Zuversicht

Hallo und willkommen im 2016. Was es uns wohl bringen mag? Ich jedenfalls wünsche Ihnen alles Gute, Berge von Likes und Horden von Followern. Die Chancen dafür stehen gut und mehr noch: Laut glaubhaften Quellen soll es insbesondere wirtschaftlich wieder rasant vorwärtsgehen. Der Bitcoin zum Beispiel wird ein wahres Kursfeuerwerk lostreten. Es werden endlich viele lahme Zeitungen hops gehen und durch agile Blogs ersetzt. Die IT-Multis werden wieder Gewinne scheffeln, die dem Staatsbudget eines durchschnittlichen osteuropäischen Landes entsprechen.

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

Aber auch für gute Unterhaltung wird gesorgt sein. Das Kalifat hat angekündigt, uns auch heuer via seinen Distributionspartner Youtube mit packenden Meuchelvideos zu versorgen. Pinterest will im Gegenzug und als Ausgleich sozusagen seine Abteilung für flauschige Haustiere massiv ausbauen. Und, noch eine gute Nachricht für die wachsende Gruppe der einfachen Gemüter: Die Weltorganisation der privaten TV-Sender hat mit grossem Mehr an ihrer letzten Vollversammlung beschlossen, dieses Jahr noch grössere Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, ihre Sendeformate frei von jeglicher geistigen Herausforderung zu halten.

Als religiös veranlagter Mensch und Konsument schöpft man Zuversicht aus der Prophezeiung, dass im Herbst die siebte Reinkarnation des iPhones erscheinen wird. Als Chinese, darf man sich auf den Fortschritt freuen, den Millionen von Uber-Fahrern übers Land bringen. Als Twitterer hat man es sowieso gut, weil einem Herr Trump dort weiterhin und noch verstärkt die Welt in 140 Zeichen erklären wird. Apropos: Das Darknet eröffnet demnächst einen Store, in dem willige Politiker zum Kauf angeboten werden.

Sie sehen: Die Welt liegt uns zu Füssen – treten wir drauf!

App-Empfehlung: Es gibt ihn noch – den Teletext

Es gibt Momente, da ernte ich Stauen, wenn ich meinem Gegenüber erklären muss, dass es auch vor der 20-Min-App schon aktuelle und kurze Nachrichten gab. Die fand man dann jeweils auf dem Ding, was man Fernseher nannte. Einen Knopfdruck entfernt erschloss sich jeweils die Nachrichtenwelt auf ca. 200 Bildschirmseiten und bot eine breite Palette von redaktionell zusammengestellten und bearbeiteten Kurznachrichten. Für alle, die sich nicht mehr erinnern oder noch nie diesen Knopf auf der Fernbedienung gedrückt haben: Das nennt sich Teletext.

Pro Sieben Teletext-Seite 703

Nicht nur Uschi, Rosi oder Chantal locken auf den Kontaktseiten der hinteren Teletextseiten der privaten Anbieter.

Schnell und störungsfrei
Und das Ding gibt’s immer noch. Der Teletext ist übrigens meine Empfehlung für alle, die sich schnell, effizient und abseits von Störgeräuschen (Bilder, nervige Werbeeinblendungen und gesponserte Pseudo-„Nachrichten“) informieren wollen. Und kennt man dann auch noch die Seitennummern, auf denen die Rubriken anfangen (110 Schweiz, 130 Ausland oder 180 Sport), dann ist der Teletext bezüglich Effizienz fast nicht zu überbieten. Leider nutzen nicht alle Sender ihren Teletext gleich gut. Deutsche Privatsender, zum Beispiel, pflegen dort Ramschwarenladen mit der Tendenz zur Zuhälterei – die kann man sich getrost ersparen.

Fernseher, Web und App
Der Schweizer Teletext ist da anders. Ausserdem gibt es auch für diejenigen eine Lösung, die keinen Fernseher haben oder nicht bis abends mit dem Nachrichten-Kurzfutter warten wollen: Der Schweizer Teletext, von der Firma swiss txt bereitgestellt, wird auch im Internet und als App angeboten. Ich habe sie installiert und nun liegt sie auf den Home-Bildschirm meines Telefons bereit für die sprichwörtliche Zigarettenpause.

Missbrauch durch Werbetreibende

Jfsoftbrainswiki

Ohne Kommentar, dafür mit Quellenangabe: John Fekner via Wiki Commons

Reden wir hier doch mal über eine Geissel der modernen Gesellschaft – über Fernsehwerbung. Haben Sie sich auch schon gefragt, warum es immer mehr davon gibt und warum die immer lausiger wird? Ein Bedürfnis vonseiten der Konsumenten scheint es hierfür jedenfalls nicht zu geben. Mit schöner Regelmässigkeit kommen ja Studien heraus, die zeigen, dass die Fernsehwerbung die verhassteste aller Werbeformen ist.

