Cyberboxen: Facebook scheut die schlagende Realität

Es ist schon einige Wochen her, da präsentierten das Team von Facebook an seiner jährlichen Entwicklerkonferenz unter anderem dessen neue Vision, wie die zwischenmenschliche Kommunikation sich in Zukunft abspielen soll. Natürlich stand da die virtuelle Realität im Mittelpunkt. Es lohnt sich, kurz in die Videos der Konferenz reinzusehen. Man gewinnt schnell einen Eindruck, wie die Damen und Herren des grossen blauen F funktionieren.

Eine junge Frau schlägt einen Mann und hat dabei Boxhandschuhe an.

Auf Facebook könnte es interessante Boxergebnisse geben. Die Kraft spielt keine Rolle mehr.

Der virtuelle Kaffeeklatsch im Cyberspace
Das Auffallendste war die neue Version von Facebook „Spaces„. Das sind virtuelle Räume, die einem ermöglichen endlich mal mit seinen Freunden in Ruhe einen dampfenden digitalen Kaffee zu trinken oder an jedem anderen Ort zu sein, von dem es eine 360-Grad-Fotoaufnahme gibt. Man kann man sich aber dort auch alleine aufhalten. Damit einem die deprimierende Wahrheit alleine im Cyberspace zu sein, nicht gleich vollends ins Gesicht schlägt, kann man diesen virtuellen Raum mit virtuellem Dekoplunder volladen oder mit eigenen Zeichnung der eigenen Stimmung anpassen. Ist das nicht eine kuschelige Vorstellung?

Ablenkungsmanöver vom akuten Problem
Als ob das alleine nicht schon genug verrrückt wäre, versucht das Unternehmen mit solchen Motivationsgedudel bestückten Verkaufspräsentationen auch davon abzulenken, dass aufseiner Plattform eigentlich ein anderes Problem grassiert: die Hassrede. Statt freundschaftlicher Atmosphäre gibt es viel Anspannung, Wut und Beleidigungen. Facebook versucht das Problem mit mehr Kontrolleuren zu lösen. Bei der Anzahl der User (über eine Milliarde) erscheint mir das eher wie eine Beruhigungspille für aktivistische Politiker. Schade, denn damit hat Facebook eine Chance verpasst. Stattdessen hätte ich eine revolutionäre und kreativere Möglichkeiten diesem Problem zu begegnen.

Bewährte Lösungsmechanismen
Die Wurzel für die Konflikte in Facebook sind vielfach angestaute Aggressionen. Aus den Hollywoodfilmen wissen wir, dass die US-amerikanische Kultur für Konflikte ein geläufiges und bewährtes Lösungsmuster bereit hält: den Gang vor die Tür. Damit ist die gepflegte Prügelei vor und nicht in der Kneipe gemeint. Die Aggressionen bauen sich ab, das Eigentum anderer Menschen bleibt verschont, man hat einen Sieger und das Abo fürs Fitnesscenter kann man sich auch sparen.

Konfliktbewältigung mit virtuellem Boxen
Folglich müsste Facebook statt virtuellen Kaffeeklatsch virtuelle Boxringe als Orte der Konfliktbewältigung anbieten. Da würden die gehässigen Streitereien gleich an Ort und Stelle bewältigt. Und wenn wir Glück haben, hat das Ganze noch einen präventiven Charakter, weil Boxen schon seit Jahren erfolgreich in der Gewaltprävention eingesetzt wird. Nicht zuletzt wäre auch noch der Wunsch nach Gamification gestillt. Eine perfekte Lösung.

Eine Plattform für Neugierige

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es ist, bei Google zu arbeiten? Oder wie man das beste Rührei zubereitet? Oder warum manche Menschen nicht für monogame Beziehungen geschaffen sind?

Es gibt viele Menschen, die solche und noch viele andere Fragen beantworten können. Doch wo findet man diese Menschen? Auf der Wissensplattform Quora. Sie liefert Antworten zu Fragen jeglicher Art.

