UNO: Bis 2030 biometrische Daten für alle

Die im Jahre 2015 von der UNO verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungsziele (engl. Sustainable Development Goals oder SDGs) waren in der Welt der Entwicklungshilfe ein grosser Erfolg im Kampf gegen Armut, Benachteiligung von spezifischen Menschengruppen und viele andere weltweite Probleme. Sie wurden als Durchbruch gefeiert. Eines der Ziele, Nummer 16.9, beinhaltet die Vorgabe, dass bis 2030 alle Menschen eine legale Identität (sprich einen Ausweis) haben.

Frau mit roten Fingernägeln blättert in Reisepass mit vielen Stempeln.

Die Tage des alten Reisepasses sind gezählt. Zuerst gibt es die elektronische ID für Flüchtlinge und dann später für uns alle.

Gültige Ausweispapiere für alle – mit einem Haken
Das klingt vernünftig und dagegen ist an sich nichts auszusetzen. Hängt doch ein grosser Teil unseres modernen Lebens von Ausweispapieren ab. Nur leider höre ich schrille Glocken, wenn ich lese, wie das erreicht werden soll. Anstatt die einzelnen Länder dabei zu unterstützen, gültige und sichere Ausweispapiere für alle auszustellen, soll hierzu ein Netzwerk von bestehenden Datenbanken mit biometrischen Angaben aufgebaut werden, die alle in eine Datenbank in Genf Rückmeldung erstatten. Ausserdem läuft die Erhebung von biometrischen Daten und deren Verwaltung durch das UNHCR in verschiedenen Flüchtlingslagern (Tschad, Südsudan und Thailand) schon auf diese Weise. Die so gewonnenen Erfahrungen sollen jetzt auf „Nicht“-Flüchtlinge ausgeweitet werden.

Ein lukrativer Fang für Accenture und Microsoft
Das Informatik-Magazin inside-it verrät uns, wer diese mit allen Ländern vernetzte Datenbank aufbauen soll: Accenture und Microsoft. Sie haben vor wenigen Tagen in New York einen Prototypen dieses Netzwerkes vorgestellt. Bei geschätzten 1,1 Milliarden Menschen ohne gültige Ausweispapiere kann man diesen beiden Unternehmen schon mal zu diesem Fang gratulieren. Die UNO bzw. die beiden Unternehmen haben damit faktisch einen weltweiten Standard geschaffen, der gute Chancen hat, sich gänzlich durchzusetzen.

Effizient und kostengünstig – Datenschutz hat keinen Stellenwert
Die UNO hält dieses System für effizient und kostengünstig. Es ermöglicht das bessere Management von Flüchtlingen. Das mag ja stimmen, doch es ist auch beunruhigend: Je mehr Daten erfasst werden, desto grösser ist der Schaden, wenn sie gestohlen werden. Und man stelle sich vor: Datendiebe machen sich mit den Identitätsdaten von 1,1 Milliarden Menschen (bei sieben Milliarden Erdbewohnern)  aus dem Staub (Name, Geburtsdatum, Fingerabdrücke, Irisscan usw.) Die weltweite Vernetzung von Datenbanken ist ein schwer einzuschätzendes zusätzliches Risiko und die Datenbank in Genf wird zu einem attraktiven Einfallstor.

Totenstille im Medienwald
Was mich aber überrascht, ist, dass ich keine ernstzunehmende Zeitung oder ernstzunehmendes Newsportal über die volle Tragweite einen weltweiten biometrischen Erfassung berichten sehe (Stand 5.7.2017).  Selbst bei srf.ch finde ich keine Meldung darüber, obwohl ich durch SRF 4 News darüber erfahren habe. Ist die zukünftige weltweit grösste Datenbank mit Identitätsdaten so gar keine Meldung wert?

P.S. In der Schweiz werden die (biometrischen) Passdaten, auf telefonische Anfrage beim Passbüros Zürich und dem Bundesamt für Polizei, in einer zentralen Datenbank während 20 Jahren vorgehalten und dann vernichtet. Diese Datenbank untersteht dem Bundesamt für Polizei und wird vom Bundesamt für Informatik und Telekommunikation betreut.

