Ein Klick und der Russe vor der Tür ist weg

Wer die letzten eineinhalb Jahre nicht in einem Loch in der Erde verbracht hat, wird wohl davon gehört haben, dass die Russen wieder kurz davor stehen, den Weltfrieden zu vernichten. Sie expandieren an allen Ecken und Enden (Ukraine), klüngeln mit widerlichen Diktatoren (Syrien) und verwandeln mit Fake-News bzw. Cyber-Attacken gestandene Demokratien in Bananenrepubliken (USA). So plärrt es zumindest aus den (Medien)-Lautsprechern.

Zwei Screenshot zur Google Suche mit den Begriffen BND Russland und Wahlen.

Mit einem Klick auf die Rubrik News verändert sich der Blick auf die Realität drastisch. Wer von uns macht diesen Klick? (Stand 13.02.2017)

Der rote Bär geht um
Und welches Land wird das nächste sein? Welches Land wird als nächstes von den mächtigen Fängen des russischen Bären aus seiner liberalen, demokratischen Umlaufbahn geworfen? Man munkelt, er werde dieses Jahr seine Pranken in die Bundestagswahlen von Deutschland schlagen. Seit Monaten warnen deutsche Politiker, unter anderem angestachelt vom Chef des Bundesnachrichtedienst (BND), vor den Einmischungsversuchen der Russen. Uns wurde ein heisser Wahlherbst angekündigt…

Ничего (nichts)
Mit Enttäuschung muss ich jetzt feststellen, dass die Versprechungen wohl ein wenig zu hoch gegriffen waren. Die deutschen Wahlen könnten doch langweiliger werden als versprochen. Die Zeit.de titelt nämlich: „Keine Beweise für russische Desinformationskampagne“. Nach einer einjährigen Untersuchung fand der BND keine Belege dafür, dass Russland die deutsche Öffentlichkeit zu manipulieren versucht.

Das Gesicht wahren?
Trotz des eindeutigen Ergebnisses lassen sich sowohl die Zeit.de als auch der BND eine Hintertür offen. Es gäbe Grund zur Sorge, denn Russland sei (hört, hört!) auf einem „konfrontativen“ Kurs gegenüber Deutschland, sagen sie. Ausserdem bedeutet die Formulierung „keine Belege“ etwas anderes, als zu schreiben, sie hätten nichts gemacht.

Mit einem Klick die Welt verändern
Die Spitze dieser Realsatire ist aber der eigentliche Auslöser für diesen Post: Meine neueste Google-Suche zum Thema (s. Bild). Links sind die Resultate der allgemeinen Suche zu sehen und rechts diejenigen in der Rubrik News (13.02.2017). Mit nur einem Klick löst sich das russische Schreckgespenst in Luft auf und die Demokratie ist gerettet. Endlich können wir alle wieder beruhigt schlafen.

„Fake News“: Ein Sündenbock à la carte

Mal schauen, ob es der Ausdruck „Fake News“ zum Wort des Jahres 2017 schafft. Das Zeug dazu hätte er jedenfalls. Er bringt einen Missstand zum Ausdruck und ist herrlich ungenau, sodass jeder ihn verwenden kann, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was es damit wirklich auf sich hat. Der aktuelle Sprachgebrauch dieses Ausdruckes allerdings zielt darauf ab, falsche und stark überdehnte Darstellungen der Geschehnisse aus dem Sichtfeld der Menschen zu filtern. Und wenn von „Fake News“ die Rede ist, dann sind die grossen Medienorganisationen nie gemeint. Obwohl man ihnen genauso vorwerfen kann, „Fake News“ zu produzieren.

Auch bei den etablierten Medien findet man Fake-News.

Pure Angstmacherei mit erfundenen Quellen?
Ein Beispiel ist der Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit dem Titel „Berlin fürchtet Cyber-Angriffe und Propaganda aus Russland„. Über den Inhalt muss man nichts sagen, denn der Titel ist klar. Der kurze Text verweist dann auf ungenannte Quellen aus dem Kanzleramt, dem Innenministerium und den Sicherheitsbehörden.

