Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

Werbung: Klicken bis zum Erbrechen

Symbolbild zum Erbrechen

Auf Werbung klicken bis zum Erbrechen. Das kleine Bisschen Subversion, dass uns allen gegönnt sein sollte.

Als journalistisch veranlagter Informationsmensch frage ich mich immer wieder, wann die Zeit kommt, in der die Leute wieder bereit sind, etwas für gute Information zu zahlen. Da momentan fast alle Medienunternehmen auf Werbefinanzierung setzen, könnte es noch eine Weile dauern. Es gibt zwar schon einige Anbieter, die von diesem Paradigma wegzukommen versuchen, wie zuletzt gesehen bei Golem.de. Aber Beispiele mit durchschlagendem Erfolg lassen noch auf sich warten. Immerhin, so der Branchenverband digitaler Medien in Deutschland (BITKOM), zahlt schon jede(r) Dritte für journalistische Inhalte im Internet.

Zerbrechen eines Geschäftsmodells
Ob auf Werbung künftig verzichtet werden kann, steht noch in den Sternen. Ich jedenfalls hoffe das – selbst wenn damit ein deutlicher Stellenabbau in der Informationsverbreitungsbranche einhergehen wird. Warum? Weil Werbung immer korrumpiert. Recht sicher bin ich hingegen, dass sich die Branche rasch von der Werbefinanzierung verabschieden wird, wenn das Werbe-Manna nicht mehr fliessen sollte und die Informationskonsumenten (heutzutage sind wir ja alle nur noch Konsumenten) plötzlich auf dem Trockenen sitzen. Doch dazu müsste man aber zuerst einmal das Geschäftsmodell der Werbebranche brechen.

Für solche Ideen bin ich natürlich immer zu haben. Deswegen hier mein bescheidener Beitrag: Es gibt seit kurzem ein Plugin für den Firefox-Browser mit dem Namen ADNAUSEAM (erst im Beta-Stadium). Benannt nach dem lateinischen Ausdruck „Ad nauseam“, was so viel heisst, wie „bis zum Erbrechen“, hat das Plugin die Aufgabe, mithilfe eines Werbeblockers im Hintergrund alle Werbung auf einer Website anzuklicken. Das verursacht zusätzlichen Verkehr und ist für mobile Datenverbindungen beschränkt geeignet, aber im Festnetz ist das wohl kein Problem.

Datenprofil verunstalten
Die Idee dahinter: Wenn wir uns schon der allgegenwärtigen und alles durchdringenden Werbung und ihren Spionen nicht entziehen können, dann können wir wenigstens den umgekehrten Weg gehen: Wir überfluten die Werbe-Server mit Informationen und verwässern unsere Profile bis zur Unkenntlichkeit.

Wenn der Haifisch täglich springt

Kopf eines schwimmenden Haifisches im Meer.

Wenn der Haifisch beinahe täglich springt, ist es Zeit die Fernsehserie in Rente zu schicken.

Wie viele Male hab ich mir schon an den Kopf geschlagen, nachdem ich ein E-Mail verschickt habe. „Das hättest Du anders schreiben sollen!“ denke ich mir dann. Oder ich hab grad noch einen Schreibfehler beim Klick entdeckt. Kennen Sie das auch? Oder jedes Mal, wenn Frau Müller den neuesten Tratsch über Herrn Maier erzählt und sich darüber aufregt, die wievielte Sekretärin Herr Müller schon flach gelegt hat. Später überkommt sie dann das schlechte Gewissen. Sie denkt sich dann, dass die es mit ihrem weiten Dekolleté sowieso nicht anders verdient hat…

Kommt drauf an, wer fragt
Da wäre es doch nett, wenn man das Verschicken von E-Mails rückgängig machen könnte. Das kann man auch. Naja – zumindest theoretisch. Wenn Sie auf diesen Service zurückgreifen wollen, müssen sie einfach ein multinationales Unternehmen mit einem Umsatz von Zillionen US-Dollar sein und eine Bonus-hungrige Rechtsabteilung unterhalten. Ja, dann geht das schon.

