Wäre ja nett gewesen

Gegen Ende des Jahres wird man in der Glotze mit Jahresrückblicken so lange belästigt, bis man sich wünscht, der Rest des Jahres möge bitte ganz schnell ein Ende finden. Leider liegt es in der Natur der Sache, dass nur auf diejenigen Dinge zurückgeblickt werden kann, die zuvor medial auch stattgefunden haben. Trotzdem: diese Tage der Rückbesinnung haben auch etwas Gutes. Sie erinnern mich daran, was man dieses Jahr nicht oder kaum erfahren hat, wenn man sich nur in den sogenannten Qualitätsmedien umhergetrieben hat.

Jesus und Teufel beim Armdrücken.

Ein corpus delicti: Eines der sogenannten staatszersetzenden Werbebilder für Facebook. Bei genauer Betrachtung steckt da wenig Raffinesse drin.

Nicht einmal die Hälfte des Geldes vor den Wahlen ausgegeben
Ein Beispiel ist das ganze Brouhaha um die Meistermanipulatoren aus Russland, die die Wahlen dem Donald zugeschanzt haben sollen. Es wäre nett gewesen zu erfahren, dass von den 100 000 US-Dollar (die diese russisch-staatliche Trollfabrik gebraucht haben soll um die Wahlen zu kippen) nur gerade 46 000 Dollar vor dem Wahltag ausgegeben wurden. Der Rest dieser sogenannten staatszersetzenden Anzeigen wurde nach den Wahlen geschaltet. Ist das nicht raffiniert? Ich bin sicher, diese Trolle lernten ihr Handwerk an Webinaren mit Machiavelli höchstpersönlich.

Facebook steckt in der Argumentationsgülle fest
Es wäre nett gewesen zu hören, was ein Facebook-Werbe-Experte zu diesem Thema zu sagen gehabt hätte. Was kann man mit diesen Beträgen wirklich erreichen? Meiner Erfahrung nach ist das ein derart kleiner Tropfen auf den heissen Stein, dass es schlichtweg eine grobe Veruntreuung von Staatsgeldern ist, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Politiker, die von der Materie keinen blassen Schimmer haben, sind natürlich scharf darauf herauszufinden, wie man sich Wahlen für wenig Kohle unter den Nagel reissen kann. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass Facebook und die anderen grossen Plattformen in der Argumentationsgülle stecken: Sie können diese „russische Einflussnahme“ weder abstreiten, noch zugeben, dass ihre Werbung eigentlich gar nicht so wirkungsvoll ist, wie sie immer behaupten.

Was macht Uber eigentlich so wertvoll?
Es wäre auch schön gewesen dieses Jahr mal erklärt zu bekommen, welches Geschäftsmodell wirklich hinter dem Taxi-Dienst Uber steht. Hierzulande wird ständig nur darüber berichtet, welche Gesetze letzthin gebrochen wurden und wer gerade die Nummer eins auf der internen Macho-Liste ist. Erklärungen oder Vermutungen zum eigentlichen Geschäftsmodell sehe ich keine. Das Unternehmen ist ja immer noch weit davon entfernt, profitabel zu sein. Wenn man dann noch verfolgt, wie stark sich Uber an seine von den Leuten gewonnenen Daten klammert, könnte man meinen, dass es eigentlich ums Verhökern von Mobilitätsdaten geht. Nein, stattdessen wird mir dargelegt, was der Staat von Uber und Co. lernen könnte.

Überlebensstrategie?
Es wäre nett gewesen, solche Analysen zu hören, denn das soll ja gemäss den Medienhäusern die neue Überlebensstrategie des Journalismus sein. Ja, es wäre nett gewesen… aber wie sagen es unsere nördlichen Nachbarn: „Hätte, hätte, Fahrradkette!“

Um ehrlich zu sein ist das Schrott!

Hätte sich letzten Monat Zucki, der Chef von Facebook, nicht entschieden, diese App zu kaufen, hätte ich vielleicht nie von ihr erfahren. Aber es war eine Schlagzeile wert, dass Facebook für unter 100 Millionen US-Dollar eine Firma mit dem Namen Midnight Labs, ein Start-up mit vier Nasen, aufgeschnupft hat.

Eine junge Frau in Tanzpose auf einer Strasse.

Tanke Lebensfreude! Lade noch heute tbh runter.

