Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

„Netzneutralität als Innovationmotor – das glaub ich nicht Tim“

Wenn es um die Diskussion der Netzneutralität geht, wird gerne das Schlagmichtot-Argument Innovationskraft aufgetischt. Als Beispiel hier ein Text von der Website netzneutralität.ch:

Donald Pleasence als Ernst Stavro Blofeld in James Bond mit einer Katze auf dem Schoss.

ISPs warten nur darauf, dass sie die kleinen Startups vom Kunden fernhalten dürfen.

„Netzneutralität als Innovationsmotor
Was für die Konsumenten die Wahlfreiheit ist, das ist für die Anbieter neuer Internet-Dienste der Zugang zu den Konsumenten. Das Internet ist darum ein riesiger Innovationsmotor, weil die Marktzugangskosten für neue, kleine Anbieter extrem klein sind. Wenn die Access-Provider den Zugang einzelner Anbieter zu den Kunden dagegen vereinfachen oder verteuern oder gar blockieren können, dann setzt sich nicht mehr die innovativste Lösung durch. Provider versuchen vielmehr, die ganze Wertschöpfungskette vom Zugang bis zu den Inhalten zu kontrollieren. Ihre Monopolstellung gewährt ihnen dann höhere Profite, aber sie wird gleichzeitig zur Innovationsbremse für konkurrierende Dienstanbieter.“

Mantra der Silicon Valley-Lobbisten
Als erstes will ich schon mal dieser mystischen Überhöhung widersprechen, die in den Glaubensgrundsatz „Gutes bzw. neutrales Internet = viel Innovation“ mündet. Wirklich? Ist das so einfach? Ich halte das für Quatsch. In der Geschichte gibt es genug Beispiele dafür, dass sich nicht immer die innovativste Lösung durchgesetzt hat. Da spielen so viele Faktoren wie etwa Timing oder Geld mit hinein, dass ich dieses Fass gar nicht erst aufmachen will. Die in diesem Absatz transportierte simplifizierende Vorstellung ist ein Mantra, dass man sonst nur aus dem Silicon Valley kennt und mit der restlichen Welt nicht so viel zu tun hat.

Kein Streaming – kein Problem
Es ist möglich, dass durch die Kontrolle des Datenstroms zum Endverbraucher neue, kleinere Anbieter benachteiligt sein können. Das stimmt soweit. Aber wenn wir nur kurz das Bild von David gegen Goliath weglegen und das Ganze technisch betrachten, dann bleiben wir immer noch beim gleichen Problem: Bandbreite ist begrenzt. Umgekehrt heisst das: Solange die Start-ups nicht mit Streaming Geld verdienen wollen (oder mit grossen Daten hantieren), gibt es keine Probleme. Und mal ehrlich – wieviele Start-ups im Bereich Streaming wird’s in Zukunft noch geben?

Zahlen müssen die Start-ups sowieso
Und sollten sich dennoch welche auf dieses Terrain wagen, haben sie sowieso das Problem, dass sie irgendwie für einen schnellen Transport ihrer Daten sorgen müssen. (Die Leute haben ja schliesslich vergessen was Buffering ist…) Um das technisch hinzubekommen müssen sie auch heute schon bezahlen, weil schlicht die Knotenpunkte zwischen den Netzen der ISPs nicht immer gleich gut sind. Dafür gibt’s die Content Distribution Networks. Die sorgen mit ihren Servern in den relevanten Netzen für den schnellen Transport überall hin. Facebook nützt zum Beispiel die Dienste von Akamai, und um Facebook müssen wir uns wahrlich keine Sorgen machen.