Telenovela aus Mountain View
In dieser neuen Folge der tragischen Schmierenkomödie mit dem Titel „Du wirst nicht erraten, wem die Katzenbilder auf dem Server Deines E-Mail-Providers gehören“ (um es mit eine Buzzfeed-Schlagzeile zu sagen) waren die Protagonisten der Finanzdienstleister Goldmann Sachs und der übliche Verdächtige Google. Die Details, so weit bekannt, hat die Chicago Tribune veröffentlicht. Ein Mitarbeiter („outside contractor“ – was immer das auch heissen mag) hat per Gmail heikle Kundendaten an eine falsche Adresse verschickt. Goldmann Sachs hat dann Google gebeten das E-Mail zu löschen, ohne Zustimmung des Konto-Inhabers, damit die Bank keinen Bruch des Datenschutzes begeht. Google, so nett wie die Jungs halt sind, ist diesem Begehren in der Art nachgekommen, dass das betreffende Konto eingefrohren wurde, damit die Daten nicht weiterverbreitet werden können. Da sich der Besitzer des E-Mail-Kontos nicht gemeldet habe, liegt die Sache immer noch vor Gericht.

Ein weiterer „Jumping the shark“-Moment
Wie auch immer. Die Details sind irgendwie völlig belanglos. Ich hoffe nur, dass bald auch dem letzten unter uns langsam ein Licht aufgeht und er langsam anfängt, sich die richtigen Fragen zu stellen: Wem gehören eigentlich die Daten, die ich per E-Mail verschicke? Sowohl auf der eigenen, als auch auf der Empfänger-Seite. Mich erinnert die Situation jedenfalls an einen Ausdruck aus dem Fernseh-Business: „Jumping the shark“ Dabei geht es darum, dass eine Fernsehserie, die an Aufmerksamkeit verliert, mit ausgewöhnlichen oder absurden Aktionen versucht die Zuschauer vom Wegzappen abzuhalten. Nach mittlerweile einigen solchen Momenten wünschte ich mir auch, dass wir nun langsam diese Telenovela in den Ruhestand schicken. Der Deal Services mit Daten und Privatsphäre zu bezahlen hat die Schmerzgrenze erreicht.

„Predictive policing“: Das Polizei-Orakel im Server-Raum

Drei ältere Männer in alten Polizeiuniformen.

„If you end up on that list, there’s a reason you’re there.“ sagt Commander Steven Caluris vom kalifornischen Polizeidepartement. Und Besuch kriegt man nicht von denen da oben.

Glauben Sie daran, dass sich Menschen ändern können? Wenn nein, dann können Sie diesen Blogpost getrost vergessen und beruhigt weitersurfen. Wenn ja, dann geben Sie doch nach dem Lesen mal „predictive policing“ in die Suchmaschine Ihrer Wahl ein und lesen Sie in aller Gemütlichkeit, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Es braucht kein besonders geschultes Auge und Gehirn, um sich vorzustellen, welches Marianengraben-artige, dunkle Loch sich vor uns hier öffnet.

Das Big-Data-Orakel ist sich für nichts zu schade
Damit Sie wissen, worüber ich schreibe, hier eine kleine Einführung. Vielleicht kennen Sie den Film „Minority Report“ mit Tom Cruise. Nichts weniger als ein solcher Polizeistaat bahnt sich gerade an. In den USA durchsuchen Server der Polizei das Web und indexieren Millionen von Websites und Social-Media-Präsenzen. Telefonate werden abgehört, analysiert und personenbezogene Bewegungsdaten erhoben. Alles wird gespeichert. Dann verrichten „schlaue“ Algorithmen ihren Dienst anhand von vordefinierten Psychogrammen und vermuteten Verhaltensmustern. Am Ende dieses Prozesses stehen dann Hot-Spots (für mögliche Verbrechen) und sogar sogenannte heat lists“ von möglichen Verdächtigen für Straftaten, die noch nicht begangen wurden! Die Behörden, die diese Spielzeuge zur Verfügung haben, lassen die möglichen Verdächtigen auch gerne in persönlichen Besuchen wissen, dass man sie im Auge behält.