Ein positives Lebensgefühl für Jugendliche
Das Corpus Delicti ist eine App fürs iPhone, die den Namen „to be honest“ (um ehrlich zu sein – tbh) trägt. Was in Gesprächen wie der Auftakt zu einer unangenehmen Wahrheit klingt, soll sowas wie ein soziales Netzwerk sein. Gemäss einem Bericht auf der Website von Der Bund  soll es darum gehen, Jugendlichen ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Ist das nicht toll? Ein soziales Netz, das glücklich macht und die Menschen nicht isoliert. Das klingt doch mal nach einem innovativen Ansatz.

Wer am meisten Edelsteine hat ist DER Hecht
Nun ja, die Freude ist dann doch ein wenig getrübt. Der „psychologisch wertvolle Ansatz“ (klingt schon ein wenig nach PR-Geschwafel) wird dadurch umgesetzt, dass man einen Beliebtheitswettbewerb nach dem anderen durchführt. Die Fragen können lauten: Wer ist der lustigste Junge? Wer hat die längste Nase? Oder was auch immer. Die anderen Teilnehmer dürfen dann mit virtuellen Edelsteinen den oder die Siegerin bestimmen. Mit dieser Grundidee hat es die App im App-Store von Apple eine gewisse Zeit zur Nummer eins gebracht.

Die Sache stinkt
Es wäre Zeitverschwendung, die Funktionalitäten der App noch näher zu beschreiben, denn diese App stinkt von der ersten Idee an. Ein positives Lebens- oder Selbstwertgefühl durch die Bewertung von Anderen entwickeln? Das ist schlichtweg absurd. Nein, „to be honest“ ist eine weitere Plattform, die Psychometrie und Gamification in ein Werbe-Geschäftsmodell packt.

Hot or not?
In der Ankündigung von tbh stand, beim Zusammentreffen mit den Facebook-Leuten hätten sie Ähnlichkeiten in den Kernwerten festgestellt. Ich glaube ja auch, dass Zucki sich durch diese Abstimmungen an die Anfänge von Facebook erinnert fühlt: Damals hat er Fotos von College-Kolleginnen und Kollegen nebeneinander gelegt und darüber abstimmen lassen…

Wenn Hass hilft

Bisher glaubte ich, Hass habe nur eine destruktive Seite und sonst nichts. Darum war es mir eine umso grössere Freude vor einigen Wochen dem Vortrag von Fabian Wichmann gespannt zu lauschen. Er stellte das Projekt „Rechts gegen Rechts“ vor. Darin geht’s um die Fragestellung, wie man aus Scheisse Süssigkeiten macht. Und das haben die Leute um Fabian Wichmann genial geschafft!

Hassen für den rechten Zweck steht auf dem Bild

Jeder Hass-Kommentar wird mit einer kleinen Mitteilung, einem Bild wie diesem und einem Euro verdankt. Bild: www.hasshilft.de

Mit jedem Meter weiter gegen Rechts
Mit dem „unfreiwilligsten Spendenmarsch Deutschlands“ machte sich das Projekt weltweit einen Namen. Unfreiwillig war der Spendenmarsch, weil es die Leute um Fabian Wichmann schafften einen Naziaufmarsch zu einem Fundraising-Event für eine Organisation zu machen, die Nazis hilft auszusteigen. Das Video „Mein Mampf“ dazu ist sehenswert: Die Gesichter der Spendenläufer einfach unbezahlbar. Obwohl die Aktion medial bekannt geworden war, konnte sie anschliessend häufig kopiert werden.

Facebook: Dorthin gehen, wo sich die Nazis rumtreiben
Um dem Ganzen noch einen drauf zu setzen, wurde die Idee verfeinert und weiterentwickelt. Die neue Aktion heisst ganz einfach „Hass hilft“ und spielt sich auf Facebook ab . An dem Ort, wo Nazis sich so unbelästigt tummeln können wie Vogelscheuchen an der Fasnacht. Die Aktion verläuft in drei Schritten: 1. Jemand schreibt einen Hass-Kommentar auf Facebook, der durch das „Hass hilft“-Team oder eine aussenstehende Person gefunden wird. 2. Eine Person des Teams antwortet auf den Kommentar in einer freundlich-ironischen Art inklusive einem Bild wie hier im Text abgebildet. 3. Durch die Antwort wird der Kommentar gezählt und dafür wird ein Euro gespendet.

