Verschiedene Welten

pixabay.com // Rupert Kittinger-Sereinig

Ein Nerd und ein technikfremder Mensch unterhalten sich.

Du, ich habe ein Problem.

Ja, welches denn?

Ich habe mehrere Mailadressen und muss die immer einzeln aufrufen. Vor allem diejenigen meiner Arbeits-Mailadresse. Das nervt.

Verstehe ich. Das kannst du aber ganz einfach lösen.

Echt, wie denn?

Du kannst dir einfach alle Mails auf ein einziges Mailkonto umleiten lassen. Dann musst du sie nur auf einem Konto aufrufen.

Oh, das wäre genial.

Ok, auf welche Adresse möchstes du denn deine Mails umleiten lassen?

Auf meine private Adresse.

Bei welchem Anbieter ist die?

Es ist eine gmail.com-Adresse.

Also eine Google-Adresse.

Wie?

Gmail ist der Mailservice von Google.

Ah … ja. Genau.

Ich schicke dir einen Link für eine Anleitung, ok? Ist ganz einfach.

Hmm … ja … ok.

(Zwei Wochen später)

Und, hast du dein Mailproblem lösen können?

Mmm … ich muss deine Anleitung noch lesen. Bin noch nicht dazu gekommen.

Es wirklich ganz einfach, du wist sehen. Du musst nur den Instruktionen folgen.

Ok.

Und wenn es wirklich nicht geht, rufst du mich an. Dann machen wir es auf meinem Notebook.

Auf deinem Notebook?!

Ja. Gibt es damit ein Problem?

Dann hast du aber Zugriff auf meine Mails. Das will ich nicht.

Nein, nein, du loggst dich einfach ein, wir machen das zusammen auf deinem Gmail-Konto und dann loggst du dich wieder aus. Ich werde danach keinen Zugriff auf deine Mails haben, weil du dich ja ausgeloggt hast. Und wenn du ganz sicher sein willst, löschen wir noch alle Cookies und den Browserverlauf und die Sache ist gebongt.

Ich verstehe kein Wort.

(Seufzt) Ich mag dir das jetzt nicht im Detail erklären. Aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich werde keinen Zugriff auf dein Mailkonto haben.

Ok. Ich versuchs jetzt mal noch mit der Anleitung, sonst rufe ich dich an.

Wir könnten es sonst auch noch anders machen.

Wie denn?

Du kannst alle deine Mails auf deinem Handy einrichten.

Ich möchte aber mein Arbeitsmail nicht auf meinem Handy bekommen.

Aber deine Mails von Gmail bekommst du auf deinem Handy?

Ja, die natürlich schon.

Wenn du aber deine Arbeitsmails auf deine Gmail-Adresse umleitest, wirst du sie dann auch auf deinem Handy haben.

Das verstehe ich jetzt nicht.

(Atmet tief ein und aus). Ich zeichne es dir auf. (Zeichnet eine Skizze) Siehst du, deine Arbeitsmails werden auf deinem Handy landen.

Das möchte ich nicht.

Dann kannst du sie aber nicht auf deine Gmail-Adresse umleiten lassen.

Das möchte ich aber.

(Rauft sich die Haare) Also, nochmal von vorn: Du willst deine Arbeitsmails in deinem Gmail-Konto erhalten, willst aber nicht das Mail deines Arbeitgebers auf deinem Handy einrichten?

Ja, genau.

(Der Nerd murmelt etwas Unverständliches)

Was hast du gesagt?

Nichts Wichtiges. Du, ich muss jetzt los. Du versuchst das mit der Anleitung und wenn es nicht geht, rufst du mich an. Ok?

Perfekt.

(Drei Wochen später)

Und?

Es funktioniert nicht. Ich bekomme irgendwie gar keine Mails mehr seit ein paar Tagen.

Hast du alles genauso gemacht, wie es in der Anleitung steht?

Wort für Wort. Ich schwöre.

Ok, wir schauen uns das jetzt zusammen an.

(30 Minuten später)

Ich weiss nicht genau, was du gemacht hast. Aber jetzt funktioniert es auf jeden Fall. Wir machen jetzt einen Test. Ich schreibe dir auf deine Arbeitsadresse ein Mail und dann sehen wir, ob du sie auf deinem Handy auf deiner Gmail-Adresse bekommst.