Auf den Artikel angesprochen, verweist der Regierungssprecher Steffen Seibert den Artikel ins Land der Märchen (Bundespressekonferenz vom 9.12.16). Das sind „Fake News“  und reine Angstpropaganda eines renommierten Blattes. Natürlich, Seibert könnte auch lügen, aber wenn er nicht dazu befragt wurde und wir nicht wissen, was er dazu gesagt hätte, dann sind das reine Meldungen aus der Gerüchteküche.

Wahrheitssucher Opfer eigener Scheuklappen
Politifact.com, ein in der linken Szene angesehenes Portal, prüft als Faktenkontrolleur Aussagen von Politikern auf deren Wahrheitsgehalt.  Bis vor Kurzem taxierte einer der Redakteure die Behauptung eines US-amerikanischen Politikers, dass der zukünftige Vize-Präsident Mike Pence Geld von der AIDS-Prävention zur Conversion-Therapy umleiten wolle, als wahr. Als Beleg wurde eine alte Website von Pence auf archive.org  ausgegraben, auf der rein gar nichts davon stand. Es dauerte rund vier Monate bis zum 02. Dezember 2016, bis sich der Autor der Realität stellte und seine Einschätzung teilweise revidierte. Und das auch nur aufgrund Hinweisen von Dritten. Wenn das mal keine „Fake News“ sind.

Nur wir machen die richtigen News
Der Ausdruck „Fake News“ wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Nicht nur aus oben genannten Gründen, sondern auch, weil er sehr nützlich ist. Deswegen, weil der Ausdruck unter dem Deckmantel der Aufklärungen zielgerichtet und brandmarkend eingesetzt werden kann. Damit versuchen die etablierten Medien, die zunehmend funktional und wirtschaflich versagen, die Deutungshoheit über die Interpretation der Geschehnisse zurück zu gewinnen. Ausserdem nützen „Fake-News“ den Verlagshäusern im Verhandlungspoker gegen die sozialen Netzwerke. „Fake News“ ist sozusagen ein Kampfbegriff der etablierten Medien, um ihr darbendes Geschäftsmodell noch ein wenig länger zu erhalten.

Emotionaler Sprachkurs

Seit ich einen Teil meiner Sommerferien in Spanien verbracht habe, bin ich motiviert, meine Spanischkenntnisse aufzufrischen. Jeden Tag investiere ich seither meine 10 bis 15 Minuten in die Sprachlern-App Duolingo, um mein selbst gestecktes Ziel zu erreichen.

Screenshot von de.duolingo.com

Bild: Screenshot von de.duolingo.com

Duolingo zählt dabei jeden Tag, den ich ohne Unterbruch übe. In der englischen Version heisst dieser Zähler „streak“. Nach einer Woche hat man also einen „7 day streak“ beisammen, nach einem Monat einen „30 days streak“ und so weiter. Übt man einen Tag lang nicht, beginnt der „streak“ wieder bei null. Auf die Funktionen der App hat dies keinen Einfluss.

Will man seinen „streak“-Wert dennoch erhalten und einen Tag Pause einlegen, kann man über den In-App-Store einen sogenannten „streak freeze“ für einen Tag kaufen – und zwar nicht mit Geld, sondern mit Punkten, die man sich durchs Üben verdient hat.

Das klingt alles soweit logisch und klar.

Emotional belastet

In Wahrheit aber ist das Thema hoch emotional belastet. Im Duolingo-Forum etwa weinen sich enttäuschte Duolingo-Nutzer gegenseitig ins Gilet, um sich zu beklagen, wie viele Tage sie verloren haben und wie wütend sie auf Duolingo sind (obwohl Duolingo ja letztlich nichts dafür kann, wenn es einen solchen Unterbruch gibt, auch wenn sie die App entwickelt haben). Da gibt es beispielsweise einen Nutzer, der ganze 140 Tage verloren hat. Ein anderer beklagt den Verlust von immerhin 76 Tagen. Ein Dritter verliess Duolingo „nach einer ähnlichen Erfahrung“ für einen ganzen Monat, bis er sich wieder dazu imstande fühlte, der App in die Augen bzw. den Bildschirm zu schauen.