Siegen durch Nachgeben
Die Aktion erinnert mich an eine dieser asiatischen Kampfsportarten, bei der man die Energie bzw. den Schwung des Gegners für den eigenen Angriff nützt. Naja, der Vergleich passt nicht ganz auf „Hass hilft“ , da für die Spenden SponsorInnen gebraucht werden. Am Besten wäre es, wenn die Nazis gleich selbst dafür zahlen müssten. (Wo bleiben die Ideologen, die von der verursachergerechten Finanzierung schwafeln, wenn man sie braucht…) Aber man kann nicht alles haben. Trotzdem bin ich davon begeistert.

Cyberboxen: Facebook scheut die schlagende Realität

Es ist schon einige Wochen her, da präsentierten das Team von Facebook an seiner jährlichen Entwicklerkonferenz unter anderem dessen neue Vision, wie die zwischenmenschliche Kommunikation sich in Zukunft abspielen soll. Natürlich stand da die virtuelle Realität im Mittelpunkt. Es lohnt sich, kurz in die Videos der Konferenz reinzusehen. Man gewinnt schnell einen Eindruck, wie die Damen und Herren des grossen blauen F funktionieren.

Eine junge Frau schlägt einen Mann und hat dabei Boxhandschuhe an.

Auf Facebook könnte es interessante Boxergebnisse geben. Die Kraft spielt keine Rolle mehr.

Der virtuelle Kaffeeklatsch im Cyberspace
Das Auffallendste war die neue Version von Facebook „Spaces„. Das sind virtuelle Räume, die einem ermöglichen endlich mal mit seinen Freunden in Ruhe einen dampfenden digitalen Kaffee zu trinken oder an jedem anderen Ort zu sein, von dem es eine 360-Grad-Fotoaufnahme gibt. Man kann man sich aber dort auch alleine aufhalten. Damit einem die deprimierende Wahrheit alleine im Cyberspace zu sein, nicht gleich vollends ins Gesicht schlägt, kann man diesen virtuellen Raum mit virtuellem Dekoplunder volladen oder mit eigenen Zeichnung der eigenen Stimmung anpassen. Ist das nicht eine kuschelige Vorstellung?

Ablenkungsmanöver vom akuten Problem
Als ob das alleine nicht schon genug verrrückt wäre, versucht das Unternehmen mit solchen Motivationsgedudel bestückten Verkaufspräsentationen auch davon abzulenken, dass aufseiner Plattform eigentlich ein anderes Problem grassiert: die Hassrede. Statt freundschaftlicher Atmosphäre gibt es viel Anspannung, Wut und Beleidigungen. Facebook versucht das Problem mit mehr Kontrolleuren zu lösen. Bei der Anzahl der User (über eine Milliarde) erscheint mir das eher wie eine Beruhigungspille für aktivistische Politiker. Schade, denn damit hat Facebook eine Chance verpasst. Stattdessen hätte ich eine revolutionäre und kreativere Möglichkeiten diesem Problem zu begegnen.

Bewährte Lösungsmechanismen
Die Wurzel für die Konflikte in Facebook sind vielfach angestaute Aggressionen. Aus den Hollywoodfilmen wissen wir, dass die US-amerikanische Kultur für Konflikte ein geläufiges und bewährtes Lösungsmuster bereit hält: den Gang vor die Tür. Damit ist die gepflegte Prügelei vor und nicht in der Kneipe gemeint. Die Aggressionen bauen sich ab, das Eigentum anderer Menschen bleibt verschont, man hat einen Sieger und das Abo fürs Fitnesscenter kann man sich auch sparen.

Konfliktbewältigung mit virtuellem Boxen
Folglich müsste Facebook statt virtuellen Kaffeeklatsch virtuelle Boxringe als Orte der Konfliktbewältigung anbieten. Da würden die gehässigen Streitereien gleich an Ort und Stelle bewältigt. Und wenn wir Glück haben, hat das Ganze noch einen präventiven Charakter, weil Boxen schon seit Jahren erfolgreich in der Gewaltprävention eingesetzt wird. Nicht zuletzt wäre auch noch der Wunsch nach Gamification gestillt. Eine perfekte Lösung.

Eine Plattform für Neugierige

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es ist, bei Google zu arbeiten? Oder wie man das beste Rührei zubereitet? Oder warum manche Menschen nicht für monogame Beziehungen geschaffen sind?