Quelle: quora.com

Der Autor Evan Bailyn ist der Meinung, dass Facebook der grösste Konkurrent von Google ist. Quelle: quora.com

Wer die Plattform nutzen will, muss sich registrieren. Die Community von Quora erwartet dabei, dass sich jeder mit seinem richtigen Namen registriert. Wer eine Frage beantwortet, sollte sich selbst kurz beschreiben oder begründen, warum er auf die Frage antworten will. Verpflichtet ist dazu aber niemand. Jeder Nutzer kann auch anonym fragen oder antworten, was vor allem bei schwierigen oder sensiblen Themen passiert.

Bewertete Antworten

Nutzer können Antworten als gut oder schlecht bewerten und sorgen so dafür, dass gute Antworten prominenter angezeigt werden als schlechte. Nutzer können auch Fragen melden, die beleidigend oder rassistisch sind.

Auf Quora antworten oft Menschen, die Ahnung haben, wovon sie sprechen. Auf die Frage „Who’s Google’s main competitor?“ schrieb beispielsweise ein Autor, der zwei Bücher über Google und Facebook veröffentlich hat, dass Facebook der grösste Konkurrent von Google sei. Er erklärt es damit, dass Facebook sehr viele persönliche Informationen von seinen Nutzern hat, über die Google nicht (unbedingt) verfügt – wie der Freundeskreis oder das eigene Geburtstagsdatum.

Keine doppelten Fragen

Gibt man eine Frage ein, sieht man anhand eines Drop-Down-Menüs sofort, ob diese ein anderer Nutzer bereits gestellt hat. Findet man seine Frage nicht, kann man sie der Community stellen.

Jeder Nutzer kann bestimmten Themen folgen. Die Funktion „Daily Digest“ versorgt ihn dann täglich mit den am besten bewerteten Antworten zu den ausgewählten Themen.

Quora wurde gemäss Wikipedia 2009 von zwei ehemaligen Facebook-Mitarbeitern gegründet, weil sie eine gute Frage-und-Antwort-Plattform bauen wollten. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Kalifornien.

Die Fakebusters – im Kampf gegen die Fake News!

Man soll ja auch mal loben, wenn es was zu loben gibt. So dürfen wir uns für das nächste Jahr mit gutem Gewissen grosse Hoffnungen machen. Die breit angelegte Missinformation der Bevölkerung wird ein Ende nehmen: Facebook hat sich zum Wohle der Community entschieden, Fake News zu bekämpfen. Und das ist gut so, denn wer möchte schon die Menschen dazu zwingen, dass sie selbst nachdenken müssen. Schon meine Grossmutter sagte immer: „Man soll nie selbst denken, wenn es auch ein anderer übernehmen kann!“

Testbild aus dem Fernsehen

Ein Bild für Insider: Als man dieses Bild im Fernsehen antraf, wusste man, dass es Zeit war, abzuschalten.

Denken beeinträchtigt die Gesundheit
Wir wissen es alle: Unzählige Aspirin-Studien belegen, dass ständiges Denken Kopfschmerzen bereitet. Und da wir diesem biologischem Zwang des Denkens sowieso schon andauernd ausgesetzt sind, müssen wir uns dem nicht auch noch in der Freizeit aussetzen. Das wäre ja, wie wenn man hauptberuflicher Jogger wäre (schon schlimm genug) und sich in der Freizeit auch noch zum Spass Waterboarding aussetzen würde. Das muss doch nicht sein. Darum hat sich Facebook entschieden, wie Mitte Dezember 2016 bekannt gegeben wurde, uns dabei zu helfen, den Newsfeed anzupassen und mit Warnungen zu versehen, damit wir nicht mal auf die Idee kommen selbst zu denken.

