Neues Familienmitglied?

Am 9. September wird Apple in San Francisco einer seiner berühmten Produkte-Launch-Veranstaltungen durchführen. Eingefleischte Apple-Fans werden sich diesen Abend reservieren und via Live-Stream (falls es denn einen gibt) verfolgen, was ihnen als nächstes beschert wird. Im Gespräch sind zwei neue Generationen der iPhones 6s und 6s Plus, aber auch die nächste Generation von Apple TV gilt als vielversprechender Kandidat.

Apfel

Noch ist der Apfel nicht angebissen. Wir dürfen gespannt sein. (Quelle: Flickr.com // PeterFranz // CC BY 2.0))

Medien werden versuchen, sich in der Berichterstattung zu übertrumpfen, die Gerüchteküche wird brodeln (noch mehr als jetzt schon) und sobald klar wird, welches Gadget zu welchem Zeitpunkt wo verfügbar sein wird, wird man sich in den Apple Stores weltweit (unter anderem demjenigen an der Zürcher Bahnhofstrasse) die Hände reiben. Neben einem verstärkten Zulauf können die sich dort schon jetzt auf eine Invasion von Campern freuen, die bereits Tage vor dem Produkt-Launch vor dem Shop übernachten, um sicher sein zu können, das neue Teil möglichst bald ihr eigen nennen zu können.

Faszination über alles

Doch was macht sie aus, diese Faszination für Apple? Ok, es gibt auch andere Unternehmen mit einer ähnlich treuen Fangemeinde – Asics beispielsweise. Aber die Fans von „Koi“, dem Schuh von Asics, sind immerhin Sammler. iPhone- und iPad-Sammler gibt es hingegen nicht sehr viele auf dieser Welt. Schliesslich kann man jeweils nur ein Gerät auf einmal bedienen und sobald das neue draussen ist, gilt das alte tendenziell als uninteressant.

Was ist es also? Ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die Fans zusammenhält? Eine Art Kult oder Glaube? Eine Art Schwarmintelligenz? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Und klar: Nicht alle Fans sind gleichermassen vom Apple-Virus befallen. Manche nutzen die Produkte einfach, weil sie beispielsweise Grafiker sind und ihnen iOS diesbezüglich schlichtweg mehr bietet als irgendein anderes Betriebssystem. Oder sie finden die Apfel-Produkte schöner als die von Samsung (wobei es rein äusserlich immer schwieriger wird, diese beiden Marken zu unterscheiden, aber das ist ein anderes Thema, mit dem sich Juristen sehr gerne auseinandersetzen).

Campen? Ja, aber bitte nicht auf der Strasse

So oder so dürfen wir gespannt sein, welche Pläne Apple schmiedet und mit welchen Innovationen das Unternehmen mit dem angebissenen Apfel diesmal aufwartet. Aber campieren sollten wir dennoch besser in den Bergen. Ist eh viel schöner dort.

ShitExpress akzeptiert jetzt auch Bitcoins!

Jesus mit Bart und Hipster-Brille

Dieser Hipster-Jesus mit Internet-Affinität hatte auch schon vorher Follower.

Kennen Sie diese Leute? Diese Leute, die das Internet für die grösste Erfindung überhaupt halten. So Leute, die glauben, dass man mit dem Internet Krebs heilen und gleichzeitig den Weltfrieden herbei-liken kann? Nein, kennen Sie nicht? Mir sind diese schon ab und zu begegnet und sie sind fast nicht auszuhalten. Naja, immerhin ist das eine aussterbende Rasse. Ich hab mir aber sagen lassen, dass es an der Westküste der USA, in einem Tal in Kalfornien, ein Reservat für diese Spezies gibt…

