Schlange stehen

Seit Mai gibt es auch in Zürich eine Gelateria die Berna. Am Brupbacherplatz, in Sichtweite zum Lochergut. Seither stehen Glaceliebhaber dort an schönen Abenden Schlange. Bis auf die Strasse. Und das, obwohl der Platz nicht gerade klein ist.

Quelle: flickr.com // Abi Porter // CC BY 2.0

Diese lange Schlange hat mich bisher davon abgehalten, dort Glace essen zu gehen. Doch eines Abends wage ich es. Es ist eher bewölkt und nicht übermässig warm. Dementsprechend stehen die Chancen gut, dass ich nicht allzu lange warten muss.
Während ich anstehe, überlege ich mir, dass es eigentlich gut wäre, wenn die Betreiber der Gelateria eine Webcam installieren würden. Dann könnte ich schon von zu Hause aus abschätzen, wie lange ich etwa anstehen müsste. Allerdings würde das Datenschützer auf den Plan rufen und vermutlich auch die Glaceliebhaber betrüben. Beispielsweise solche, die offiziell gerade auf Diät sind und ihre Glace deswegen heimlich essen müssen. Oder die Mitarbeiter, die sich von einem Arbeitsapéro davongestohlen haben, um sich ihre Lieblingsglace zu genehmigen. Klar könnte man die Aufnahmen stark verpixeln oder die Webcam so installieren, dass Gesichter nicht mehr klar erkennbar sind. Aber das würde vermutlich wenig helfen. Kameras im öffentlichen Raum sind nun mal ein heikles Thema.

Jemand tippt mir auf die Schulter. Vor mir ist eine Lücke entstanden und ich habe nicht bemerkt, dass ich aufschliessen müsste.

Ich grüble weiter: Wie wäre es mit Gewichtssensoren, die die Bodenbelastung des Platzes messen? Dafür müsste man den Platz aufreissen und danach die Fläche kennzeichnen, auf der die Kunden sich anstellen müssten. Die Betreiber der Gelateria dürften wohl schon bei der Baubewilligung scheitern. Zumal die Gelateria mitten in einem Wohnquartier steht.

Ein Hund läuft schnüffelt an meinem Bein. Er ist wohl der Einzige hier weit und breit, der sich mehr für die Schlange als für Glace interessiert.

Vielleicht könnten die Glacemeister einen Mitarbeiter anstellen, der die Kunden in der Schlange zählt. Ihn könnte man anrufen und fragen, wies aussieht. Fragt sich nur, ob man jemanden findet, der diesen Job übernehmen will.

Ok. Ich hab’s. Ein Ticketsystem, wie man es von der Post her kennt. Damit könnte man direkt die Wartezeit abschätzen. Allerdings würde die Elektronik nasses Wetter nicht so gut vertragen und von zu Hause aus geht das auch nicht. Ich kann wieder ein paar Meter aufrücken und bin schon fast in der Gelateria! Eigentlich sollte ich nun schon mal die Glacekarte studieren, damit ich nachher schneller bestellen kann.

Stattdessen grüble ich weiter. Die Betreiber könnten einen wasserfesten Buzzer installieren, den jeder drücken müsste, wenn er kommt und sobald er geht, müsste er … „Was möchten Sie?“ Die Stimme des Glaceverkäufers reisst mich aus meinen Gedanken. Ich bestelle und denke bei mir, dass es vielleicht doch besser ist, wenn alles beim Alten bleibt. Sonst hat man ja gar keine Überraschung mehr, wenn man zur Gelateria läuft.

Ticketkauf auf Italienisch

Ich war kürzlich am Bahnhof Milano Centrale und wollte ein Metro-Tagesticket für die Innenstadt lösen. Vor dem Eingang zur Metro standen ein paar Ticketautomaten, die Bargeld sowie EC- oder Kreditkarten akzeptierten. Vor einigen Automaten hatten sich Warteschlangen gebildet.

