Verschiedene Welten

pixabay.com // Rupert Kittinger-Sereinig

Ein Nerd und ein technikfremder Mensch unterhalten sich.

Du, ich habe ein Problem.

Ja, welches denn?

Ich habe mehrere Mailadressen und muss die immer einzeln aufrufen. Vor allem diejenigen meiner Arbeits-Mailadresse. Das nervt.

Verstehe ich. Das kannst du aber ganz einfach lösen.

Echt, wie denn?

Du kannst dir einfach alle Mails auf ein einziges Mailkonto umleiten lassen. Dann musst du sie nur auf einem Konto aufrufen.

Oh, das wäre genial.

Ok, auf welche Adresse möchstes du denn deine Mails umleiten lassen?

Auf meine private Adresse.

Bei welchem Anbieter ist die?

Es ist eine gmail.com-Adresse.

Also eine Google-Adresse.

Wie?

Gmail ist der Mailservice von Google.

Ah … ja. Genau.

Ich schicke dir einen Link für eine Anleitung, ok? Ist ganz einfach.

Hmm … ja … ok.

(Zwei Wochen später)

Und, hast du dein Mailproblem lösen können?

Mmm … ich muss deine Anleitung noch lesen. Bin noch nicht dazu gekommen.

Es wirklich ganz einfach, du wist sehen. Du musst nur den Instruktionen folgen.

Ok.

Und wenn es wirklich nicht geht, rufst du mich an. Dann machen wir es auf meinem Notebook.

Auf deinem Notebook?!

Ja. Gibt es damit ein Problem?

Dann hast du aber Zugriff auf meine Mails. Das will ich nicht.

Nein, nein, du loggst dich einfach ein, wir machen das zusammen auf deinem Gmail-Konto und dann loggst du dich wieder aus. Ich werde danach keinen Zugriff auf deine Mails haben, weil du dich ja ausgeloggt hast. Und wenn du ganz sicher sein willst, löschen wir noch alle Cookies und den Browserverlauf und die Sache ist gebongt.

Ich verstehe kein Wort.

(Seufzt) Ich mag dir das jetzt nicht im Detail erklären. Aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich werde keinen Zugriff auf dein Mailkonto haben.

Ok. Ich versuchs jetzt mal noch mit der Anleitung, sonst rufe ich dich an.

Wir könnten es sonst auch noch anders machen.

Wie denn?

Du kannst alle deine Mails auf deinem Handy einrichten.

Ich möchte aber mein Arbeitsmail nicht auf meinem Handy bekommen.

Aber deine Mails von Gmail bekommst du auf deinem Handy?

Ja, die natürlich schon.

Wenn du aber deine Arbeitsmails auf deine Gmail-Adresse umleitest, wirst du sie dann auch auf deinem Handy haben.

Das verstehe ich jetzt nicht.

(Atmet tief ein und aus). Ich zeichne es dir auf. (Zeichnet eine Skizze) Siehst du, deine Arbeitsmails werden auf deinem Handy landen.

Das möchte ich nicht.

Dann kannst du sie aber nicht auf deine Gmail-Adresse umleiten lassen.

Das möchte ich aber.

(Rauft sich die Haare) Also, nochmal von vorn: Du willst deine Arbeitsmails in deinem Gmail-Konto erhalten, willst aber nicht das Mail deines Arbeitgebers auf deinem Handy einrichten?

Ja, genau.

(Der Nerd murmelt etwas Unverständliches)

Was hast du gesagt?

Nichts Wichtiges. Du, ich muss jetzt los. Du versuchst das mit der Anleitung und wenn es nicht geht, rufst du mich an. Ok?

Perfekt.

(Drei Wochen später)

Und?

Es funktioniert nicht. Ich bekomme irgendwie gar keine Mails mehr seit ein paar Tagen.

Hast du alles genauso gemacht, wie es in der Anleitung steht?

Wort für Wort. Ich schwöre.

Ok, wir schauen uns das jetzt zusammen an.

(30 Minuten später)

Ich weiss nicht genau, was du gemacht hast. Aber jetzt funktioniert es auf jeden Fall. Wir machen jetzt einen Test. Ich schreibe dir auf deine Arbeitsadresse ein Mail und dann sehen wir, ob du sie auf deinem Handy auf deiner Gmail-Adresse bekommst.