(Schickt das Mail)

Und?

Ja. Es funktioniert!

Na siehst du.

Und wie hast du das jetzt genau gemacht?

Ich zeigs dir.

(Zeigt den Ablauf)

Das war so einfach? Das hätte ich ja selbst auch gekonnt.

Das sage ich dir ja die ganze Zeit!

Einkauf mit Hindernissen

Es ist Abend und die Warteschlange vor den vier Self-Checkout-Automaten im Coop ist lang. Als ich an der Reihe bin, gehe ich zum leeren Checkout, um meine Einkäufe einzuscannen. Doch da sehe ich, dass dort eine Flasche Eistee liegt, zusammen mit einer Packung Kaugummis. Der Bildschirm meldet, dass noch 40 Rappen fehlen, um den Einkauf abzuschliessen.

flickr.com / slgckgc / CC BY 2.0

Ich versuche den verlorenen Käufer ausfindig zu machen. Da kommt er schon um die Ecke: ein Junge, etwa sieben Jahre alt. Ihm fehlen nicht 40, sondern nur 5 Rappen, denn 35 Rappen hält er in seiner Hand. Bis ich das aber verstehe, vergeht eine Weile. Schliesslich zahle ich ihm den fehlenden Betrag und er bedankt sich überschwänglich und geht. An der Kasse hätte man ihm die 5 Rappen wahrscheinlich durchgehen lassen. Oder einer der Kunden hätte sie ihm gezahlt. Aber ein Checkout-Automat versteht da keinen Spass.

Die Warteschlange ist inzwischen um einiges länger geworden.

Zwei von vier stehen still

Nach etwa fünf Minuten fällt mir auf, dass der Checkout-Automat rechts neben mir frei ist. Eine Frau steht zuvorderst in der Warteschlange und starrt gedankenverloren ins Leere. Ich winke ihr zu, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie eigentlich an der Reihe wäre. Doch sie schüttelt nur den Kopf und erklärt, der Checkout-Automat funktioniere nicht.

Ich beuge mich zum Bildschirm des Automaten hinüber. Dort steht „Papierrolle leer“. Die gedankenverlorene Frau macht mich darauf aufmerksam, dass ein zweiter Checkout-Automat hinter mir ebenfalls eine Fehlermeldung anzeigt und nicht mehr funktioniert. „Ich habe schon nach Hilfe gerufen, aber niemand kommt“, meint sie schulterzuckend.

Zwei von vier Checkout-Automaten sind also ausser Betrieb. Etwa zehn Menschen stehen stoisch in der Warteschlange und niemand regt sich.

Ich erkläre der nächstbesten Kassiererin die Situation. Welcher der vier Automaten denn kaputt sei, will sie wissen. Ich verstehe nicht, wieso das relevant sein soll und mache eine vage Handbewegung zur Seite: „Na, die beiden dort drüben halt“, antworte ich, inzwischen leicht genervt.

Sie bittet eine Kollegin um Hilfe und ich fahre fort, meine Einkäufe zu scannen.

Keine zweite Runde mehr

Als ich meine drei Avocados einpacken will, merke ich, dass eine davon faul ist. Neben mir steht inzwischen eine Coop-Mitarbeiterin und wechselt die Papierrolle. Ich mache sie auf mein Avocado-Problem aufmerksam und frage sie höflich, ob ich ihr die faule Avocado geben könne und mir stattdessen nach dem Zahlvorgang im Früchteregal eine neue holen könne. Sie schüttelt den Kopf und erklärt mir, ich solle die Avocado einfach löschen, mir dann eine neue holen und erneut anstehen, um diese zu zahlen. Wie zur Bestätigung löscht sie mir ungefragt die dritte Avocado auf meinem Bildschirm.

Da reisst mir der Geduldsfaden. „Hören Sie, ich zahle jetzt drei Avocados, packe zwei davon ein und hole mir nachher eine dritte. Ich stehe hier nicht noch einmal an. Und diese hier nehmen Sie bitte mit.“ Ich drücke ihr die faule Avocado in die Hand, sie starrt mich wortlos an und sagt nichts mehr. Vermutlich fragt sie sich, was mit mir los ist. Sie weiss nicht, dass ich seit einer gefühlten halben Stunde an diesem Checkout stehe und versuche, meinen Einkauf zu Ende zu bringen.