Ein leeres Perron des Bahnhofs Milano Centrale (Bild: flickr.com // Nathan Guy // CC BY-SA 2.0).

Ich ging zu einem freien Automaten, klickte mich durch das Menü, schob die Karte in den Schlitz und tippte meinen Code ein. „Vorgang nicht ausgeführt“, hiess es auf Italienisch auf dem Display. Da ich wusste, dass mit der Karte alles in Ordnung war, versuchte ich es ein zweites Mal an einem anderen Automaten. Fehlanzeige.

Keine grossen Noten

Ich versuchte es ein drittes Mal, diesmal mit Bargeld. Münzen hatte ich keine, nur eine 50-Euro-Note. Leider wollte der Automat partout keine grosse Note schlucken. Als ich mich umsah, fiel mir auf, dass die Personen an den anderen Automaten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen schienen. Die Warteschlangen waren auch länger geworden. Eine Frau, möglicherweise eine Angestellte der Metro, wuselte zudem zwischen den Menschen hin und her und versuchte hektisch ihnen zu erklären, wie sie den Automaten bedienen sollten. Ihre Erklärungen schienen allerdings nicht zu fruchten.

Ich beschloss, meine Geldnote am nahen Kiosk zu wechseln. Also schnappte ich mir einen Kaugummi und streckte ihn dem Kioskverkäufer zusammen mit dem Geld entgegen. Statt die Note zu nehmen, hielt er mir ein Bündel Tickets unter die Nase. „Brauchen Sie noch Metrotickets?“ Und ob ich die brauchte.

Einsame Ticketautomaten

Gleicher Bahnhof, ein paar Stunden später. Mein Zug würde in einer halben Stunde fahren und ich musste noch ein Ticket für die Rückreise in die Schweiz besorgen. Vor den Ticketschaltern stand eine lange Warteschlange. Falls ich mich in die Schlange einreihte, würde ich es nicht schaffen, bis zur Abfahrt meines Zuges ein Ticket zu kaufen.

Etwas weiter hinten in der Halle standen einsam ein paar Ticketautomaten. Entweder funktionierten sie ähnliche schlecht wie ihre Cousins in der Metrohalle oder die Italiener mochten es, mit einem Menschen hinter dem Schalter zu plaudern. Ich musste mein Glück versuchen. Es blieb mir eh nichts anderes übrig. Und siehe da. Der Automat funktionierte problemlos. Und er bot obendrein alle Optionen, die sich ein Reisender nur wünschen konnte. Fünf Minuten später hatte ich mein Ticket und erwischte meinen Zug problemlos.

Auf der Heimreise fragte ich mich, warum all die Menschen wohl in der Schlange gewartet hatten. Sie hätten doch einfach ein Ticket am Automaten lösen können. Es wäre sogar möglich, online im Browser oder mit der Trenitalia-App Tickets zu kaufen (allerdings sind die  Bewertungen der App nur mittelmässig und scheinen nicht für alle Strecken zu funktionieren). Leider habe ich die Wartenden nicht gefragt.

Tag eins nach dem Weltuntergang

Egal ob man sich dafür interessiert hat oder nicht: In der westlichen Hemisphäre ist niemand an den US-amerikanischen Wahlen vorbeigekommen. Ein Skandal jagte den anderen. Die beiden Bewerber ums Weisse Haus schenkten sich nichts. Nun hat das Präsidenten-Casting ein Ende gefunden und das ist gut so. Die Zerrissenheit der US-amerikanischen Bevölkerung breitete sich zunehmend aus. Auch bis in die Schweiz. Vom Spektakel gleichermassen angeekelt und fasziniert schmökerte auch ich in der Nacht streckenweise auf Twitter und konnte wie immer das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in Satz-Häppchen aufnehmen.

Trump schielt beim Wählen auf den Wahlzettel seiner Frau Melania.