Eingeschlossen

Vor kurzem habe ich einen Artikel über die Plagen des Alltags gelesen. Da ging es unter anderem um schreiende Kleinkinder, aggressive Autofahrer, Platznot und den Hochnebel. Das war ganz lustig zu lesen.

flickr.com // Wasile // CC BY-NC 2.0

Allerdings fehlte etwas in dieser Aufzählung. Eingeschlossene Handys. Genauer gesagt Handys, die in einem Spind, zum Beispiel in einem Hallenbad, eingeschlossen sind. Beziehungsweise: Handys, die dort eingeschlossen sind und Geräusche von sich geben. Einen Weckruf beispielsweise. Typ Atomreaktoralarm, Stufe 3. Und zwar im Endlosmodus. Falls Sie dummerweise Ihren Spind gleich daneben haben, sind Sie danach sicher wach. Nur leider ist das nicht der Zweck der Übung.

Endlosanrufe

Es gibt natürlich auch immer wieder Handys, die im Spind klingeln. Das ist ja normalerweise auch kein Problem. Normalerweise. Eine Weile lang habe ich jeden Morgen um die gleiche Zeit das Handy einer Frau gehört. Vermutlich hatte sie mit ihrem Freund Schluss gemacht und der Arme hatte riesigen Liebeskummer. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass das immer gleiche Handy mit dem immer gleichen Klingelton jeden Morgen um ca. 6:30h im immer gleichen Spind in meinem Hallenbad endlos klingelte. Und sobald der Klingelton abriss, ein paar Sekunden verstummte, um dann wieder von vorne zu beginnen.
Ich meine, wenn die beiden damals wirklich miteinander geredet hätten – also die Besitzerin des Handys und der Anrufer – hätten sie schnell herausgefunden, dass Anrufe zwischen 6h und 7h morgens vermutlich ins Leere laufen, weil die Besitzerin des Handys dann im Bassin ihre Runden dreht. Inzwischen hat sich der Mann vermutlich von seinem Liebeskummer erholt. Oder die Frau kommt nicht mehr schwimmen. Zumindest ihr Handy ist verstummt.

Alltagsgeräusch – und doch …

Ich weiss. Handys klingeln überall. Im Kino, im Tram, im Zug oder bei der Arbeit. Auf die verschiedenen Melodien, die man dabei zu hören bekommt, will ich gar nicht eingehen. Aber normalerweise klingeln sie nicht lange. Andernfalls, wenn der Arbeitskollege mit der telefonsüchtigen Freundin mal wieder sein Handy auf dem Tisch liegengelassen hat, kann man es unter ein Kleidungsstück stecken, dann ist der Ton wenigstens gedämpft (man darf einfach nicht vergessen, ihm hinterher Bescheid zu sagen). Oder man kann den Handybesitzer auch direkt ansprechen und ihn freundlich darauf hinweisen, dass sein Handygeklingel nervt. Bei eingeschlossenen Handys hingegen kann man nichts machen. Ausser zu verschwinden oder den Ton schlichtweg zu ignorieren.
Dabei wäre es so einfach: Der Vibrationsmodus funktioniert im Alltag perfekt. Das surrende Geräusch stört kaum jemanden. Und ein Alarm, der ins Leere klingelt, ist nun mal ein schlechter Alarm. Besonders dann, wenn er aus einem geschlossenen Spind kommt.

Idealismus allein reicht nicht

Die Schweizer Suchmaschine Swisscows braucht Geld. Denn anders als Google finanziert sie sich nicht mit Nutzerdaten und personalisierter Werbung, sondern verspricht eine anonyme Suche. Weder IP-Adressen noch Suchbegriffe der Nutzer würden gespeichert, zudem würden die Nutzer nicht getrackt, heisst es auf der firmeneigenen Website.

„Gemeinsam für mehr Datenschutz und ein sicheres Internet: Es klingt schon fast unrealistisch, aber wir glauben daran und folgen dieser Vision.“ (Bild: Screenshot von swisscows.ch)

Im Rahmen einer Spendenaktion sind bisher erst 170’000 der erforderlichen 500’00 Franken zusammengekommen. Andreas Wiebe, CEO von Hulbee, dem Unternehmen, das hinter Swisscows steht, lässt sich davon nicht beirren: Der Spendenaufruf verlaufe positiv, zwar nicht wie bei Wikipedia oder Mozilla, „aber wir sind zufrieden“. Allerdings wird er mit dem Erlös nicht alle Kosten für Technik, Infrastruktur und Entwicklung decken können, wie er sagt.