Es gibt viele Menschen, die solche und noch viele andere Fragen beantworten können. Doch wo findet man diese Menschen? Auf der Wissensplattform Quora. Sie liefert Antworten zu Fragen jeglicher Art.

Quelle: quora.com

Der Autor Evan Bailyn ist der Meinung, dass Facebook der grösste Konkurrent von Google ist. Quelle: quora.com

Wer die Plattform nutzen will, muss sich registrieren. Die Community von Quora erwartet dabei, dass sich jeder mit seinem richtigen Namen registriert. Wer eine Frage beantwortet, sollte sich selbst kurz beschreiben oder begründen, warum er auf die Frage antworten will. Verpflichtet ist dazu aber niemand. Jeder Nutzer kann auch anonym fragen oder antworten, was vor allem bei schwierigen oder sensiblen Themen passiert.

Bewertete Antworten

Nutzer können Antworten als gut oder schlecht bewerten und sorgen so dafür, dass gute Antworten prominenter angezeigt werden als schlechte. Nutzer können auch Fragen melden, die beleidigend oder rassistisch sind.

Auf Quora antworten oft Menschen, die Ahnung haben, wovon sie sprechen. Auf die Frage „Who’s Google’s main competitor?“ schrieb beispielsweise ein Autor, der zwei Bücher über Google und Facebook veröffentlich hat, dass Facebook der grösste Konkurrent von Google sei. Er erklärt es damit, dass Facebook sehr viele persönliche Informationen von seinen Nutzern hat, über die Google nicht (unbedingt) verfügt – wie der Freundeskreis oder das eigene Geburtstagsdatum.

Keine doppelten Fragen

Gibt man eine Frage ein, sieht man anhand eines Drop-Down-Menüs sofort, ob diese ein anderer Nutzer bereits gestellt hat. Findet man seine Frage nicht, kann man sie der Community stellen.

Jeder Nutzer kann bestimmten Themen folgen. Die Funktion „Daily Digest“ versorgt ihn dann täglich mit den am besten bewerteten Antworten zu den ausgewählten Themen.

Quora wurde gemäss Wikipedia 2009 von zwei ehemaligen Facebook-Mitarbeitern gegründet, weil sie eine gute Frage-und-Antwort-Plattform bauen wollten. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Kalifornien.

Zuckerberg ist der Hammer – das Evangelium in Blau

Also ich weiss nicht, ob es sich bei allen rumgesprochen hat: Vor rund zwei Wochen haben wir Normalsterblichen wieder einmal direkte Order von oben bekommen. Mark Zuckerberg hat uns erklärt, was zu tun ist, damit die Zukunft (natürlich mit gütiger Hilfe von Facebook) ein besserer Ort wird. Wenn ich nur schon daran denke, kommen mir die Tränen vor Freude. Endlich gehts los mit der tollen Zukunft.

Hammer mit Oberteil eines Nagels

Zucki ist ein Hammer: Alle Probleme lassen sich mit Facebook lösen.

Prophet Mark kommt zu Wort
Ich hoffe sehr für uns, dass dieser Teil des Zuckerberg’schen Evangeliums auch so gut für die Nachwelt erhalten bleibt wie die Bibel. Ich als Mitglied des Fussvolkes würde mich nie trauen, an seinen Worten zu zweifeln und so zu tun, als ob ich alles verstehe, was er sagt. Darum schlägt jetzt die Stunde der Prediger, die sich mächtig ins Zeug gelegt haben, um uns zu erklären, was uns der Prophet Mark wohl zwischen den Zeilen sagen wollte. Und wahrlich, ich sage euch, die Interpretationen (z.B. die von Netzpolitik.org) sind zahlreich.

Schweissausbrüche heiligen die Mittel
Spass beiseite. Dieser an die „Community“ gerichtete Appell, doch bitte in Zukunft mehr Facebook zu nutzen, kommt nicht von ungefähr. Es mag ja sein, dass der Mark sein eigenes Süssholzgeraspel glaubt und seine Website als Werkzeug des Guten sieht. Es kommen mir aber Zweifel, wenn ich berücksichtige, wie es um den Ruf seiner Bude als Fake-News-Schleuder steht. Dazu kommt noch, dass eine Auswertung von 25 Millionen Facebook-Posts durch MAVRCK (eine Marketingbude) ergeben hat, dass im Jahr 2016 z.B. die Nutzer gut 30 Prozent weniger Inhalte geteilt haben … (und nicht nur das). Da kann der Chef schon mal ins Schwitzen kommen.

