Die Odysee im Kürzungsdienst

Bis vor kurzem war ich Benutzer eines kleinen, unbekannten und in der Schweiz gehosteten URL-Kürzungsdienstes. Er trug den Namen 3cm.ch. Die Begründung für diesen Namen, sofern ich mich noch richtig erinnere, lag in der Behauptung, mit diesem Kürzungsdienst könne man die URLs im Schnitt um drei Zentimeter kürzen.

 

Das Matterhorn im Hintergrund, ein Kürzungsdienst mit Eingabefeld.

In einer früheren Version gabs noch mehr Buchstabensalat für eine URL: 30 Zeichen!

Neuer Dienst – Unterhaltung garantiert

Von der Witzigkeit des Namens und von der Einfachheit der Bedienung überzeugt, nutzte ich zufrieden den Dienst über mehrere Jahre. Doch vor kurzer Zeit musste ich mit Überraschung feststellen, dass die 3cm-URL auf einen anderen Kürzungsdienst weitergeleitet wird. Neugierig ging ich daran diesen neuen Dienst auszuprobieren und kam dann aus dem Lachen nicht mehr heraus!

Im Hürdenlauf zur „kurzen“ URL

Aus http://www.sbb.ch wurde, bitte den Trommelwirbel nicht vergessen, http://urly.ch/yHZxBDKVdsBnp6b. Also ob das noch nicht genug absurd wäre. Folgt man dem „gekürzten“ Link, führt die Software den Nutzer nicht direkt auf die Seite der SBB, sondern auf eine Zwischenseite, auf der man nochmals ein ReCaptcha eingeben musste, um auf die SBB-Site zu gelangen. Und weil es sonst immer noch zu einfach wäre, muss man nach der erfolgreichen Eingabe des ReCaptcha fünf Sekunden warten, „bis die Seite ready“ ist.

 

Absurd bis ins letzte Detail

Dieses Prozedere ist mühsamer, als ein Schwein ins Schlachthaus zu tragen. Von Sinnhaftigkeit keine Spur. Ausser es handelt sich um eine Betrugsmasche, um ReCaptchas zu lösen. Das Tüpfelchen auf dem i ist die Tatsache, dass man nach der erwähnten Wartezeit nochmals auf einen Button klicken muss, um zum endgültigen Ziel zu gelangen! Wenn man dann schon glaubt, diese Odyssee hinter sich zu haben, wird man mit einem neu geöffneten Browserfenster mit der Startseite des Kürzungsdienstes daran erinnert, dass man sich dieses Prozedere jederzeit nochmals antun darf.

Alles in allem Masochismus pur, aber man muss es fast selbst ausprobieren, damit man es glauben kann.

Abbruchstimmung

Noch vor einem Monat schien die Welt des journalistischen Online-Magazins Coup zumindest äusserlich gesehen mehr oder weniger in Ordnung. Jetzt ist die Schweizer Publikation, die sich nur durch ihre Leser finanziert und keine Werbung schaltet, finanziell am Ende.

Coup steht kurz vor dem Abbruch des Projekts. Bild: Screenshot von http://www.coup-magazin.ch/rette-coup

Man kann dem Magazin nicht vorwerfen, dass seine Geschichten schlecht sind. Denn das sind sie nicht, im Gegenteil. Einmal im Monat findet man dort eine gut geschriebene und gut recherchierte Geschichte über ein bestimmtes Thema. Das Credo des Magazins lautet weniger, aber dafür sorgfältiger recherchierte Geschichten zu publizieren. Das ist an und für sich ein guter Ansatz. Aber das Team hinter Coup vermarktet sich schlecht. Das hat es inzwischen selbst erkann, wie es auf der eigenen Website schreibt:

„Man kann Millionen von Zeichen schreiben, ohne damit einen Franken zu verdienen. Umgekehrt kann man Millionen Franken einnehmen, ohne auch nur ein einziges Zeichen geschrieben zu haben. Um dereinst selbsttragend zu sein, braucht es dieselbe Akribie nicht nur im Journalismus, sondern auch in allen anderen Bereichen. Wir müssen ebenso seriös Mitglieder werben, eine Community aufbauen, Events veranstalten oder Budgetanträge schreiben.“

40’000 Franken fehlen

Nun haben die fünf Initianten von Coup, Joel Bedetti, Pascal Sigg, Andres Eberhard, Konrad Mazanowski und Anna Miller, einen Aufruf gestartet. Dieser läuft bis Ende Juni. Wer das Magazin unterstützen will, kann ein Versprechen abgeben, bis im Juli entweder Abonnent, Mitglied oder Investor zu werden. Je nachdem zahlt man 50, 150 oder 3’000 Franken. Oder man kann auch einfach Geld spenden. Falls es den fünf Initianten gelingt, mindestens 40’000 Franken zu beschaffen, wird die Stiftung für Medienvielfalt weitere 40‘000 Franken beisteuern.

Auf Twitter finden sich unter dem Hashtag #RetteCoup erst fünf Beiträge. Hoffen wir, das sich das noch ändert. Unter anderem mit diesem Beitrag hier.

P.S. Das geplante Food-Magazin „gut“, das sich ebenfalls über ein Crowdfunding vorfinanzieren wollte, hat sein finanzielles Ziel von 360’000 Franken nicht erreicht. Die Frist für das Crowdfunding ist am 1. Juni abgelaufen.

App statt Einkaufszettel

Ich habe früher nie verstanden, wieso andere ihre Einkaufslisten in einer App speichern. Ich hatte meinen Einkaufszettel aus Papier und war damit sehr zufrieden. Die Lebensmittel listete ich jeweils anhand der Reihenfolge der Regale auf, damit ich möglichst zügig durch den Laden laufen konnte. Ich genoss es, den Zettel in der Mitte durchzureissen, wenn ich alles eingekauft hatte. Und das Beste daran: Er war nicht abhängig vom Akku meines Handys.

Bild: flickr.com // Olli Henze // CC BY-ND 2.0

Mein Papierzettel hatte aber auch seine Nachteile: Oft reizte ich die Papierfläche bis auf die letzte Ecke aus. Schräg geschriebene und verkehrte Wörter inklusive. Und wenn das Papier zu klein war, musste die Rückseite auch noch dran glauben. Zudem hatte ich immer öfters zwei, ja sogar drei Einkaufszettel. Bei der Arbeit kam mir vielleicht etwas in den Sinn, das ich dann nicht auf dem Zettel notieren konnte, der daheim auf dem Tisch lag. Manchmal notierte ich auch unterwegs etwas auf einem dritten Zettel, den ich in mein Portemonnaie steckte. Und natürlich gingen diverse Zettel auch immer wieder verloren.

Schliesslich beschränkte ich mich auf eine einzige Einkaufsliste, die ich in meinem Portemonnaie aufbewahrte. Das führte allerdings dazu, dass sie meist arg zerfleddert war, wenn sie endlich zum Einsatz kam. Manchmal vergass ich sie auch schlichtweg.

Einkaufen in Echtzeit

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden und ich lud mir versuchsweise eine einfache Einkaufsapp aufs Handy. Fortan notierte ich alle meine Einkäufe in dieser App und checkte die Batterie meines Handys, bevor ich einkaufen ging. Die Liste war zwar nicht schlecht, aber ausbaufähig. Wollte ich beispielsweise ein Produkt in der Liste löschen, musste ich den entsprechenden Knopf genügend lange drücken, weil ich sonst nur im Bearbeitungsmodus landete. Durchstreichen auf einem Papier war immer noch einfacher. Also wechselte ich nach ein paar Wochen auf eine andere App.

