Ticketkauf auf Italienisch

Ich war kürzlich am Bahnhof Milano Centrale und wollte ein Metro-Tagesticket für die Innenstadt lösen. Vor dem Eingang zur Metro standen ein paar Ticketautomaten, die Bargeld sowie EC- oder Kreditkarten akzeptierten. Vor einigen Automaten hatten sich Warteschlangen gebildet.

Ein leeres Perron des Bahnhofs Milano Centrale (Bild: flickr.com // Nathan Guy // CC BY-SA 2.0).

Ich ging zu einem freien Automaten, klickte mich durch das Menü, schob die Karte in den Schlitz und tippte meinen Code ein. „Vorgang nicht ausgeführt“, hiess es auf Italienisch auf dem Display. Da ich wusste, dass mit der Karte alles in Ordnung war, versuchte ich es ein zweites Mal an einem anderen Automaten. Fehlanzeige.

Keine grossen Noten

Ich versuchte es ein drittes Mal, diesmal mit Bargeld. Münzen hatte ich keine, nur eine 50-Euro-Note. Leider wollte der Automat partout keine grosse Note schlucken. Als ich mich umsah, fiel mir auf, dass die Personen an den anderen Automaten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen schienen. Die Warteschlangen waren auch länger geworden. Eine Frau, möglicherweise eine Angestellte der Metro, wuselte zudem zwischen den Menschen hin und her und versuchte hektisch ihnen zu erklären, wie sie den Automaten bedienen sollten. Ihre Erklärungen schienen allerdings nicht zu fruchten.

Ich beschloss, meine Geldnote am nahen Kiosk zu wechseln. Also schnappte ich mir einen Kaugummi und streckte ihn dem Kioskverkäufer zusammen mit dem Geld entgegen. Statt die Note zu nehmen, hielt er mir ein Bündel Tickets unter die Nase. „Brauchen Sie noch Metrotickets?“ Und ob ich die brauchte.

Einsame Ticketautomaten

Gleicher Bahnhof, ein paar Stunden später. Mein Zug würde in einer halben Stunde fahren und ich musste noch ein Ticket für die Rückreise in die Schweiz besorgen. Vor den Ticketschaltern stand eine lange Warteschlange. Falls ich mich in die Schlange einreihte, würde ich es nicht schaffen, bis zur Abfahrt meines Zuges ein Ticket zu kaufen.

Etwas weiter hinten in der Halle standen einsam ein paar Ticketautomaten. Entweder funktionierten sie ähnliche schlecht wie ihre Cousins in der Metrohalle oder die Italiener mochten es, mit einem Menschen hinter dem Schalter zu plaudern. Ich musste mein Glück versuchen. Es blieb mir eh nichts anderes übrig. Und siehe da. Der Automat funktionierte problemlos. Und er bot obendrein alle Optionen, die sich ein Reisender nur wünschen konnte. Fünf Minuten später hatte ich mein Ticket und erwischte meinen Zug problemlos.

Auf der Heimreise fragte ich mich, warum all die Menschen wohl in der Schlange gewartet hatten. Sie hätten doch einfach ein Ticket am Automaten lösen können. Es wäre sogar möglich, online im Browser oder mit der Trenitalia-App Tickets zu kaufen (allerdings sind die  Bewertungen der App nur mittelmässig und scheinen nicht für alle Strecken zu funktionieren). Leider habe ich die Wartenden nicht gefragt.

Daten teilen

Es ist gar noch nicht so lange her, dass den Begriff „Open Government Data“ nur ein paar Visionäre benutzten. Manch einer lachte sie wohl damals aus, nannte sie verrückt und dachte, sie würden bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Die Visionäre aber liessen sich nicht beirren. Sie gründeten den Verein opendata.ch, organisierten regelmässig Hackathons und Open Data Hackdays und klopften an unzählige Türen, in der Hoffnung, dass diese sich öffnen würden. Denn sie träumten von einem Land, dessen Regierung (nicht sensible) Daten zur Verfügung stellt, damit die Bevölkerung diese für sich nutzen kann.

Quelle: flickr.com // velkr0 // CC BY 2.0

Quelle: flickr.com // velkr0 // CC BY 2.0

Inzwischen ist Open Government Data vermutlich das, was man „salonfähig“ nennen könnte: Das Behördenportal opendata.swiss ist kürzlich neben fünf anderen Gewinnern mit dem CH Open Source Award 2016 ausgezeichnet worden. Es ist aus der Open-Government-Data-Strategie Schweiz 2014-2018 des Bundes entstanden. Bisher stehen auf opendata.swiss neun Anwendungen zur Verfügung: unter anderem das Meteodaten-Portal windundwetter.ch für Segel- und Naturfreunde oder der „Dichtestressomat, der zeigt, was Dichtestress wirklich bedeutet. Diese Anwendungen sind aber nur ein Bruchteil dessen, was in den letzten Jahren auf der Basis von offenen Behördendaten an Applikationen und Visualisierungen entwickelt wurde.