Als ich endlich zahlen könnte, erscheint eine Meldung auf meinem Bildschirm: „Altersüberprüfung“. Ich stöhne innerlich auf. Ich habe zwei Flaschen Bier gekauft. Natürlich. Glücklicherweise steht die Verkäuferin immer noch neben mir und bringt die Sache wortlos in Ordnung. Sie vermeidet es, mich dabei anzusehen und ich fühle mich schlecht, weil ich sie vorhin so angefahren habe.

Endlich kann ich zahlen, packe meine Einkaufstüten und gehe zurück zum Früchteregal. Dort hole ich mir die schönste Avocado, die ich finden kann. Als ich zum Ausgang laufe, erwarte ich halbwegs, dass mich ein Mitarbeiter stoppt und mich fragt, ob ich die Avocado nicht zahlen will. Aber niemand beachtet mich und ich verlasse den Laden.

Bis zu diesem Tag habe ich Self-Checkout-Automaten gemocht.

Überflutet

Es gibt sie noch. Die Menschen, die weder ein Handy noch einen Internetanschluss besitzen. Die keine Ahnung haben, was ein „Like“ oder ein Hashtag ist und wofür Xing gut sein soll. Beziehungsweise, dass Xing überhaupt existiert. Oder Whatsapp.

Bild: Janine Aegerter

Ich kenne einen von ihnen. Er nutzt das Internet etwa einmal im Monat, um auf Youtube Musikvideos zu hören. Von den Stones. Oder Chuck Berry. Das macht er aber nicht daheim. Denn er hat zu Hause keinen Internetanschluss. Hätte er einen, würde es ihm „den Ärmel reinziehen“, wie er selbst sagt. Er würde Stunden damit verbraten, sich Videos anzusehen. Er fürchtet sich davor, sich in den unzähligen Verweislinks auf Youtube zu verlieren.

Geniessen, aber nicht zu lange
So lässt er sich lieber ein, zwei oder drei Stunden berieseln, bis er merkt, dass er aufhören muss. Dann reisst er sich los und geht heim. Meistens kocht er dann oder spielt auf seiner Gitarre, um wieder zurück auf den Boden zu kommen. Das braucht er auch. Denn diese Ausflüge in die Tiefen des mächtigen Videoportals sind für ihn sehr gefährlich. Sagt er.
Ich habe ihm das lange nicht geglaubt. Bis ich ihn einmal während einer seiner Youtube-Sessions getroffen habe. Seine Augen strahlten, waren aber gleichzeitig seltsam starr, als wäre er auf einem Drogentrip. Er wirkte nicht wie er selbst, sprach viel schneller als sonst. Er schwärmte von der Musik, sagte, sie transportiere ihn in seine Jugendzeit zurück.
Seine alten Erinnerungen wurden wieder wach, er sah wieder die Mädchen vor sich, für die er damals geschwärmt hatte und fühlte sich, als wäre er wieder 15. Sein Hirn, von Glückshormonen überflutet, versetzte ihn in eine Art Trance. Die Informationsflut, die ihm entgegenfloss, hielt ihn gefangen. Er hat nie gelernt, mit den Reizen des Internets umzugehen. Oder sie zu ignorieren. Als wäre er aus den Fünfzigerjahren in die Zukunft gereist.
Sind wir alle überflutet?
Auch ich bin manchmal gefangen vom Bildschirm meines Handys. Wenn ich es bemerke, schaue ich mich um und sehe dann oft ganz viele Menschen um mich herum, die auch von ihren Handys gefesselt sind. Dann verstehe ich ein bisschen besser, was er meint, wenn er sagt, dass das Internet für ihn gefährlich ist. Es ist für uns alle gefährlich, bis zu einem gewissen Grad. Das Internet ist zu einer Art Droge für die Massen geworden.
Aber pragmatisch betrachtet ist es wie mit Schoggi: Jeden Tag ein bisschen ist kein Problem. Solange wir noch miteinander reden und lachen, Flausen im Kopf haben, füreinander kochen und die Natur geniessen, haben wir nichts zu befürchten.