Immerhin erhält er nach eigenen Aussagen „Tausende Briefe von Nutzern, die sich bei uns bedanken und uns weiterhin Ausdauer und Glück wünschen.“ Sie wüssten, dass man eine Suchmaschine „nicht aus purem Eifer am Leben erhalten kann“.

Lösung für Unternehmen

Neben Einnahmen aus Spenden finanziert sich Swisscows unter anderem mit einer semantischen Suchlösung für Unternehmen, mit der man unstrukturierte Daten finden kann. Beispielsweise Office-Dateien, die unter Umständen neu erstellt werden müssten, weil man sie nicht mehr findet. Die Lösung namens „Hulbee Entreprise Search“ besteht entweder aus der Suchsoftware allein oder einem Paket bestehend aus Software- und Hardware (Server). Google hatte ein ähnliches Produkt, Google Search Appliance, im Februar dieses Jahres nach 14 Jahren Laufzeit beerdigt. Bleibt also zu hoffen, dass Swisscows mit der eigenen Lösung erfolgreicher sein wird.

Natürlich können Unternehmen bei Swisscows auch Werbung schalten, müssen aber akzeptieren, dass die Suchmaschine nicht die gleiche Reichweite bietet wie Google und keine auf den Nutzer zugeschnittene Werbung möglich ist.

Umkämpfter Markt

Die Zeit wird zeigen, ob sich Wiebes Unternehmen am Markt behaupten kann. Derzeit verarbeitet Swisscows 17 Millionen Suchanfragen pro Monat. Das klingt nicht schlecht. Nur: Google verarbeitet 3,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag. Auch sind die Suchergebnisse von Swisscows nicht so gut wie bei Google. Das liegt allerdings auch daran, dass Swisscows erst seit 2,5 Jahren existiert und noch am eigenen Index arbeitet. Ursprünglich setzte das Unternehmen überall den Index von Bing ein, inzwischen kommt dieser laut Wiebe nur noch in den USA und anderen weit entfernten Ländern zum Einsatz.

Letztlich ist Wiebe darauf angewiesen, dass Menschen sein Unternehmen unterstützen, weil sie dessen Konzept gut finden und mithelfen wollen, eine Alternative zum Datensammler Google zu entwickeln. Wer so etwas durchziehen will, braucht eine gehörige Portion Idealismus. Wiebe scheint diese zu haben: Er hofft, Swisscows zur „datensichersten Suchmaschine der Welt“ aufzubauen und es in den nächsten fünf Jahren auf den dritten Platz hinter Google und Bing zu schaffen. Zudem will Wiebe seine Suchmaschine in eine Stiftung integrieren. Auch dafür braucht er Menschen, die bereit sind, in seine Geschäftsidee zu investieren.

Weiter will er künftig eine sichere E-Mail- und Messaginglösung anbieten und sich vermehrt im Bildungssektor und in Schulen engagieren. Schon heute bietet Swisscows einen Ratgeber für digitale Medienerziehung an. Dazu passt auch, dass pornographische und gewaltorientierte Inhalte gesperrt werden, um Kinder zu schützen. Damit kann sich die Suchmaschine „familienfreundlich“ nennen. Dies erhöht vermutlich ihren Sympathiebonus und somit ihre Lebenschancen.

Online Werbung schlecht? Geschwätz von gestern!

Zu Beginn hier mal eine kleine Frage: Warst Du überrascht, als letzte Woche bekannt wurde, dass Whatsapp in Zukunft doch Nutzerinformationen an Facebook liefern wird? Beim Verkauf von Whatsapp wurde das zwar noch ausgeschlossen, aber schliesslich hat Facebook vor zwei Jahren einen zweistelligen Milliarden-Betrag gezahlt. Ausserdem hatte sich Mark Zuckerberg, Gründer und Mehrheitsbesitzer von Facebook, Anfang 2016 entschieden, kein Geld mehr für Whatsapp zu verlangen. Irgendwie muss sich der Kauf ja rentieren …

Screenshot von der Facebook-Seite www.facebook.com/ads/preferences

Hier gibt Facebook uns die Möglichkeit das eigene Profil zu „schärfen“. Damit man uns noch besser übers Ohr hauen kann. Wie grosszügig.