Hey Schatz, wo genau muss ich ankreuzen?

Masochistische Verzweiflung bis Galgenhumor
Twitter ist diesbezüglich ein wunderbares Medium für Erwachsene. Erwachsene deswegen, weil es schon ein wenig Reife braucht, um mit dem umzugehen, was einem da um die Ohren fliegt. Von Neo-Apologeten Jeff Jarvis, die heute die Welt brennen sehen und ihr eigenes Geschlecht verdammen, weil es den sexistischen Trump gewählt hat. Über Uber, die damit werben, ihren Kunden zu helfen, einfacher das richtige Wahllokal zu finden. Bis hin zu Leuten, die wirklich glauben, dass nun der Messias zurückgekommen ist. Am liebsten ist mir, wenn man solche Situationen mit Humor nimmt wie Victor Giacobbo: „Zwar nicht die erste Frau im Weissen Haus, aber immerhin der erste Troll.“

Welchen Teil der Verantwortung trägt Social Media?
Da der Wahlkampf nun zu Ende ist, beginnt die Zeit des Zurückblickens und der Analyse. In diesem unglücklichen Ende stecken viele Lektionen drin. Eine Lektion ist schon jetzt mal klar: Wer mit Social Media einen weltweiten Marktplatz anbietet und jedem ein Megaphon in die Hand drückt, muss eine Strategie für den Fall auf Lager haben, wenn das Ganze ausufert. Zu behaupten, dass man nur den Marktplatz anbietet und für das, was dort passiert nicht verantwortlich ist, geht in dieser Grössenordnung nicht mehr.

Das Silicon Valley und seine Fanboys haben sich bisher gern mit Revolutionen in anderen Ländern geschmückt und so getan, als hätten sie massgeblich zum Weltfrieden beigetragen. Jetzt ist die Revolution in die USA zurückgekehrt. Was jetzt, Mark Zuckerberg und wie ihr alle heisst?

Passwörter: den eigenen Schweinehund überwinden

Aufgrund meiner Interessen und meiner Arbeit gehöre ich zu dem Teil der Bevölkerung, die gelegentlich dem anderen Teil der Bevölkerung Fragen zu Computern, dem Internet und zur Informatik im Allgemeinen beantwortet. Ausserdem biete ich, wie wohl auch viele unserer Leser, erweiterten Supportdienst in meinem sozialen Netzwerk (nein ich meine nicht Facebook). Deswegen erreichen mich zuweilen auch unterhaltsame Anfragen wie die im Bild an Sonntag-Abenden um 21 Uhr.

Screenshot von Handy

Informatik-Support kann eine unterhaltsame, aber auch hoffnungslose Angelgenheit sein…

Zeitverzögertes Verantwortungsbewusstsein
Unter diese Anfragen fallen auch solche zur Sicherheit im Netz – und diesbezüglich bin ich Skeptiker. Regelmässig berichten kleine und grosse Unternehmen, dass die Daten ihrer Nutzer gestohlen wurden. Zuletzt wurde das Riesenunternehmen Yahoo mit dem Verlust von sicherheitsrelevanten Daten von 500 Millionen Nutzern (über 70% aller Nutzer) durch die Schlagzeilen gezogen. Obwohl der Diebstahl schon 2014 stattfand, fühlte sich das Unternehmen erst jetzt genötigt, vor dem Kauf durch Verizon die Sache öffentlich zu machen. Dieses Versagen auf multiplen Ebenen ist ein heisser Kandidat fürs Lehrbuch im Kapitel „Wie bescheuert kann man sein?“

Regelmässige Erneuerung
Wie auch immer. Sicherheit ist ein stetiger Prozess – kein Zustand. Sozusagen ein andauerndes Katz und Maus-Spiel mit den bösen Buben. Und da müssen auch wir als Nutzer unseren wichtigen Teil dazu beitragen und gegen unsere Faulheit ankämpfen: Die Faulheit bezüglich der eigenen Passwörter. Was uns die Datenlecks nämlich lehren, ist die elementare Bedeutung des regelmässig geänderten Passwortes. Tut man das nicht, dann ist es völlig sinnlos, sich über die Liste der beliebtesten Passwörter des Jahres zu amüsieren. Mit regelmässig geänderten Passwörtern reduziert sich auch das Risiko wie im Fall Yahoo.