Internet-Jesus: Aus Kacke Bitcoins machen
Wie auch immer. Sollten Sie so einem Exemplar einmal begegnen, dann empfehle ich folgendes Experiment:  Beobachten sie es genau und hören sie still zu. Wenn diesem Internet-Jesus dann die Heiligkeit aus den Ohren quillt können Sie ihn dann einfach Fragen: „Hast Du gewusst, dass man bei ShitExpress jetzt auch mit Bitcoins zahlen kann?“ Warten Sie den verdutzten Gesichtsausdruck ab und schieben sie den folgenden Satz ins offene Mundwerk nach: „So sieht Dein seeliges Internet wirklich aus!“
Seien Sie dann gespannt, was passiert. Der Tier-Dokumentarfilmer Steve Irwin hätte seine helle Freude daran gehabt.
ShitExpress“ ist übrigens ein Service aus dem Internet, mit dem Sie gegen Bezahlung jemandem ein Paket mit Tierkacke per Post schicken können.  Gemäss Website können Sie sich demnächst auch aussuchen, von welchem Tier die Kacke kommt… Willkommen in der wunderbaren Welt des Internets.

In den Klauen linker Zombies

Ampelmaenchen

Nieder mit der Ostalgie an unseren Schulen! (Quelle: Wiki Commons)

Was hat Wilhelm Tell mit Salman Rushdie zu tun? Eigentlich nichts, möchte man meinen – der eine ist historische Fiktion, der andere eine lebende Legende; der eine Urschweizer, Katholik, und Heckenschütze, der andere Ausländer, Atheist und Schriftsteller. Doch die Jungendtruppe der Schweizerischen Volkspartei, die bringt das locker unter einen Hut. Die montiert auf ihrem Schulkummerkasten im Web (www.freie-schulen.ch*) unbeschwert Rushdies Bonmot („Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht“) neben Tells Statue (vermutlich die, die vor dem Kantonsgericht in Lausanne steht). Vielleicht fand das jemand im Projektgrüppli einfach cool. Vielleicht wollte man bloss wieder mal klarstellen, dass man eigentlich nichts gegen Ausländer hat, vorausgesetzt, sie passen einem gerade ins Konzept.

Verwundern sollten uns solche intellektuellen Fehlzündungen indes nicht. Bekanntlich ist das Bildungsniveau des typischen SVP-Wählers eher lamentabel und die Wählerinnen sind, wie stets in dieser Partei, auch hier mitgemeint. Das konnte längst jeder ahnen, der die sprachlichen Ausscheidungen der Parteinomenklatura verfolgte, das kann heute jeder nachlesen, der‘s nicht glaubt.

Wundern sollten wir uns auch nicht darüber, dass es auf www.freie-schulen.ch weder um die Freiheit der Schulen im Allgemeinen, noch um Schulen unter freier Trägerschaft im Speziellen geht. Nein, es geht es um die linken Zombies, die fiesen Indoktrineure, die, wie jeder weiss, unsere Schulen fest im Griff haben und sie ergo grundsätzlich unfrei machen. Das zeigt sich etwa daran, dass ein Porträt von Che Guevara an einem Bündner Gymnasium ein Jahr lang unbehelligt prangen darf. Dabei ist es weitum sichtbar, hoch oben am Kamin – zumindest für Besitzer eines handelsüblichen Fernglases. Es manifestiert sich ferner dann, wenn einer Zürcher Klasse gestattet wird, ihr Schulzimmer zum moralzersetzenden Thema „Ostalgie“ zu dekorieren – während sich andere Klassen so Gefreutem wie Charlie Chaplin oder den 80er-Jahre-Rollschuhdiskotheken annahmen. Wenn das jetzt nicht der Anfang vom Untergang des Abendlandes ist.

*Richtig, hier fehlt der Link, und das ist gut so.

Wettbewerb, Konkurrenz und digitale Krücken im Schulzimmer

Ein roter Keramikapfel und ein schwarzer Kaffeebecher in dem es verschiedene Schreibutensilien hat.

Von jetzt an wird nicht mehr geschrieben, sondern nur noch auf dem Screen getatscht.

Verschiedene Schulen im US-amerikanischen Staat Kalifornien gehen mit Vollgas den digitalen Weg: Sie verwenden Class Dojo.  Bei Class Dojo werden Kinder, Lehrer und Eltern in ein Bewertungssystem eingebunden. Die Lehrkräfte bewerten, mit einem Tablet ausgerüstet, die Kinder während des Unterrichts durch die Vergabe von Punkten und kommentieren diese falls nötig. Eltern können diese Punktevergabe zu jedem Zeitpunkt verfolgen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden auch die Schülerinnen und Schüler ihren Punktestand in der Class Dojo App ansehen und mit anderen vergleichen können. Bis dahin bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren Punktestand auf der Schultafel zu verfolgen. Ist das nicht wunderbar?!