Eine Telefonkabine als Bücherschrank

Am Bahnhof Rheinfelden, neben dem Wartehüsli auf dem Perron des Gleis 3 und 4, steht eine Telefonkabine. Sie trägt den Namen „Stadtbibliothek Gleis 9 ¾“, in Anlehnung an die Geschichten von Harry Potter. In dieser Telefonkabine befinden sich Bücher. Es sind ausgeschiedene Bücher der Stadtbibliothek Rheinfelden. Und private Bücher von Passanten. Alle kann man sie gratis mitnehmen. Und natürlich kann man auch Bücher dort hinterlassen oder tauschen.

Book

Quelle: flickr.com // superscheeli // CC BY-SA 2.0

Passanten, die auf den Zug warten, können sich so mit Lesen die Zeit vertreiben, bis ihr Zug kommt oder bis sie an ihrem Ziel ankommen. Oder sie können den Krimi, den sie eben zu Ende gelesen haben, mit einem Liebesroman tauschen. Falls sie das wollen.

Angebot wechselt regelmässig

Die Stadtbibliothek Rheinfelden hat das Angebot mit der Telefonkabine lanciert. Isabelle Cladé, Stellvertreterin der Bibliotheksleiterin, bezeichnet es als „dynamischen Ort“. Sie sieht auf dem Nachhauseweg oft Leute in der Telefonkabine schmökern oder wird direkt von ihnen angesprochen. „Bücher die ich heute reinstelle, sind bis morgen weg. Das Angebot sieht jeden Tag anders aus“, sagt sie.

Der Bibliothek selbst bringt das nicht unbedingt mehr Kunden. Lediglich ein einfaches Infoblatt weist darauf hin, wer hinter der Idee mit der „Bücherkabine“ steckt. Aber das Angebot bereitet Menschen eine Freude. Und ergänzt damit die grosse Auswahl von E-Books, Online-Medien und Zeitungen, in der wir manchmal zu versinken drohen.

Und damit wäre dann wohl auch die Frage geklärt, was dieser Beitrag eigentlich in diesem digitalen Blog zu suchen hat.

P.S. Es gibt ganz viele ähnliche Angebote wie dasjenige in Rheinfelden: Die Kantonsbibliothek Liestal bietet im Sommer Bücher zur Ausleihe in der Badi an. Die Bieler Stadtbibliothek ebenso – und zwar zweisprachig. Weiter gibt es in Biel direkt am Seeufer den „Schronk“ und in der Altstadt am Juraplatz eine mit Büchern gefüllte, ausrangierte Telefonkabine. In Basel gibt es am Voltaplatz einen Bücherkasten. Und nicht zuletzt findet man in den Freibädern von Zürich Bücherregale mit Büchern, die man entweder ausleihen oder mitnehmen kann. Mehr Infos unter buchort.ch und Wikipedia.

Der wohl coolste Schweizer Billetautomat

Es gibt sie noch, die alten Billettautomaten, die Erinnerungen an vergangene Tage wecken. Einer davon steht in Altmatt, im Kanton Schwyz. Er heisst Handomat und gehört zur Südostbahn (SOB). Funktionieren tut er folgendermassen: Man wirft einen Geldbetrag ein und nimmt eine Fahrkarte. Diese entwertet man an einem anderen Automaten gleich daneben.

Handomat

So sieht er aus, der Handomat in Altmatt. Quelle: flickr.com // Kecko // CC BY 2.0

Soweit so gut.

Nur: Der Handomat ist eigentlich eine Billetbox (siehe Bild). Er hat weder einen Touchscreen, noch kann man mit der Karte oder mit dem Handy zahlen. Er schluckt nur Münz. Und dabei ist er nicht mal zimperlich. Man könnte theoretisch einen falschen oder gar keinen Betrag einwerfen, sein Billet würde man trotzdem bekommen. Denn der Handomat druckt keine Fahrkarten, sondern das Personal der SOB füllt den Billetstapel unten rechts an der Box regelmässig auf. Das Ganze beruht also auf dem Ehrlichkeitsprinzip. Den Fahrtpreis kann man übrigens an der Infotafel neben dem Handomat ablesen (auch das sieht man noch knapp im Bild).

Allerdings ist so ein Billet auch nur bis zum  nächsten Knotenpunkt gültig, also bis Arth-Goldau oder Biberbrugg. Das sind vier Kilometer in die eine und achtzehn Kilometer in die andere Richtung. Insofern spart man nicht viel, wenn man den Handomat, beziehungsweise die SOB, betrügt.