Passwort-Software eine gute Idee?
Über die Nützlichkeit von Programmen und Apps die Passwörter verwalten kann man sich streiten. Sie ermöglichen zwar die Verwendung von langen und sicheren Passwörtern, aber nützen auch nichts, wenn diese gestohlen werden. Andererseits gibt es mit einem Masterpasswort einen Single Point of Failure und das Sicherheitsproblem bei Lastpass zeigte, dass auch diese Software nicht von Lücken verschont bleibt. Ich persönlich empfehle auch die Sicherheitsfragen, so weit es geht, zu vermeiden. Und wenn das nicht geht, dann eine völlig falsche Antwort zu geben und diese wie ein Passwort gut zu verwahren. Die gleichen Sicherheitsfragen werden an verschiedenen Orten verwendet und ein Leck auf Plattform A kann das Konto auf Plattform B gefährden.

Rechner, zum Diktat!

Hallo, liebe Leser. Heute will ich euch wieder eine spannende Geschichte aus meinem digitalen Leben erzählen. Und die geht so: An einem trüben Sonntagmorgen wachte ich auf und hatte eine supertolle Idee: „Sapperlot!“ dachte ich mir, „Wäre es nicht fabelhaft, wenn ich fortan meine Posts diktieren statt tippen könnte?“ Es geht ja schon ein Weilchen die Sage um, den Rechenknechten seien inzwischen Ohren gewachsen.

Spracherkennung

Artig, doch schwer von Begriff – der Rechenknecht mit Öhrchen.

Doch, wie bringt man einem selbigen bei, dass er zuhören und das, was er hört, auch mitschreiben soll? Ich wende mich an die Hilfefunktion, bin danach aber auch nicht schlauer. Also frage ich etwas im Netz herum, und finde in einer nerdigen Plauderecke prompt Beistand. Aha! Man muss die Spracherkennung in den Einstellungen erst aktivieren und dann das Mikrofon einpegeln. Dabei stellt einem das Betriebssystem einen freundlichen Gehilfen zur Seite, der munter Tipps verteilt. Und tatsächlich, nach einer Dreiviertelstunde klebt ganz oben am Bildschirm das Fensterchen der Spracherkennung, knapp erkennbar am grauen Knopf mit hellgrauem Mikrofon.

Doch ich kann plappern wie ich will, es passiert ziemlich gar nichts. Ich versuche dann, was ich immer tue, wenn ich nicht weiterkomme: Ich klicke mit der rechten Maustaste hinein. Und siehe da, es klappt ein Dropdownmenü herunter. Dort finde ich den Befehl „Zuhören starten“, den ich dankbar anklicke. Wenn ich jetzt ins Mikro brabble, verfärbt sich der Knopf manchmal gelb und das Fensterchen fragt artig: „Wie bitte?“. Ferner finde ich im besagten Menü den Befehl „Sprachlernprogramm starten“. Ja klar, dem armen Kerlchen muss erstmal beigebracht werden, wie sein Meister klingt, und was er meint, wenn er spricht. Das tue ich gewissenhaft und eine gute halbe Stunde lang. Dabei beherzige den Rat der Maschine, setze mich anständig hin, forme meine Wörter mit dem Mund, wie kleine Perlen zu einer Kette und intoniere klar wie ein Wiener Sängerknabe.

