Das Ende der schallenden Ohrfeige

Hach, was waren das noch für Zeiten, als Frauen ungebetene Avancen noch mit einer schallende Ohrfeige quittierten. Hochrot, mit einem bleichen Handabdruck im Gesicht, zogen sich die öffentlich gedemütigten Herren jeweils zurück und frönten anschliessend dem tröstenden Alkohol. Oder gab es das nur im Fernsehen? Ich weiss es nicht, denn mir ist das nie passiert. War es mir doch jeweils von vorneherein schon klar, wann eine Annäherung keine Aussicht auf Erfolg haben würde. Heute ist das scheinbar anders.

Ein weisser Mann mit Sombrero trink Schnaps aus der Flasche während ihm ein Latino gleichzeitig Bier in den Rachen kippt.

Betrunken in Mexiko: Hoffentlich ist die Netzabdeckung gut. Sonst wirds schwer mit der elektronischen Zustimmung.

Nein meint nein
Wenn eine Frau „Nein“ sagt, dann gibt es an diesem Wort nichts zu deuteln. Die Selbstverständlichkeit dieses Satzes sollte sich in zivilisierten Ländern eingestellt haben. Dem scheint aber nicht so. Sonst gäbe es keine Erklärung für einen langsamen aber aktuellen Trend in den USA und dem Vereinten Königreich, der uns hier in der digitalen Provinz hoffentlich nie erreichen wird. Man könnte ihn Consent-Hype (Einverständnis) nennen.

Ein Checkliste mit fünf Punkten
Kürzlich führte eine Universität in Kalifornien einen „Consent Carnival“ (Einverständnis-Karneval – Karneval, da stimmt schon mal zumindest die besoffene Grundstimmung) durch, um den offensichtlich versauten männlichen Studenten klar zu machen, wann eine Frau ihr Einverständnis zu sexuellen Avancen und Handlungen gegeben hat und wann nicht. Eine Checkliste (beklebt mit der Schleichwerbung eines Süssigkeitenherstellers)  soll auch dem dümmsten Studenten das korrekte Verhalten während jedem möglichen Geisteszustand ermöglichen.

Die Lösung für den Medienbruch
Mit einem bunten Strauss an Stichwörtern wurde gleichzeitig auch beinharte Aufklärungsarbeit geleistet: Von A wie Autonomie der Frau bis P wie Pansexualität. Während Studenten und Studentinnen bemängelten, dass das Thema Alkohol nicht besprochen wurde, hätte ich an einem anderen Punkt Zweifel an der Nützlichkeit der Veranstaltung gehabt: beim Medienbruch. Können womöglich vollgetrunkene Studenten (und um die geht es ja schliesslich) überhaupt noch irgendetwas auf die Reihe bekommen (geschweige denn eine rechtsgültige Einverständniserklärung) wenn es ihnen Siri oder Google Now nicht vorkaut? Zum Glück konnte ich nach einer kurzen Recherche diesen beunruhigenden Gedanken ad acta legen: Es gibt dafür eine App!

Naheliegend für Facebook
Es enttäuscht mich allerdings ein wenig, dass Facebook oder Tinder noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen sind. Dort lernen sich doch die Leute kennen. Wieso nicht auch gleich dort das Administrative erledigen? Natürlich verbunden mit einem Statusupdate: „Manuela und Peter haben sich darauf geeinigt, Körperflüssigkeiten auszutauschen. Wünscht ihnen viel Vergnügen!“ Gerade für Facebook, verwurzelt im College-Verkehrs-Geschäft, wäre das naheliegend gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Facebook kauft ja gerne schon bestehende Netzwerke auf.

Zu fehleranfällig

Nun gut, seit letzter Woche ist es amtlich: Die Briten sind schwach im Rechnen. Ein Fünftel der Erwachsenen dort kann weder Bruch- noch Prozentrechnen. Ein gutes Viertel ist ausserstande, die Fläche eines Kreises oder einen Durchschnitt zu berechnen, von Trigonometrie oder Statistik ganz zu schweigen.