Das Prinzip hinter Open Government Data ist einfach: Teilen statt nur im eigenen Gärtli denken. Indem man andere einlädt, bisher unter Verschluss gehaltene Daten zu nutzen, können neue Anwendungen entstehen. So entwickelte das Zürcher Softwareunternehmen Ubique beispielsweise auf Basis der Rohdaten des Bundesamtes für Verkehr (fahrplanfelder.ch) die Fahrplan-App Viadi und den dazugehörigen Online-Fahrplan vbot.ch. Als Viadi auf den Markt kam, schlug sie die damalige SBB-App in der Schnelligkeit der Fahrplanabfrage um Längen. Dafür bietet sie im Gegensatz zur SBB-App keine In-App-Ticketkäufe und keine Verspätungsmeldungen.

Statt sich zu bekämpfen, haben die beiden Unternehmen ihre Kräfte gebündelt und die neue Version der SBB-App, die ab heute für iOS und Android erhältlich ist, zusammen entwickelt. User konnten die Preview-Version der App zudem über Monate hinweg testen und Verbesserungsvorschläge anbringen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die App „SBB Mobile“ kommt um einiges sexier und benutzerfreundlicher daher als ihre Vorgängerversion. Teilen lohnt sich manchmal eben schon.

Dicke Luft

Drei Amerikanerinnen sitzen im Zug von Bern nach Zürich. Es ist Abend, kurz nach halb acht. Der Tag war heiss und die Luft im Zug ist verbraucht.

wolken_dick

flickr.com // Harald Kanins // CC BY-SA 2.0

Eine der drei scheint sich unwohl zu fühlen. Sie steht immer wieder auf und tigert durch das Abteil, bis sie sich zögernd wieder setzt. Die anderen beiden beachten sie nicht. Sie sind damit beschäftigt, ihre Handyfotos zu vergleichen und den Tag Revue passieren zu lassen.

Nennen wir die beiden Lou und Sue und die Dritte im Bunde Amy.

„Die Luft hier drin ist so dick“, klagt Amy.

Die beiden anderen brauchen einen Moment, bis sie reagieren. „Findest du?“, fragt Lou schliesslich.

„Ja, ich kann kaum atmen“, antwortet Amy.

„Hm“, sagt Sue und widmet sich wieder ihrem Handy. Lou reagiert nicht.

„Also … ich gehe mal schauen, ob es weiter vorne Platz für uns hat. Vielleicht ist die Luft dort besser“, erklärt Amy.

Sue schaut nur kurz auf. „Ok.“ Lou sagt immer noch nichts.

Amy verschwindet für eine ganze Weile. Als sie zurückkommt, wirkt sie erleichtert. „Es hat einen Platz. Wir müssen zwar ein bisschen laufen. Er ist im übernächsten Wagen. Aber es hat dort weniger Leute und die Luft ist besser als hier.“ Sie steht, bereit für den Platzwechsel, und sieht die beiden hoffnungsvoll an.

Lou und Sue tauschen einen Blick. „Also ich fühle mich wohl hier“, verkündet Lou. Sie streckt demonstrativ ihre Beine von sich und sieht Amy herausfordernd an. Sue ist betont eifrig mit ihrem Handy beschäftigt.

Amy setzt sich zögernd. Kurz darauf springt sie wieder auf. „Ich schaue mal noch unten nach. Vielleicht hat es dort Plätze für drei.“

Lou und Sue scheinen erleichtert und widmen sich wieder ihren Schnappschüssen.

Als Amy zurückkommt, wirkt sie geknickt. „Es hat unten keinen Platz für drei, nur Einzelplätze.“

Stille.

„Aber wir wollen doch beieinander sitzen!“

„Hm“, antworten die beiden anderen unisono.

Amy setzt sich wieder. Sie spricht kein Wort und wirkt deprimierter denn je.

„Also ich gehe jetzt runter“, sagt sie auf einmal. Sie steht auf. Bleibt unentschlossen stehen. Die beiden anderen hören sie nicht. Da gibt sich Amy einen Ruck. „Ich gehe jetzt runter. Ich halte es hier nicht mehr aus“, sagt sie lauter.

Lou und Sue blicken auf. „Ok. Wir sehen dich dann am Bahnhof wieder.“ Und wenden sich wieder ihren Handys zu.

Amy taucht bis Zürich nicht mehr auf.