Stoff für Ferndiagnosen
Meistens lohnt es sich, solche Kommunikationsauswüchse von CEOs zu ignorieren. Sie tragen selten zur Aufklärung bei und sind als Meinung so gut wie die eines jeden anderen. Und glücklicherweise gerät dieses Vorurteil heute nicht ins Wanken. Sollte man allerdings das Interesse haben, für kurze Zeit die verdrehte Denkblase von Mark Zuckerberg zu besuchen, dann ist für erschreckende Unterhaltung gesorgt. Eigentlich ist das ein gefundenes Fressen für eine psychologische Ferndiagnose. Wer will als Erster?

Zuckerberg, ein Mann mit Scheuklappen
Und zum Schluss noch eine kurze Bemerkung zum Inhalt. Es soll in diesem Blog ja auch was für die Bildung getan werden. Zucki gedenkt die Probleme der Welt, wer ist überrascht, mit mehr Facebook zu lösen. Gemeinsinn, so glaubt er, lässt sich mit mehr Facebook-Gruppen herstellen. (Und da nennt man Trump einen grössenwahnsinnigen Egomanen?) Mark Zuckerberg ist das, was man einen Hammer nennt. Und für einen Hammer sehen alle Probleme aus wie Nägel. Man hat das Gefühl, seine Vorstellungskraft endet am Logout-Button.

Die Fakebusters – im Kampf gegen die Fake News!

Man soll ja auch mal loben, wenn es was zu loben gibt. So dürfen wir uns für das nächste Jahr mit gutem Gewissen grosse Hoffnungen machen. Die breit angelegte Missinformation der Bevölkerung wird ein Ende nehmen: Facebook hat sich zum Wohle der Community entschieden, Fake News zu bekämpfen. Und das ist gut so, denn wer möchte schon die Menschen dazu zwingen, dass sie selbst nachdenken müssen. Schon meine Grossmutter sagte immer: „Man soll nie selbst denken, wenn es auch ein anderer übernehmen kann!“

Testbild aus dem Fernsehen

Ein Bild für Insider: Als man dieses Bild im Fernsehen antraf, wusste man, dass es Zeit war, abzuschalten.

Denken beeinträchtigt die Gesundheit
Wir wissen es alle: Unzählige Aspirin-Studien belegen, dass ständiges Denken Kopfschmerzen bereitet. Und da wir diesem biologischem Zwang des Denkens sowieso schon andauernd ausgesetzt sind, müssen wir uns dem nicht auch noch in der Freizeit aussetzen. Das wäre ja, wie wenn man hauptberuflicher Jogger wäre (schon schlimm genug) und sich in der Freizeit auch noch zum Spass Waterboarding aussetzen würde. Das muss doch nicht sein. Darum hat sich Facebook entschieden, wie Mitte Dezember 2016 bekannt gegeben wurde, uns dabei zu helfen, den Newsfeed anzupassen und mit Warnungen zu versehen, damit wir nicht mal auf die Idee kommen selbst zu denken.

Ein rigoroser Prozess
Entsprechende Warnungen erhalten alle Links und Posts, die zuerst angezweifelt, überprüft und als „nicht wahrheitsgemäss“ eingestuft wurden. Da Facebook die ganze Arbeit nicht selbst erledigen kann (ist halt nur ein kleines Milliarden-Unternehmen), gibt es mehrere solcher Organisationen, die nun für uns nachdenken. Sie alle haben einen ausführlichen und streng überwachten Codex von beinah unzähligen fünf Punkten unterzeichnet! Von drakonischen Strafen bei Missachtung des Codexes wird bisher nicht gesprochen. Es bleibt uns also im Moment nur auf die weltberühmte Berufsehre der Fakebusters zu setzen.

Mehr Fake News, mehr Klicks für die Schiedsrichter
Die Liste aller Organisationen, die sich dem International Fact Checkers Network Code of Principles unterzogen haben, ist vorläufig übersichtlich. Von den 43 Namen fallen da aber einige sofort dadurch auf, weil sie Medienunternehmen sind oder dazu gehören. Wie beruhigend für uns alle, weil sich der Bock ja schliesslich am besten im Garten auskennt. Das Gute an der Sache ist: Die Fake Busters werden für ihre kritische Haltung mit Klicks belohnt (mehr Besuche der eigenen Website).