Rechnen-mit-Briten

Schöner rechnen mit Briten (Bild: Dree’Ja via Wikicommons)

Überraschen sollte uns das eigentlich nicht. Wer wollte, konnte ja schon Ende der 1970er-Jahre vermuten, dass man auf der Insel 1 und 1 nicht zusammenzählen kann. Wie sonst liess sich erklären, dass man ein gewisse Frau Thatcher zur Premierministerin wählte und so ein ganzes Königreich dem neoliberalen Mob zum Frass vorwarf?

Das war in der Tat fatal. Aber heute? Mal ehrlich, ist Rechnen gesellschaftlich überhaupt noch relevant? Mittlerweile trägt doch jeder Brite rund 1,23 Smartphones herum, auf denen eine bestens ausgestattete Rechner-App nur darauf wartet, genutzt zu werden. Kommt dazu, dass heute jeder ein paar Hundert Facebook-Freunde hat, die ihm allzeit bei kleinen Rechenproblemen gerne aus der Patsche helfen. Also nochmal: Spielt Rechenschwäche noch irgendeine Rolle?

Aber sicher! Doch anders als Sie nun denken mögen: Wer nicht rechnen kann, wird im Pub beschissen. Das ist gerade bei den Briten, mit ihrer Vorliebe für vergorene Getreideprodukte besonders heikel. Und weil die Rechenleistung menschlicher Gehirne mit steigendem Alkoholspiegel noch weiter sinkt, wird der Anteil an Beschissenen bald die kritische Grenze von 50 Prozent überschreiten. Dann wird sich also die Mehrheit der Briten beschissen vorkommen – entweder vom Pub oder vom Alkohol. Das Resultat davon dürften allerlei Facebook-Initiativen für die Schliessung der Pubs und das Verbot von Alkohol sein. Und wie man die Angelsachsen so kennt, werden sie auf die eine oder andere Art Erfolg haben.

Was dann folgt, lässt sich in Geschichtsbüchern nachlesen: Prohibition, Mafia, Mord und Totschlag. In Nordirland werden sich Katholiken und Protestanten mit alter Verve und neuem Elan die Birnen einhauen. Die Schotten werden die Gelegenheit nutzen und sich aus dem Reich verdrücken. Das wird gewiss den Geheimdienst auf den Plan rufen. Der wird das Volk dank umfassender Schnüffellizenz nach allen Regeln der Kunst schikanieren. Letzteres wird sich endlich auch vom Staat beschissen fühlen. Ein Shitstorm biblischen Ausmasses wird sich übers Land ergiessen, ein Aufstand wird folgen, dann eine Revolution. Die wird gelingen und es der dannzumal meistgeliketen Community ermöglichen, die Regierungsarbeit durch Menschen zu verbieten (zu fehleranfällig, zu korrumpierbar). Daraufhin wird sie die Geschäfte der Exekutive einer gigantischen Cloud übertragen. Die wird von drei autonomen Megarechnern bestellt, die auf die Namen Peace, Happiness und Pancake hören. Der erste steht bei Google, der zweite bei Facebook und der dritte bei Amazon. Well, well, well: wilkommen im Staat 3.0!

R.I.P. „Safe Harbor“ – ich werde Dich nicht vermissen

Als einen „Meilenstein“ bezeichnete Max Schrems das, was sich am Dienstag, 06.10.2015, ereignet hat. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat der Argumentation von Schrems zugestimmt und folgerichtig das „Safe Harbor“-Abkommen zwischen der EU-Kommission und dem US-amerikanischen Wirtschaftsministerium für ungültig erklärt. Damit entzieht der EuGH der digitalen Industrie von einem Tag auf den anderen den Blankoscheck für den grenzüberschreitenden Verkehr von Daten, die dem Datenschutzgesetz unterstellt sind (Personendaten). Es gibt weder Berufungsmöglichkeiten noch eine Übergangsphase.