Gut, als Ökonom könnte man nun einwerfen, ohne Werbung gäbe es die heutige Vielfalt von Fernsehprogrammen nicht und vor allem nicht gratis. Schliesslich ernähren sich die Privatsender ja fast ausschliesslich davon. Wer aber redet hier bitte von Vielfalt? Auf allen Kanälen läuft ja dieselbe Melange aus Reality- und Casting-Shows. Überall regieren diese moralgetränkten Serien US-amerikanischen Zuschnitts, zaghaft ergänzt durch seichtestes Infotainment. Dann gibt’s noch Sport, ja klar, und ein paar Spartenprogramme für narzisstisch verbogene Köche etwa und ein wenig Kultur. Und all dies Zeugs gibt’s nur, weil es auch Werbung gibt. Ist das nicht faszinierend?

Vor ein paar Jahren sah es noch so aus, als könnten wir wenigstens der Werbung einigermassen entrinnen. Mit der Digitalisierung kam das zeitversetzte Fernsehen, das uns erlaubte die Werbeblöcke zu überspringen. Doch das Imperium schlug zurück und erfand die Countdown-Spots, die herunterzählen, wann man wieder hinsehen kann. Es ersann die Split-Screens, die bei laufendem Programm einen Teil des Bildschirms für den Missbrauch durch Werbetreibende öffnen. Mittlerweile gibt es auch Laufbandwerbung, die unten am Bildschirm durchläuft und so weiter und so fort. Sowas lässt sich nicht mehr überspringen. Da kann ich nur raten: Leute, vergesst den ganzen Gratisscheiss und lasst es streamen!

Billiger und schneller

tuttifrutti-k

Tutti Frutti, als es noch Dörrfrüchte hiess und nicht vom Privatfernsehen zum Geldscheffeln missbraucht worden war

Was ist bloss mit der NZZ am Sonntag los? Jetzt bietet die wirklich schon fast jedem libertären Eiferer der Nation eine Tribüne, um sein Geschwafel rund um die digitale Weltordnung abzusondern. Neulich war es ein gewisser René Scheu, „Philosoph und Herausgeber des liberalen Magazins Schweizer Monat“ . Der hält den öffentlichen Rundfunk ernsthaft für ein Relikt aus der „vordigitalen Zeit“– eine heilige Kuh namens Service Public, die dringend geschlachtet gehört.

Wie in staatszersetzenden Kreisen so üblich, verhöhnt er jene Politiker, die sich für das Schweizer Radio und Fernsehen einsetzen. Dabei geht es ihm eigentlich bloss darum, dass dessen Berichterstattung für seinen Geschmack zu wenig spiessig ist, weil es „keine Gelegenheit versäumt, gegen unterstellte Tendenzen politischer Abschottung aller Art mobil zu machen“. Überhaupt: Der Anteil der Unterhaltungsformate nähme laufend zu und „öffentlich-rechtliches und privates Fernsehen gleichen sich zunehmend an“. Ja nun, das ist kein Wunder, wenn man dem SRF dauernd am Budget herumstreicht und dafür den Privaten Jahr für Jahr Millionen an Gebührengeldern in den Rachen stopft.

Doch, was hat das mit der Digitalisierung zu tun? Dazu bemüht Herr Scheu den wissenschaftlichen Beirat des deutschen Finanzministeriums – also einen dieser Schäuble-Klubs. Der soll angeblich zum Schluss gekommen sein, dass es angesichts der „technischen Entwicklung keine triftigen Gründe mehr gibt, warum der Rundfunkmarkt wesentlich anders organisiert sein sollte als der Zeitungsmarkt. Also ohne qausistaatlichen Player.“

Abgesehen davon, dass der letzte Satz ein amputierter ist (wo bleibt das Korrektorat?): Dem guten Mann, scheint entgangen zu sein, dass die Zeitungen insgesamt Jahr für Jahr schlechter werden. Vielleicht nimmt er sich ja mal etwas Zeit und liest dazu bei Kurt Imhof selig nach. Der Massstab heute sind jedenfalls eiligst zusammengeklickte Pendlerzeitungen, die zu nicht viel mehr taugen, als dem Volk vorzugaukeln, es sei informiert, nachdem es selbige konsumiert hat. Auf dem Niveau bewegt sich auch das Gros der Privatsender und dort soll nun auch das SRF hin.

Was die Digitalisierung der Medien angeht: Die hat ja noch kaum einem wirklich gut getan – zumindest, was die journalistische Seite angeht. Wirtschaftlich gesehen sieht das natürlich anders aus. Mit digitalen Produktionsmitteln lässt sich das Geschmurgel, das uns vielerorts serviert wird, deutlich billiger, schneller und mit weniger Leuten produzieren als je zuvor. Das freut dann wenigstens die Investoren, nicht wahr, NZZ?