Der Haken an der ganzen Sache ist nämlich der: Erstens muss man den „streak freeze“ zum Voraus kaufen. Man muss also damit rechnen, dass es einen Tag X geben wird, an dem man keine Zeit haben wird, 10-15 Minuten in „seine“ Sprache zu investieren. Das kann viele Gründe haben: Man wird krank, hat auf einmal keine funktionierende Datenverbindung mehr, weil man zwei Tage in den Bergen wandern geht. Oder man vergisst schlicht und einfach, die App zu starten. Zweitens kann man nur einen „streak freeze“ pro Mal kaufen, nicht mehrere. Zu sparen und dann zwei Wochen in die Ferien zu fahren funktioniert also nur im richtigen Leben, nicht aber in dieser App.

Und da natürlich viele Duolingo-Nutzer denken, sie benötigten keine vorausgekaufte Pause, ist das Drama entsprechend gross, wenn es doch passiert. Denn es fühlt sich an, also ob die ganze investierte Zeit für die Katz gewesen wäre. Alles ist weg. Der Zähler ist auf null. Da nützt es auch  nichts, wenn man am gleichen Punkt weiterfahren kann wie zuvor. Es fehlt einfach etwas. Und wer sein Profil mit anderen teilt, muss noch zusätzlich mit der Schmach leben, dass andere den schmerzlichen Verlust mitbekommen.

Tag zurückkaufen

Ich spreche aus eigener Erfahrung. Auch ich hatte einen hübschen, zweistelligen „streak“-Wert beisammen, übte brav jeden Tag meine Wörtli und war ziemlich stolz auf mich. Einen „streak freeze“ hatte ich keinen gekauft, weil ich (natürlich) dachte, das sei nicht nötig. Und eines Tages vergass ich Duolingo. Am nächsten Tag öffnete ich die App mit einem unguten Gefühl. Und da sah ich sie, die grosse Null. Gut fühlte sich das nicht an. Immerhin teile ich mein Profil nicht. Die MItleidsbekündigungen meiner Mitstreiter blieben mir also erspart.

Ich gebe zu, dass ich danach ein bisschen deprimiert war. Doch inzwischen habe ich mich recht gut davon erholt. Und seit es mir zum zweiten Mal passiert ist, habe ich sogar herausgefunden, dass man inzwischen seinen verlorenen Tag „zurückkaufen“ kann – mit richtigem Geld! Rund 3 Franken kostet der Spass. Mit Emotionen kann man halt schon gute Geschäfte machen.

Pokémon Go: Die Lemminge geraten ins Jagdfieber

Seit dem letzten Wochenende ist es offiziell: Die neue Pokémon-Welle hat auch die Schweiz erreicht. Jetzt laufen sie auch bei uns wie die ferngesteuerten Drohnen durch die Gegend auf der Suche nach den seltsamen Viechern aus der virtuellen Welt. Mal schauen, wie stark die Schweizer Bevölkerung ihrem inneren Lemming wiederstehen kann.

Eine virtuelle Krabbe auf der Strasse.

In diesem Spiel begegnen einem die seltsamsten Wesen an den unpassendsten Orten. Kein Wunder, gibt es so viele Unfälle.

Installieren und loslegen – zumindest fast
Die Hürden vor dem Spielbeginn sind tief: App installieren, anmelden und loslegen. Obwohl: So einfach das klingt, so frustrierend war es für mich zu Beginn. Auf der Suche nach einem Spielernamen brauchte ich aufgrund der hohen Nutzerzahlen neun Anläufe. Dem Abbruch der Übung nahe, gelang es mir doch noch, das Spiel zu beginnen. 