Vom Aussterben bedroht

Laut Meinrad Schmid von der SOB ist der Handomat seit ca. acht Jahren in Betrieb. Aber früher oder später droht ihm das Ende, da Reisende ihre Billetts inzwischen online – also via Handy, PC oder App – beziehen können. Das gleiche gilt für seinen Schicksalsgenossen, den Handomat bei der Haltestelle Biberegg zwischen Rothenthurm und Sattel.

Aber wieso gibt diese Handomaten überhaupt? Es sei ein einfaches System, das bei den Kunden keine Fragen auslöse, erklärt Schmid. Zudem sei es sehr kostengünstig im Gegensatz zu „Billettautomaten mit vollständigem Billettsortiment“. Diese seien sehr teuer, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt und stünden bei Kleinst-Haltestellen in keinem Kosten- /Nutzenverhältnis. Klingt einleuchtend.

Cool und schweizerisch zugleich

Leider habe ich ihn selbst noch nie gesehen, den Handomat. Aber ein Deutscher, der seit einigen Jahren in der Schweiz lebt, hat mir von ihm erzählt. Er nennt ihn den „wohl coolsten Schweizer Fahrkartenautomaten“ und findet ihn wundervoll schweizerisch. Wenn das mal kein Kompliment ist.

Hysterie oder Tatsache?

Europa ist ein Pulverfass. Zumindest entsteht dieser Eindruck angesichts der jüngsten Anschläge in Paris und Brüssel. Und wenn man den Drohungen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) Glauben schenkt, werden noch weitere Anschläge folgen. Ob die Schweiz einst auch ein Ziel von Terroranschlägen sein wird, steht in den Sternen. Unser Staat kann versuchen, dies mithilfe moderner Technologien zu verhindern. Er kann den Datenverkehr überwachen, Daten daraus sammeln und diese auswerten. Nur: Wie weit darf er dabei gehen?

Schützt uns eine Überwachungskamera mehr als dass sie unsere Privatsphäre stört? (Quelle: flickr.com // Martin Abegglen // CC BY-SA 2.0)

Schützt uns eine Überwachungskamera mehr als dass sie unsere Privatsphäre stört? (Quelle: flickr.com // Martin Abegglen // CC BY-SA 2.0)

Im letzten halben Jahr haben der National- und der Ständerat zwei revidierte Gesetzesvorlagen verabschiedet: Letzten September die Vorlage zum revidierten Nachrichtendienstgesetz, das dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bessere Möglichkeiten zur Früherkennung von Verbrechen bieten soll. Und im März die Vorlage zum revidierten Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF).

Neue Kompetenzen und Möglichkeiten

Neu darf der NDB Telefone abhören, Räume verwanzen und in Computersysteme oder Netzwerke eindringen, also sogenannte Staatstrojaner einsetzen. Nach Aussagen verschiedener Politiker verfügt der NDB über zu wenige Kompetenzen, was es ihm scheinbar stark erschwert, Informationen mit den Nachrichtendiensten anderer Länder auszutauschen und somit an Informationen zu gelangen, die für die Schweiz wertvoll sein könnten.

Die Revision des BÜPF wiederum soll das Gesetz an die neuen technischen Entwicklungen anpassen. Damit will der Bund nicht mehr, sondern besser überwachen können, wie Simonetta Sommaruga immer wieder betont.

Widerstand gegen mehr Überwachung

Politische Gruppierungen, darunter die Digitale Gesellschaft Schweiz und die Piratenpartei Schweiz, haben gegen die beiden Gesetzesrevisionen das Referendum ergriffen. Sie sprechen von einer Massenüberwachung und einem unverhältnismässigen Eingriff in die Privatsphäre der Bürger. Das Referendum gegen das neue Nachrichtendienstgesetz ist bereits zustande gekommen. Das Volk wird also über die Gesetzesvorlage abstimmen können. Die Unterschriftensammlung gegen das BÜPF läuft hingegen erst seit ein paar Tagen.

Stellt sich die Frage, welche der beiden Seiten recht hat. Malen diese Gegner den Teufel an die Wand? Oder wollen uns der Bundesrat und das Parlament etwas unterjubeln, das uns zu Marionetten des Staats machen wird? Wird unser Leben künftig zu einem Spiessrutenlauf und zu einem Kampf um unsere Privatsphäre? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Nur die Zukunt wird uns zeigen, was wirklich passieren kann, sollten diese beiden Gesetzesrevisionen einst gültig sein.