Grabstein mit dem aufgespraytem "Safe Harbor".

Safe Harbor – es gibt keinen Grund Dich zu vermissen.

Ratlosigkeit, jetzt, da der Kaiser keine Kleider mehr hat
Von Triumph bis grosser Verunsicherung waren bisher alle Reaktionen in den Online-Gazetten zu finden. Doch in der Regel waren die Reaktionen ziemlich zurückhaltend. Vermutlich herrscht Ratlosigkeit vor. Sind doch alle Datentransfers in die USA gemäss Hanspeter Thür, dem obersten Datenschützer der Schweiz, nun nicht mehr per se legal. Insbesondere hat das EuGH festgehalten, dass die Zugriffspraktiken von US-amerikanischen Behörden nicht mit europäischem Datenschutz vereinbar sind. Das war eine offensichtliche Tatsache, über die man in der Branche Bescheid wusste.

Ein Schlag ins Gesicht
Konkret heisst das: Diejenigen, die Services in den USA und in Europa anbieten, müssen nun getrennte Infrastrukturen anbieten und alle, die Dienstleistungen beziehen, müssen dafür sorgen, dass entsprechenden Daten nicht auf US-amerikanische Server gelangen. Zu Recht weist Thür darauf hin, dass dies eine Weile dauern wird. Ausserdem sei auch das Safe-Harbor-Abkommen mit der Schweiz davon betroffen. Was genau das heisst, bleibt offen, solange die Medien nicht nachzufragen gedenken (aber das ist eine andere Baustelle).

Enttäuschung und Apokalypse
Die Sicht aus den USA scheint hingegen recht klar: Unverständnis. Das US-Handelsministerium lässt grüssen und ist tief enttäuscht. Das sei doch bis jetzt so super gewesen, das Abkommen habe doch gut funktioniert und man sei besorgt um die transatlantische Digitalökonomie. Süss, aber was soll es sonst auch anderes sagen. Im Business Insider UK sieht man hingegen die bürokratische Apokalypse am Horizont … die alten Kalauer also.
Ich verstehe diese Haltung. Man stelle sich vor, US-amerikanische Digitalunternehmen müssten sich an die Gesetze derjenigen Länder halten, in denen sie tätig sind. Ja, ich weiss, an dieser Niederlage sind nicht die Unternehmen schuld, sondern die Regierung der USA. Aber da haben die Unternehmen einfach geschlafen, als man vor ihrer Nase diesen Überwachungsstaat aufgezogen hat.

Keine einfachen Lösungen mehr
Dieser Dienstag war ein guter Tag. Ungeachtet anderer Meinungen werde ich „Safe Harbor“ auf jeden Fall nicht vermissen. Schon alleine deswegen, weil „Safe Harbor 2“ seit einiger Zeit in Verhandlung ist. Darauf setzt die Industrie jetzt ihre Hoffnung. Doch ich habe meine Zweifel, ob diese berechtigt ist. Seit diesem Urteil kommt die EU-Kommission nicht mehr an den Datenschützern vorbei. Sie wird also nicht noch einmal so einen weissen Hasen aus dem Hut zaubern können. Und bis eine neue gesamtheitliche Lösung gefunden und umgesetzt ist, hat sich die Industrie angepasst.

Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ewige 60 Minuten

Facebook-Aktienkurs20150127.

Die Spekulanten und der Systemausfall. (Quelle: Süddeutsche.de)

Unser aller, bester Freund Zucki dürfte gerade ziemlich angepisst sein. Ganze und ewige 60 Minuten war seine digitale Quasselstube heute zu. Nicht, dass ich davon etwas gemerkt hätte, ich war heute wie öfter leider am Sozialisieren verhindert. Aber einer Pendlerzeitungen scheint es aufgefallen zu sein, und es war ihr immerhin eine Dreiviertelseite wert: „#facebookdown – Böse Echsen oder Unfähigkeit?“, prangt da auf der Titelseite in gefühlt zwei Meter hohen Lettern. Da sieht man wieder mal, womit man sich in den Redaktionen die Zeit so vertreibt.