Der nette Kaffeeplausch mit den Freunden in Uniform
Wir dürfen uns freuen, denn wir wissen ja aus Erfahrung wie gut diese Algorithmen sind, die einem nach dem Buchen eines Hotelzimmer superpraktische Werbung mit weiteren Angeboten im selben Hotel auf den Bilschirm spülen. Und übrigens: Als verantwortlicher Mitmensch wird man von der Polizei auch aufgefordert, sich in den gefährdeten Gegenden aufzuhalten und damit mögliche Straftaten durch seine Präsenz zu verhindern. (Und womöglich alles Verdächtige zu melden.)

Haha!! Schon passiert!
Und wenn Sie denken, so etwas Bescheuertes könne es nur in den USA geben, dann sage ich: „Zu früh gefreut!“ Eine deutsche Software ist (nach einer Testphase) seit Juli 2014 in Zürich im Dauerbetrieb, wie golem.de berichtet.

Update 22.08.2014: Auf meine Anfrage vom 19.08.2014 zu Handen der Stadtpolizeit Zürich, ob die Software PRECOBS (wie im Artikel von golem.de beschrieben) nun dauerhaft verwendet wird, habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen. Ich werte das vorerst mal als eine Bestätigung…

Update: 08.10.2014: Nach über einem Monat habe ich eine Antwort auf meine Anfrage bei der Stadtpolizei bekommen:

Sehr geehrter Herr Zirin
Im Auftrag von Herrn Cortesi, Chef Mediendienst, Stadtpolizei Zürich kann ich Ihnen folgende Angaben machen:

Die Pilotphase dauerte vom 1.11.13 bis Ende April 14.
Die Übergangsphase dauerte von Mai 14 bis Ende Oktober 14.
Seit dem 1. November 2014 ist das Ganze nun im Dauerbetrieb.

Freundliche Grüsse
Judith Hödl

Am gleichen Tag hat SRF über die definitive Einführung berichtet.  Da eine ähnliche Anfrage des watson.ch-Redaktors Daniel Schürter einige Tage zuvor auch nicht beantwortet wurde, gab es diesbezüglich offenbar eine mediale Sperrfrist mit exklusiver Zusammenarbeit von SRF. Nebenbei: Ich empfinde im Anbetracht des möglichen Folgen den Vergleich von SRF und Daniel Schürter mit der Wettervorhersage als eine grobe Verharmlosung des Themas.

Breaking News: Snowden ist schuld, dass Terroristen dazulernen

Mathematische Formeln auf einer schwarzen Tafel.

Terroristen haben an ihren Algorithmen gearbeitet und wir gucken jetzt in die Röhre. Böser Snowden, böser Snowden.

Während Edward Snowden immer noch in seinem russischen Exil sitzt, zieht sich in den USA die Schlinge um seinen Kopf enger. Seinen Status als „Verräter der Nation im Kampf gegen den Terror“ wird er nicht mehr ändern können. Das wird einem spätestens dann klar, wenn sogar die gemässigten US-Medien den Betonköpfen in den Sicherheitsdiensten und den menschlichen Durchlauferhitzern in den Parlamenten zuarbeiten.

Mist, die Terroristen lernen dazu
So hat National Public Radio (NPR) am 1. August 2014 wieder einmal den Niedergang in der US-amerikanischen Medienlandschaft dokumentiert. In einer Breaking News mit dem epischen Titel „Big Data Firm Says It Can Link Snowden Data To Changed Terrorist Behavior“ versucht NPR eine Verbindung zwischen den Enthüllungen durch die Snowden-Dokumente und einer verstärkten Verschlüsselung der Kommunikation im terroristischen Umfeld herzustellen.