(Schickt das Mail)

Und?

Ja. Es funktioniert!

Na siehst du.

Und wie hast du das jetzt genau gemacht?

Ich zeigs dir.

(Zeigt den Ablauf)

Das war so einfach? Das hätte ich ja selbst auch gekonnt.

Das sage ich dir ja die ganze Zeit!

Zuckerberg ist der Hammer – das Evangelium in Blau

Also ich weiss nicht, ob es sich bei allen rumgesprochen hat: Vor rund zwei Wochen haben wir Normalsterblichen wieder einmal direkte Order von oben bekommen. Mark Zuckerberg hat uns erklärt, was zu tun ist, damit die Zukunft (natürlich mit gütiger Hilfe von Facebook) ein besserer Ort wird. Wenn ich nur schon daran denke, kommen mir die Tränen vor Freude. Endlich gehts los mit der tollen Zukunft.

Hammer mit Oberteil eines Nagels

Zucki ist ein Hammer: Alle Probleme lassen sich mit Facebook lösen.

Prophet Mark kommt zu Wort
Ich hoffe sehr für uns, dass dieser Teil des Zuckerberg’schen Evangeliums auch so gut für die Nachwelt erhalten bleibt wie die Bibel. Ich als Mitglied des Fussvolkes würde mich nie trauen, an seinen Worten zu zweifeln und so zu tun, als ob ich alles verstehe, was er sagt. Darum schlägt jetzt die Stunde der Prediger, die sich mächtig ins Zeug gelegt haben, um uns zu erklären, was uns der Prophet Mark wohl zwischen den Zeilen sagen wollte. Und wahrlich, ich sage euch, die Interpretationen (z.B. die von Netzpolitik.org) sind zahlreich.

Schweissausbrüche heiligen die Mittel
Spass beiseite. Dieser an die „Community“ gerichtete Appell, doch bitte in Zukunft mehr Facebook zu nutzen, kommt nicht von ungefähr. Es mag ja sein, dass der Mark sein eigenes Süssholzgeraspel glaubt und seine Website als Werkzeug des Guten sieht. Es kommen mir aber Zweifel, wenn ich berücksichtige, wie es um den Ruf seiner Bude als Fake-News-Schleuder steht. Dazu kommt noch, dass eine Auswertung von 25 Millionen Facebook-Posts durch MAVRCK (eine Marketingbude) ergeben hat, dass im Jahr 2016 z.B. die Nutzer gut 30 Prozent weniger Inhalte geteilt haben … (und nicht nur das). Da kann der Chef schon mal ins Schwitzen kommen.

Stoff für Ferndiagnosen
Meistens lohnt es sich, solche Kommunikationsauswüchse von CEOs zu ignorieren. Sie tragen selten zur Aufklärung bei und sind als Meinung so gut wie die eines jeden anderen. Und glücklicherweise gerät dieses Vorurteil heute nicht ins Wanken. Sollte man allerdings das Interesse haben, für kurze Zeit die verdrehte Denkblase von Mark Zuckerberg zu besuchen, dann ist für erschreckende Unterhaltung gesorgt. Eigentlich ist das ein gefundenes Fressen für eine psychologische Ferndiagnose. Wer will als Erster?

Zuckerberg, ein Mann mit Scheuklappen
Und zum Schluss noch eine kurze Bemerkung zum Inhalt. Es soll in diesem Blog ja auch was für die Bildung getan werden. Zucki gedenkt die Probleme der Welt, wer ist überrascht, mit mehr Facebook zu lösen. Gemeinsinn, so glaubt er, lässt sich mit mehr Facebook-Gruppen herstellen. (Und da nennt man Trump einen grössenwahnsinnigen Egomanen?) Mark Zuckerberg ist das, was man einen Hammer nennt. Und für einen Hammer sehen alle Probleme aus wie Nägel. Man hat das Gefühl, seine Vorstellungskraft endet am Logout-Button.

Konfliktmanagement

Lassen Sie mich nochmals auf die selbstfahrenden Autos zurückkommen. Also, erstens habe ich unterdessen erfahren, dass diese lustigen Spielzeuge doch mehr Mist bauen, als ich eigentlich erwartet hatte. Wer’s nicht glaubt, darf sich auf Youtube gerne selbst ein Bild davon machen.