Ein rigoroser Prozess
Entsprechende Warnungen erhalten alle Links und Posts, die zuerst angezweifelt, überprüft und als „nicht wahrheitsgemäss“ eingestuft wurden. Da Facebook die ganze Arbeit nicht selbst erledigen kann (ist halt nur ein kleines Milliarden-Unternehmen), gibt es mehrere solcher Organisationen, die nun für uns nachdenken. Sie alle haben einen ausführlichen und streng überwachten Codex von beinah unzähligen fünf Punkten unterzeichnet! Von drakonischen Strafen bei Missachtung des Codexes wird bisher nicht gesprochen. Es bleibt uns also im Moment nur auf die weltberühmte Berufsehre der Fakebusters zu setzen.

Mehr Fake News, mehr Klicks für die Schiedsrichter
Die Liste aller Organisationen, die sich dem International Fact Checkers Network Code of Principles unterzogen haben, ist vorläufig übersichtlich. Von den 43 Namen fallen da aber einige sofort dadurch auf, weil sie Medienunternehmen sind oder dazu gehören. Wie beruhigend für uns alle, weil sich der Bock ja schliesslich am besten im Garten auskennt. Das Gute an der Sache ist: Die Fake Busters werden für ihre kritische Haltung mit Klicks belohnt (mehr Besuche der eigenen Website).

Alte Weisheit: einfach abschalten!
Jetzt da wir diese Fake Busters haben, können wir uns mit gutem Gewissen zurücklehnen. Vorbei sind die Tage, an denen wir uns mit überfordernden Fragen beschäftigen mussten und uns dies davon abhielt, ein Konsument zu sein. Am Ende des Tages bleibt uns nur noch, uns an Peter Lustig in der Kindersendung  Löwenzahn zu erinnern: „Also. Versucht’s doch auch mal. Es ist doch ganz einfach. Aber vorher abschalten!

„Fake News“: Ein Sündenbock à la carte

Mal schauen, ob es der Ausdruck „Fake News“ zum Wort des Jahres 2017 schafft. Das Zeug dazu hätte er jedenfalls. Er bringt einen Missstand zum Ausdruck und ist herrlich ungenau, sodass jeder ihn verwenden kann, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was es damit wirklich auf sich hat. Der aktuelle Sprachgebrauch dieses Ausdruckes allerdings zielt darauf ab, falsche und stark überdehnte Darstellungen der Geschehnisse aus dem Sichtfeld der Menschen zu filtern. Und wenn von „Fake News“ die Rede ist, dann sind die grossen Medienorganisationen nie gemeint. Obwohl man ihnen genauso vorwerfen kann, „Fake News“ zu produzieren.

Auch bei den etablierten Medien findet man Fake-News.

Pure Angstmacherei mit erfundenen Quellen?
Ein Beispiel ist der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Titel „Berlin fürchtet Cyber-Angriffe und Propaganda aus Russland„. Über den Inhalt muss man nichts sagen, denn der Titel ist klar. Der kurze Text verweist dann auf ungenannte Quellen aus dem Kanzleramt, dem Innenministerium und den Sicherheitsbehörden.

Auf den Artikel angesprochen, verweist der Regierungssprecher Steffen Seibert den Artikel ins Land der Märchen (Bundespressekonferenz vom 9.12.16). Das sind „Fake News“  und reine Angstpropaganda eines renommierten Blattes. Natürlich, Seibert könnte auch lügen, aber wenn er nicht dazu befragt wurde und wir nicht wissen, was er dazu gesagt hätte, dann sind das reine Meldungen aus der Gerüchteküche.

Wahrheitssucher Opfer eigener Scheuklappen
Politifact.com, ein in der linken Szene angesehenes Portal, prüft als Faktenkontrolleur Aussagen von Politikern auf deren Wahrheitsgehalt.  Bis vor Kurzem taxierte einer der Redakteure die Behauptung eines US-amerikanischen Politikers, dass der zukünftige Vize-Präsident Mike Pence Geld von der AIDS-Prävention zur Conversion-Therapy umleiten wolle, als wahr. Als Beleg wurde eine alte Website von Pence auf archive.org  ausgegraben, auf der rein gar nichts davon stand. Es dauerte rund vier Monate bis zum 02. Dezember 2016, bis sich der Autor der Realität stellte und seine Einschätzung teilweise revidierte. Und das auch nur aufgrund Hinweisen von Dritten. Wenn das mal keine „Fake News“ sind.