Inzwischen habe ich auch gelernt, dass man dem Rechner zuerst sagen muss, in welches Büchlein er schreiben soll. Sonst fuchtelt der mit seinem Bleistift bloss fruchtlos in der Luft herum – virtuell, Sie verstehen? Doch nun kann es beginnen. „Word öffnen!“, befehle ich, und Word geht auf.

„Computer, zum Diktat!“ sage ich.

Er notiert: „Somit zum Diktator“.

Ich: „Rechner, zum Diktat!“

Er: „Wenn man zum Diktat“.

Ich: „Hast du Tomaten auf den Ohren?“

Er: „Kostprobe Tomaten auf dem Roten“.

Ich: „Ich bin enttäuscht!“

Er: „Ich bin enttäuscht“.

Ich: „Geht doch!“

Er: „Geht’s noch“.

Fortsetzung folgt.

Meist ist sie ja dunkel

Jetzt wird seit einem halben Jahr ein unglaublicher Wirbel um diese Apple Watch gemacht – aber kennen Sie eigentlich jemanden, der eine hat? Ich jedenfalls komme in meinem weiteren Bekanntenkreis genau eine einzige bekennende Trägerin. Oder haben Sie schon je jemanden gesehen, der irgendwas mit diesem Teil anstellt – eine seiner unglaublich coolen Funktionen nutzt? Meist ist sie ja dunkel, die Watch, weil ihr sonst noch vor dem Mittagessen der Saft ausgeht. Sicher, gelegentlich hebt einer in der S-Bahn seltsam ungelenk seinen Arm in Richtung Kopf, um kurz die Zeit zu prüfen. Aber Nachrichten beantworten auf der zweimal daumennagelgrossen Anzeige? Oder in die Uhr reinquasseln zum Telefonieren?   Navigieren? Mit Siri plaudern? Nöö, ist alles offensichtlich zu unpraktisch, oder zu peinlich in der Öffentlichkeit.

Apple Watch mit der Uhrzeit auf der Anzeige

Selten in freier Wildbahn anzutreffen: Eine Apple Watch und erst noch was drauf. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Überhaupt scheint mir, als fühlten sich viele Halter einer Apple Watch ein wenig schikaniert. Das bestätigt etwa BranBern, indem er auf Giga.de beichtet: „… ich ertappe mich dabei, wenn ich vom Büro in allgemeine Räume gehe (Raucherzimmer, Küche), dass ich meine hochgekrempelten Ärmel runterlasse (und somit die Uhr überdecke)“ – und dies nur, um ja nicht in den Verdacht zu kommen, dass er damit angeben will. Sowas ist natürlich schlimm und sollte dringend stärker thematisiert werden in unserer Gesellschaft.

Kein Wunder also, wenn sich die derart Geschubsten am liebsten nur in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen vier Wände diesem Wunder modernster Technik widmen. Neuerdings sollen auch die Treffen der Anonymen Apple-Watch-User (AAWU) grossen Zulauf erhalten. Dort können sie sich in solidarischer Umgebung ihrer Leidenschaft hingeben. Dort wird dann gemeinschaftlich der Force Touch geübt. Man eignet sich in moderierten Zweiergruppen die Bedeutung der verschiedenen Vibrationssignale an und verfasst Petitionen an Tim  für grössere Akkus. Das Wichtigste aber sei, sagt meine Informantin, dass man sich gegenseitig aufbaue, gegen die Tyrannei einer missgünstigen Welt stütze und veganen Grüntee trinke. Am besten gefällt ihr jeweils, wenn sich am Ende des Abends alle im Kreis versammeln und den eigenen Herzschlag mit ihren Nächsten teilen.

Zurück zu vorindustriellen Verhältnissen – willkommen in der Zukunft

Als Kind war die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Märchen einfach. Alle Märchen vermittelten lehrreiche Botschaften über das Zusammenleben mit den Mitmenschen in sich. So lernten Kinder noch beim Einschlafen einfache Lektionen von Recht und Unrecht.

Eine kleine Brücke führt über ein Rinnsal.