Hektische Angelegenheit
Zuerst einmal wirkt die App nicht sehr aufregend. Die eigne Spielfigur bewegt sich auf einer Strassenkarte. Kommt man dann aber den digitalen Wesen näher, schaltet die App in den Kamera-Modus. Einem Jäger mit Zielfernrohr nicht unähnlich, muss man dann mit roten Bällen Viecher einfangen. Wobei manche recht beweglich durch die Szenerie und aus dem Sucher rausspringen. Es braucht ein wenig Geschick und Übung, um sie zu treffen.

Unfälle gemeldet
Und das ist es dann auch schon mehrheitlich gewesen. Eine Geschichte rund um die Suche haben sich die Programmierer so gut wie gespart. Das wäre auch reine Zeitverschwendung. Das Spiel lebt von der augmented reality (dt. „erweiterte Realität„). Das virtuelle Jagdfieber verspricht viel Spielspass und Bewegung im Freien. Ausserdem sind beim Programmieren keine Tiere zu Schaden gekommen. Gewisse Rindviecher auf der anderen Seite des Bildschirms hingegen schon. Ich freue mich schon auf die zukünftigen Mobiliar-Schadensskizzen.

Nicht gratis
Abgesehen davon, dass man das eigene gedachte Brett vor dem Kopf durch ein Smartphone ersetzt und nicht mehr viel von der Gegend mitbekommt, möchte ich noch mit einer falschen Vorstellung aufräumen: Dieses Spiel ist nicht gratis. Es erfordert den Zugriff auf die Kamera, den Speicher und den eigenen Standort. Die Berechtigung zum Lesen der Kontakte wünscht es zwar auch, aber es funktioniert auch ohne. Das sind keine kleinen Kosten für den trendigen Zeitvertreib. Das sind nämlich die leckeren Zutaten für ein saftiges Nutzer- und Bewegungsprofil.

Vernetzte Dinge – das offene Scheunentor portofrei geliefert

Als ich vor einigen Jahren mit dem Informatik-Journalismus anfing, entwickelte sich die Cloud gerade zum neuen Trendthema, das das Internet bzw. die damit verbundenen Businessmodelle komplett revolutionieren sollte. Heute treibt das Tech-Business eine neue Sau durchs Dorf. Sie heisst Internet der Dinge (oder IoT – Internet of Things). Dabei handelt es sich im Grundsatz um die Idee, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit dem Internet zu verbinden und daraus einen kostenpflichtigen Service zu machen.

Zehn Überwachungskameras sind auf ein Babybett gerichtet.

Ist das die Sicherheit, die wir wollen? (John Trashkowsky an der Jungkunst 2015 in Winterthur)

Internet der Dinge als Fortsetzung des Cloud-Gelabers
Als logische Fortsetzung  des früheren Cloud-Mantras ist das Internet der Dinge primär die gleiche Art von Strohhalm, an den sich Firmen klammern, deren Produkte zum belanglosen Gebrauchsgegenstand ohne Gewinnmarge geworden sind. Aus einer Glühbirne wird ein Dekorations-Must-have-Gegenstand, den ich auch noch steuern kann, wenn ich nicht einmal weiss, in welcher Zeitzone ich mich befinde. Gleichermassen ist es uns jetzt möglich, unser Neugeborenes via Kamera im Schlaf zu beobachten (und Wildfremden übrigens auch.)

Schnell, schnell – was kümmert mich jetzt die Sicherheit
Abgesehen vom Potenzial zum Fetisch gibt es sicherlich auch nützliche Anwendungsmöglichkeiten. Der Haken an der ganzen Sache ist, dass sowohl die Cloud als auch das Internet der Dinge eine Gemeinsamkeit haben: Sie beruhen auf dem Internet, das nicht für Sicherheit entworfen wurde. Ausserdem wiederholt sich beim Internet der Dinge die Geschichte: Etablierte Unternehmen begehen bezüglich Sicherheit Anfängerfehler, nur weil sie möglichst schnell mit ihren Produkten auf den Markt kommen wollen. Erschwerend kommt noch dazu, dass viele IoT-Geräte von Unternehmen hergestellt werden, die von Sicherheit im Netz keinen blassen Schimmer haben und sich auch nur peripher dafür interessieren.