Inzwischen würde ich meinen digitalen Einkaufszettel nicht mehr missen wollen. Gerade wenn ich mit meinem Freund einkaufe, ist es unheimlich praktisch, wenn ich die Einkaufsliste mit ihm teilen und sie in Echtzeit synchronisieren kann. Das hilft sogar, wenn wir einander im Supermarkt verlieren: Denn anhand des letzten Lebensmittels, das gelöscht wurde, können wir erraten, wo sich der andere befindet. Und wir müssen uns nicht mal gross absprechen, wer was holen geht.

Eine einmal geteilte Liste kann ich natürlich immer wieder aktualisieren und ergänzen. Das ist perfekt für WGs oder Paare, die zwei Haushalte führen. Nicht zuletzt muss ich meine Liste nicht immer wieder komplett neu erstellen, sondern kann auf bereits eingetragene Produkte zurückgreifen und sie mit einem Klick wieder aktivieren.

Hoffentlich verliere ich mein Handy vor dem nächsten Einkauf nicht.

Berndeutsch in 23 Minuten

„Es gibt auf der Welt nicht nur Berner. Dies muss ich immer wieder mit Erstaunen feststellen. Ja, es gibt sogar so manche, die verstehen kein Berndeutsch. Unglaublich, eigentlich. Man muss sich dies einmal vorstellen: ein Leben ohne Berndeutsch! Dabei ist es ja nicht so schwer. Berndeutsch lernt man in dreiundzwanzig Minuten. Nicht das beste Berndeutsch, das gebe ich zu, aber immerhin öppys.“

Screenshot von berndeutsch.be

Screenshot von berndeutsch.be

Dieser Begrüssungstext springt einem auf der Website www.berndeutsch.be entgegen. Wer weiterliest, wird wie versprochen Schritt für Schritt in den Berner Dialekt eingeführt. Dazu gehört beispielsweise, gewisse Endungen am richtigen Ort abzuschneiden. Das macht man mit der sogenannten „Wegschnayd-Reegel“, die ein „ich habe“ zu einem „i ha“ zurechtstutzt oder ein „gemacht“ zu einem „gmacht“. Weiter wird erklärt, dass man ein „Sp“ durch ein „Schp“ ersetzen soll. Aus „Spass“ wird so „Schpass“, aus „kostbar“ wird „koschtbaar“ etc.

Auch die Betonung wird erklärt:

„Das Berndöytsche ist etwas laaangsaaaamer aals daas Hooochdöööytsche und wiiird schtäärker betOOOnt. Fersuuchen Sy das: IIIIIch SEEEhe ayn SCHÖÖÖnes MÄÄÄdkcheen.“ (Das Berndeutsche ist etwas langsamer als das Hochdeutsche und wird stärker betont. Versuchen Sie das: ‚Ich sehe ein schönes Mädchen.'“)

Und so weiter. Ob man allerdings alle diese Infos in 23 Minuten ins Gedächtnis bekommt, ist eine andere Frage. Lustig ist der Versuch allemal.

„Njusletter abonyere“

Auch sonst ist auf dieser Website alles dem Berndeutschen angepasst. Aus Newsletter wird „Njusletter“ aus E-Mail „Y-Meyl“ und Neuigkeiten werden als „Nöykeyte“ bezeichnet. Die Schreibweise mit dem „Y“ (Igregg, wie ihn die Berner und die Romands nennen), mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber da es im Schweizerdeutschen bekanntlich keine Schreibregeln gibt, kann man das vor dem inneren Auge nach eigenem Gusto anpassen.

Leider scheint die Website nicht allzu aktuell zu sein. Ein Eintrag weist darauf hin, dass ab 14. April neue berndeutsche Flirt-Wörter vorgestellt werden. Und der aktuellste Beitrag der gleichnamigen Facebook-Seite stammt vom 1. Dezember 2015. „Häärzig“ und herzerwärmend ist die Website trotzdem. Auch wenn man weiss, dass die Top Level Domain „.be“ zwar vordergründig für den Kanton Bern, aber in Wirklichkeit für Belgien steht.