„Ich wiederhole mich nicht gerne“

Falls Sie, so wie ich, nicht gerade auf Anhieb verstehen, wozu der ganze Aufwand gut sein soll, dann konsultieren Sie doch kurz die Website von Class Dojo. Dort finden Sie kurze Motivationsfilmchen mit dem gleichen Gedudel im Hintergrund wie in den Werbespots des Apfel-Konzerns. Da sagt dann Emily Wood, eine Grundschullehrerin, dass sie keine Lust hat sich zu wiederholen: „Ich war auf der Suche nach etwas, mit dem ich meine Schüler in ihren guten Verhaltensweisen motivieren und inspirieren konnte, ohne es ihnen immer wieder sagen zu müssen.“

Sich selbst zuhören wäre manchmal heilsam

Oder Evan Wolkenstein gibt in einem anderen Video öffentlich zu, dass er als Lehrer nicht geeignet ist, weil er ohne diese Software nicht mehr daran erinnert würde, was in Bezug auf den Unterricht wichtig ist. Ausserdem sei es für die High-School-Kids eminent wichtig, zuhören zu lernen, damit sie sich gegenseitig auf gleicher Höhe begegnen… Zuhören? Hört dieser Mensch eigentlich auch sich selbst zu? Oder hört er nur ab und zu rein, während ihm dieses pseudo-intellektuelle Geschwafel aus dem Mund quillt?

Zeit durch Software ersetzen
Class Dojo soll ein Spass für die ganze Familie sein. Schliesslich können die Eltern in Echtzeit verfolgen, wie sich die Sprösslinge im Unterricht entwickeln. Und die Eltern scheinen das zu schätzen, weiss die Grundschullehrerin Kendra Franks: „Viele Eltern meiner Kinder haben zwei Jobs zu bewältigen und können sich durch die wöchentlichen Berichte auf dem Laufenden halten. So kann ich mit ihnen kommunizieren. Es geschehen so viele Dinge durch die Woche, dass es schwierig ist. sich daran zu erinnern, was letzte Woche war…“ Automatisch generierte Berichte nennt eine Lehrerin „Kommunikation“. Noch Fragen?

Kinder werden zu Konkurrenten
Wenn ich mir diese Werbesprüche anhöre, dann scheint es Bedarf für die Bewertung von Lehrpersonen geben. Aber seien wir mal nicht so. Die meisten Lehrkräfte, die diese Software verwenden, sind so jung, dass sie halt nichts anderes kennen – digital Na(t)ives. Und damit könnte man es auch bewenden lassen, aber ich finde schon, dass man diesem jungen Gemüse sagen sollte, was es damit verursacht: Damit werden aus Kindern Konkurrenten, man fördert damit von Kindesbeinen an die Vorstellung, dass sich alles Wichtige im Leben auf 4,7 Zoll abspiele und man quetscht in die Beziehung zwischen Menschen ein Stück Plastik rein.

Soziale Propaganda: Wenn Köpfe in die gute Stube rollen

Totenschädel-Gesichter, die wie Al-Kaida oder Taliban aussehen.

Propaganda hat viele Gesichter und Eltern. Hier ein Flyer der US-amerikanischen psychologischen Operationseinheit im Afghanistankrieg. (Quelle: WikiCommons)

Gestern bin ich über ein Zitat gestolpert und es blieb an mir haften. Dan Rather, ein in den USA sehr bekannter und geschätzter Journalist, hat sich in einer CNN-Gesprächsrunde zum Thema ISIS folgendermassen geäussert:

„In the way the Vietnam War was the first television war, this is the first social media war […] ISIS has proved to be very adept, very talented — you always hope that evil won’t be — in ratcheting up their hysteria, ratcheting up the image of their influence, far beyond what their actual military capabilities are.“

Goldgrube für die Marketingabteilung
Ich stimme Dan Rather in diesem Punkt beinahe vollständig zu. Er irrt nur darin, dass es sich hier um den ersten Social Media-Krieg handeln soll. Die Ausweitung der Schlachtfelder auf die Zone der ach so freundlichen „sozialen Medien“ findet schon seit einigen Jahren statt. Erinnern wir uns doch zurück an den „arabischen Frühling“, der (so verkaufen es uns gerne die Marketingabteilungen von Milliardenkonzernen aus dem Silicon Valley) ohne die Hilfe von bunten Software-Plattformen aus dem Internet nie so hätte stattfinden können.