Zugriff aufs Internet bedeutet ein erhöhtes Sicherheitsrisiko
Es gibt zuhauf Beispiele dafür. Kürzlich veröffentlichte das Unternehmen Rapid 7 einen Bericht über die Sicherheit von Baby-Überwachungsgeräten (engl. Baby-Monitor). Die Ergebnisse waren erschreckend. Alle Geräte verzeichneten Risiken auf der Ebene von Software-, Hard- und/oder Firmware. Was erschwerend dazu kam, ist die Art und Weise, wie die Hersteller auf die Sicherheitslöcher reagierten. Es schien sie wenig zu stören, dass z.B. die Audio- und Videodaten weltweit abgefangen werden können oder ihre Geräte Löcher wie Scheunentore in das heimische WLAN reissen.

Das Internet der Dinge ist eine schöne Sache. Da lauert viel Potenzial für Effizienz und Bequemlichkeit. Es ist ja auch toll: Endlich kann ich das Licht per App abschalten, ohne vom Sofa aufstehen zu müssen. Aber nur solange ich der Einzige bin, der die Fernbedienung in der Hand hat.

Zu fehleranfällig

Nun gut, seit letzter Woche ist es amtlich: Die Briten sind schwach im Rechnen. Ein Fünftel der Erwachsenen dort kann weder Bruch- noch Prozentrechnen. Ein gutes Viertel ist ausserstande, die Fläche eines Kreises oder einen Durchschnitt zu berechnen, von Trigonometrie oder Statistik ganz zu schweigen.

Rechnen-mit-Briten

Schöner rechnen mit Briten (Bild: Dree’Ja via Wikicommons)

Überraschen sollte uns das eigentlich nicht. Wer wollte, konnte ja schon Ende der 1970er-Jahre vermuten, dass man auf der Insel 1 und 1 nicht zusammenzählen kann. Wie sonst liess sich erklären, dass man ein gewisse Frau Thatcher zur Premierministerin wählte und so ein ganzes Königreich dem neoliberalen Mob zum Frass vorwarf?

Das war in der Tat fatal. Aber heute? Mal ehrlich, ist Rechnen gesellschaftlich überhaupt noch relevant? Mittlerweile trägt doch jeder Brite rund 1,23 Smartphones herum, auf denen eine bestens ausgestattete Rechner-App nur darauf wartet, genutzt zu werden. Kommt dazu, dass heute jeder ein paar Hundert Facebook-Freunde hat, die ihm allzeit bei kleinen Rechenproblemen gerne aus der Patsche helfen. Also nochmal: Spielt Rechenschwäche noch irgendeine Rolle?

Aber sicher! Doch anders als Sie nun denken mögen: Wer nicht rechnen kann, wird im Pub beschissen. Das ist gerade bei den Briten, mit ihrer Vorliebe für vergorene Getreideprodukte besonders heikel. Und weil die Rechenleistung menschlicher Gehirne mit steigendem Alkoholspiegel noch weiter sinkt, wird der Anteil an Beschissenen bald die kritische Grenze von 50 Prozent überschreiten. Dann wird sich also die Mehrheit der Briten beschissen vorkommen – entweder vom Pub oder vom Alkohol. Das Resultat davon dürften allerlei Facebook-Initiativen für die Schliessung der Pubs und das Verbot von Alkohol sein. Und wie man die Angelsachsen so kennt, werden sie auf die eine oder andere Art Erfolg haben.