(Überhaupt, seitdem dieser affige Gartenhag zum Schweizer Wort des Jahres erkoren wurde, meint jeder Popel, er müsse durch dessen leichtsinnigen Gebrauch nun auch dringendst zeigen, dass er in der Echtzeit angekommen ist. Was die CHwort-Jury wohl geraucht haben mag, als sie sich zu diesem Spässchen verleiten liess? Auf dem Gruppenbild jedenfalls sehen die Jungs und Mädels ziemlich bedient aus. Ich werde bei SRF vorsorglich einen obligatorischen Drogentest anregen, aber das nur nebenbei.)

Zurück zu Zucki: Der hat nun ja Probleme, die wollen wir uns gar nicht vorstellen. Damit meine ich eigentlich nicht die seelischen Schmerzen der angeblich 1,3 Milliarden Fans, die eine Stunde lang entsetzt auf ihre Bildschirmchen starrten und sich fragten, ob das nun wirklich schon der Weltuntergang sei. Mit den Befindlichkeiten der Kundschaft pflegt der gute Mann ja seit je her einen recht ungezwungenen Umgang.

Viel näher dürften ihm die pekuniären Folgen dieses Vorfalls gehen. Man muss sich das mal vorstellen: Bei geschätzten 13 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr haut eine verpatzte Stunde immerhin mit 1,45 Millionen in die Miesen. Da wird wohl der eine oder andere güldene Wasserhahn in seiner Villa durch ein silbernes Fabrikat ausgetauscht werden müssen. Richtig blümerant wird einem indess, wenn man an die Wertpapiere dieses sypathischen Jungunternehmens denkt. Drei Prozent Kursverlust des Tages stehen locker für 5 bis 6 Milliarden virtuelle Dollar, die sich in Luft aufgelöst haben. Das fehlt dann gewissen Leuten schon mal beim Spielgeld, und die verstehen da gar keinen Spass.

Das Internet – als wir noch nicht das Produkt waren

Unzählige Schüler sitzen an Schulbänken und tippen auf Schreibmaschinen. Der Lehrer kontrolliert im Hintergrund.

10-Finger-System? Früher besuchte man einen Schreibmaschinenkurs. Computer gab es nicht. Das sah dann so ähnlich aus.

Vor kurzem war ich unterwegs und wollte kurz mit der App des öffentlichen Verkehrs nachschlagen, wann der nächste Bus kommt. Trotz vollem Empfang konnte ich keine Verbindung mit dem Internet aufnehmen. Erst nach einer geschlagenen Viertelstunde kam ich auf die Idee, nicht mehr am Handy zu fummeln und einfach jemanden zu fragen. An der Kasse fand ich dann eine nette Dame, die mir versuchte Auskunft zu geben. Da sie es auch nicht wusste, schlug ihre Kollegin dann im Kursbuch (ja, das gibt es noch!) nach. Sie und ich, das mussten wir beide zugeben, hatten nur noch wenig Übung im Lesen von Fahrplänen… Sie blätterte so lange leicht ratlos in dem Büchlein rum, bis sich die erste Kollegin auf der Website der staatlichen Verkehrsbetriebe informiert hatte…

Fremdplatzierte Erinnerungen an eine Zeit, die nur offline war
Kursbücher lesen war doch früher kein Problem. Obwohl die Erinnerungen schwinden, kann ich mich noch einigermassen an die Zeit vor dem Internet erinnern – z. B. an die Schulzeit ohne Wikipedia oder an das Leben vor der Nonstop-Informationsversorgung. Doch je weiter sich die Technik entwickelt, desto mehr fühlen sich meine Erinnerungen an, als seien sie, wie im Film Total Recall, in meinem Hirn fremdplatziert worden. Doch sie sind echt und noch da. Aber was nützt mir das Wissen um eine Zeit vor dem Internet und dessen zweifelhaften Effekten?