Wenn Du Dich auf den digitalen Pfad der Erleuchtung begibst, steht Dir das Tor zu einer erfolgreichen Zukunft offen … so das gängige Märchen.

Die digitale Metamorphose
Obwohl das Vorlesen von Märchen für Kinder nicht mehr in Mode ist, hat die Verwendung von Märchen in der Organisations-Kommunikation immer noch Konjunktur – so neulich gesehen in beim Think-Tank Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). Die eigene Handelstagung bewarb das GDI mit dem aktuellen Dauerbrenner in Sachen Märchen: Die Fabel von der digitalen Metamorphose.

Mit einem Tweet in die verheissungsvolle Zukunft
Konkret war da von der Stadt Rockford die Rede. Rockford (in Illinois, USA) rutschte durch den industriellen Niedergang (Rust Belt) in einen albtraumhaften Tiefschlaf, aus der sich die Stadt nicht befreien konnte. Bis dahin hätte die Geschichte ein übles Ende genommen, wenn nicht eine Fee aus dem digitalen Wunderland in Gestalt von Etsy (ein Webshop auf dem alle ihren selbst gemachten Kunstkrempel verhökern können) den Schrei um Hilfe auf Twitter erhört und dem Bürgermeister in Sachen digitaler Ökonomie Nachhilfe erteilt hätte. Jetzt, da die digitale Fee ihren Zauberstab geschwungen hatte, gehe Rockford einer verheissungsvollen Zukunft entgegen. Glaubt man dem GDI, endet die Geschichte hier mit einem Happy End – so wie nun mal  Märchen „Made in USA“ aufzuhören pflegen.

Die Moral versteckt sich in den Lücken
Tja, mit den heutigen Märchen ist das so eine Sache. Im Gegensatz zu den traditionellen Märchen steckt die Moral der heutigen PR-Märchen in dem Teil, den das Märchen leichtfüssig übergeht. Es ist zwar schön, dass Rockford den rostigen Gürtel abschütteln konnte. Nur leider fragt in einem Jahr sicherlich niemand mehr danach, ob es so toll war, sich einem einzigen Webshop auszuliefern und sich auf vorindustrielle Verhältnisse einzulassen, wo jeder versucht, im Dschungel des Internets seine mühevoll gestalteten Briefbeschwerer zu verkaufen.

Und die Moral von der Geschichte: Märchen findet man nicht nur in Büchern, sondern auch auf Hochglanzprospekten.

P.S. Die Fabel der digitalen Wiedergeburt wird gerne mit einem anderen Märchen zusammengemischt: Wenn Du nur hart genug arbeitest, kannst auch Du im Lotto gewinnen. Mit dem Lottogewinn stellen sich selbstverständlich auch Ruhm, Ehre und eine ausgewogene Work-Life-Balance ein …

Mobiler Irrgarten

Haben Sie schon einmal mit Ihrem Handy über ticketcorner.ch ein Ticket gekauft? Ich habe es letztens versucht und ich rate Ihnen wärmstens davon ab. Es ist ein Gebastel sondergleichen.

Labyrinth

Mobil unterwegs zu sein ist nicht immer einfach. (Quelle: flickr.com // vgm8383 // CC BY-NC 2.0)

Beim Login fängt alles an. Dort stehen drei Optionen zur Verfügung: Einloggen via externe Login-Verbindung, also Google, Facebook und Co.  (nein, ich will meine Freizeitpläne nicht ungefiltert ins Silicon Valley übermitteln), einloggen mit einem bestehenden Account (habe ich nicht) oder einen neuen Account anlegen (ok, mache ich).

Es folgt der übliche Rattenschwanz an Infos, den man bei solchen Gelegenheiten angeben muss: Anrede, Name, Adresse, Geburtsdatum (Gott sei Dank mit Drop-down-Menü), Land sowie Handynummer und E-Mail-Adresse (beides obligatorisch. Hrmpf.). Zähneknirschend setze ich zudem das Häkchen bei „Bitte senden Sie mir Ihren Newsletter nicht zu, sondern nur eine Auftragsbestätigung“.