Branding ist alles – Menschen wollen Geschichten erzählt bekommen
Aber so weit müssen wir nicht einmal zurückgehen. Hat nicht vor kurzem eine Revolte in der Ukraine stattgefunden und einen demokratisch gewählten Präsidenten aus dem Land gejagt? Dieser Umsturz bekam in den (sozialen) Medien einen netten Titel und schon lief das Ganze wie geschmiert. Zuerst nannte man  das Spektakel „Euro-Maidan“ (nach dem Maidan-Platz, an dem sich das ganze abspielte) und dann nur noch „Maidan“. Immerhin war man dann in der Namensgebung nur konsequent: Nach einer gewissen Zeit ging es nicht mehr um den Wunsch der Menschen mehr in Europa integriert zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die scheinbare Glaubwürdigkeit von sozialen Medien
Nun, da der Terror unsere Klicki-Bunti-Welt in den sozialen Medien erreicht hat und uns abgetrennte Köpfe präsentiert werden, sollten wir uns eine Sache vor Augen führen: Wenn Regierungen anfangen Youtube-Filme als Beweismittel für Kriege einzuführen, dann müssen wir ihnen vertrauen, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass das Internet zwangsläufig eine vertrauenswürdige Quelle ist. Schliesslich war der Film, in dem Chuck Norris im Fluge auf zwei Flügelspitzen balancierte, garantiert auch echt!

„Predictive policing“: Das Polizei-Orakel im Server-Raum

Drei ältere Männer in alten Polizeiuniformen.

„If you end up on that list, there’s a reason you’re there.“ sagt Commander Steven Caluris vom kalifornischen Polizeidepartement. Und Besuch kriegt man nicht von denen da oben.

Glauben Sie daran, dass sich Menschen ändern können? Wenn nein, dann können Sie diesen Blogpost getrost vergessen und beruhigt weitersurfen. Wenn ja, dann geben Sie doch nach dem Lesen mal „predictive policing“ in die Suchmaschine Ihrer Wahl ein und lesen Sie in aller Gemütlichkeit, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Es braucht kein besonders geschultes Auge und Gehirn, um sich vorzustellen, welches Marianengraben-artige, dunkle Loch sich vor uns hier öffnet.

Das Big-Data-Orakel ist sich für nichts zu schade
Damit Sie wissen, worüber ich schreibe, hier eine kleine Einführung. Vielleicht kennen Sie den Film „Minority Report“ mit Tom Cruise. Nichts weniger als ein solcher Polizeistaat bahnt sich gerade an. In den USA durchsuchen Server der Polizei das Web und indexieren Millionen von Websites und Social-Media-Präsenzen. Telefonate werden abgehört, analysiert und personenbezogene Bewegungsdaten erhoben. Alles wird gespeichert. Dann verrichten „schlaue“ Algorithmen ihren Dienst anhand von vordefinierten Psychogrammen und vermuteten Verhaltensmustern. Am Ende dieses Prozesses stehen dann Hot-Spots (für mögliche Verbrechen) und sogar sogenannte heat lists“ von möglichen Verdächtigen für Straftaten, die noch nicht begangen wurden! Die Behörden, die diese Spielzeuge zur Verfügung haben, lassen die möglichen Verdächtigen auch gerne in persönlichen Besuchen wissen, dass man sie im Auge behält.

Der nette Kaffeeplausch mit den Freunden in Uniform
Wir dürfen uns freuen, denn wir wissen ja aus Erfahrung wie gut diese Algorithmen sind, die einem nach dem Buchen eines Hotelzimmer superpraktische Werbung mit weiteren Angeboten im selben Hotel auf den Bilschirm spülen. Und übrigens: Als verantwortlicher Mitmensch wird man von der Polizei auch aufgefordert, sich in den gefährdeten Gegenden aufzuhalten und damit mögliche Straftaten durch seine Präsenz zu verhindern. (Und womöglich alles Verdächtige zu melden.)