Scheinbare Kopie des Lebens
Nein, das ist keine rhetorische Frage. Was nützt es mir zu wissen, dass man früher für einen Vortrag einen Berg Bücher zusammentragen musste? Oder was nützt es mir zu wissen, dass es in unserer Kindheit noch keine „soziale Netzwerke“ gab, die einem vorgaukeln, die realen Beziehungen und Interaktionen wiederzuspiegeln? Was nützt es mir zu wissen, dass früher Wertschätzungen nicht mathematisch gemessen und Interessen algorhythmisch abgeschätzt wurden? (vgl. Artikel auf Quartz „What it feels like to be the last generation to remember life before the internet„)

Das Internet vor der Kommerzialisierung
Ehrlich gesagt: Ich weiss nicht, was mir dieses Wissen nützt. Vielleicht finde ich später eine klare Antwort. Was ich aber auf jeden Fall nicht vergessen will: Es gab schon ein Internet vor Facebook, Google, Instagram oder Snapchat. In diesem Internet ging es nicht um das Verdienen von Geld. Und wenn alle diese Plattformen verschwinden, wird es dieses Internet immer noch geben…

Der Preis von WhatsApp – da wurde kräftig aufgerundet

Einige us-Dollar auf einem Kalender.

Die „Gesetzeslücken“ schliessen sich. Es wird Zeit seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Im Zusammenhang mir Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2014 schlüsselte Facebook auf, wie der Kaufpreis für das kürzlich erworbene Unternehmen Whatsapp zu Stande gekommen war. Mich hat die Antwort interessiert, seit ich von der Übernahme gehört hatte. Immerhin geht es hier um 18 Milliarden US-Dollar für ein Unternehmen das in den letzten 12 Monaten 140 Millionen US-Dollar Verlust gemacht haben soll… (Bei angeblich über 500 000 000 Usern.)

„Goodwill“ macht WhatsApp so teuer
Was auffällt, ist der letzte Posten der Aufstellung  (Punkt 3c). 15,3 Milliarden Dollar wurden unter „Goodwill“ abgerechnet.  „Goodwill“? Was nach Gutmenschentum klingt ist in Wahrheit ein Begriff aus dem Rechnungswesen und steht, laut Wikipedia, für  Geschäfts- oder Firmenwert:  „Der Firmenwert ist eine abstrakte, gedankliche Konstruktion, mit der die Lücke zwischen ertragsabhängiger und substanzabhängiger Bewertung überbrückt werden soll.“ (Was für ein verräterisch toller Satz aus der Welt der Buchhaltung.)

Lücke zwischen Wert und Möchtegern-Wert
Demzufolge geht es darum, eine Lücke zu schliessen. Konkret ist das die Lücke zwischen wirklichem Wert und dem Möchtegern-Wert. Wie ist jetzt dieser Preis konkret zu interpretieren? Einerseits, sollte die Einschätzung von Facebook über den Möchtegern-Wert von WhatsApp zutreffen, könnte man WhatsApp ein Schnäppchen nennen.  Andererseits kann man daraus schlussfolgern, wie viel Schiss Facebook vor Whatsapp hatte und es dem Internet-Riesen Wert war, den Konkurrenten zu schlucken… (Weil den Facebook-Messenger niemand will.)

Die dritte Seite der Münze
Eines meiner Lieblingszitate lautet (so ungefähr): „Erst wenn man erkannt hat, dass die Münze drei Seiten hat, dann hat man verstanden, worum es geht.“ Ganz in diesem Sinne stelle ich mir die Frage: Hat vielleicht Facebook auch nur kräftig aufgerundet, damit die Finanzen wieder stimmen? Alle grosse US-Unternehmen haben zur Steueroptimierung Geld ausserhalb der USA gebunkert und die Iren sind gerade dabei die Schlupflöcher zu schliessen.

