Apple: Körperfunktionen aus dem App-Store beziehen

Ein angeschälter Apfel.

Gesundheit beobachten? Vielleicht ein freudscher Versprecher…

Eigentlich wollte ich ja einen Nachtrag zu Heartbleed schreiben, aber da funkte mir eine Werbeeinblendung im Farbfernsehen dazwischen. Ja, ich weiss, fernsehen ist sowieso keine gute Idee, aber da bin ich altmodisch. Ich bin zu faul mir meine audiovisuelle Abendberieselung selbst zusammenzustellen. Dazu reicht es nach einem Arbeitstag einfach nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte…

Faulheit rächt sich – sofort
Da ahnt man nichts Böses, schaut in aller Ruhe wieder einmal Lethal Weapon I und wird wie üblich von der Werbung aus dem Geschehen gerissen. Ärgerlich wie immer. Und dann auch noch für eine Werbeeinblendung des Konzern mit dem angebissenen Apfel. Zu faul um aufzustehen oder wegzuzappen versuche ich das übliche Gedudel wie den sprichwörtlichen Kelch an mir vorbeiziehen zu lassen… Aber nein, dann kommt noch so ein Satz: „…damit kannst Du deine Gesundheit verfolgen.“

Alles eine Frage der richtigen Apps
Jetzt ist es also offiziell: Das neue iPhone übernimmt, sofern Du die richtigen Apps installierst, menschliche Körperfunktionen. Darauf habe ich schon lange gewartet. Meine Verdauung hätte schon längstens eine Neukalibierung nötig.
Man muss den Jungs aus Cupertino schon zugutehalten, dass es an der leicht versauten Übersetzung liegt. Im Original klingt das anders. Der Werbespot nervt deswegen aber nicht weniger.

Über die Massen geschäftstüchtig

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Da hilft weder Abwarten noch Teetrinken – Wired bleibt eine Nervensäge.

Ich sollte vielleicht vorausschicken, dass es Wired, diese Mutter aller Geek-Magazine, bei mir schon früher schwer hatte. Vor dem grossen Dotcom-Massaker ging sie mir auf die Nerven, weil sie mit all diesen libertären Schwaflern ins Bett hüpfte. Nach dem Dotcom-Massaker widerte mich an, wie sie ihre Haut den Gadget-Herstellern und der Multimedia-Industrie andiente. Man könnte also sagen, ich hielt sie schon immer für eine Schlampe – oder zumindest für über die Massen geschäftstüchtig, je nachdem, was Sie hier lieber lesen wollen. Wie auch immer, heute erhält sie eine neue Chance. Ich werde die nächsten drei Stunden im Zug sitzen, Grüntee schlürfen und nichts weiter zu tun haben, als mich ihren 146 Seiten anzunähern.

Vom Titel schaut mir prüfend Tim Berners-Lee entgegen und mahnt: „The web is under Threat. It’s Time to reclaim it.“ Das will ich lesen. Ich blättere mich also durch sieben Seiten Kamera-, Wodka-, Rasierzeug- und Autowerbung, bevor ich eher zufällig bemerke, dass ich im Inhaltsverzeichnis bin. Dort finde ich eher zufällig heraus, dass der Beitrag von Berners Lee auf Seite 86 beginnt. Weil der Verlag schlauerweise weitgehend auf Seitenzahlen verzichtet, muss ich mich mehr oder weniger durch den vorderen Teil des Hefts blättern. So bekomme nebenbei mit, dass Wired eine Selfie-Kampagne am Laufen hat, die es jedem Fan des Blattes endlich ermöglicht, sein Antlitz – oder das seines Büsis – auf einer fingierten Titelseite zu verewigen und mit seinen Freunden zu teilen.

Ich stolpere über das katastrophale Editorial, kämpfe mich durch unendliche Strecken von Kurzfutter über computerisierte Köche, heisse Trends bei Stammzellen, Chameleon Clothing. Ich nehme das rührende Geschichtchen eines jungen Helden zur Kenntnis, der die US-amerikanischen Haushalte aus den Fängen der TV-Kabelkartelle befreien will. Es gibt viel zu gucken, aber wenig zu lesen.

Es gibt zu viele Promis, die viel zu kurze Zitate zu komplexen Themen absondern. Und es gibt zu viele Anzeigen, die mich daran erinnern, auf gar keinen Fall den Kongress WIRED2014 zu verpassen, mir aber THE THIRD DEFINITIVE LIST OF EUROPE’S TOP 100 DIGITAL INFLUENCERS und THE WIRED WORLD IN 2014 zu beschaffen. WIRED CONSULTING will mir helfen, mein Business zu futur-proofen. Bei WIRED.CO.UK und dem PODCAST soll ich dringend vorbeischauen, auf den SOCIAL MEDIA soll ich folgen, liken oder sonst einen Blödsinn begehen. Ich sag es ja: über alle Massen geschäftstüchtig.

Als ich bei Seite 86 ankomme, bereue ich schon wieder, für dieses Heft Geld je ausgegeben zu haben. Doch wenigsten bekomme ich jetzt zwei ganzseitige Bilder und zwei knappe Seiten Text von Herrn Berners-Lee. Er macht sich wirklich Sorgen über all die Spione, die das Web auskundschaften. Ja, und er warnt gar mutig vor „somme businesses that may abuse their powers, some businesses that may try to undermine the open market.“ Namen nennt er zwar nicht, aber die kennt eh schon jeder, der sie kennen will.