Das Vorzeigebeispiel Netflix
Gerne wird Netflix als Beispiel für innovative und schützenswerte Start-ups hergenommen. (Was ist eigentlich so innovativ an Netflix?) Unabhängig davon, wie gut mir persönlich House of Cards gefällt, ist Netflix zwar der Auslöser für den ganzen Rummel um die Netzneutralität in den USA, aber längst ist kein Underdog mehr. Mit einem Drittel des us-amerikanischen Datenverkehrs (in der Hauptsendezeit) ist Netflix mittlerweile ein mittelgrosser Mitspieler im Feld der ganz Grossen. Und weil ihr Dienst gerade so beliebt ist, versucht die Firma nun, die Regeln für sich neu zu schreiben (und wenn nötig kleinen ISPs den Tarif durchzugeben – ab Minute 9 wird’s interessant).

Weil es schwer ist, sich beim Thema „Internet der verschiedenen Geschwindigkeiten“ kurz zu fassen, wird es auf den nächsten Post verschoben.

Netzneutralität – das Märchen von der einfachen Lösung

Ein Netzwerk-Switch an dem alle Anschlüsse belegt sind.

Neutzneutralität – die Sachlage ist wesentlich komplizierter, als es viele glauben wollen.

Eigentlich wäre es ja angebracht, sich diese Woche kurz über die vielen naiv-empörten Reaktionen zu mokieren, die im Zusammenhang mit dem manipulierten „Newsfeed“ auf Facebook in die Schlagzeilen gekommen sind. Aber das wäre sozusagen ein Penalty ohne Goalie…

Mich beschäftigt im Moment stattdessen das Thema Netzneutralität. Die relativ oberflächlich gehaltene Diskussion, die den Zugang zum Internet zum Menschenrecht erhebt und so tut, als seien alle Bits und Bytes von Schöpfung an gleich, wird uns bezüglich der wirklich zu lösenden Probleme nicht weiterbringen. Die Gründe dafür, dass dieses Thema so abgehandelt wird, sind verständlich: Es ist sehr technisch und komplex. Ausserdem ist es recht einfach auf die bösen Internetserviceprovider einzudreschen, die einem die Musik oder das Video skandalöserweise zum monatlichen Downloadvolumen dazurechnen. Obwohl ich selbst kein Informatiker bin, möchte ich in den nächsten Posts einige Einblicke in die Materie ermöglichen. Schlüsse daraus ziehen muss dann jede(r) selbst.

Das Gleichgewicht im Netz ist endgültig dahin
Das Internet ist als dezentraler Zusammenschluss von verschiedenen regionalen und lokalen Netzen organisiert. Auf globaler Ebene sind diese Netze (z. B. zwischen den Kontinenten) durch sogenannte „Backbones“ verbunden. Die verschiedenen Internetserviceprovider (ISPs) versuchen stets, sich in einem gegenseitigen Ausgleichszustand zu bewegen, denn Datenverkehr (abhängig von Bandbreite und Zeit) kostet. Wenn das nicht möglich ist, dann werden entweder Ausgleichszahlungen fällig oder man versucht andere Lösungen zu finden um den Datenverkehr zu minimieren. So werden etwa von den Endverbrauchern besonders nachgefragte Daten bzw. Inhalte beim ersten Laden zwischengespeichert oder in separaten Boxen (Bsp. Google Global Cache) in den eigenen Datencentern vorrätig und durch den Inhalte-Anbieter aktuell gehalten.

Das Problem ist nicht der Inhalt, sondern die Menge
Es geht also ums Gleichgewicht. Seit der Einführung von Filesharing-Netzwerken und später von Cloud- und insbesondere Streamingdiensten wird das Gleichgewicht komplett über den Haufen geworfen. Einem Durchschnittsnutzer ist es nicht klar, dass es für den ISP ein massiver Unterschied ist, ob ich im Netz surfe oder Musik oder Filme on demand beziehe. Die Bandbreite und Datenmenge wird dadurch um ein x-Faches erhöht. Hier liegt einer meiner Kritikpunkte zur aktuellen Debatte: Es geht nicht darum was, sondern wieviel? Es wird so getan, als ob die bösen Internetprovider gerne die Zensurkeule auspacken würden. Das ist zwar technisch möglich, aber das zu tun erscheint mir keine nachhaltige Geschäftsstrategie. Es ergibt keinen Sinn, ständig den einen Streaming-Dienst zu pushen, obwohl die Nutzer einen anderen wollen. In Wirklichkeit geht es bei dieser Frage nur um die technischen Anforderungen und Kosten, die mit dieser zunehmend exzessiven Online-Nutzung unweigerlich zusammenhängen.