Open-Source ist böse
An dieser Behauptung ist nicht viel auszusetzen, da die ganze Welt seit den Enthüllungen über die Praktiken der NSA sensibler gegenüber dem Thema Privatsphäre geworden ist. Da wäre es schon blöd, wenn sich Al-Kaida noch immer via Skype über terroristische Pläne austauschen würde… Es ist die Art und Weise, wie NPR das Thema abhandelt. Die Vergleiche sind wunderlich (sie vergleichen die Softwareverbesserungen im Terroristischen Umfeld mit einem Upgrade von Windows 2.0 auf XP) und die Zusammenhänge sind sehr vereinfacht dargestellt: Nur weil es kurz nach den ersten Snowden-Enthüllungen massive Software-Upgrades gab („wenige Monate danach“), ist der Zusammenhang noch lange nicht bewiesen. Und dann wird auch noch behauptet, weil die neuen Upgrades Open-Source enthalten, seien sie schwer zu knacken. (Ein Seitenhieb gegen Open-Source?)

Parodie auf seriösen Journalismus
Blöderweise zieht der Sicherheitsexperte Bruce Schnier im gleichen Beitrag die aufgestellten Behauptungen in Zweifel und sieht da eher normale Entwicklungsprozesse am Werk. Das passt zwar so gar nicht in das Konzept des Beitrags, doch NPR musste Schnier im Beitrag lassen, da die Geschichte sonst wie eine Parodie auseinanderfallen würde. Und man beachte, in welchem gedämpften und leicht konspirativen Ton die Sprecherin diese Breaking-News den Hörern von NPR eröffnet. Wir sind verblüfft von dieser journalistischen Meisterleistung, verneigen uns in Ehrfurcht und denken: Es ist gut, wenn die sich nicht getrauen diesen Müll laut auszusprechen…

Das Interessante zum Schluss
Und noch zuletzt eine kleine Randnotiz: Recorded Future, die Firma, die den Zusammenhang zwischen den Snowden-Leaks und den Upgrades herstellt, wird über eine Investmentfirma (I-Q-Tell) von der CIA gesponsert.

 Hier der Audio-Beitrag: Im Text sind einige zweifelhafte Stellen nicht drinn.

Sprint versilbert sich seine Schnüffeldienste

US-Silber-Dollar

Loyalität kostet. Der Staat zahlt zuverlässiger als die Kundschaft.

Letzte Woche stand es in den Zeitungen: Der Ständerat hat sich entschieden die Überwachungsmöglichkeiten im Internet zu erweitern. Der Tagesanzeiger titelte: „Der Ständerat will Staatstrojaner„. Jetzt ist es also da, das Gesetz (Revision ÜPF und BÜPF), das den staatlich geprüften Online-Schnüfflern die gleichen netten Spielzeuge gibt, wie den Kollegen in den USA.

Alles eine Frage der Abfindung
Und was machen die schweizerischen Unternehmen und Interessenverbände, die das Gesetz schon seit vier Jahren auf sich zukommen sehen? Die Internetprovider und Hoster wehren sich zwar noch, dass sie in Zukunft Überwachungsfunktionen für die behördlichen Schlapphüte  übernehmen müssen. Doch den „Kann doch nicht sein, dass wir unsere Kunden überwachen“-Gestus haben sie sich schon längst abgeschminkt. Es stört sie vor allem die Vorratsdatenspeicherung. Wieso? Weil es dabei ums Eingemachte geht: die Kohle.

Nehmen Sie es nicht persönlich – sie werden lediglich Verkauft
Über diesen Punkt sind die US-amerikanischen Provider schon weit hinaus. Die Kosten für gerichtlich angeordnete Schnüffel- und Auskunftsdienste werden zumindest teilweise von den Behörden übernommen. Der Verkauf der Privatsphäre und die Loyalität gegenüber den eigenen Kunden hat ein staatlich definiertes Preisschild. Hach wie sozialistisch von den Amis! (Sorry, der Seitenhieb musste raus…)