„Sorry. Dieser Benutzername ist vergeben“

Nun kann ich einen Benutzernamen und ein Passwort definieren. Immerhin muss letzteres nur zwei Zeichen lang sein, was zwar sicherheitstechnisch äusserst fragwürdig ist, aber gut, ich will mich ja nicht beklagen.

Währenddessen läuft die Sanduhr. Mir bleiben noch 26 der total 38 Minuten.

Ich habe meine Logindaten definiert und klicke auf „Weiter zur Zahlungsart“. „Der von Ihnen eingegebene Benutzername ist vergeben“ leuchtet es mir rot entgegen. Ah. Hätten sie das nicht früher prüfen können?

„sdkjfsaldkf“ ist auch ein Benutzername

Ich fange noch mal von vorne an. Ok, nicht ganz. Glücklicherweise sind alle Daten noch da, nur das Passwort wurde sinnigerweise gelöscht. Ich starte erfolgslos einen zweiten Versuch. Beim dritten Versuch gebe ich nur einen neuen Benutzernamen ein und lasse die beiden Passwort-Felder absichtlich leer.

„Bitte geben Sie ein Passwort ein“ und „Bitte bestätigen Sie Ihr Passwort“ heisst es diesmal. Kein Hinweis, ob der eingegebene Benutzername bereits existiert oder nicht. Nun denn. Fortan heisse ich „sdkjfsaldkf“. Mein (mehr als zwei Zeichen langes) Passwort akzeptiert die Software ebenfalls. Sehr gut.

Weitere fünf Minuten sind vergangen.

Nun kann ich die endlich Zahlungsart auswählen. Ich versuche es mit der ID der Postfinance Card. Doch das Zahlenfeld, in dem ich die ID eingeben muss, ist eine Ziffer zu kurz.

Ich kann es nicht glauben. Ich versuche es dreimal, prüfe die Nummer fünfmal. Nichts zu machen. (Später werde ich feststellen, dass diese Eingabe einwandfrei funktioniert. Dass es sogar noch Platz für zwei, drei weitere Ziffern hätte. Aber an diesem Tag funktioniert es nicht. Warum auch immer).

Gutes, altes Notebook

Mir reichts. Ich breche den Vorgang ab. Schlafe eine Nacht darüber. Logge mich am nächsten Tag via Notebook in meinem nagelneuen Account ein, wähle diesmal die Optionen  „Print@home“ und „per E-Rechnung“ und drei Minuten später habe ich die Bestätigung in meinem Postfach.

Geht doch.

Lalü, lalü!

Zu Gast im Waldviertel – das liegt so um die 100 km westlich von Wien und vielleicht 25 km südlich der tschechischen Grenze. Hier schrumpft die Bevölkerung grad so schnell wie die Waldfläche wächst. Hier lebt sich‘s in Zeitlupe, schläft sich’s viel und gut. Eigentlich optimale Bedingungen, um die geschätzte Leserschaft mit extralangen, elaborierten Posts zu beglücken. Doch, auch das weltweite Netz sickert gar behäbig durch die Leitungen, das Hantieren im Frontend gleicht dem Rühren in Teertöpfen. So will ich es trotzdem kurz halten mit dem Bloggen. 

Augen auf bei der Kommunikationsmittel-Wahl!

Augen auf bei der Kommunikationsmittelwahl!