Das eigene Angebot zu priorisieren ist okay
Wenn beispielsweise die Swisscom ihr eigenes Online-Video-Angebot keiner Download-Beschränkung unterwirft, dann will sie vielleicht ihr eigenes Produkt pushen – was ich grundsätzlich als rechtmässig und nicht verwerflich erachte – oder sie ist einfach nicht bereit, die Kosten für den Datentransfer von anderen Videodiensten zu zahlen.
Oder anderes betrachtet: Wenn es keine Download-Beschränkung gibt, werden die eigenen Datenpakete priorisiert (Stichwort QOS), weil die Swisscom schliesslich in erster Linie dafür sorgen muss, dass die eigenen Services reibungslos laufen. Dafür haben die Leute schliesslich bezahlt. Das mag für den einen Nutzer unbrauchbar und nutzlos sein, denn er oder sie will nur einen schnellen Internetzugang, aber für den anderen ist das nützlich.

Konkret heisst das: Wenn Orange den Datenverkehr von Spotify nicht zum bezahlten Volumen dazurechnet, dann wird Spotify wohl bezahlt haben (die begrenzte Bandbreite im Mobilfunk verschärft hier die Situation noch) . So einfach ist das.

Im nächsten Post gehe ich auf den Kritikpunkt „Internet der verschiedenen Geschwindigkeiten“ ein und auf die Angst, ohne neutrale Netze an Innovationspotenzial zu verlieren.

Sehr, sehr traurig

Netzneutralitaet

Äpfel, neutral im Netz. Quelle: Wiki Commons

Netzneutralität – hört sich nett an und könnte eigentlich in der Schweiz erfunden worden sein. Da muss man wohl dafür sein und eigentlich sollte man Balthasar Glättli also danken, dass er sich des Themas angenommen hat. Trotzdem, richtig glücklich bin auch ich nicht, so wie die Diskussion gerade läuft.

Ein Besuch auf www.netzneutralitaet.ch reicht eigentlich, um zu zeigen, was ich meine. Dort erklärt uns die „Arbeitsgruppe Netzpolitik“ der Grünen, was sie unter nicht neutralem Verhalten im Internet versteht. Besonders krass findet sie etwa, was sich die Telefonbude Orange so leistet. Jugendliche, die dort ein vergünstigtes OrangeYoung-Abo gelöst haben, müssen nämlich „fürs Streamen von Musik […] den Orange-Partner Spotify nutzen.“ Schrecklich, nicht?

Aber was passiert hier wirklich? Selbstverständlich schreibt Orange den lieben Kleinen nicht wirklich vor, ihre überteuerten Beats-Kopfhörer mit Musik von Spotify zu malträtieren. Sie könnten durchaus andere Anbieter nutzen. Nur, dann müssen sie für die transportierten Daten eben bezahlen. Das nennt sich jetzt wahrscheinlich verdeckte Diskriminierung und selbstverständlich sollten wir das jetzt sehr, sehr traurig finden. Diese armen Kinder heutzutage – die werden auch wirklich komplett in ihrer persönlichen Entfaltung als Konsumenten beschnitten.

Aber das ist natürlich alles Käse oder zumindest Pipifax. Es gäbe weissgott zwingendere Exempel, an denen sich das Thema aufhängen liesse. Aber die sind wahrscheinlich zu abstrakt fürs Volk und zu gross für die Partei. Wie wäre es etwa, über Google als grössten Diskriminator im Netz zu reden? Wer nicht in die Algorithmen respektive ins Geschäftsmodell dieser Suchmaschine passt, wird bekanntlich gnadenlos diskriminiert. Er existiert einfach nicht, weil er bei der Suchanfrage nicht auf den vorderen Plätzen landet. Da hilft es dann auch nicht, wenn die Daten neutral und gratis transportiert werden.