Neue Möglichkeiten, neue Gefahren

Neue Technologien bieten neue Möglichkeiten, aber auch neue Gefahren. Letztlich wird immer wird immer wieder Menschen geben, die versuchen, unrechtmässig an sensible Daten zu gelangen. Regeln können gebrochen, Gesetze und Bestimmungen umgangen werden. Menschen machen Fehler, sei es absichtlich oder unabsichtlich. Und selbst das beste System kann nicht verhindern, dass diese Fehler passieren.

Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Insofern müssen wir wohl damit leben, dass die Sicherheit unserer privaten oder sensiblen Daten in der heutigen Zeit eine Illusion ist – und es vermutlich auch bleiben wird. Schützen können wir uns letztlich nur selbst – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Es sei denn, wir gehen komplett offline.

Analoge Welt

Ich bin kürzlich umgezogen und habe neu eine Waschkarte, die ich mit Geld laden muss. Da ich dieses Vorgehen bisher nicht kannte, war ich neugierig, wie es genau funktioniert. Im heutigen digitalen Zeitalter hätte ich erwartet, dass ich die Karte beispielsweise über einen Automaten laden kann, den ich mit Geld füttere. Aber nichts dergleichen.

Wie man hier wohl bezahlen muss? Mit Münz? Quelle: flickr.com // Thomas Wanhoff // CC BY-SA 2.0

Wie man hier wohl bezahlen muss? Mit Münz? Quelle: flickr.com // Thomas Wanhoff // CC BY-SA 2.0

Stattdessen muss ich mit der Hauswartin Kontakt aufnehmen. Sie kommt einmal die Woche vorbei, um das Treppenhaus zu reinigen. Und um allfällige Karten zu laden. Das Problem dabei: Sie kommt nicht immer am gleichen Tag. Hürde Nummer eins: Ich muss sie erst anrufen, um den richtigen Tag zu erwischen. Am entsprechenden Tag lege ich dann die Karte mitsamt dem Geld in den Milchkasten, damit sie sie aufladen kann. Hürde Nummer zwei: Dieses Geld kann theoretisch gestohlen werden. 

In Zehnerschritten

Glücklicherweise begegnete ihr gestern im Treppenhaus, so dass ich den Umweg über den Milchkasten vermeiden konnte. Leider musste ich aber erst zum Bancomat und danach wieder zurück, um ihr das Geld eigenhändig in die Hand zu drücken. Damit sind wir schon bei Hürde Nummer drei: Bargeldlose Bezahlung funktioniert nicht.

Sie nahm das Geld und lud meine Karte auf, indem sie eine zweite, eigene Karte hervorzauberte und diese in den Kartenautomaten bei der Maschine steckte. Jedes Mal, wenn sie erst ihre Karte einsteckte und danach meine, stieg der Betrag auf meiner Karte um 10 Franken. Da ich ihr 100 Franken gezahlt hatte, wiederholte sie den ganzen Vorgang zehnmal. In einer Seelenruhe, ohne das geringste Zeichen von Ungeduld. Ich stand daneben und traute kaum meinen Augen.

Formular und Geld per Post

Danach füllte sie in der gleichen Geschwindigkeit ein Formular für die Verwaltung aus. Ich erhielt das Doppel, das Original war für die Verwaltung gedacht, zusammen mit dem Bargeld. Keine Spur von papierlosem Büro.

Immerhin habe ich ihr inzwischen die Handynummer abgeluchst, damit ich ihr allenfalls auch ein SMS schreiben kann, wenn ich meine Karte mal wieder laden muss. Gott sei Dank hat die Frau ein Handy.

Zu viel des Guten

Kürzlich bin ich einen modernen Mercedes E500 gefahren. Das war kein Auto. Sondern ein fahrender Computer. Als ich den Motor startete, straffte sich der Gurt automatisch und drückte mich in den Sitz zurück. Einen Schaltknauf gabs keinen. Die Gangschaltung funktionierte automatisch. Genau wie die Scheinwerfer. Fuhr ich in einen Tunnel, leuchteten sie auf. Verliess ich den Tunnel, schalteten sie sich wieder aus.