Möglichst wenig wissen?
Da spielt es ja auch keine Rolle, was früher mal gesagt wurde. So wird Jan Koum, Gründer von Whatsapp, folgendermassen zitiert: „Unser Modell basiert ja eben nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen und Daten zu sammeln. Wir kennen nur seine Telefonnummer. Aber wir speichern die Nachrichten nicht. […] Wir wollen so wenig wissen wie möglich.“ Was soll man da noch sagen?

Das brennende Loch im Portmonnaie
So gibt es für den Verkauf an Facebook nur zwei mögliche Gründe: Entweder liegt bei Jan Koum ein akuter Fall von multipler Persönlichkeitsstörung vor, oder der Wunsch, nicht mehr in der Suppenküche essen zu müssen, war zu gross. Auf jeden Fall sollte man den Vermerk auf Wikipedia, wie kritisch sich Koum zu Online-Werbung geäussert haben soll, ersatzlos streichen.

Mehr Wissen ist das neue Schwarz
Und was hat der Datenaustausch nun für Folgen? Sie wissen mehr über uns. Einen kleinen Einblick in das, was Facebook mit diesen Daten macht, kann man sich anschauen, wenn man ein Facebook-Konto besitzt. Auf der Seite www.facebook.com/ads/preferences ist zumindest ein kleiner Teil desjenigen Profils sichtbar, das Facebook über die eigene Person erstellt hat. Schau Dich um, das kann lustig sein. Oder auch erschreckend. Das bleibt jedem selbst überlassen. Beispielsweise habe ich nicht gewusst, dass ich mich für Berbersprachen interessiere.

Da werde ich dann auch noch aufgefordert, Verbesserungen anzubringen – sozusagen mein Profil zu schärfen. Für wie bescheuert halten die mich eigentlich?

Vernetzte Dinge – das offene Scheunentor portofrei geliefert

Als ich vor einigen Jahren mit dem Informatik-Journalismus anfing, entwickelte sich die Cloud gerade zum neuen Trendthema, das das Internet bzw. die damit verbundenen Businessmodelle komplett revolutionieren sollte. Heute treibt das Tech-Business eine neue Sau durchs Dorf. Sie heisst Internet der Dinge (oder IoT – Internet of Things). Dabei handelt es sich im Grundsatz um die Idee, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit dem Internet zu verbinden und daraus einen kostenpflichtigen Service zu machen.

Zehn Überwachungskameras sind auf ein Babybett gerichtet.

Ist das die Sicherheit, die wir wollen? (John Trashkowsky an der Jungkunst 2015 in Winterthur)

Internet der Dinge als Fortsetzung des Cloud-Gelabers
Als logische Fortsetzung  des früheren Cloud-Mantras ist das Internet der Dinge primär die gleiche Art von Strohhalm, an den sich Firmen klammern, deren Produkte zum belanglosen Gebrauchsgegenstand ohne Gewinnmarge geworden sind. Aus einer Glühbirne wird ein Dekorations-Must-have-Gegenstand, den ich auch noch steuern kann, wenn ich nicht einmal weiss, in welcher Zeitzone ich mich befinde. Gleichermassen ist es uns jetzt möglich, unser Neugeborenes via Kamera im Schlaf zu beobachten (und Wildfremden übrigens auch.)

Schnell, schnell – was kümmert mich jetzt die Sicherheit
Abgesehen vom Potenzial zum Fetisch gibt es sicherlich auch nützliche Anwendungsmöglichkeiten. Der Haken an der ganzen Sache ist, dass sowohl die Cloud als auch das Internet der Dinge eine Gemeinsamkeit haben: Sie beruhen auf dem Internet, das nicht für Sicherheit entworfen wurde. Ausserdem wiederholt sich beim Internet der Dinge die Geschichte: Etablierte Unternehmen begehen bezüglich Sicherheit Anfängerfehler, nur weil sie möglichst schnell mit ihren Produkten auf den Markt kommen wollen. Erschwerend kommt noch dazu, dass viele IoT-Geräte von Unternehmen hergestellt werden, die von Sicherheit im Netz keinen blassen Schimmer haben und sich auch nur peripher dafür interessieren.