P.S. Der Betreiber der Website, René Frauchiger, möchte eines Tages ein Berndeutschwörterbuch herausbringen. Ob er seinem Ziel schon näher gekommen ist, will ich noch in Erfahrung bringen.

Eine Telefonkabine als Bücherschrank

Am Bahnhof Rheinfelden, neben dem Wartehüsli auf dem Perron des Gleis 3 und 4, steht eine Telefonkabine. Sie trägt den Namen „Stadtbibliothek Gleis 9 ¾“, in Anlehnung an die Geschichten von Harry Potter. In dieser Telefonkabine befinden sich Bücher. Es sind ausgeschiedene Bücher der Stadtbibliothek Rheinfelden. Und private Bücher von Passanten. Alle kann man sie gratis mitnehmen. Und natürlich kann man auch Bücher dort hinterlassen oder tauschen.

Book

Quelle: flickr.com // superscheeli // CC BY-SA 2.0

Passanten, die auf den Zug warten, können sich so mit Lesen die Zeit vertreiben, bis ihr Zug kommt oder bis sie an ihrem Ziel ankommen. Oder sie können den Krimi, den sie eben zu Ende gelesen haben, mit einem Liebesroman tauschen. Falls sie das wollen.

Angebot wechselt regelmässig

Die Stadtbibliothek Rheinfelden hat das Angebot mit der Telefonkabine lanciert. Isabelle Cladé, Stellvertreterin der Bibliotheksleiterin, bezeichnet es als „dynamischen Ort“. Sie sieht auf dem Nachhauseweg oft Leute in der Telefonkabine schmökern oder wird direkt von ihnen angesprochen. „Bücher die ich heute reinstelle, sind bis morgen weg. Das Angebot sieht jeden Tag anders aus“, sagt sie.

Der Bibliothek selbst bringt das nicht unbedingt mehr Kunden. Lediglich ein einfaches Infoblatt weist darauf hin, wer hinter der Idee mit der „Bücherkabine“ steckt. Aber das Angebot bereitet Menschen eine Freude. Und ergänzt damit die grosse Auswahl von E-Books, Online-Medien und Zeitungen, in der wir manchmal zu versinken drohen.

Und damit wäre dann wohl auch die Frage geklärt, was dieser Beitrag eigentlich in diesem digitalen Blog zu suchen hat.

P.S. Es gibt ganz viele ähnliche Angebote wie dasjenige in Rheinfelden: Die Kantonsbibliothek Liestal bietet im Sommer Bücher zur Ausleihe in der Badi an. Die Bieler Stadtbibliothek ebenso – und zwar zweisprachig. Weiter gibt es in Biel direkt am Seeufer den „Schronk“ und in der Altstadt am Juraplatz eine mit Büchern gefüllte, ausrangierte Telefonkabine. In Basel gibt es am Voltaplatz einen Bücherkasten. Und nicht zuletzt findet man in den Freibädern von Zürich Bücherregale mit Büchern, die man entweder ausleihen oder mitnehmen kann. Mehr Infos unter buchort.ch und Wikipedia.

Sie werden alle sterben

Zalando ist böse. Das ist nicht neu. Der Online-Händler fördert das Lädelisterben. Er drückt die Preise. Er ist aggressiv. Er ermöglicht einen massiven Päckli-Retourversand, ohne dass der Kunde einen Rappen dafür ausgeben muss. Er ist schier unschlagbar, weil es nun mal viel bequemer ist, Kleider und Schuhe vom Sofa aus zu bestellen, statt in einen Laden zu gehen, der nur die Hälfte an Auswahl bietet.