Was dann folgt, lässt sich in Geschichtsbüchern nachlesen: Prohibition, Mafia, Mord und Totschlag. In Nordirland werden sich Katholiken und Protestanten mit alter Verve und neuem Elan die Birnen einhauen. Die Schotten werden die Gelegenheit nutzen und sich aus dem Reich verdrücken. Das wird gewiss den Geheimdienst auf den Plan rufen. Der wird das Volk dank umfassender Schnüffellizenz nach allen Regeln der Kunst schikanieren. Letzteres wird sich endlich auch vom Staat beschissen fühlen. Ein Shitstorm biblischen Ausmasses wird sich übers Land ergiessen, ein Aufstand wird folgen, dann eine Revolution. Die wird gelingen und es der dannzumal meistgeliketen Community ermöglichen, die Regierungsarbeit durch Menschen zu verbieten (zu fehleranfällig, zu korrumpierbar). Daraufhin wird sie die Geschäfte der Exekutive einer gigantischen Cloud übertragen. Die wird von drei autonomen Megarechnern bestellt, die auf die Namen Peace, Happiness und Pancake hören. Der erste steht bei Google, der zweite bei Facebook und der dritte bei Amazon. Well, well, well: wilkommen im Staat 3.0!

Ganz und gar Revolutionäres

Um nochmal auf die Apfelwatsch zurückzukommen: Was eigentlich fangen die stolzen Besitzer mit ihr an, wenn sie sie nicht gerade laden oder wegen Mobbinggefahr unter dem Ärmel verstecken müssen? Eine kleine Umfrage von giga.de gibt Auskunft.

White_AppleWatch_with_Screen690

Selten, aber ungemein nützlich: die Apple Watch, diesmal auf rotem Grund. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Also, nach abnehmender Beliebtheit: 68 Prozent finden es unglaublich angesagt, Benachrichtigungen am Handgelenk zu sehen. Klar, das verstehe ich jetzt voll. Als vielbeschäftigter Sozialschwätzer erhält man ja im Schnitt alle 10 Sekunden einen potenziell eminent wichtigen Post aus seinem immensen Freundeskreis. Wo käme man da ohne Apple Watch auch hin? Man wäre sozusagen pausenlos damit beschäftigt, sein Handy aus der Tasche, dem Hosensack oder sonst wo hervorzuklauben und es gleich wieder wegzustecken, weil sich 90 Prozent der Posts dann doch als nicht soo wichtig entpuppen.

Grossartige 67 Prozent halten es für deutlich angebrachter, die Zeit von einer Apple Watch abzulesen als von einer dieser knickrigen analogen Uhren. Ist ja auch wahr, jetzt haben wir uns seit dem Mittelalter mit echten Zeigern und Ziffernblättern herumgeschlagen, da war es höchste Zeit, dass endlich jemand die falschen erfand.

58 Prozent finden die Sensoren für die Fitness-Aktivitäten supertoll. Womit bewiesen wäre, dass Apfelprodukte gut für Ihre Gesundheit sind. 48 Prozent sind so vernarrt in das ultracoole Design, dass sie weiter gar nichts tun, als ihr Ührchen zu streicheln und liebkosen. 45 Prozent versuchen mit ihm, ihr nicht minder verehrtes iPhone fernzusteuern. Immerhin 27 Prozent lieben die Herausforderung, all die  Benachrichtigungen, die ja neuerdings an ihrem Handgelenk landen, auch dort zu bearbeiten. 23 Prozent sind die Funktionen eh Wurst, weil sie sowieso jeden neuen Digitalkram ausprobieren. 5 Prozent finden nichts besonders toll, 4 Prozent anderes und 2 Prozent behaupten, es lasse sich gut spielen, auf zwei Quadratzentimetern Glas. Da soll noch einer sagen, Apple hätte nicht schon wieder ganz und gar Revolutionäres geschaffen!

Datenexzess

Gib‘ jemanden den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand. Dieses Sprichwort hat sich in den letzten Monaten für Microsoft schmerzlich bewahrheitet. Das Angebot für unlimiertem Speicherplatz bei Onedrive haben manche User etwas gar zu ernst genommen: Bis zu 75 TB an Daten haben sie auf dem Cloud-Speicher hinterlegt, wie Microsoft im Unternehmensblog schreibt. Man stelle sich das mal vor: Das ist die gesamte Musik-, Video- und Bildersammlung von mir, von Ihnen und unseren engsten Freunden zusammen. Und das mal zehn. Oder so ungefähr. Wie kann man so viele Daten akkumulieren?