Zugriff aufs Internet bedeutet ein erhöhtes Sicherheitsrisiko
Es gibt zuhauf Beispiele dafür. Kürzlich veröffentlichte das Unternehmen Rapid 7 einen Bericht über die Sicherheit von Baby-Überwachungsgeräten (engl. Baby-Monitor). Die Ergebnisse waren erschreckend. Alle Geräte verzeichneten Risiken auf der Ebene von Software-, Hard- und/oder Firmware. Was erschwerend dazu kam, ist die Art und Weise, wie die Hersteller auf die Sicherheitslöcher reagierten. Es schien sie wenig zu stören, dass z.B. die Audio- und Videodaten weltweit abgefangen werden können oder ihre Geräte Löcher wie Scheunentore in das heimische WLAN reissen.

Das Internet der Dinge ist eine schöne Sache. Da lauert viel Potenzial für Effizienz und Bequemlichkeit. Es ist ja auch toll: Endlich kann ich das Licht per App abschalten, ohne vom Sofa aufstehen zu müssen. Aber nur solange ich der Einzige bin, der die Fernbedienung in der Hand hat.

Hysterie oder Tatsache?

Europa ist ein Pulverfass. Zumindest entsteht dieser Eindruck angesichts der jüngsten Anschläge in Paris und Brüssel. Und wenn man den Drohungen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Glauben schenkt, werden noch weitere Anschläge folgen. Ob die Schweiz einst auch ein Ziel von Terroranschlägen sein wird, steht in den Sternen. Unser Staat kann versuchen, dies mithilfe moderner Technologien zu verhindern. Er kann den Datenverkehr überwachen, Daten daraus sammeln und diese auswerten. Nur: Wie weit darf er dabei gehen?

Schützt uns eine Überwachungskamera mehr als dass sie unsere Privatsphäre stört? (Quelle: flickr.com // Martin Abegglen // CC BY-SA 2.0)

Schützt uns eine Überwachungskamera mehr als dass sie unsere Privatsphäre stört? (Quelle: flickr.com // Martin Abegglen // CC BY-SA 2.0)

Im letzten halben Jahr haben der National- und der Ständerat zwei revidierte Gesetzesvorlagen verabschiedet: Letzten September die Vorlage zum revidierten Nachrichtendienstgesetz, das dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bessere Möglichkeiten zur Früherkennung von Verbrechen bieten soll. Und im März die Vorlage zum revidierten Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF).

Neue Kompetenzen und Möglichkeiten

Neu darf der NDB Telefone abhören, Räume verwanzen und in Computersysteme oder Netzwerke eindringen, also sogenannte Staatstrojaner einsetzen. Nach Aussagen verschiedener Politiker verfügt der NDB über zu wenige Kompetenzen, was es ihm scheinbar stark erschwert, Informationen mit den Nachrichtendiensten anderer Länder auszutauschen und somit an Informationen zu gelangen, die für die Schweiz wertvoll sein könnten.

Die Revision des BÜPF wiederum soll das Gesetz an die neuen technischen Entwicklungen anpassen. Damit will der Bund nicht mehr, sondern besser überwachen können, wie Simonetta Sommaruga immer wieder betont.

Widerstand gegen mehr Überwachung

Politische Gruppierungen, darunter die Digitale Gesellschaft Schweiz und die Piratenpartei Schweiz, haben gegen die beiden Gesetzesrevisionen das Referendum ergriffen. Sie sprechen von einer Massenüberwachung und einem unverhältnismässigen Eingriff in die Privatsphäre der Bürger. Das Referendum gegen das neue Nachrichtendienstgesetz ist bereits zustande gekommen. Das Volk wird also über die Gesetzesvorlage abstimmen können. Die Unterschriftensammlung gegen das BÜPF läuft hingegen erst seit ein paar Tagen.

Stellt sich die Frage, welche der beiden Seiten recht hat. Malen diese Gegner den Teufel an die Wand? Oder wollen uns der Bundesrat und das Parlament etwas unterjubeln, das uns zu Marionetten des Staats machen wird? Wird unser Leben künftig zu einem Spiessrutenlauf und zu einem Kampf um unsere Privatsphäre? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Nur die Zukunt wird uns zeigen, was wirklich passieren kann, sollten diese beiden Gesetzesrevisionen einst gültig sein.

Neue Möglichkeiten, neue Gefahren

Neue Technologien bieten neue Möglichkeiten, aber auch neue Gefahren. Letztlich wird immer wird immer wieder Menschen geben, die versuchen, unrechtmässig an sensible Daten zu gelangen. Regeln können gebrochen, Gesetze und Bestimmungen umgangen werden. Menschen machen Fehler, sei es absichtlich oder unabsichtlich. Und selbst das beste System kann nicht verhindern, dass diese Fehler passieren.

Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Insofern müssen wir wohl damit leben, dass die Sicherheit unserer privaten oder sensiblen Daten in der heutigen Zeit eine Illusion ist – und es vermutlich auch bleiben wird. Schützen können wir uns letztlich nur selbst – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Es sei denn, wir gehen komplett offline.

Zu Hause im Netz

Die kennen jetzt aber auch gar nichts mehr, diese Hacker. Jetzt haben die doch grad die Daten von 36 Millionen Kunden des Seitensprungportals Ashley Madison ins (Dark-)Netz gestellt – samt Bedienungsanleitung. So eine Kacke aber auch! Ich hoffe jetzt, Sie sind dort nicht auch dabei…

Ashley-Madison-690

Das mit der Diskretion versuchen wir noch mal von vorn, gell Ashley?

Mal ganz unsentimental: Solche Dienste erleichtern es einem Viertel oder – je nach Studie – einem Drittel der Menschheit, einem Bedürfnis nachzukommen, das zwar moralisch zweifelhaft, aber offensichtlich angeboren ist. Niemand braucht sich mehr hormongetrieben in viel zu lauten Clubs und Bars um Schlaf und Gesundheit zu bringen. Ein kurzer Besuch bei Ashley genügt – vorzugsweise via Handy, in der Strassenbahn zum Beispiel, unterwegs vom Büro ins traute Heim. Rasch Geschlecht, Zivilstand und sexuelle Ausrichtung eingegeben, und schon gibt’s ein paar Leckerli zum Gucken. Freilich, bevor das Abenteuer in Reichweite kommt, gilt es noch das üppige Registrierformular zu meistern, aber das sind wir uns ja gewohnt.

Solche Techtelmechtelmärkte ersparen einem allerlei ungelenken Smalltalk und Peinlichkeiten. Sie sind billig und vergleichsweise gesund, weil niemand dauernd Drinks spendieren und in sich hineinzuschütten braucht. Sie schonen die Nerven, weil sich keiner 10 mal blamieren muss, um 1 mal zu landen. Sie sind diskret, weil die Chance, beim Baggern vom Schwager ertappt zu werden, gegen null tendiert. Und so weiter. Sie sind also alles in allem eine saubere Lösung für eine schmuddelige Angelegenheit. Effizient, zielführend, zeitnah – wie der Manager zu sagen pflegt.

Und warum hackt man nun ausgerechnet diese Plattform? Wohl kaum aus moralischem Antrieb, wie die Jungs vorzuschieben versuchen. Wahrscheinlich einfach, weil sich die Gelegenheit bot und weil sie berühmt oder reich werden wollen oder beides. So läuft das, hier zu Hause im Netz.

Auch Kotzbrocken können die Wahrheit sagen

Als durchschnittlich normal erzogener Mensch wird man von den Eltern angehalten, seinen Mitmenschen positiv zu begegnen. Erst später merkt man dann, dass es einfach Leute gibt, denen man mit der Beschreibung Ohrfeigengesicht schlichtweg schmeichelt. Neulich begegnete ich einem solchen Kandidaten. Zum Glück nicht in Persona, nur virtuell, sodass ich mir nicht überlegen musste, ob ich mich jetzt strafbar mache…

Ein künstlicher Schneemann in einer englischen Telefonzelle.

Vielleicht waren die Hoffnungen auf Regulierung so deplaziert wie der Schneemann in der Telefonzelle.

That’s it? Cool!
Ich stolperte über folgendes Zitat (frei übersetzt): „Wenn mir jemand gesagt hätte, diese Snowden-Geschichte würde während zwei Jahren ein Alptraum sein, doch am Ende würde sich lediglich ändern, dass man für die Daten den Umweg über das Gericht gehen muss und die Daten würden dann von den Telefonanbietern gespeichert. Und das nach zwei Jahren. Dann hätte ich gesagt: Cool!

Dümmliches Lachen inklusive
Dieses an Arroganz und Respektlosigkeit gegenüber der Bevölkerung kaum zu überbietende Gelaber stammt von Michael Hayden, dem ehemaligen Direktor der NSA und später des CIA. In seinem hilflosen Versuch sich beim Publikum anzuwanzen hat nicht einmal das dümmliche Lachen gefehlt.  Während eines Interviews mit dem Wall Street Journal wähnte er sich wohl unter Seinesgleichen und glaubte sich nicht mehr verstecken zu müssen. (Die erwähnte Nummer dieses verhinderten Stand-up-Komikers gibt es hier zu sehen). Er hält übrigens Folter für eine „verschärfte Verhörmethode„, die wertvolle Erkenntnisse bringen kann.