Nur wir machen die richtigen News
Der Ausdruck „Fake News“ wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Nicht nur aus oben genannten Gründen, sondern auch, weil er sehr nützlich ist. Deswegen, weil der Ausdruck unter dem Deckmantel der Aufklärungen zielgerichtet und brandmarkend eingesetzt werden kann. Damit versuchen die etablierten Medien, die zunehmend funktional und wirtschaflich versagen, die Deutungshoheit über die Interpretation der Geschehnisse zurück zu gewinnen. Ausserdem nützen „Fake-News“ den Verlagshäusern im Verhandlungspoker gegen die sozialen Netzwerke. „Fake News“ ist sozusagen ein Kampfbegriff der etablierten Medien, um ihr darbendes Geschäftsmodell noch ein wenig länger zu erhalten.

Tag eins nach dem Weltuntergang

Egal ob man sich dafür interessiert hat oder nicht: In der westlichen Hemisphäre ist niemand an den US-amerikanischen Wahlen vorbeigekommen. Ein Skandal jagte den anderen. Die beiden Bewerber ums Weisse Haus schenkten sich nichts. Nun hat das Präsidenten-Casting ein Ende gefunden und das ist gut so. Die Zerrissenheit der US-amerikanischen Bevölkerung breitete sich zunehmend aus. Auch bis in die Schweiz. Vom Spektakel gleichermassen angeekelt und fasziniert schmökerte auch ich in der Nacht streckenweise auf Twitter und konnte wie immer das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in Satz-Häppchen aufnehmen.

Trump schielt beim Wählen auf den Wahlzettel seiner Frau Melania.

Hey Schatz, wo genau muss ich ankreuzen?

Masochistische Verzweiflung bis Galgenhumor
Twitter ist diesbezüglich ein wunderbares Medium für Erwachsene. Erwachsene deswegen, weil es schon ein wenig Reife braucht, um mit dem umzugehen, was einem da um die Ohren fliegt. Von Neo-Apologeten Jeff Jarvis, die heute die Welt brennen sehen und ihr eigenes Geschlecht verdammen, weil es den sexistischen Trump gewählt hat. Über Uber, die damit werben, ihren Kunden zu helfen, einfacher das richtige Wahllokal zu finden. Bis hin zu Leuten, die wirklich glauben, dass nun der Messias zurückgekommen ist. Am liebsten ist mir, wenn man solche Situationen mit Humor nimmt wie Victor Giacobbo: „Zwar nicht die erste Frau im Weissen Haus, aber immerhin der erste Troll.“

Welchen Teil der Verantwortung trägt Social Media?
Da der Wahlkampf nun zu Ende ist, beginnt die Zeit des Zurückblickens und der Analyse. In diesem unglücklichen Ende stecken viele Lektionen drin. Eine Lektion ist schon jetzt mal klar: Wer mit Social Media einen weltweiten Marktplatz anbietet und jedem ein Megaphon in die Hand drückt, muss eine Strategie für den Fall auf Lager haben, wenn das Ganze ausufert. Zu behaupten, dass man nur den Marktplatz anbietet und für das, was dort passiert nicht verantwortlich ist, geht in dieser Grössenordnung nicht mehr.

Das Silicon Valley und seine Fanboys haben sich bisher gern mit Revolutionen in anderen Ländern geschmückt und so getan, als hätten sie massgeblich zum Weltfrieden beigetragen. Jetzt ist die Revolution in die USA zurückgekehrt. Was jetzt, Mark Zuckerberg und wie ihr alle heisst?