Hey, hier gelten Tarifpreise!
Dabei scheint die Menge der Silberlinge in den USA weder verhandel- noch dehnbar zu sein. Das musste der Mobilfunk-Anbieter Sprint jüngst feststellen. Gemäss verschiedenen Quellen (z.B. von cnet.com) hat die Regierung gegen Sprint Klage eingereicht. Der Grund: Sprint habe die Rechnungen für gerichtlich angeordnete „Abhörmassnahmen“ (zwischen 2007 und 2010) um 58 Prozent aufgebläht. So habe die Regierung 21 Millionen US-Dollar über Tarif bezahlt. Sprint sieht das natürlich anders. John B. Taylor, Sprecher von Sprint, verteidigte sein Unternehmen in trockenem PR-Sprech: „The invoices Sprint has submitted to the government fully comply with the law.“ Ach so, gut das er hier Licht in diese Frage gebracht hat.

Verflixt schade, dass nicht bekannt wurde, wie viele Leute davon betroffen waren. Dann könnten wir ausrechnen, was auf dem Preisschild für einen US-Kunden steht.

Nerds retten die Welt mit dem Taschenrechner

file8811301453330Ein weiser Mann hat mal gesagt: „Seit wann können die vom Wetterdienst das Wetter vorhersagen, geschweige denn die Zukunft?“  Kennen Sie den Satz? Er stammt vom leicht klischeehaft verschrobenen Wissenschaftler Doc Brown aus der Filmreihe „Zurück in die Zukunft“. Sie können sich den Satz ruhig merken. Er ist in einer Diskussion zum Thema Big Data immer gut brauchbar. Sie machen sich aber unter Umständen bei ihrem Gegenüber damit nicht beliebt, denn er wirft die Verheissungen von Big Data einfach mal so komplett über den Haufen.

Neue Daten – neues Glück
Big Data wird schon seit einiger Zeit als DAS bestimmende Phänomen der Zukunft herumgereicht. Konkret lautet die Versprechung: Durch die genaue Analyse von ganz ganz vielen Daten werden wir die Welt viel viel besser verstehen. Vorhandene Probleme können damit gelöst oder manche erst gar nicht zugelassen werden. Wenn man das PR-Gedudel abzieht ist es im Grunde genommen also nichts Neues. Das macht die Wissenschaft schon seit immer. Der Unterschied zu früher ist, es fallen heute durch die weitverbreitete Nutzung von Informatik mehr Daten ab. Und was ändert das wirklich? Meiner Meinung nach recht wenig. Mehr Daten zu besitzen bedeutet mehr Chancen die richtigen Daten zu haben, aber auch eine höhere Wahrscheinlichkeit nicht die wichtigen zu finden. So einfach ist das. (Abgesehen davon könnte man sehr wohl darüber streiten, ob denn diese Daten das abbilden, was wir beobachten wollen. Aber dieses wissenschaftstheoretische Fass mache ich jetzt mal nicht auf.)

Leckerbissen für die PR-Abteilung
Das mögliche zukünftige Potenzial von Big Data ist zwar nicht von der Hand zu weisen. Big Data ist momentan aber nicht mehr als eine Versprechung. Hört man gewissen Leuten zu, muss man eher von Verheissung sprechen: Ein hochgestecktes Ziel (z.B. Vorerkennung von ansteckenden Krankheiten durch die Beobachtung von Twitter) nach dem anderen verklingt im digitalen Äther. Mit ihnen die aufgeblasenen Worthülsen der Verkaufsabteilung, um an das Geld anderer Leute zu kommen. Der Rubel muss schliesslich rollen…

Der autohypnotische Blick in die Server-Glaskugel
Mir scheint es doch eine recht abenteuerliche Vorstellung zu glauben, dass mit einem (statistischen) Blick zurück in die Vergangenheit, denn Daten sind immer veraltet, die ungeschriebene und unklare Zukunft vorausgesagt werden könnte. Und nichts weniger wird uns heute Versprochen. Das ist nicht möglich. Auch Verhalten ändert sich. Wir können natürlich so lange in die Server-Glaskugel starren bis sich die Prophezeiung auch selbst erfüllt. Nicht nur Amazon arbeitet kräftig daran: Amazon will Pakete ohne Bestellung verschicken. Wenn uns Amazon dann noch wissen lässt, dass das noch nicht bestellte Paket schon da ist, dann sind wir definitiv in der neuen wunderbaren Welt angekommen.
Juhee!