Der wohl coolste Schweizer Billetautomat

Es gibt sie noch, die alten Billettautomaten, die Erinnerungen an vergangene Tage wecken. Einer davon steht in Altmatt, im Kanton Schwyz. Er heisst Handomat und gehört zur Südostbahn (SOB). Funktionieren tut er folgendermassen: Man wirft einen Geldbetrag ein und nimmt eine Fahrkarte. Diese entwertet man an einem anderen Automaten gleich daneben.

Handomat

So sieht er aus, der Handomat in Altmatt. Quelle: flickr.com // Kecko // CC BY 2.0

Soweit so gut.

Nur: Der Handomat ist eigentlich eine Billetbox (siehe Bild). Er hat weder einen Touchscreen, noch kann man mit der Karte oder mit dem Handy zahlen. Er schluckt nur Münz. Und dabei ist er nicht mal zimperlich. Man könnte theoretisch einen falschen oder gar keinen Betrag einwerfen, sein Billet würde man trotzdem bekommen. Denn der Handomat druckt keine Fahrkarten, sondern das Personal der SOB füllt den Billetstapel unten rechts an der Box regelmässig auf. Das Ganze beruht also auf dem Ehrlichkeitsprinzip. Den Fahrtpreis kann man übrigens an der Infotafel neben dem Handomat ablesen (auch das sieht man noch knapp im Bild).

Allerdings ist so ein Billet auch nur bis zum  nächsten Knotenpunkt gültig, also bis Arth-Goldau oder Biberbrugg. Das sind vier Kilometer in die eine und achtzehn Kilometer in die andere Richtung. Insofern spart man nicht viel, wenn man den Handomat, beziehungsweise die SOB, betrügt.

Vom Aussterben bedroht

Laut Meinrad Schmid von der SOB ist der Handomat seit ca. acht Jahren in Betrieb. Aber früher oder später droht ihm das Ende, da Reisende ihre Billetts inzwischen online – also via Handy, PC oder App – beziehen können. Das gleiche gilt für seinen Schicksalsgenossen, den Handomat bei der Haltestelle Biberegg zwischen Rothenthurm und Sattel.

Aber wieso gibt diese Handomaten überhaupt? Es sei ein einfaches System, das bei den Kunden keine Fragen auslöse, erklärt Schmid. Zudem sei es sehr kostengünstig im Gegensatz zu „Billettautomaten mit vollständigem Billettsortiment“. Diese seien sehr teuer, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt und stünden bei Kleinst-Haltestellen in keinem Kosten- /Nutzenverhältnis. Klingt einleuchtend.

Cool und schweizerisch zugleich

Leider habe ich ihn selbst noch nie gesehen, den Handomat. Aber ein Deutscher, der seit einigen Jahren in der Schweiz lebt, hat mir von ihm erzählt. Er nennt ihn den „wohl coolsten Schweizer Fahrkartenautomaten“ und findet ihn wundervoll schweizerisch. Wenn das mal kein Kompliment ist.

Swisspass hinter Sichtfenster? Schwierig.

Seit Kurzem besitze ich einen Swisspass. Da ich schon im Vorfeld beobachtet habe, dass der Scan mit dem Handy seine Tücken hat, bin ich bei der ersten Kontrolle auf Probleme vorbereitet. Also klappe ich mein Portemonnaie auf, sodass der Swisspass mit meinem Bild durch das Sichtfenster gut zu sehen ist und warte, was passiert. Der Kontrolleur hält sein Handy direkt ans Sichtfenster, scannt die Karte, bedankt sich und geht weiter. Na also. Geht doch.

Quelle: SBB

So richtig angekommen ist er noch nicht, der Swisspass. Quelle: SBB

Bei der zweiten Kontrolle wird es schon schwieriger. Der Zugbegleiterin gefällt mein Swisspass hinter dem Sichtfenster nicht. Sie bittet mich, ihn ihr direkt auszuhändigen. Ich bin erstaunt, tue aber wie geheissen.

Bei der dritten Kontrolle genau das Gleiche. Ich händige meinen Swisspass zähneknirschend aus, frage aber diesmal nach dem Grund. „Das funktioniert nicht“, lautet der Kommentar. Ich wende ein, dass ich gesehen habe, wie ein anderer Kontrolleur meine Karte durch das Sichtfenster hindurch gescannt hat. Die Zugbegleiterin reagiert genervt, schluckt aber eine unfreundliche Antwort hinunter. Sie dürfe die Karte nicht durch das Sichtfenster hindurch scannen, sagt sie knapp. Das sei Vorschrift.

Das erscheint mir reichlich unlogisch und ich frage bei den SBB nach. Und siehe da: SBB-Mediensprecher Reto Schärli sagt etwas anderes: „Es ist dem Zugbegleiter überlassen, ob der den Scan versucht oder den Kunden bittet, die Karte aus dem Sichtfenster zu nehmen.“ Es habe sich allerdings bewährt, dass die Reisenden den Swisspass aushändigten.