So bleibt mir Facebook nur noch zu gratulieren: Drei Fliegen mit einer Klappe!

Involuntary Social Network Disorder – die Social-Media-Krankheit

Drei Jugendliche stehen beieiander und halten ihr iPhone in der Hand.

Involuntary Social Network Disorder (ISND): ein Krankheitsbild, das man sich merken sollte.

Krankheiten oder pathologische Muster sind eine Frage der Perspektive. Je mehr Menschen dieselben Anzeichen für schadhaftes Verhalten zeigen, desto anerkannter ist das Muster in der Gesellschaft. Das muss zwangsläufig so sein. Wie könnte man sonst z. B. die breite Akzeptanz von bestimmten Berufsgruppen wie den Bankstern erklären.

Es soll sich nachher niemand beschweren
Es gibt auch andere Beispiele. Als jemand, der  sich tagtäglich an dem PR-Märchen von der für alle erreichbaren Viralität ständig messen lassen muss (Ich meine das ganze „man muss nur schlau und authentisch sein“-Blabla), bin ich dem Thema Social Media sensibler gegenüber eingestellt.  Darum  möchte ich wieder einmal kurz etwas in die Runde werfen, damit nachher niemand sagen kann, dass er nicht gewarnt wurde: Die Nutzung von Sozialen Netzwerken kann krank machen.

Der Name ist da. Let the healing begin!
Erfahrungsgemäss reagiert an Social-Media-Veranstaltungen das Gegenüber auf solche Befunde für gewöhnlich mit blanken Entsetzen (Du alter Kulturpessimist!!) oder ich erwische es wie das Reh im Scheinwerferlicht.  Ich habe mich entschieden, von jetzt an von Involuntary Social Network Disorder (ISND) zu sprechen, wenn ich von dieser Deformation spreche. Der Krankheit einen Namen zu geben kann, so zeigt die Geschichte der Medizin, für Kranke sehr erleichternd sein. Der Name ist neu und wurde vor kurzer Zeit von den Medienkritikern Adam Curry und John C. Dvorak geprägt.

Mit einer Hand voll Fragen zur Erkenntnis
Nun, was ist ISND? ISND ist eine Krankheit, für die es zwar noch keine klare Beschreibung gibt, doch für die Diagnose sind nur eine Hand voll Fragen nötig, zum Beispiel:  Wie viele Male pro Stunde hat er sein Smartphone in der Hand und wie lange kann er ohne sein Handy leben, bevor die psychischen Schmerzen einsetzen?  Oder: Wie nimmt sie ihre Umwelt wahr? Empfindet sie das Gelabere auf Facebook gleich wie die Realität, in die sie nur noch abtaucht wenn Schulnoten drohen?

Ich bin sicher, auch Sie kennen jemanden, der an ISND erkrankt ist. Nein? Dann sehen sie sich doch einmal dieses Video an und überlegen sie nochmals. Mir kommt das bekannt vor. Als Profi, der sein Brötchen mit Social Media verdient, gehöre ich zu einer Risikogruppe.

Update: Beispiel für die Folgen von ISDN auf 20 Minuten. Und dass sind nur die offensichtlichen.

Fast wie bei den Scientologen

Keep Calm and Tweet

Die Mailbox wird’s Ihnen danken. Quelle: Wiki Commons

Was passiert eigentlich, wenn man zwar Mitglied in einem sozialen Netz ist, aber dort nicht regelmässig herumlungert? Richtig, man gerät alsbald ins Visier des Kundendienstes und wird sozial betreut, heisst: ordentlich bespamt. Klar, das Ziel dabei ist stets dasselbe, nämlich die verirrten Schäfchen wieder zurück zur Herde zu leiten, aber die Mittel, die sind doch erstaunlich unterschiedlich.