Rajiv im Knast

Das Leben als Programmierer hatte sich Rajif auch anders vorgestellt. (Bild: Mohanatnow via Wiki Commons)

Zweitens hat die Sache bei näherem Hinsehen ungeahnt verzwickte Seiten: Nehmen wir an, eine selbstfahrende Karosse zieht innerorts ein wenig um die Häuser – brav im Rahmen des Tempolimits. Nehmen wir weiter an, ihr kommt einer dieser riesigen, gelben Bagger entgegen, die jeden, der nicht selbst drauf sitzt, in tiefste Minderwertigkeitsdepressionen stürzen. Wie auch immer: Kurz bevor sich die beiden kreuzen, schert hinter dem Bagger in ein Motorrad zum Überholen aus. Der Autopilot rechnet kurz nach und kommt zum Ergebnis: Bremsen wird wohl nicht reichen.

Wenn er das Zweirad samt Fahrer verschonen will, bleiben ihm zwei Optionen: a) Er reisst das Auto nach links vor den Bagger oder b), er weicht rechts übers Trottoir aus. Mit a) gefährdet er seinen eigenen Passagier. Mit b) riskiert er Leib und Leben zweier Rentnerinnen, die vor dem Gartentürchen gerade munter schwatzen.

Was tut ein guter Roboter in solch einem Fall? Schiesst er das Motorrad ab, weil dessen Pilot ja schliesslich Schuld am ganzen Schlamassel ist? Wirft er sich vor den Bagger, weil sein Fahrer von allen Gefährdeten die besten Knautschzonen drumrum hat (den Baggerfahrer darf er aufgrund der herrschenden Massenverhältnisse ja vernachlässigen)? Fährt er die Rentnerinnen platt, weil er die verbleibende Lebenserwartung der Beteiligten gegeneinander aufrechnet? Egal was – jemand wird zu Schaden kommen, soviel ist klar.

Unklar hingegen ist, wer im folgenden Gerichtsverfahren für die Entscheidung des Roboters gerade stehen muss. Naheliegend wäre ja der Autohersteller. Dessen Anwälte werden aber bestimmt mit dem Finger auf den Hersteller des Autopiloten zeigen. Jener wiederum wird die Klage flugs an den Unterlieferanten weiterreichen, der für Softwaremodul 22b „Konfliktmanagement“ zuständig ist. Der findet nach eingehender Prüfung des Codes in Zeile 52 596 der Subroutine AFS/32-5 einen Hack, der nicht konform mit Chapter 3.5 der Programming Guidelines ist. Besagte Subroutine behandelt zwar bloss den Defekt eines der beiden Aussentemperatursensoren, aber immerhin, da hätten wir schon mal was Gerichtsverwertbares. Und weil sich der Unfall in Oracle, Arizona (USA), zugetragen hat, die Subroutine aber in Indien geschrieben wurde, hat Programmierer Rajif aus Mubai nun Klagen am Hals, dass ihm die Ohren schlackern.

Der neue Tech-Jesus wird uns alle retten

Das Tech-Business ist, so wie jede andere Religion auch, angewiesen auf Propheten und Heilsbringer. Durch den Tod von Steve Jobs, das Internet hab ihn selig, ist eine Lücke entstanden, die bis jetzt nicht gefüllt werden konnte. Wenn man so darüber nachdenkt, ist das eine traurige Angelegenheit. Orientierungs- und Führerlos irren Millionen von bärtigen Lemmingen durch den Tag und träumen in ihren ruhelosen Nächten von dem Einen, der ihnen wieder Halt geben kann.  Und wenn sie dann am Morgen verschwitzt aufwachen, starrt ihnen ihre eigene innere Leere wieder ins Gesicht.

Portraitbild von Elon Musk

Elon Musk: Er sieht nicht nur gut aus, sondern er könnte auch jedermanns Nachbar sein. Der perfekte Kandidat für den Tech-Jesus des Jahrzehnts. Bild: Brian Solis – WikiCommons

Der neue Messias ist im Anmarsch
Nicht, dass es an Kandidaten gemangelt hätte. Leider hatte keiner das wirkliche Potenzial für den Tech-Jesus. Aber Achtung – wer Ohren hat, zu hören, der höre – die Zeit des unruhigen Schlafes ist vorbei.  Der nächste Messias wird gerade gecastet. Der Favorit für diesen Job ist Elon Musk. Er hat alles, was man als Tech-Jesus braucht: Er ist ein Sohn des Internets, genauer gesagt ist er das Produkt einer Affäre des Internets mit dem Finanzwesen, hat sich durch den Einkauf in PayPal selbst reich gemacht und kann mit seinen Marketingfähigkeiten, um es mit den Worten der Blues Brothers zu sagen, Ziegenpisse in Benzin verwandeln. Die perfekte DNS also.