Das Steuerrad vibrierte, wenn mein Reifen den Fahrstreifen touchierte. Das Auto bremste automatisch ab, sobald ich dem vorderen Wagen zu dicht auffuhr. Wollte ich ihn überholen, warnte mich ein rotes Dreieck im Seitenspiegel, falls gerade kein guter Zeitpunkt war, um nach links auszuscheren. Ignorierte ich das Dreieck, weil es meiner Ansicht nach zu lange leuchtete, erklang ein durchdringender Warnton, der Tote geweckt hätte. Ein ähnlich nerviger Ton erklang, wenn ich im menschenleeren Parkhaus den Gurt bereits gelöst hatte und nur noch kurz meine Position korrigieren wollte.

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Gute alte Zeiten

Wehmütig denke ich an den guten alten Peugeot 205 zurück, den ich früher ab und zu gefahren bin: Er war handgeschaltet, ohne jeglichen Schnickschnack. Alles funktionierte mechanisch. Selbst die Scheiben musste ich von Hand runterkurbeln.

Aber zugegeben: Das Gefährt war auch sehr alt. Nach einer langen Winternacht brauchte es einige Geduld, um den Motor zu starten. Ohne Choke war da nichts zu machen. Auf der Autobahn musste ich den Motor süferli aufwärmen, damit er auf seine 110 Stundenkilometer kam. Und bei 120 Stundenkilometern hatte ich das sichere Gefühl, das Auto würde bald auseinanderfallen.

Technik ja, aber …

Ich habe nichts gegen moderne und schnelle Autos. Technische Spielereien sind wunderbar, sofern sie mir das Leben erleichtern. Auch ich war schon froh um einen Tempomat, wenn ich auf einem US-Highway 350 Meilen geradeaus fahren musste und den Fuss vom Gaspedal nehmen konnte. Bei 45 Grad Celsius Aussentemperatur habe ich durchaus nichts gegen eine Klimaanlage im Auto einzuwenden. Letztlich kann ich den ganzen technischen Schnickschnack ja auch ausschalten, wenn er mich zu sehr aufregt.

Aber mich stört, wenn ein Auto darauf aufgelegt ist, mir das Denken abzunehmen. So wie bei den sogenannten „connected cars“ der Zukunft. Diese sollen den Handy-Kalender des Fahrers auslesen und ihm mitteilen, ob er es noch rechtzeitig zu seinem Termin schaffen wird oder ob er nicht vielleicht eine Abkürzung nehmen sollte. Selbstverständlich berechnet vom Online-GPS-System, das genau über alle aktuellen Baustellen Bescheid weiss. Oder es erinnert den Fahrer an sein Sporttraining nach der Arbeit und registriert womöglich mithilfe des Gewichtssensors auf dem Rücksitz, dass sich die Sporttasche nicht an ihrem üblichen Platz befindet.

Ich besitze kein Auto. Habe nie eins besessen. Aber wenn ich eins hätte, dann müsste es mindestens 20 Jahre alt sein. Ein bisschen Elektronik ist gut. Aber fahren, schalten und denken möchte ich immer noch selbst.

Tickets per Knopfdruck? Nö.

Automaten sind manchmal ein wahrer Segen. Zum Beispiel in der Migros, wenn ich bezahlen will. Dort habe ich die Wahl: Ich kann entweder Schlange stehen. Der Kassiererin (oder dem Kassierer) dabei zusehen, wie sie meine Waren nacheinander über den Scanner schiebt. Zuhören, wie sie mir im immer gleichen monotonen Tonfall die immer gleichen Fragen stellt: „Haben Sie die Cumulus-Karte?“, „Wollen Sie ein Säckli?“, „Sammeln Sie Bons?“ Danach hektisch meine Einkäufe einpacken, weil hinter mir schon wieder der nächste wartet. Oder ich scanne meine Einkäufe selbst, packe sie in Ruhe ein und muss keine nervigen Fragen beantworten.

Kino

Quelle: flickr.com // Antonello Tanteri // CC BY-NC-ND 2.0

Was in der Migros und im Coop funktioniert, hat aber noch nicht überall Einzug gehalten. Im Kino beispielsweise stehe ich immer noch Schlange, um mein Ticket zu kaufen (es sei denn, ich kaufe es online). Das Schlimme dabei: Ich muss mich als Kinogängerin mit einem Nicht-Touchscreen rumschlagen, auf dem mir die nette Dame auf der anderen Seite die freien Plätze anzeigt. Unzählige Male an diesem Abend sagt sie: „Die Leinwand ist gelb. Die gelben Plätze sind noch frei, die blauen besetzt“.