Schuhe

Quelle: flickr.com // Markus Pichlmaier // CC BY-ND 2.0

Dass aber Zalando dafür verantwortlich sein soll, dass Jugendliche bald keine Arbeit mehr finden, weiss ich erst seit gestern. Erfahren habe ich das in einem ehrwürdigen, alteingesessenen Schuhladen. Einem, der noch richtig schöne Schuhe aus echtem Leder verkauft, die man anderswo nicht so einfach findet. Als ich dort fündig werde, freue mich und sage der Verkäuferin, wie toll ich ihren Laden finde, weil er sich vom Einheitsbrei abhebt. Ihre Reaktion auf das Lob ist verhalten: „Fragt sich nur , wie lange wir noch überleben“, sagt sie lapidar.

Wo denn das Problem liege, will ich wissen.

„Wissen Sie, die Leute kaufen nur noch bei Zalando ein“, klagt sie. „Die Jungen sind sich gar nicht bewusst, was sie damit anrichten. Sie schneiden sich ja direkt ins eigene Fleisch.“

Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen.

Die Verkäuferin redet sich in Rage: „Alle kleinen Läden werden in Zukunft aussterben, wenn es so weitergeht. Die Stadt wird aussterben. Shoppen und flanieren können Sie dann vergessen. Und dabei ist es das, was die Jugendlichen mögen. Shoppen. Man müsste sie schon in der Schule sensibilisieren, damit sie sich bewusst sind, was sie damit anrichten. Oder die Medien müssten darüber berichten. Und Lehrstellen wird es dann auch nicht mehr geben. Die Jugendlichen werden in Zukunft keine Arbeit mehr finden! Ich fürchte mich richtig, wenn ich an die Zukunft meiner Grosskinder denke.“

Ich bin sprachlos. Ihre Sichtweise erscheint mir etwas gar tiefschwarz. Und Schulen oder Medien in die Verantwortung zu ziehen, wenn es einem Teil der Wirtschaft schlecht geht, finde ich etwas gar abenteuerlich. Klar kann ich ihren Frust verstehen. Vor allem dann, wenn Kunden in ihren Laden kommen, Schuhe probieren und diese dann online bestellen, nur weil sie dort fünf bis zehn Franken günstiger zu haben sind.

Nur wer sich anpasst, überlebt

Aber gleichzeitig denke ich bei mir, dass es neben einer Verkäuferlehre noch ganz viele andere Ausbildungsplätze gibt. Will einwenden, dass kleine Läden nur dann überleben können, wenn sie sich eine Nische suchen, in der sie sich behaupten können. Und dass es nichts bringt, an alten Mustern festzuhalten, statt sich dem Markt anzupassen. So bietet der besagte Schuhladen zwar eine etwas zusammengebastelte Website an, aber keinen Online-Shop. Bestimmt gibt es dafür Gründe. Aber zukunftsträchtig ist es sicher nicht.

Das alles behalte ich aber für mich. Höre der Verkäuferin so lange zu, wie es der Anstand gebietet und verabschiede mich dann. Solange es den Laden noch gibt, werde ich weiterhin dort Schuhe kaufen. Aber sollte es ihn mal nicht mehr geben, werde ich vermutlich wissen, woran es liegt.

Zu viel des Guten

Kürzlich bin ich einen modernen Mercedes E500 gefahren. Das war kein Auto. Sondern ein fahrender Computer. Als ich den Motor startete, straffte sich der Gurt automatisch und drückte mich in den Sitz zurück. Einen Schaltknauf gabs keinen. Die Gangschaltung funktionierte automatisch. Genau wie die Scheinwerfer. Fuhr ich in einen Tunnel, leuchteten sie auf. Verliess ich den Tunnel, schalteten sie sich wieder aus.

Das Steuerrad vibrierte, wenn mein Reifen den Fahrstreifen touchierte. Das Auto bremste automatisch ab, sobald ich dem vorderen Wagen zu dicht auffuhr. Wollte ich ihn überholen, warnte mich ein rotes Dreieck im Seitenspiegel, falls gerade kein guter Zeitpunkt war, um nach links auszuscheren. Ignorierte ich das Dreieck, weil es meiner Ansicht nach zu lange leuchtete, erklang ein durchdringender Warnton, der Tote geweckt hätte. Ein ähnlich nerviger Ton erklang, wenn ich im menschenleeren Parkhaus den Gurt bereits gelöst hatte und nur noch kurz meine Position korrigieren wollte.