Ähnliches liesse sich über viele dieser lustigen Web2-Dienste erzählen, auf die die Menschheit nicht mehr verzichten zu können meint. Dort, liebe Leute, stecken die wirklichen Probleme, die wir so haben. Also hört bitte auf, populistische Rauchpetarden zu werfen und nennt die Dinge bei ihrem richtigen Namen.

Motion „Netzneutralität“: Internet-Zugang als Service public?

Ein mit Gittern verschlossener Laden, mit einem Schild auf dem Internet draufsteht.

Geschäftsmodell Internet: Wie hätte es der User denn gerne? Wettbewerb oder Service public?

Ein Stich ins Herz des Internets“ – so titelte die NZZ am 17. Juni 2014. Der Autor des Beitrags beschreibt auf wenigen Zeilen, dass das Konzept „Netzneutralität“ in den USA zu reden gibt und sich einfach zusammengefasst die grossen Content-Produzenten gegen die Internet Service Provider zusammenschliessen, um die „Netzneutralität“ zu „retten“. Was der Artikel nicht zeigen kann ist, wie hitzig die Diskussion um die „Netzneutralität“ in den USA geführt wird. Passend, so finde ich, hat die NZZ den Beitrag im richtigen Ressort platziert: Finanzen. Es geht beim Themen-Universum „Netzneutralität“ nicht um Zensur, nicht um Gesetzesfragen, nicht um schnelles oder langsames Internet, nicht um Innovation, sondern um Geld.

In der Schweiz ist das Thema klinisch tot
Und in der Schweiz? Naja. Wenn man die Suchmaschinen als Pulsmesser für diese Diskussion nehmen möchte, dann wäre die Diagnose relativ eindeutig: Puls kaum vorhanden – tote Hose. Nur ein paar Berichte von den einschlägigen Medien und den grossen Nachrichtenportalen. Ich kratze mich am Hinterkopf und frage mich: Was zum Geier ist los? Interessiert das keinen hier? Das Thema betrifft uns doch genauso. In den USA wird über die Zukunft des Internets entschieden und wir sitzen wieder einmal vor den Bildschirmen, um zu sehen, ob das Runde ins Eckige geht.

Kratzen bevor es beisst
Es ist nichts Neues, dass es in der Schweiz manchmal etwas länger dauert, bis eine Diskussion in Gang kommt. Doch diesmal sollten wir uns nicht wieder ins Bett legen und weiterschlafen, bis uns die Ereignisse überrollen. Vor allem weil die Politik schon dabei ist, ein Problem zu lösen, das scheinbar die wenigsten vom Hocker reisst. Eine im Dezember 2012 von Nationalrat Balthasar Glättli eingereichte und am 17. Juni 2014 im Nationalrat gut geheissene Motion möchte die „Netzneutralität“ im Fernmeldegesetz festgeschrieben haben.

Überrumpelt von Links
Die Motion ist relativ offen formuliert. Sie fordert: „[…] die Netzneutralität gesetzlich zu verankern, um einen transparenten und diskriminierungsfreien Datentransfer über das Internet zu gewährleisten. Die Netzneutralität muss als Grundbaustein der Informations- und Meinungsfreiheit explizit festgehalten werden und Fest- wie Mobilnetz betreffen.“ Das klingt auf den ersten Blick nett und harmlos, doch interessanter wird es, wenn man den ersten Absatz der Begründung auch noch liest. Da ist die Rede von Diskriminierung und Geschäftsmodellen. Hier soll also den Internet Service Providern gesagt werden, wie ihr Geschäftsmodell auszusehen hat. Okay, wenn wir gerade dabei sind, könnten wir das Internet als Service public deklarieren und auch gleich noch rückverstaatlichen. Moment, vielleicht geht es ja genau darum…