Arg handycapiert

Letzthin im Zug, da war mir ziemlich langweilig. Es war schon stockdunkel draussen, und es gab überhaupt nichts Interessantes zu gucken im Fenster. So sah ich mich nach etwas Lesbarem um im Abteil und fand eine dieser netten, bunten Frauenzeitschriften. Die sind ja nicht durchgängig uninteressant für unsereins, weil es neben all dem aufgeregten Kosmetik- und Modegeplapper ja oft noch so Ratgeber zum Thema Männer gibt. Da kann man fast immer was lernen.

Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons

Glückliches Mädchen, als der Gebrauch von Kommunikationsmitteln noch nicht gesundheitsgefährdend war. (Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons)

Aber darum geht es jetzt gar nicht, sondern um einen erschütternden Beitrag einer Barbara Sonnentag und Erkenntnis, dass unsere Damen noch viel stärker durch die Digitalisierung gefährdet sind als gedacht. Rund um den Erdball ringen offensichtlich Orthopäden die Hände, weil ihnen immer mehr weibliche Opfer die Praxen mit einem neuen Krankheitsbild einrennen: dem Handynacken. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um eine Überlastung der oberen Wirbelsäule infolge ständigen Blicks auf das Handy. Menschlich gesehen ist das eine Tragödie, weil so was nicht nur höllisch wehtun, sondern schlimmstenfalls den ganzen Oberkörpers auf Dauer immobilisieren kann. Kurz: Die Betroffenen sind arg handycapiert.

Schöne Kacke, nicht? Jetzt sind die Mädels schon im Büro ständig dieser ungesunden Informatik ausgesetzt, wo sie sich dann laufend Mausarme, gereizte Augen und Kribbelfinger einfangen. Nein, jetzt werden sie auch noch in ihrer Freizeit – von ihrem liebsten Gadget notabene – an Leib und Gesundheit bedroht. Und all das nur, weil ihnen ein paar geldgeile Jungs aus dem Silicon Valley auf Teufel komm raus Designerdrogen wie Facebook, Whatsapp oder Pinterest verdealen.

Herrje, François Flückiger!

Ich wünschte mir, dass Menschen im Web mehr Ideen austauschen und weniger über sich selbst reden.

François Flückiger in Weltwoche 19-20/2015

Also wirklich, lieber Herr Flückiger, da haben Sie sich ja total global in die Nesseln gesetzt. Sie, als Computerwissenschaftler am Cern, immerhin die Wiege des WWW, und Mitglied der Internet Hall of Fame, derart kulturpessimistisch? Immerhin verdanken wir dem neu entdeckten Narzismus im Web so erlesene Errungenschaften wie die Nacktfotos von Kim Kardashian, die Videopredigten von Roger Köppel, die Fanpage der Bözen Onkels.

Das, mein Lieber, sind die Dinge, die das Volk sehen will – Millionen von Freunden, Zigtausende von Followers können nicht irren. Aber Ideen austauschen? Braucht‘s nicht, bringt‘s nicht, gibt Kopfweh und klingt weiss Gott nicht lustig. Das Leben ist schliesslich, wie man heute weiss, eine Casting-Show und keine Erfindermesse.

Hassparolen im Web: Enttäuschung vorprogrammiert

Die deutsche Regierung hat so lange gedrängelt, bis Facebook ihr einen Gefallen erwiesen hat: Das soziale Netzwerk wird sich am deutschen Recht orientieren, wenn es um Hassparolen geht. Um der Verbreitung von fremdenfeindlichen und rassistischen Botschaften im Web zu begegnen, werden rechtswidrige Inhalte innert 24 Stunden gelöscht. Klingt doch super: Endlich wird etwas gegen diese Hassparolen (engl. hatespeech) gemacht.