Unsere digitalen Spielzeuge – die täglichen Verräter

Schuhe und Beine die von Matsch bedeckt sind.

Wir alle stecken ganz schön tief im Matsch.

Ich werde konstant verraten. Sie auch. Von allen digitalen Geräten die am Internet hängen. Das sollten wir uns zuerst eingestehen bevor an eine Lösung zu denken ist.

In hohem Rythmus beglückt uns der in Russland festgesetzte Edward Snowden mit neuen Trouvalien aus dem NSA-Fundus. So wie es immer ist, wenn Nachrichten explosionsartig in der Erdatmosphäre verpuffen, gibt es drei mögliche Reaktionen: Während die erste Gruppe sich schockiert und überrascht zeigt, übt die zwei Gruppe das „hab ich Dir schon lange gesagt“-Gesicht. Nicht zu vergessen gibt es noch die dritte und letzte Gruppe derjenigen, die regungslos (aus Desinteresse, Gleichgültigkeit oder mangels Durchblick – man weiss es nicht genau) dem neuen Grauen entgegenblickt. Obwohl ich selbst der zweiten Gruppe angehöre und mir stetig die passenden Sätze zum erwähnten Gesicht verkneife, muss auch ich zugeben, wird mir zunehmend flau im Magen. Snowdens Veröffentlichungen wirken wie die Taschenlampe beim nächtlichen Waldspaziergang: Erst wenn man sie anschaltet und sie auf den Boden richtet sieht man, dass man nicht nur schmutzige Schuhe hat, sondern knöcheltief im Dreck steckt.

Im Schein des Türspaltes
Irgendwie erinnert der ganze Schlammassel ans Einschlafen während der Kindheit. Während des Tages waren die ganzen schönen Spielzeuge die besten Freunde, die uns viele unbeschwerte Stunden schenkten. Erst in der Nacht, wenn es dunkel wurde und nur noch der Türspalt spärliches Licht bot, fingen wir uns an zu fragen, was denn die Spielzeuge denn machen, wenn wir denn mal einschlafen. Fangen sie an zu sprechen? Sprechen sie über mich oder sind sie sogar gefährlich?

Unablässiger Verrat
Irgendwann ist diese Phase vorbei und wir lernen, dass es nur tote Gegenstände sind – ohne Eigenleben. Im Unterschied zur Kindheit wissen wir es heute als Erwachsene besser: Unsere digitalen Spielzeuge sprechen mit Fremden. Nicht nur in der Nacht. Ununterbrochen während wir uns mit ihnen die Zeit vertreiben. Und entgegen allen Beteuerungen von Geheimdienstlern, Politikern und Wirtschaftsführern zeigen die aus aller Welt zusammengetragenen Erfahrungen, dass das auch gefährlich sein kann. Und illegal ist es in vielen Fällen auch.

Wir verkaufen uns nicht teuer genug
Seltsamerweise, ich kann mir das auch nicht ganz erklären, akzeptieren wir heute eine Überwachung, sei es durch Geheimdienste oder private Unternehmen, nach der sich die Mitarbeiter der Stasi die Finger geleckt hätten. Ist Privatsphäre ein Auslaufmodell? Eigentlich sollte, der ökonomischen Logik entsprechend, Privatsphäre so gefragt sein wie noch nie. Es ist mittlerweile ein so seltenes Gut geworden. Teuer ist es auf jeden Fall.

Und was jetzt? Die Lage ist enorm komplex und eine einfache Lösung nicht in Sicht. Wann immer es schwere Aufgaben zu lösen gibt fängt man am besten auf Feld eins an. Auf Feld eins sollten wir uns zweier Dinge  bewusst werden: 1. Auch in der digitalen Welt ist nichts gratis. 2. Alles was technisch möglich ist, wird auch gemacht.

Willkommen auf Feld eins!