Fangen wir an bei Google+: Dort scheint man mich inzwischen entweder vergessen oder meine Posts in diesem Blog gelesen zu haben. Jedenfalls hat man mir im innerhalb eines Jahres gerade vier Mails gewidmet. Weiter so!

Pins

Pinterest wiederum schickt mir stoisch jede Woche eine Sammlung von „Pins, die dir gefallen werden“. Weil aber mein Östrogenspiegel immer noch zu wünschen übrig lässt, bleibt das natürlich folgenlos. Mir gefallen weder die „Wedding Photo Ideas“ von Erin noch die lustigen „Yummy Mummy Dogs“ von Stacey (obwohl – die sehen eigentlich recht unanständig aus). Und Beth’s great Ideas zum Organisieren von Kühlschränken helfen auch nicht weiter. Das Gute daran: der Link zum Abbestellen.

Freunde

Facebook ist schon deutlich fürsorglicher: Von dort kriege ich im Schnitt alle drei Tage den netten Hinweis: „Du hast mehr Freunde auf Facebook als du denkst“. Das beruhigt doch ungemein. Aber Spass beiseite: In Wirklichkeit will Zucki ja nur an meine Kontakte. Das klingt dann so: „Du findest alle deine Freunde am schnellsten auf Facebook, indem du deine E-Mail-Kontakte importierst.“ Netter Versuch, aber leider nein.

Auch den Rechnern von Twitter ist rasch aufgefallen, dass ich mich so gut wie nie sozial betätige. Deshalb versorgen sie mich plusminus zweimal wöchentlich mit Motivations-Mails. Hier scheint man aber richtig Geld für die Programmierung einer mehrstufig eskalierenden Kundenbetreuungslösung ausgegeben zu haben. Es fängt an mit den „Trends dieser Woche auf Twitter“. Das sind eine Handvoll Tweets, von denen der Server meint, sie interessierten mich. Typischerweise sind das solche, mit denen SRF für seine Sendungen oder Rafi Hazera für seinen Blog wirbt. Wahlweise lässt sich auch Herr Hugi nochmals zum Grippen vernehmen und der FC Zürich zu seinem Unentschieden gegen Aarau. Faszinierend.

Fehlende Profilfotos

Hilft das nichts, stuft mich der Algorithmus nach ein paar weiteren Wochen als renitent ein, legt einen Zacken zu und mahnt: „Rene Mosbacher, vervollständige Dein Twitter Profil noch heute!“ Er legt mir nahe, endlich mein Profilfoto abzuliefern, einen Hintergrundheader einzufüllen und eine kurze Biografie nachzureichen – „Worauf wartest Du?“ Gute Frage.

Diese Phase dauert ein, zwei Wochen. Dann schaltet die Logik wieder auf nett: „Twitter hat Vorschläge für Dich!“ Weil sie mich für unfähig hält, schlägt sie mir ein paar Leute vor, denen ich folgen kann, um an die Informationen zu kommen, die für mich „heute wirklich wichtig sind oder es morgen vielleicht sein werden.“ Das klingt ja schon fast wie bei den Scientologen.

Abgesehen davon: Mir ist schleierhaft, was mir die vorgeschlagenen Leute bringen sollen. Zwei Journalisten der NZZ sind darunter, deren Artikel ich im realen Leben stets zu überblättern pflege. Dazu kommt noch einer aus dem Tessin. Der macht den Eindruck, er sei gerade auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung und vertreibe sich derweil die Zeit mit Posten in so gut wie allen sozialen Netzen, und zwar auf Italienisch.

So geht noch etwas Zeit ins Land, bevor Twitter dann winseln beginnt: „Hallo Rene Mosbacher! Nimm Dir zwei Minuten und komme zu Twitter zurück! … Wir haben Dich auf Twitter vermisst!“ Ist das nicht rührend?