Verpasste Chance
So unappetitlich Haydens verbaler Auswurf auch war, so hat er doch leider Recht. Zusammengefasst ist das die Quintessenz nach zwei Jahren Zeitungsmeldungen, Kommissionssitzungen und Skandalen. Gratulation: Der Berg hat eine Zwergmaus geboren! Und das ist besonders tragisch, da es sich bei diesem Teil unserer täglichen Bespitzelungsdosis, (der von Regierungen ausgeht) um den Teil handelt, der am einfachsten zu regulieren wäre.

Sammeln auf Teufel komm raus
Eigentlich gäbe es hierzu nichts mehr zu sagen. Trotzdem: noch zwei Kleinigkeiten mit auf den Weg. Viele Medien berichteten, das die NSA für ein paar Stunden die Aufzeichnung von Daten stoppen musste, weil der Patriot Act am 31. Mai 2015 nicht verlängert wurde. Leider ging völlig vergessen, dass mit dem Nachfolgegesetz (Freedom Act), der Patriot Act um sechs Monate verlängert wurde. Eine Übergangsmassnahme sozusagen. Ich würde wetten, dass die NSA in diesen sechs Monaten jetzt noch auf Teufel komm raus alles sammelt, was nicht niet- und nagelfest ist. Sofern noch mehr möglich ist.

Pseudo-Verschlüsselung: Die Hintertür zu deiner digitalen Privatsphäre

David Cameron hat es im Januar dieses Jahres als erster Politiker für europäische Ohren öffentlich thematisiert: Es darf keine toten Winkel im Kampf gegen den Terrorismus geben. Konkret darf in Grossbritannien die digitale Kommunikation nicht mehr so gut verschlüsselt werden, dass die Behörden nicht einsehen können. Er fragte damals rhetorisch in einer Rede: „[I]n our country, do we want to allow a means of communication between people which we cannot read?“ Ob er sich bewusst war, wie totalitär seine Forderung ist, kann ich nicht beurteilen. Er forderte damit schliesslich nur das Ende der sicheren Verschlüsselung und damit das Ende des letzten bisschen Privatsphäre, dass uns im Internet geblieben ist. Alles andere ist schon verloren.

Ein rostendes Schlüsselloch in einer Holztür.

Jede Hintertür hat auch einen Schlüssel um sie zu öffnen. Gibt es diesen, dann wird er zum ultimativen Ziel.

Dreiste und gefährliche Forderung
Cameron erntete für seine Aussagen in Expertenkreisen viel Kopfschütteln. Und dies aus zwei Gründen: Erstens verwenden Bösewichte keine Tools, die kompromittiert sind und zweitens würde es bedeuten, dass jegliche Verschlüsselungssoftware für Normalbürger unsicher wird.

Das wissen auch die Sicherheitsbehörden. Sie stellen sich einfach auf den Standpunkt, dass die Sicherheitsbranche schon ein Verfahren erfinden wird, mit dem die Schlüssel zu diesen Hintertüren sicher verwahrt werden können, ohne sie in einem Hochsicherheitstrakt verstecken zu müssen.  Da es diese Zauberlösung nicht gibt, haben 140 Tech-Unternehmen, Spezialisten und zivilgesellschaftliche Organisation einen offenen Brief an Präsident Obama geschrieben. Sie fordern von ihm, auf Hintertüren zu verzichten.

UNO meldet sich zu Wort
Obwohl selbst den Sicherheitsbehörden keine Lösung für das Schlüsselproblem bekannt ist, hat die Diskussion trotzdem Fahrt aufgenommen. In den USA sind sich die Sicherheitsbehörden einig: Wir brauchen das einfach. Die Sicherheit aller US-Amerikaner wäre sonst gefährdet! (Und mit Sicherheit kann man schliesslich alles begründen…).

Die ganze absurde Diskussion hat nun sogar die Uno auf den Plan gerufen. Sie hat vor wenigen Tagen in einem 18 Seiten starken Spezialbericht erklärt, dass Verschlüsselung und Anonymität Eckpfeiler des Rechts auf freie Meinungsäusserung im digitalen Zeitalter sind.