Haha!! Schon passiert!
Und wenn Sie denken, so etwas Bescheuertes könne es nur in den USA geben, dann sage ich: „Zu früh gefreut!“ Eine deutsche Software ist (nach einer Testphase) seit Juli 2014 in Zürich im Dauerbetrieb, wie golem.de berichtet.

Update 22.08.2014: Auf meine Anfrage vom 19.08.2014 zu Handen der Stadtpolizeit Zürich, ob die Software PRECOBS (wie im Artikel von golem.de beschrieben) nun dauerhaft verwendet wird, habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen. Ich werte das vorerst mal als eine Bestätigung…

Update: 08.10.2014: Nach über einem Monat habe ich eine Antwort auf meine Anfrage bei der Stadtpolizei bekommen:

Sehr geehrter Herr Zirin
Im Auftrag von Herrn Cortesi, Chef Mediendienst, Stadtpolizei Zürich kann ich Ihnen folgende Angaben machen:

Die Pilotphase dauerte vom 1.11.13 bis Ende April 14.
Die Übergangsphase dauerte von Mai 14 bis Ende Oktober 14.
Seit dem 1. November 2014 ist das Ganze nun im Dauerbetrieb.

Freundliche Grüsse
Judith Hödl

Am gleichen Tag hat SRF über die definitive Einführung berichtet.  Da eine ähnliche Anfrage des watson.ch-Redaktors Daniel Schürter einige Tage zuvor auch nicht beantwortet wurde, gab es diesbezüglich offenbar eine mediale Sperrfrist mit exklusiver Zusammenarbeit von SRF. Nebenbei: Ich empfinde im Anbetracht des möglichen Folgen den Vergleich von SRF und Daniel Schürter mit der Wettervorhersage als eine grobe Verharmlosung des Themas.

Breaking News: Snowden ist schuld, dass Terroristen dazulernen

Mathematische Formeln auf einer schwarzen Tafel.

Terroristen haben an ihren Algorithmen gearbeitet und wir gucken jetzt in die Röhre. Böser Snowden, böser Snowden.

Während Edward Snowden immer noch in seinem russischen Exil sitzt, zieht sich in den USA die Schlinge um seinen Kopf enger. Seinen Status als „Verräter der Nation im Kampf gegen den Terror“ wird er nicht mehr ändern können. Das wird einem spätestens dann klar, wenn sogar die gemässigten US-Medien den Betonköpfen in den Sicherheitsdiensten und den menschlichen Durchlauferhitzern in den Parlamenten zuarbeiten.

Mist, die Terroristen lernen dazu
So hat National Public Radio (NPR) am 1. August 2014 wieder einmal den Niedergang in der US-amerikanischen Medienlandschaft dokumentiert. In einer Breaking News mit dem epischen Titel „Big Data Firm Says It Can Link Snowden Data To Changed Terrorist Behavior“ versucht NPR eine Verbindung zwischen den Enthüllungen durch die Snowden-Dokumente und einer verstärkten Verschlüsselung der Kommunikation im terroristischen Umfeld herzustellen.

Open-Source ist böse
An dieser Behauptung ist nicht viel auszusetzen, da die ganze Welt seit den Enthüllungen über die Praktiken der NSA sensibler gegenüber dem Thema Privatsphäre geworden ist. Da wäre es schon blöd, wenn sich Al-Kaida noch immer via Skype über terroristische Pläne austauschen würde… Es ist die Art und Weise, wie NPR das Thema abhandelt. Die Vergleiche sind wunderlich (sie vergleichen die Softwareverbesserungen im Terroristischen Umfeld mit einem Upgrade von Windows 2.0 auf XP) und die Zusammenhänge sind sehr vereinfacht dargestellt: Nur weil es kurz nach den ersten Snowden-Enthüllungen massive Software-Upgrades gab („wenige Monate danach“), ist der Zusammenhang noch lange nicht bewiesen. Und dann wird auch noch behauptet, weil die neuen Upgrades Open-Source enthalten, seien sie schwer zu knacken. (Ein Seitenhieb gegen Open-Source?)