Statt dass ich meine Plätze per Touch auswählen kann, muss ich ihr erklären, wo ich gerne sitzen möchte. Was durchaus zu Missverständnissen führen kann. Hinzu kommt, dass es Menschen gibt, die sich nicht entscheiden können, was die Warteschlange verlängert: „Wo möchtest du sitzen, Schatz? Ach nein, das ist zu weit vorne. Wollen wir nicht lieber dort drüben hin?“ Oder so ähnlich.

Automaten im Kino?

Wieso also, liebe Kinobesitzer, stellt ihr nicht einfach ein paar Automaten auf? Dann könnte sich jeder selbst bedienen und sein Ticket auf dem Screen auswählen. Es gäbe vermutlich keine langen Schlangen mehr. Jeder könnte in seinem Tempo sein Ticket kaufen.

Aber klar, so einfach ist es nicht. Ein solches System muss damit umgehen können, wenn fünf Personen praktisch zeitgleich den gleichen Platz auswählen. Ganz billig wird es auch nicht sein. Und als wäre das nicht genug, muss sich das betreffende Kino dann vermutlich den Vorwurf gefallen lassen, es wolle nur Arbeitsplätze sparen. Wie Migros und Coop auch.

Trotzdem – wären wir nicht alle letztlich glücklicher damit? Die Frau hinter der Kasse genauso wie der Kinogänger? Wer Zweifel hegt, sollte dieses Buch hier lesen. Und sich an einem Samstagabend kurz vor Filmbeginn in einer grösseren Schweizer Stadt ein Kinoticket kaufen. Viel Spass auch.

Offline

Neulich war ich an ein Fest auf dem Land eingeladen. Zwar nur knapp eine halbe Stunde von Zürich entfernt, aber es fühlte sich an, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Inmitten von Hühnern und Schafen spielten Bands aus der ganzen Schweiz, mit Kontrabass, Akkordeon und Geige inklusive. Ein Mini-Musik-Festival. Um mich herum wuselte eine bunte Mischung aus geschminkten und verkleideten Hippies, Veganern und Kindern. Menschen, denen gelebtes Glück wichtiger ist als eine dicke Geldbörse.

Baum

Es kann nicht schaden, zwischendurch eine andere Perspektive einzunehmen. (Quelle: flickr.com // CC BY-NC-ND 2.0 // Philipp Zieger)

Das an und für sich war schon speziell genug. Aber etwas anderes fiel mir auf: Niemand hatte ein Handy in der Hand. Niemand starrte auf einen Bildschirm. Niemand schrieb Mails. Niemand smste. Niemand telefonierte. Wobei, ein paar wenige Handys blitzten schon ab und zu auf. Aber die durften lediglich als digitales Fotoalbum herhalten oder als Kamera für ein Gruppenbild. Keine Selfies weit und breit.

Ein einziges Mal linste ich an diesem Abend auf mein Handy und fühlte mich dabei abgrundtief schlecht. Zwar beobachtete mich niemand dabei, aber es fühlte sich einfach falsch an. Schliesslich gab es gute Musik, schöne und bunte Kostüme und veganes Essen in Hülle und Fülle. Die Desserts waren zwar nicht gerade der Hammer –  kein Wunder, wenn man weder Rahm noch Milchschokolade noch Eier nutzen kann, aber trotzdem Schoggikuchen anbieten will. Aber das ist eine andere Geschichte.

Daher mein Vorschlag: Schlüpfen Sie mal einen Tag lang in die Rolle eines Hippies und finden Sie heraus, wie sich das anfühlt. Am besten zusammen mit einer Gruppe von Gleichgesinnten. Die Kleider müssen Sie dafür nicht wechseln. Es reicht, wenn Sie Ihr Handy in der Ecke liegen lassen und sich Ihren Pflanzen widmen. Oder etwas Feines kochen – es muss ja nicht gerade vegan sein (und wenn doch, lassen Sie Ihren Gästen zuliebe den Schoggikuchen vielleicht besser weg). Gehen Sie ganz einfach offline. Und nehmen Sie die Welt um sich herum wieder mal mit Ihren eigenen Augen wahr.