Ich sitze also in einer dieser schwach belegten Dorfkneipen, trinke Tee, nasche Mohnzelten und arbeite mich durch die Zeitungen der letzten Woche. Da fällt mir die hübsche, kleine Geschichte auf, von einer leseschwachen Mutter und ihrem schreibeschwachen Sohn. Es soll sich in Bremen kürzlich folgendes zugetragen haben: Mutti (53) ruft panisch nach der Polizei: Ihr (pubertierender?) Sohn habe aus dem Kino die SMS geschrieben: „Hol mich bitte sofort ab, ich werde umgebracht.“ Die versammelten Sicherheitskräfte rasen – lalü, lalü! – prompt hin, umstellten das Kino, sperren grossräumig ab, lassen alle Säle räumen. Doch dort findet sich weder Sohn noch Leiche, weder Blut noch Täter. Der Einsatzleiter guckt auf Muttis Handy nach und findet dort verblüfft: „Musst mich nicht abholen. Werde rumgebracht.“

Was lernen wir daraus? Rumbringen ≠ Heimbringen ≠ Umbringen! Und: Augen auf bei der Kommunikationsmittel-Wahl! Denn: Zwei Sätze zu schreiben kann die Jugend von heute überfordern und zwei Sätze im Kontext zu begreifen ist auch nicht mehr allen Eltern zuzumuten. Aber hierfür gibt es gottlob soziale Tummelplätze en masse. Dort ersetzt man fröhlich tausend verbiesterte Wörter durch bunte Bildchen und alles wird gut.

Tattrigen Omas Hochleistungs-Internet andrehen

Dass ich für meine Betrachtungen über die Marketing-Kapriolen von Orange, pardon: sɔːlt, ausnahmslos Zuspruch geerntet habe, hat mich bewogen, heute über UPC Cablecom nachzudenken. Genau, das ist jene Firma, die bis vor kurzem noch das Quasimonopol bei der TV-Versorgung in unserem Lande hatte. Es ist die Firma, die aussen gern nett und schweizerisch scheint, aber innen rüde und angelsächsisch ist. Das fängt bei den pomadierten Drückerkolonnen an, die in düsteren Bahnhofunterführungen tattrigen Omas Hochleistungs-Internet andrehen. Das endet dort, wo Personal, insbesondere fähiges, primär als Kostenfaktor gilt, den es durch regelmässiges Auslichten in aktionärsfreundlichem Rahmen zu halten gilt.

werbespot-upc-cablecom-myprime

Ist das lustig? Nö, Werbung von Cablecom.

Diese UPC Cablecom geht mir also gerade mit ihrem neuen, doofen Werbespot auf den Geist. Die Mitwirkenden: Carlos Leal, Ex-Rapper,  Stéphanie Berger, Ex-Miss Schweiz,  Eric Tveter, Noch-immer-Firmenchef. Die Handlung: Der Ex-Rapper und die Ex-Miss drängeln sich in atemloser Aufgekratztheit aneinander und am Firmenchef vorbei, um uns das neuste Kombiangebot zu erklären.

Tveter: Hälou, isch bin E…

Leal: …ric Tveter, där Chef von Jupisi Cäbelcom!!! (hüpft im Viereck vor Begeisterung) Er will Ihnen sagän, was alles schon – ohne Zusatzgosten – in Ihrer Khabeldoose stäggd …

Berger: Erschtens: Mit Basic Digital TV überchömed Sie scho hüt 70 Sänder, da devoo 43 in HD. Zweitens: …

Leal: Zweitens: Basic Internet mit zweiii Megabit pro Segundään! Und drittens …

Berger: Drittens: Mit Basic Phone sogar en Gratis-Feschtnetz-Aaschluss! Dä Telefonaschluss von äme andere Abüter chönd Sie sich also schpare.

Tveter: Genau.

Ist das lustig? Nein. Ist das innovativ? Mpffff. Bringt das Kundschaft? Wohl eher nicht. War das teuer? Bestimmt, ziemlich. Egal, wichtig ist doch, „dass die drei Darsteller an der gemeinsamen Arbeit vor der Kamera Spass hatten“, wie die Presseabteilung schreibt (die bei Cablecom natürlich „Media Realtions“ heisst).