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Ein Union 1000 S, Baujahr 1959. Das war noch ein Auto. Quelle: flickr.com // Georg Sander // CC BY-NC 2.0

Gute alte Zeiten

Wehmütig denke ich an den guten alten Peugeot 205 zurück, den ich früher ab und zu gefahren bin: Er war handgeschaltet, ohne jeglichen Schnickschnack. Alles funktionierte mechanisch. Selbst die Scheiben musste ich von Hand runterkurbeln.

Aber zugegeben: Das Gefährt war auch sehr alt. Nach einer langen Winternacht brauchte es einige Geduld, um den Motor zu starten. Ohne Choke war da nichts zu machen. Auf der Autobahn musste ich den Motor süferli aufwärmen, damit er auf seine 110 Stundenkilometer kam. Und bei 120 Stundenkilometern hatte ich das sichere Gefühl, das Auto würde bald auseinanderfallen.

Technik ja, aber …

Ich habe nichts gegen moderne und schnelle Autos. Technische Spielereien sind wunderbar, sofern sie mir das Leben erleichtern. Auch ich war schon froh um einen Tempomat, wenn ich auf einem US-Highway 350 Meilen geradeaus fahren musste und den Fuss vom Gaspedal nehmen konnte. Bei 45 Grad Celsius Aussentemperatur habe ich durchaus nichts gegen eine Klimaanlage im Auto einzuwenden. Letztlich kann ich den ganzen technischen Schnickschnack ja auch ausschalten, wenn er mich zu sehr aufregt.

Aber mich stört, wenn ein Auto darauf aufgelegt ist, mir das Denken abzunehmen. So wie bei den sogenannten „connected cars“ der Zukunft. Diese sollen den Handy-Kalender des Fahrers auslesen und ihm mitteilen, ob er es noch rechtzeitig zu seinem Termin schaffen wird oder ob er nicht vielleicht eine Abkürzung nehmen sollte. Selbstverständlich berechnet vom Online-GPS-System, das genau über alle aktuellen Baustellen Bescheid weiss. Oder es erinnert den Fahrer an sein Sporttraining nach der Arbeit und registriert womöglich mithilfe des Gewichtssensors auf dem Rücksitz, dass sich die Sporttasche nicht an ihrem üblichen Platz befindet.

Ich besitze kein Auto. Habe nie eins besessen. Aber wenn ich eins hätte, dann müsste es mindestens 20 Jahre alt sein. Ein bisschen Elektronik ist gut. Aber fahren, schalten und denken möchte ich immer noch selbst.

Tickets per Knopfdruck? Nö.

Automaten sind manchmal ein wahrer Segen. Zum Beispiel in der Migros, wenn ich bezahlen will. Dort habe ich die Wahl: Ich kann entweder Schlange stehen. Der Kassiererin (oder dem Kassierer) dabei zusehen, wie sie meine Waren nacheinander über den Scanner schiebt. Zuhören, wie sie mir im immer gleichen monotonen Tonfall die immer gleichen Fragen stellt: „Haben Sie die Cumulus-Karte?“, „Wollen Sie ein Säckli?“, „Sammeln Sie Bons?“ Danach hektisch meine Einkäufe einpacken, weil hinter mir schon wieder der nächste wartet. Oder ich scanne meine Einkäufe selbst, packe sie in Ruhe ein und muss keine nervigen Fragen beantworten.