Wieso also einfach, wenn es auch kompliziert geht? Nein, danke.

Bei der nächsten Kontrolle ändere ich meine Taktik und halte dem Zugbegleiter demonstrativ mein Portemonnaie unter die Nase. Er versucht die Karte mit einem Abstand von ca. fünf Zentimetern zu scannen. Was nicht funktioniert. „Und wenn Sie das Portemonnaie direkt ans Gerät halten?“, frage ich hoffnungsvoll und drücke es ihm praktisch in die Hand. Er nimmt es und scannt die Karte ohne Abstand. Das funktioniert. Auch bei der nächsten und übernächsten Kontrolle gehe ich so vor – und bin erfolgreich.

Ich weiss nun: Scannen durchs Sichtfenster klappt problemlos, sofern man es richtig macht. Leider wissen das nicht alle SBB-Kontrolleure. Oder es interessiert sie schlichtweg nicht. Aber manche lassen sich immerhin davon überzeugen, dass es funktioniert.

Nachtrag: In den AGBs zur Nutzung des Swisspass steht, dass der Swisspass bei einer Kontrolle immer im Originalzustand vorzuweisen sei (bspw. ohne Hülle, nicht im Portemonnaie). Und weiter: „Der Swisspass ist dem Kontrollpersonal in jedem Fall auszuhändigen.“ Schade. Sehr schade.

Der Swisspass kann kommen! Oder so.

Neulich im Zug: Ticketkontrolle. Ein älterer Herr zieht stolz seinen nagelneuen Swisspass aus der Tasche und präsentiert ihn strahlend dem Kontrolleur. Dieser zuckt nicht einmal mit der Wimper, zieht sein Android-Handy hervor und scannt via NFC lässig die kreditkartengrosse Fahrkarte, den Stolz der SBB und die Zukunft aller Zugreisenden.

Ein Zug der SBB.

Die SBB fahren mit dem Swisspass in ein neues Zeitalter.

Nichts passiert.

Der Kontrolleur schüttelt verwundert den Kopf. „Normalerwis geit das eigetlech!“ Er scannt noch einmal. Immer noch nichts. Die Spannung im Abteil steigt. Der ältere Herr, ein Mitreisender und ich sind still geworden und beobachten, was passiert.

Der Kontrolleur scannt weiter. Zum dritten Mal. Nichts. Zum vierten Mal. Wieder nichts. Wir alle im Abteil schweigen noch immer. Allmählich wird der SBB-Mann nervös und murmelt leise Verwünschungen vor sich hin. Dann endlich, nach dem ungefähr fünften Versuch, der erlösende Moment: „Jetzt hätts ändlech klappet!“

Was lernen wir daraus? Bis zur offiziellen Lancierung des Swisspass müssen die SBB also noch ein bisschen an der Bedienung ihrer Handys schrauben – oder an der Schulung ihrer Mitarbeiter. Oder vielleicht hatte jener Kontrolleur auch wirklich nur grosses Pech und normalerweise läuft alles rund (das sagte er zumindest). So oder so: Die Website für die neue Reisekarte ist zumindest ready. Auf swisspass.ch präsentiert einem eine nett lächelnde Dame stolz ihren Swisspass. Wenn das nur gut geht.

P.S. Sie kennen den Swisspass nicht? Fahren Sie oft Zug? Haben Sie ein Abo? Dann werden Sie ihn früher oder später kennenlernen, ob sie wollen oder nicht. Denn künftig sollen (so es denn die föderalistischen Strukturen der Schweiz zulassen) möglichst alle Bahn-, Schiff- und Bus-/Tram-/Bähnli-Abos auf dem Swisspass gespeichert werden. Also fertig mit Halbtax plus Zig-Zag-Abo plus ZVV-Abo. Nur noch eine Karte. Alles klar? Laut einem Mediensprecher der SBB werden in der ersten Phase sämtliche Halbtax- und Generalabos ab 1. August 2015 auf der sogenannten „Trägerkarte“ Swisspass erhältlich sein. Verkehrsverbunde folgen dann schrittweise. Wer mehr wissen will und bereits einen Swisspass besitzt, kann sich unter swisspass.ch registrieren und wird dann laufend über neue Leistungen informiert. Den Swisspass soll man künftig auch für Partnerleistungen wie Mobility, Publibike aber auch als Abokarte für Skigebiete nutzen können. Weitere Infos finden Sie hier.

P.P.S. Übrigens: Der Swisspass (pardon, SwissPass, wie ihn die SBB schreiben) ist nicht zu verwechseln mit dem Swiss Travel Pass, der primär für ausländische Touristen gedacht und für eine Reisedauer zwischen 3 bis 15 Tagen erhältlich ist.