Tablet

Je mehr desto besser? (Quelle: flickr.com // CC BY-NC-ND 2.0 // Gregor Gruber)

Ein Jahr Zeit

Dieser Daten-Exzess hat nun ein Ende: Alle Nutzer, bei denen sich mehr als 1 TB häuft, haben ein Jahr Zeit, ihre Daten anderswo unterzubringen. Wer nur ein paar TB gespeichert hat (was ja auch schon viel ist), dürfte damit kein allzu grosses Problem haben – mal abgesehen davon, dass ein Umzug, egal welcher Art, immer mit Aufwand verbunden ist.

Aber man versetze sich mal in die erwähnten Datenhamsterer: Um 75 TB innerhalb eines Jahres umzuziehen, müssten sie jeden Tag durchschnittlich 210 GB an Daten downloaden. Und sie natürlich sonstwo unterbringen. Das dürfte teuer und sehr aufwendig werden.

Abgespeckte Angebote

Das ist aber noch nicht alles: Microsoft limitiert auch die bisherigen Speicherangebote von Onedrive. Das neue Datenlimit liegt bei 1TB. Künftig wird der kostenlose Speicher für neue und bisherige Nutzer von 15 GB auf 5 GB reduziert, ab 2016 kosten 50 GB knapp zwei US-Dollar pro Monat. Die bisherigen 100-GB- und 200-GB-Angebote wird es für neue Nutzer nicht mehr geben.

Mit dieser Aktion dürfte sich das Unternehmen arg in die Nesseln gesetzt haben, wie die Nutzerkommentare auf dem Unternehmensblog zeigen. Von „Microsoft hat mein Vertrauen missbraucht“ über „Ich ziehe zu Google Drive um“ bis hin zu „Onedrive is für mich tot“, kann man alles finden.

Nun, Google, Dropbox und Co. wirds freuen. Zumindest solange sie sich nicht erfrechen, ihre Datenspeicher-Angebote ebenfalls zu reduzieren.

Zu Gast bei einem Fabrikanten

Wir befinden uns in einer dieser protzigen neoklasizistischen Konzerthallen, von denen in der Welt noch immer viel zu viele stehen: Aus dem dunklen Bühnenhintergrund tritt ein graues Männlein. Das Publikum johlt.

Tim Cook an der Apple-Show vom 9. September 2015

Graues Männlein auf viel zu grosser Bühne (Quelle: Apple)

Das propere blaue Hemd wirkt ein wenig eng über dem leichten Bauchansatz. Die Jeans ist sauber gebügelt. Dazu gibt es Lehrergesicht mit Brille, die Haare, korrekt gescheitelt, links. Etwas fahl wirkt es, das Männlein auf der viel zu grossen Bühne. Doch es dreht wacker eine Runde und winkt und winkt und lächelt, so gut es eben geht, in solch aufregenden Momenten.

„Danke! Danke!“, winke, winke. Das Volk gerät langsam aus dem Häuschen, klatscht sich die Hände wund, als sei es in eine dieser wüsten deutschen Koch-Shows geraten.

„Guten Morgen! Guten Moorgeeen!“ Jetzt schenkt es dem Volk gar ein keckes kleines Joe-Ackermann-V.

„Danke, fürs Kommen!“ würgt es aus einem Hals, der bereits schon trocken zu laufen droht. Auf den Rängen wird eifrig gefilmt.