Eric Schmidt (rechts) im Interview mit Nik Gowing

Offenes Web mit Mauern drum herum. Quo vadis „Ausbilder“ Eric Schmidt? Bild: Chatham House [CC BY 2.0] via Wiki Commons

Mit der Technik-Krücke gegen menschliches Versagen
Erfreut von diesem Schritt will der deutsche Justizminister Maas dem Unternehmen trotzdem auf die Finger kucken, um zu sehen, ob es sein Versprechen einhalten wird. Das wird es nicht. Darauf würde ich eine Wette abschliessen. Wenn Facebook nicht gerade eine Armee von trainierten Zensuräffchen im Wandschrank sitzen hat – das neue Hauptquartier wäre dafür gross genug – ist eine Säuberung von Facebook kaum möglich … ausser das Netzwerk setzt hierbei auf Algorithmen.

Automatisierte Prüfung auf Hassparolen
Genauso wie Eric Schmidt (Vorstandsvorsitzender von Google) in seinem Beitrag auf der New York Times-Website. Er macht sich üble Sorgen um das offene Web und was damit passiert, wenn es denjenigen überlassen wird, die Hassparolen verbreiten. Wir alle seien gefordert, dies zu verhindern, sagt er. Auch die schlauen Köpfe aus dem Silicon Valley. Schmidt könnte sich eine Art automatische Sprachkorrektur vorstellen: „We should build tools to help de-escalate tensions on social media – sort of like spell-checkers, but for hate and harassment.“

Nutzlos und gefährlich
Man muss nicht Gandalf der Graue sein, um zu erkennen, dass es sich hier um ein nutzloses, ja sogar gefährliches Unterfangen handelt. Nutzlos, weil wir keine Meinungen ändern, indem wir kommunikative Ausscheidungen löschen. Gefährlich, weil das offene Web mit Zensurmaschinen übersäht wird. Beides ist auch Eric Schmidt bewusst. Leider zieht er es wieder einmal vor, den Ausbilder Schmidt rauszuhängen und die Richtung vorzugeben. Nur: Wo soll das Ganze hinführen?

Die Ohren des FBI fliegen immer mit

Ja, eigentlich wollte ich heute ein paar Zeilen über Orange loswerden und der Firma beim Neustart alles Gute wünschen. Sie hat es auch nötig. Der Ruf ist freundlich gesagt durchzogen und wenn sie mir als Kunden ein SMS mit einem Link schickt, der auf die bevorstehende tolle Veränderung aufmerksam macht, dann bringt es diese Klitsche fertig, dass sich ihre Werbevideos von meinem Smartphone nicht abspielen lassen. Also business as usual bei Orange. Immerhin bleibt sich dieses Unternehmen bis zum Schluss treu…

Foto eines Warteraums vor einem Flugzeug-Terminal.

Das FBI hat seine Augen und Ohren überall. Wir können gespannt sein, wer das nächste Sicherheitsrisiko wird.

Grenzwertiger, schlechter Scherz
Es gibt aber Wichtigeres zu berichten. Vor ein paar Tagen musste Chris Roberts, ein Experte für Sicherheitsfragen in modernen Flugzeugen, feststellen, dass das FBI keinen Spass versteht. In einer Mitteilung in Twitter erlaubte er sich einen Scherz, der die Bundespolizei veranlasste, ihm während zwei Stunden Fragen zu stellen. Er schrieb in diesem Tweet, er wolle jetzt mal ein wenig mit der Software der Passagiermaschine rumspielen, in der er gerade selbst sass.

„Nein, lassen sie uns doch ihren Laptop tragen“
Diesen Tweet hatte man bei den Sicherheitsbehörden offensichtlich abgefangen. Die freundlichen Polizisten in Anzügen hielten es sodann für nötig, Rogers bei seiner Ankunft gleich am Terminal abzuholen und ihm eine kostenlose Fahrt in die Zentrale zu offerieren.  Es blieb aber nicht bei dieser Höflichkeit. Das FBI erlöste ihn von seinem Gepäck und nahm ihm bis auf sein Telefon alle elektronischen Geräte ab. Bis heute hat er sie nicht zurückbekommen.

