich lieber tiefgründig und umfassend als oberflächlich und beschränkt informieren“.

Das Ergebnis kann sich zwar sehen lassen, selbsttragend ist das Magazin damit aber noch lange nicht. Derzeit haben rund 500 Leser das Magazin abonniert, zudem wird das Start-up noch von der Stiftung für Medienvielfalt unterstützt. 1000 oder gar 2000 zahlende Leser wären laut Bedetti anzustreben. Er selbst arbeitet nebenbei als freier Journalist und verdient nach eigenen Angaben rund 3’000 bis 4’000 Franken pro Monat. Damit komme er im Moment klar, weil er ein Studentenleben führe.

Hintergründe und Zusammenhänge

In Deutschland bietet Krautreporter Zugang zu Reportagen, Recherchen und Analysen. Krautreporter schreibt auf seiner Website: „Du verstehst besser, wie alles zusammenhängt, und vielleicht am wichtigsten: Du zeigst deine Unterstützung für unabhängigen, werbefreien Journalismus.“ Um Zugang zu den Online-Artikeln zu erhalten, zahlt man 60 Euro im Jahr und kann dafür täglich einen Artikel zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft lesen. Weiter kann man der Genossenschaft beitreten und in das Unternehmen investieren. Die Genossenschaft zählt derzeit 371 Mitglieder.

Noch nicht gestartet hingegen ist das Food-Magazin namens „gut“, das derzeit auf wemakeit.com Geld sammelt. Auch hier gilt: „Keine Publireportagen, kein Native Advertisement: ‚gut‘ ist unabhängig und werbefrei.“

Ich wünsche allen Menschen, die hinter diesen Projekten stehen, viel Erfolg und vor allem viel Mut.

P.S. Dank der neuen Idee von Hansi Voigt könnte es für Online-Journalismus-Plattformen in Zukunft einfacher werden, ihre Inhalte anzubieten. Voigt will sicherstellen, dass den entsprechenden Redaktionen die nötige Infrastruktur zur Verfügung steht und dass sie selbst bestimmen können, wie sie sich finanzieren wollen. Wer allerdings diese Infrastruktur zahlen soll, steht derzeit noch nicht fest. Wir dürfen aber gespannt sein.

Online-Werbung blocken: Die Pest mit der Cholera austreiben

Der Begriff „Ad Blockalypse“ machte in den letzten Woche hie und da im Netz die Runde. Gemeint ist damit der Angriff von Apple auf die Werbung im Internet – und zwar mit der Öffnung seines Betriebssystems für Werbeblocker. Eine Entscheidung, die wir vielleicht nicht so schnell vergessen werden. Für einmal komme ich nicht umhin, Apple zu loben. Zwar hat dieser Schritt mit Altruismus so wenig zu tun wie eine Löschdecke mit dem Nachbrand vom letzten Herrenabend, doch sie setzte etwas in Gang: Eine Marktbereinigung in der Werbebranche.

Kein Durchgang-Zeichen: Ein Mann streckt die offene, schwarze Hand entgegen.

Adblocker sorgen dafür, dass Werbung draussen bleibt. Manchmal wird sie trotzdem durchgelassen. Oder die ganze Seite bleibt leer. Dumm gelaufen.

Werbung korrumpiert – brauchen wir sie trotzdem?
Doch für eine Heilung ist stets eine Diagnose nötig. Zum Glück ist das hier recht simpel: Werbung korrumpiert – mal mehr, mal weniger. Korrumpierte Medien wollen und brauchen wir zwar nicht, doch ob wir ganz ohne Werbung auskommen weiss ich auch nicht. Naja: Wenn man Internet-Nutzer mit der irren Vorstellung aufwachsen lässt, dass alles im Netz gratis zu haben ist, ist der Entzug schwierig und Ersatzdrogen haben Hochkonjunktur.

Die Anwälte treten auf und die Tragödie nimmt ihren Lauf
Die Medien- und Werbebranche versucht gerade, gegen den grössten Vertreter der Online-Werbeblocker (Adblock Plus der Firma Eyeo) vorzugehen. Dieser steht ausserdem seitens User unter Druck, da es eine Whitelist gibt, in die sich (Werbetreibende-) Unternehmen einkaufen können. Diese Abzocke nennt Eyeo dann elegant Acceptable Ads. Vertreter der Werbeindustrie verstehen da hingegen gar keinen Spass und nennen das Erpressung. Zumindest für Unterhaltung ist gesorgt.

P.S. Für alle, die sich jetzt auf weniger oder zumindest weniger nervende Werbung freuen: Das Ende der bisherigen Werbung bedeutet den ultimativen Startschuss für das Konzept von Native Advertising. Und diese Ersatzdroge ist noch schlimmer als die Pest.