„Willkommen in San Francisco und im legendären Bill Graham Civic Auditorium! Wir sind ja soo aufgeregt, hier zu sein, heute Morgen! Und wir sind soo glücklich, dass soo viele Menschen aus der ganzen Welt mit uns zusammen sein können – inklusive vieler unserer Mitarbeiter – hallo Jungs!“ Wieder winkt es in die Finsternis hinein. Dort fangen die Mädels zu kreischen an, die Jungs pfeifen, die Opas klatschen, die Omas ringen ihre Hände – 5 Sekunden, 10 Sekunden, 15 Sekunden.

„Es war ein unglaubliches Jahr für …“ ja, für wen denn eigentlich? Für den Regionalsparkassenverein Kalifornien? Für die Mormonengesellschaft, die sich mal wieder eine Delegiertenversammlung im sündigen Süden gönnt? Oder für den Weltverband der Motivationstrainer und -innen?

Falsch, falsch, falsch! Wir sind hier zu Gast bei einem Fabrikanten elektronischer Konsumgüter, der ein paar Verbesserungen für seine Gerätchen ankündigt. Das ist ja nett und nötig, aber was bitte gibt es denn da zu johlen? Und wer zum Geier ist dieses graue Männlein?

Neues Familienmitglied?

Am 9. September wird Apple in San Francisco einer seiner berühmten Produkte-Launch-Veranstaltungen durchführen. Eingefleischte Apple-Fans werden sich diesen Abend reservieren und via Live-Stream (falls es denn einen gibt) verfolgen, was ihnen als nächstes beschert wird. Im Gespräch sind zwei neue Generationen der iPhones 6s und 6s Plus, aber auch die nächste Generation von Apple TV gilt als vielversprechender Kandidat.

Apfel

Noch ist der Apfel nicht angebissen. Wir dürfen gespannt sein. (Quelle: Flickr.com // PeterFranz // CC BY 2.0))

Medien werden versuchen, sich in der Berichterstattung zu übertrumpfen, die Gerüchteküche wird brodeln (noch mehr als jetzt schon) und sobald klar wird, welches Gadget zu welchem Zeitpunkt wo verfügbar sein wird, wird man sich in den Apple Stores weltweit (unter anderem demjenigen an der Zürcher Bahnhofstrasse) die Hände reiben. Neben einem verstärkten Zulauf können die sich dort schon jetzt auf eine Invasion von Campern freuen, die bereits Tage vor dem Produkt-Launch vor dem Shop übernachten, um sicher sein zu können, das neue Teil möglichst bald ihr eigen nennen zu können.

Faszination über alles

Doch was macht sie aus, diese Faszination für Apple? Ok, es gibt auch andere Unternehmen mit einer ähnlich treuen Fangemeinde – Asics beispielsweise. Aber die Fans von „Koi“, dem Schuh von Asics, sind immerhin Sammler. iPhone- und iPad-Sammler gibt es hingegen nicht sehr viele auf dieser Welt. Schliesslich kann man jeweils nur ein Gerät auf einmal bedienen und sobald das neue draussen ist, gilt das alte tendenziell als uninteressant.

Was ist es also? Ist es das Gemeinschaftsgefühl, das die Fans zusammenhält? Eine Art Kult oder Glaube? Eine Art Schwarmintelligenz? Wir werden es vermutlich nie erfahren. Und klar: Nicht alle Fans sind gleichermassen vom Apple-Virus befallen. Manche nutzen die Produkte einfach, weil sie beispielsweise Grafiker sind und ihnen iOS diesbezüglich schlichtweg mehr bietet als irgendein anderes Betriebssystem. Oder sie finden die Apfel-Produkte schöner als die von Samsung (wobei es rein äusserlich immer schwieriger wird, diese beiden Marken zu unterscheiden, aber das ist ein anderes Thema, mit dem sich Juristen sehr gerne auseinandersetzen).

Campen? Ja, aber bitte nicht auf der Strasse

So oder so dürfen wir gespannt sein, welche Pläne Apple schmiedet und mit welchen Innovationen das Unternehmen mit dem angebissenen Apfel diesmal aufwartet. Aber campieren sollten wir dennoch besser in den Bergen. Ist eh viel schöner dort.