Kino

Quelle: flickr.com // Antonello Tanteri // CC BY-NC-ND 2.0

Was in der Migros und im Coop funktioniert, hat aber noch nicht überall Einzug gehalten. Im Kino beispielsweise stehe ich immer noch Schlange, um mein Ticket zu kaufen (es sei denn, ich kaufe es online). Das Schlimme dabei: Ich muss mich als Kinogängerin mit einem Nicht-Touchscreen rumschlagen, auf dem mir die nette Dame auf der anderen Seite die freien Plätze anzeigt. Unzählige Male an diesem Abend sagt sie: „Die Leinwand ist gelb. Die gelben Plätze sind noch frei, die blauen besetzt“.

Statt dass ich meine Plätze per Touch auswählen kann, muss ich ihr erklären, wo ich gerne sitzen möchte. Was durchaus zu Missverständnissen führen kann. Hinzu kommt, dass es Menschen gibt, die sich nicht entscheiden können, was die Warteschlange verlängert: „Wo möchtest du sitzen, Schatz? Ach nein, das ist zu weit vorne. Wollen wir nicht lieber dort drüben hin?“ Oder so ähnlich.

Automaten im Kino?

Wieso also, liebe Kinobesitzer, stellt ihr nicht einfach ein paar Automaten auf? Dann könnte sich jeder selbst bedienen und sein Ticket auf dem Screen auswählen. Es gäbe vermutlich keine langen Schlangen mehr. Jeder könnte in seinem Tempo sein Ticket kaufen.

Aber klar, so einfach ist es nicht. Ein solches System muss damit umgehen können, wenn fünf Personen praktisch zeitgleich den gleichen Platz auswählen. Ganz billig wird es auch nicht sein. Und als wäre das nicht genug, muss sich das betreffende Kino dann vermutlich den Vorwurf gefallen lassen, es wolle nur Arbeitsplätze sparen. Wie Migros und Coop auch.

Trotzdem – wären wir nicht alle letztlich glücklicher damit? Die Frau hinter der Kasse genauso wie der Kinogänger? Wer Zweifel hegt, sollte dieses Buch hier lesen. Und sich an einem Samstagabend kurz vor Filmbeginn in einer grösseren Schweizer Stadt ein Kinoticket kaufen. Viel Spass auch.

Zurück zu vorindustriellen Verhältnissen – willkommen in der Zukunft

Als Kind war die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Märchen einfach. Alle Märchen vermittelten lehrreiche Botschaften über das Zusammenleben mit den Mitmenschen in sich. So lernten Kinder noch beim Einschlafen einfache Lektionen von Recht und Unrecht.

Eine kleine Brücke führt über ein Rinnsal.

Wenn Du Dich auf den digitalen Pfad der Erleuchtung begibst, steht Dir das Tor zu einer erfolgreichen Zukunft offen … so das gängige Märchen.

Die digitale Metamorphose
Obwohl das Vorlesen von Märchen für Kinder nicht mehr in Mode ist, hat die Verwendung von Märchen in der Organisations-Kommunikation immer noch Konjunktur – so neulich gesehen in beim Think-Tank Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). Die eigene Handelstagung bewarb das GDI mit dem aktuellen Dauerbrenner in Sachen Märchen: Die Fabel von der digitalen Metamorphose.

Mit einem Tweet in die verheissungsvolle Zukunft
Konkret war da von der Stadt Rockford die Rede. Rockford (in Illinois, USA) rutschte durch den industriellen Niedergang (Rust Belt) in einen albtraumhaften Tiefschlaf, aus der sich die Stadt nicht befreien konnte. Bis dahin hätte die Geschichte ein übles Ende genommen, wenn nicht eine Fee aus dem digitalen Wunderland in Gestalt von Etsy (ein Webshop auf dem alle ihren selbst gemachten Kunstkrempel verhökern können) den Schrei um Hilfe auf Twitter erhört und dem Bürgermeister in Sachen digitaler Ökonomie Nachhilfe erteilt hätte. Jetzt, da die digitale Fee ihren Zauberstab geschwungen hatte, gehe Rockford einer verheissungsvollen Zukunft entgegen. Glaubt man dem GDI, endet die Geschichte hier mit einem Happy End – so wie nun mal  Märchen „Made in USA“ aufzuhören pflegen.