Es geht wahrscheinlich wieder einmal um Geld und Macht
Sind die Sicherheitsbehörden frech oder einfach nur dummdreist? Ich denke weder noch. In Wahrheit geht es ihnen wahrscheinlich eher darum, die Überwachung der Menschheit in den eigenen Händen zu behalten, denn in den USA wird zur Zeit im Parlament der Freedom Act verhandelt. Pikanterweise läuft der darauf hinaus, die Kompetenzen der Sicherheitsbehörden einzuschränken und die Erhebung der Daten teilweise in die Hände der Privatfirmen zu legen. Mit anderen Worten: Die Milliarden-Budgets der Behörden und Zehntausende von Arbeitsplätzen sind in Gefahr.

Tipp: Es lohnt sich, diese Anhörung des „Committee on Oversight & Government Reform anzusehen. Das ist schon nur deshalb faszinierend, weil man miterleben kann, wie die Sicherheitsbehörden versuchen sichere Verschlüsselung, etwa durch Apple, zur Kolaboration mit Gesetzesbrechern hochzustilisieren. Erschreckend ist auch die argumentative Hilflosigkeit der FBI-Vertreterin. Ausserdem erklärt ein Experte, warum Hintertüren gefährlich sind.

Künstliche Intelligenz – auf der Überholspur zur eigenen Obsoleszenz

Neben einer Walnuss liegt ein Zettel mit der Aufschrift Use your brain.

Haltung gesucht! Benutzen wir unseren Kopf, solange es ihn noch braucht.

Es hat nicht viel gebraucht. Der Aufruf von zahlreichen Wissenschaftlern, über die Zukunft und Sinnhaftigkeit von künstlicher Intelligenz nachzudenken, musste schnell dem nächsten seichten Trendthema weichen. Keine Ahnung was den Aufruf verdrängt hat, aber ich tippe mal auf irgendeine belanglose Unterhosen-Geschichte…

Es ist an uns, die Spielregeln zu setzen
Dabei sollten wir uns das Thema künstliche Intelligenz unbedingt mit einem fetten Edding 500 in die Agenda schreiben. Im Moment gleicht die Mehrheit der Bevölkerung dem Publikum eines Pferderennens. Auf der überdachten Tribüne stehend, schauen wir den Unternehmensgäulen zu, wie sie von Rendite-gesteuerten Investoren auf die Ziellinie zu gepeitscht werden. Problematisch an der Situationist ist, dass es keine Rolle spielen wird, auf welchen Gaul jeder von uns gesetzt hat, solange wir nicht die Position der Rennleitung übernehmen und eigene Spielregeln setzen.

Die Zeit läuft
Es geht nicht darum, das Terminator- oder Matrix-Szenario heraufzubeschwören. Auch liegt mir nicht daran, die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz in Abrede zu stellen. Das wäre auch aussichtslos, denn die PR-Durchlauferhitzer (aka. Medien) sind voll von den Segnungen dieser neuen Technik. Es wäre nur an der Zeit, sich, fernab von Hochglanzprospekten und netten Gadgets, langsam eine überlegte Haltung zuzulegen. Die Entwicklung schreitet rasend schnell voran.

Welche Rolle weisen wir Maschinen zu?
Wie wir Künstliche Intelligenz entwickeln können ohne uns damit selbst zu schaden kann ich nicht beurteilen. Ich stehe zuerst einmal noch vor der grundsätzlichen Frage: Kann ich Maschinen mit künstlicher Intelligenz als gleichberechtigten Partner in unserer Gesellschaft akzeptieren? Denn darauf läuft es grundsätzlich hinaus. Nein, mit dieser Frage übertreibe ich nicht. Was glauben Sie denn, wie lange sich Maschinen mit der Fähigkeit intelligent zu denken von uns Menschen noch rumschubsen lassen? Es gäbe so viele Fragen zu beantworten. Wenn wir das nicht bald schaffen, dann wird es jemand anderes gegen uns tun.

Zusätzliches Material (nicht so optimistische Stimmen):

Videogespräch mit James Barrat, Autor von „Our Final Invention: Artificial Intelligence and the End of the Human Era“

Videogespräch mit Nick Bostrom, Philosoph am St. Cross College, University of Oxford