Motiv unbekannt
Rogers dürfte seine eigenen Vermutungen haben, wieso er diese Vorzugsbehandlung bekommen hatte. Er sei nach eigenen Angaben vor zwei Monaten vom FBI aufgefordert worden, über gewisse Sicherheitslücken in Flugzeugen nicht mehr zu berichten. Er hingegen ging damit an die Presse und bekam Sendezeit bei CNN und Fox. Die gleiche Fluggesellschaft, mit der er vorher flog, verweigerte Rogers später den Zutritt zum Flugzeug. Na klar, aus Sicherheitsgründen.

Was war die Botschaft?
Es lässt sich nur schwer beurteilen, ob es sich hier um eine Retourkutsche, einen Wink mit dem Zaunpfahl oder Alarmismus handelt. Offensichtlich ist hingegen, dass Sicherheitsbehörden ihre offenen Ohren auf jedes Gleis legen und in kurzer Zeit den Standort ermitteln können. Es ist nur eine Frage des Willens und des Geldes. Und nicht zu vergessen: Das FBI ist in solchen Fragen so humorlos wie ein Partyclown auf Alkoholentzug.

Künstliche Intelligenz – auf der Überholspur zur eigenen Obsoleszenz

Neben einer Walnuss liegt ein Zettel mit der Aufschrift Use your brain.

Haltung gesucht! Benutzen wir unseren Kopf, solange es ihn noch braucht.

Es hat nicht viel gebraucht. Der Aufruf von zahlreichen Wissenschaftlern, über die Zukunft und Sinnhaftigkeit von künstlicher Intelligenz nachzudenken, musste schnell dem nächsten seichten Trendthema weichen. Keine Ahnung was den Aufruf verdrängt hat, aber ich tippe mal auf irgendeine belanglose Unterhosen-Geschichte…

Es ist an uns, die Spielregeln zu setzen
Dabei sollten wir uns das Thema künstliche Intelligenz unbedingt mit einem fetten Edding 500 in die Agenda schreiben. Im Moment gleicht die Mehrheit der Bevölkerung dem Publikum eines Pferderennens. Auf der überdachten Tribüne stehend, schauen wir den Unternehmensgäulen zu, wie sie von Rendite-gesteuerten Investoren auf die Ziellinie zu gepeitscht werden. Problematisch an der Situationist ist, dass es keine Rolle spielen wird, auf welchen Gaul jeder von uns gesetzt hat, solange wir nicht die Position der Rennleitung übernehmen und eigene Spielregeln setzen.

Die Zeit läuft
Es geht nicht darum, das Terminator- oder Matrix-Szenario heraufzubeschwören. Auch liegt mir nicht daran, die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz in Abrede zu stellen. Das wäre auch aussichtslos, denn die PR-Durchlauferhitzer (aka. Medien) sind voll von den Segnungen dieser neuen Technik. Es wäre nur an der Zeit, sich, fernab von Hochglanzprospekten und netten Gadgets, langsam eine überlegte Haltung zuzulegen. Die Entwicklung schreitet rasend schnell voran.

Welche Rolle weisen wir Maschinen zu?
Wie wir Künstliche Intelligenz entwickeln können ohne uns damit selbst zu schaden kann ich nicht beurteilen. Ich stehe zuerst einmal noch vor der grundsätzlichen Frage: Kann ich Maschinen mit künstlicher Intelligenz als gleichberechtigten Partner in unserer Gesellschaft akzeptieren? Denn darauf läuft es grundsätzlich hinaus. Nein, mit dieser Frage übertreibe ich nicht. Was glauben Sie denn, wie lange sich Maschinen mit der Fähigkeit intelligent zu denken von uns Menschen noch rumschubsen lassen? Es gäbe so viele Fragen zu beantworten. Wenn wir das nicht bald schaffen, dann wird es jemand anderes gegen uns tun.

Zusätzliches Material (nicht so optimistische Stimmen):

Videogespräch mit James Barrat, Autor von „Our Final Invention: Artificial Intelligence and the End of the Human Era“

Videogespräch mit Nick Bostrom, Philosoph am St. Cross College, University of Oxford