Die Moral versteckt sich in den Lücken
Tja, mit den heutigen Märchen ist das so eine Sache. Im Gegensatz zu den traditionellen Märchen steckt die Moral der heutigen PR-Märchen in dem Teil, den das Märchen leichtfüssig übergeht. Es ist zwar schön, dass Rockford den rostigen Gürtel abschütteln konnte. Nur leider fragt in einem Jahr sicherlich niemand mehr danach, ob es so toll war, sich einem einzigen Webshop auszuliefern und sich auf vorindustrielle Verhältnisse einzulassen, wo jeder versucht, im Dschungel des Internets seine mühevoll gestalteten Briefbeschwerer zu verkaufen.

Und die Moral von der Geschichte: Märchen findet man nicht nur in Büchern, sondern auch auf Hochglanzprospekten.

P.S. Die Fabel der digitalen Wiedergeburt wird gerne mit einem anderen Märchen zusammengemischt: Wenn Du nur hart genug arbeitest, kannst auch Du im Lotto gewinnen. Mit dem Lottogewinn stellen sich selbstverständlich auch Ruhm, Ehre und eine ausgewogene Work-Life-Balance ein …

Amiga, die Küchenschabe unter den Computern

MHz, GHz, Single-Core oder Dual-Core… An diesen Kennzahlen erkannte man früher wie veraltet der Computer schon war, als er im Laden über die Theke ging. Aber auch heute trifft es noch immer zu, dass der Computer, den man sich gerade gekauft hat, schon ein Auslaufmodell ist. Die Entwicklung schreitet rasend voran.

Bild eines Commodore Amiga 500 mit Bildschirm, Diskettenlaufwerk und einer Maus.

Der Commodore Amiga 500 war damals ein Spitzenprodukt. Es gibt noch viele Fans des Amiga. WikkiCommons: Bill Bertram 2006, CC-BY-2.5

„Will haben“-Zyklus
Die Faustregel von Gordon Moore (Moore’s Law), wonach sich alle 24 Monate die Anzahl der Schaltkreiskomponenten auf einem integrierten Schaltkreis verdoppelt, hat sich bis jetzt gehalten. Da die Software-Entwickler mit der technischen Entwicklung rechnen, passen sie ihr Produkt der erwarteten Rechenleistung gerne auch grosszügig an. Das führt dann eben dazu, dass der neue Gaming-Computer nur noch für ein oder zwei Generationen von Top-Spielen taugt, bevor man ihn hochrüsten muss. Lebt man dann zusätzlich noch in der realitätsverzerrenden Apple-Blase, dann ist man auch bereit, jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen.

Zwei Monitore und drei Mäuse
Umso schöner ist es zu hören, dass es Leute und Computer gibt, die sich diesem elendem Kaufrausch-Zyklus vollständig entziehen. In Grand Rapids, Michigan USA, gibt es 19 Schulgebäude, deren Heizungs- und Klimatisierungssysteme von einem in den frühen 1980er Jahren gekauften Commodore Amiga gesteuert werden. Die Verantwortlichen möchten dann doch bei nächster Gelegenheit das problemlos laufende System erneuern. Ihr Problem ist nämlich: Nach zwei Monitoren und drei Mäusen sind die Ersatzteile immer schwieriger aufzutreiben.

Dieser Kauf war sein Geld wert
Dieser Computer scheint so resistent zu sein, wie die sprichwörtliche Küchenschabe. Das Programm wurde damals von einem Schüler geschrieben. Wenn es Probleme gibt, wird dieser zu Rate gezogen, weil er immer noch in der Gegend wohnt. Es heisst übrigens, der Ersatz für den Amiga wird 1,5 bis 2 Millionen US-Dollar kosten. So günstig wie mit diesem Computer wird das nie mehr werden…