Sympathische Ideen, aber nichts Weltbewegendes
Man möge mich nicht falsch verstehen. Musks Ideen sind mir durchaus sympathisch. Nur hab ich bis jetzt nichts Revolutionäres von ihm gehört. Am bekanntesten sind seine Elektroautos. Diese Luxus-Elektromobile mit eingebauten Tablet zielen auf eine Nischenpublikum, werden mit Staatsgeldern gefördert und haben für die Zukunft des Individualverkehrs keine Bedeutung. Seine neueste „Erfindung“ – eine grosse Batterie fürs Eigenheim, die man an die Wand schrauben und in 30 Jahren abzahlen kann – hat ihm jetzt definitiv den Übernahmen Tony Stark (alias Iron Man) beschert…

Zum Glück haben, so wie alles andere von Menschenhand, auch Heilsbringer eine kurze Halbwertszeit.

Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

Apple: Körperfunktionen aus dem App-Store beziehen

Ein angeschälter Apfel.

Gesundheit beobachten? Vielleicht ein freudscher Versprecher…

Eigentlich wollte ich ja einen Nachtrag zu Heartbleed schreiben, aber da funkte mir eine Werbeeinblendung im Farbfernsehen dazwischen. Ja, ich weiss, fernsehen ist sowieso keine gute Idee, aber da bin ich altmodisch. Ich bin zu faul mir meine audiovisuelle Abendberieselung selbst zusammenzustellen. Dazu reicht es nach einem Arbeitstag einfach nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte…

Faulheit rächt sich – sofort
Da ahnt man nichts Böses, schaut in aller Ruhe wieder einmal Lethal Weapon I und wird wie üblich von der Werbung aus dem Geschehen gerissen. Ärgerlich wie immer. Und dann auch noch für eine Werbeeinblendung des Konzern mit dem angebissenen Apfel. Zu faul um aufzustehen oder wegzuzappen versuche ich das übliche Gedudel wie den sprichwörtlichen Kelch an mir vorbeiziehen zu lassen… Aber nein, dann kommt noch so ein Satz: „…damit kannst Du deine Gesundheit verfolgen.“

Alles eine Frage der richtigen Apps
Jetzt ist es also offiziell: Das neue iPhone übernimmt, sofern Du die richtigen Apps installierst, menschliche Körperfunktionen. Darauf habe ich schon lange gewartet. Meine Verdauung hätte schon längstens eine Neukalibierung nötig.
Man muss den Jungs aus Cupertino schon zugutehalten, dass es an der leicht versauten Übersetzung liegt. Im Original klingt das anders. Der Werbespot nervt deswegen aber nicht weniger.

ShitExpress akzeptiert jetzt auch Bitcoins!

Jesus mit Bart und Hipster-Brille

Dieser Hipster-Jesus mit Internet-Affinität hatte auch schon vorher Follower.

Kennen Sie diese Leute? Diese Leute, die das Internet für die grösste Erfindung überhaupt halten. So Leute, die glauben, dass man mit dem Internet Krebs heilen und gleichzeitig den Weltfrieden herbei-liken kann? Nein, kennen Sie nicht? Mir sind diese schon ab und zu begegnet und sie sind fast nicht auszuhalten. Naja, immerhin ist das eine aussterbende Rasse. Ich hab mir aber sagen lassen, dass es an der Westküste der USA, in einem Tal in Kalfornien, ein Reservat für diese Spezies gibt…