Parodie auf seriösen Journalismus
Blöderweise zieht der Sicherheitsexperte Bruce Schnier im gleichen Beitrag die aufgestellten Behauptungen in Zweifel und sieht da eher normale Entwicklungsprozesse am Werk. Das passt zwar so gar nicht in das Konzept des Beitrags, doch NPR musste Schnier im Beitrag lassen, da die Geschichte sonst wie eine Parodie auseinanderfallen würde. Und man beachte, in welchem gedämpften und leicht konspirativen Ton die Sprecherin diese Breaking-News den Hörern von NPR eröffnet. Wir sind verblüfft von dieser journalistischen Meisterleistung, verneigen uns in Ehrfurcht und denken: Es ist gut, wenn die sich nicht getrauen diesen Müll laut auszusprechen…

Das Interessante zum Schluss
Und noch zuletzt eine kleine Randnotiz: Recorded Future, die Firma, die den Zusammenhang zwischen den Snowden-Leaks und den Upgrades herstellt, wird über eine Investmentfirma (I-Q-Tell) von der CIA gesponsert.

 Hier der Audio-Beitrag: Im Text sind einige zweifelhafte Stellen nicht drinn.

Apokalypse XP

Auf einem Grabstein steht: Grave of XP

Windows ist noch nicht geschichte, aber Panik ist gut fürs Sicherheits-Geschäft.

Angst, so lehren uns die Verhaltensbiologen, ist durchaus gesund: Geschärfte Wahrnehmung, erhöhter Puls, Adrenalin und daraus folgt eine Risiko-averse Verhaltensweise. Panik hingegen ist kein guter Ratgeber. Oft ist aber der schmale Grat zwischen Angst und Panik sehr schnell überschritten. Vor allem, wenn damit Geld zu verdienen ist.

Man konnte ihre Angst riechen
So schien doch noch vor kurzem jeder zweite Feld, Wald- und Wiesen-Experte für Informatik-Sicherheit die Abnabelung von Windows XP vom Migrosoft-Update-Tropf für ein massives Sicherheitsproblem mit epischen Ausmassen zu halten. Vordergründig gaben sich die Experten bei Medienanfragen cool, doch der innere Zustand liess sich nicht verstecken: Die Paranoia quetschte sich zwischen den Zeilen durch und fand in einer unheilschwangeren Tonalität einen dankbaren Resonanzkörper.

Das Ende stand bevor
Es schien, als ob nun der Tag der Abrechnung gekommen sei. Pünktlich am 9. April, ein Tag nach dem letzten Patch-Thuesday, würde sich die dunkle Armee der Script-Kiddies mit den apokalyptischen Reitern der digitalen Trickbetrüger zusammenschliessen, einen massiven Angriff auf alle XP-getriebenen Maschinen lancieren und nur verbrannte Erde hinterlassen. Wir würden nun für den jahrelangen Frevel zahlen müssen, die Windows-Upgrade-Angebote aus Redmond aus Naivität oder Geiz ausgeschlagen zu haben… Tick-tack – das Ende nahte unausweichlich.

Geldautomaten gehen im Netz nicht fremd
Nun ja, was soll man dazu noch sagen. Haben Sie das Jüngste Gericht auch überlebt? Nicht so schlimm? Sie denken ich übertreibe? Wie viele Artikel über die Anfälligkeit von Geldautomaten haben sie denn gesehen? Nach dem fünften habe ich aufgehört zu zählen. Dabei ist das das Dümmste überhaupt. Risiken entstehen aus falschem Verhalten des Benutzers. Er oder sie geht oder klickt beispielsweise auf Seiten, Links oder Dateien, die er nicht kennt. Was denken sie? Surft der Geldautomat im Internet und besucht Pornoseiten, wenn er nicht gerade Geld ausspuckt?
Und wenn sie glauben, die Panikprofiteure hätten für diesen Einwand nichst auf Lager, dann kennen sie die Firma Symantec noch nicht. Dieser Text auf deren Website ist nur noch peinlich.