Internet-Jesus: Aus Kacke Bitcoins machen
Wie auch immer. Sollten Sie so einem Exemplar einmal begegnen, dann empfehle ich folgendes Experiment:  Beobachten sie es genau und hören sie still zu. Wenn diesem Internet-Jesus dann die Heiligkeit aus den Ohren quillt können Sie ihn dann einfach Fragen: „Hast Du gewusst, dass man bei ShitExpress jetzt auch mit Bitcoins zahlen kann?“ Warten Sie den verdutzten Gesichtsausdruck ab und schieben sie den folgenden Satz ins offene Mundwerk nach: „So sieht Dein seeliges Internet wirklich aus!“
Seien Sie dann gespannt, was passiert. Der Tier-Dokumentarfilmer Steve Irwin hätte seine helle Freude daran gehabt.
ShitExpress“ ist übrigens ein Service aus dem Internet, mit dem Sie gegen Bezahlung jemandem ein Paket mit Tierkacke per Post schicken können.  Gemäss Website können Sie sich demnächst auch aussuchen, von welchem Tier die Kacke kommt… Willkommen in der wunderbaren Welt des Internets.

Google’s Zweifel an den eigenen Produkten

Screenshot eines Gmail-Setup-Menus

Man kann die im Gmail-Portal angezeigte Werbung auch beeinflussen. Nur wer weiss das schon…

Sind sie mit ihrem Gehalt unzufrieden und würden gerne in nächster Zeit mit ihrem/ihrer Vorgesetzen darüber sprechen? Gut, machen sie das. Es kann nicht schaden Flagge zu zeigen. Es kann auch nützlich sein, sich eine Erinnerung in den Kalender einzutragen, dass man über das Thema sprechen möchte. Das erhöht den inneren Druck es auch zu tun. Schreiben sie aber nicht die E-Mail-Adresse des Vorgesetzten in die Betreffzeile des Kalendereintrags. Es könnte nämlich passieren, sofern sie im Unternehmen Google Calendar verwenden, das eine Benachrichtigung im Kalender des Chefs landet. Wie so etwas passieren kann, können sie auf theverge.com nachlesen.

„Keine Angst, der will nur spielen“

Ich weiss, die Jungs von Google haben es gut gemeint. Alles was automatisch erledigt werden kann ist gemäss der Ideologie dieser Spezies Mensch grundsätzlich gut. Die Menschen mit dem Töggelikasten und der Rutschbahn im Büro wollen nur unser Leben vereinfachen. Und abgesehen davon: Wie kann man ihnen einen Vorwurf machen? Privatsphäre kennen sie nur aus Märchen und Gehaltserhöhungen sind bei denen einfach kein Thema…

Opt-out: ein Zeichen von Schwäche

Was sich diese selbsternannten Weltverbesserer aber endlich einmal abschminken könnten, wäre ihr stures Opt-out-Prinzip. Für mich ist das Festhalten von Google am Opt-out nicht nur fies gegenüber seinen Kunden, sondern auch ein Zeichen von Schwäche: Wenn ein Unternehmen an die Qualität seiner Produkte glaubt, dann hat es nicht nötig, die Trägheit seiner Kunden auszunützen. Das gilt insbesondere für Google, denn mit dessen Marktmacht kriegt man alle guten Produkte an die Kundschaft. Oder wollen die Kunden den ganzen Ramsch vielleicht gar nicht?

Was meinst Du?

Wettbewerb, Konkurrenz und digitale Krücken im Schulzimmer

Ein roter Keramikapfel und ein schwarzer Kaffeebecher in dem es verschiedene Schreibutensilien hat.

Von jetzt an wird nicht mehr geschrieben, sondern nur noch auf dem Screen getatscht.

Verschiedene Schulen im US-amerikanischen Staat Kalifornien gehen mit Vollgas den digitalen Weg: Sie verwenden Class Dojo.  Bei Class Dojo werden Kinder, Lehrer und Eltern in ein Bewertungssystem eingebunden. Die Lehrkräfte bewerten, mit einem Tablet ausgerüstet, die Kinder während des Unterrichts durch die Vergabe von Punkten und kommentieren diese falls nötig. Eltern können diese Punktevergabe zu jedem Zeitpunkt verfolgen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden auch die Schülerinnen und Schüler ihren Punktestand in der Class Dojo App ansehen und mit anderen vergleichen können. Bis dahin bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren Punktestand auf der Schultafel zu verfolgen. Ist das nicht wunderbar?!

„Ich wiederhole mich nicht gerne“

Falls Sie, so wie ich, nicht gerade auf Anhieb verstehen, wozu der ganze Aufwand gut sein soll, dann konsultieren Sie doch kurz die Website von Class Dojo. Dort finden Sie kurze Motivationsfilmchen mit dem gleichen Gedudel im Hintergrund wie in den Werbespots des Apfel-Konzerns. Da sagt dann Emily Wood, eine Grundschullehrerin, dass sie keine Lust hat sich zu wiederholen: „Ich war auf der Suche nach etwas, mit dem ich meine Schüler in ihren guten Verhaltensweisen motivieren und inspirieren konnte, ohne es ihnen immer wieder sagen zu müssen.“

Sich selbst zuhören wäre manchmal heilsam

Oder Evan Wolkenstein gibt in einem anderen Video öffentlich zu, dass er als Lehrer nicht geeignet ist, weil er ohne diese Software nicht mehr daran erinnert würde, was in Bezug auf den Unterricht wichtig ist. Ausserdem sei es für die High-School-Kids eminent wichtig, zuhören zu lernen, damit sie sich gegenseitig auf gleicher Höhe begegnen… Zuhören? Hört dieser Mensch eigentlich auch sich selbst zu? Oder hört er nur ab und zu rein, während ihm dieses pseudo-intellektuelle Geschwafel aus dem Mund quillt?

Zeit durch Software ersetzen
Class Dojo soll ein Spass für die ganze Familie sein. Schliesslich können die Eltern in Echtzeit verfolgen, wie sich die Sprösslinge im Unterricht entwickeln. Und die Eltern scheinen das zu schätzen, weiss die Grundschullehrerin Kendra Franks: „Viele Eltern meiner Kinder haben zwei Jobs zu bewältigen und können sich durch die wöchentlichen Berichte auf dem Laufenden halten. So kann ich mit ihnen kommunizieren. Es geschehen so viele Dinge durch die Woche, dass es schwierig ist. sich daran zu erinnern, was letzte Woche war…“ Automatisch generierte Berichte nennt eine Lehrerin „Kommunikation“. Noch Fragen?

Kinder werden zu Konkurrenten
Wenn ich mir diese Werbesprüche anhöre, dann scheint es Bedarf für die Bewertung von Lehrpersonen geben. Aber seien wir mal nicht so. Die meisten Lehrkräfte, die diese Software verwenden, sind so jung, dass sie halt nichts anderes kennen – digital Na(t)ives. Und damit könnte man es auch bewenden lassen, aber ich finde schon, dass man diesem jungen Gemüse sagen sollte, was es damit verursacht: Damit werden aus Kindern Konkurrenten, man fördert damit von Kindesbeinen an die Vorstellung, dass sich alles Wichtige im Leben auf 4,7 Zoll abspiele und man quetscht in die Beziehung zwischen Menschen ein Stück Plastik rein.

Kulturpessimistisch?

Zensur?

Über die Segnungen wohlmeinender Zensur nachdenken? Quelle: Wiki Commons

Manchmal frage ich mich schon, wo wir mit all dem interaktiven Webzeugs so hinsteuern. Die sogenannt sozialen Medien scheinen nach und nach von Dummschwätzern, im schlimmsten Fall von Fundis und braunem Gesockse übernommen zu werden. Ja, selbst das Niveau in den ehemals nerdigen Plauderecken wird immer mieser.

Sie finden das arg kulturpessimistisch? Dann sehen Sie sich doch zum Beispiel kurz auf Firefox Input um. Eigentlich ist diese Feedback-Seite ja dazu gedacht, Anregungen von Nutzern für die weitere Entwicklung des Browsers zu sammeln. Was dort aber im Zusammenhang mit der neuen Version an Mist deponiert wird, ist wirklich niederschmetternd.

Ein „awful holy shit“ sei die neue Nutzeroberfläche und folgerichtig gehöre den Entwicklern, ihren Frauen und Kindern respektive ihren „cocksucking gay boyfriends … be cut off the head and then shitting them into the open head, their eyeballs ripped out and you fucking Australis chrome clone DRM lovers and Google servants should be forced to eat their disgusting remnants! STUPID FUCKING CUNTS AND GOOGLE WHORES!!!“

Dabei sind ja eigentlich bloss die Reiterchen im Firefox etwas nach oben gerutscht und die Einstellungen nach rechts. Also, wenn ich etwas zu sagen hätte im Netz, ich würde als Erstes über die Segnungen einer wohlmeinenden Zensur nachdenken lassen.