Alte Weisheit: einfach abschalten!
Jetzt da wir diese Fake Busters haben, können wir uns mit gutem Gewissen zurücklehnen. Vorbei sind die Tage, an denen wir uns mit überfordernden Fragen beschäftigen mussten und uns dies davon abhielt, ein Konsument zu sein. Am Ende des Tages bleibt uns nur noch, uns an Peter Lustig in der Kindersendung  Löwenzahn zu erinnern: „Also. Versucht’s doch auch mal. Es ist doch ganz einfach. Aber vorher abschalten!

Tag eins nach dem Weltuntergang

Egal ob man sich dafür interessiert hat oder nicht: In der westlichen Hemisphäre ist niemand an den US-amerikanischen Wahlen vorbeigekommen. Ein Skandal jagte den anderen. Die beiden Bewerber ums Weisse Haus schenkten sich nichts. Nun hat das Präsidenten-Casting ein Ende gefunden und das ist gut so. Die Zerrissenheit der US-amerikanischen Bevölkerung breitete sich zunehmend aus. Auch bis in die Schweiz. Vom Spektakel gleichermassen angeekelt und fasziniert schmökerte auch ich in der Nacht streckenweise auf Twitter und konnte wie immer das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in Satz-Häppchen aufnehmen.

Trump schielt beim Wählen auf den Wahlzettel seiner Frau Melania.

Hey Schatz, wo genau muss ich ankreuzen?

Masochistische Verzweiflung bis Galgenhumor
Twitter ist diesbezüglich ein wunderbares Medium für Erwachsene. Erwachsene deswegen, weil es schon ein wenig Reife braucht, um mit dem umzugehen, was einem da um die Ohren fliegt. Von Neo-Apologeten Jeff Jarvis, die heute die Welt brennen sehen und ihr eigenes Geschlecht verdammen, weil es den sexistischen Trump gewählt hat. Über Uber, die damit werben, ihren Kunden zu helfen, einfacher das richtige Wahllokal zu finden. Bis hin zu Leuten, die wirklich glauben, dass nun der Messias zurückgekommen ist. Am liebsten ist mir, wenn man solche Situationen mit Humor nimmt wie Victor Giacobbo: „Zwar nicht die erste Frau im Weissen Haus, aber immerhin der erste Troll.“

Welchen Teil der Verantwortung trägt Social Media?
Da der Wahlkampf nun zu Ende ist, beginnt die Zeit des Zurückblickens und der Analyse. In diesem unglücklichen Ende stecken viele Lektionen drin. Eine Lektion ist schon jetzt mal klar: Wer mit Social Media einen weltweiten Marktplatz anbietet und jedem ein Megaphon in die Hand drückt, muss eine Strategie für den Fall auf Lager haben, wenn das Ganze ausufert. Zu behaupten, dass man nur den Marktplatz anbietet und für das, was dort passiert nicht verantwortlich ist, geht in dieser Grössenordnung nicht mehr.

Das Silicon Valley und seine Fanboys haben sich bisher gern mit Revolutionen in anderen Ländern geschmückt und so getan, als hätten sie massgeblich zum Weltfrieden beigetragen. Jetzt ist die Revolution in die USA zurückgekehrt. Was jetzt, Mark Zuckerberg und wie ihr alle heisst?

Online Werbung schlecht? Geschwätz von gestern!

Zu Beginn hier mal eine kleine Frage: Warst Du überrascht, als letzte Woche bekannt wurde, dass Whatsapp in Zukunft doch Nutzerinformationen an Facebook liefern wird? Beim Verkauf von Whatsapp wurde das zwar noch ausgeschlossen, aber schliesslich hat Facebook vor zwei Jahren einen zweistelligen Milliarden-Betrag gezahlt. Ausserdem hatte sich Mark Zuckerberg, Gründer und Mehrheitsbesitzer von Facebook, Anfang 2016 entschieden, kein Geld mehr für Whatsapp zu verlangen. Irgendwie muss sich der Kauf ja rentieren …

Screenshot von der Facebook-Seite www.facebook.com/ads/preferences

Hier gibt Facebook uns die Möglichkeit das eigene Profil zu „schärfen“. Damit man uns noch besser übers Ohr hauen kann. Wie grosszügig.

Möglichst wenig wissen?
Da spielt es ja auch keine Rolle, was früher mal gesagt wurde. So wird Jan Koum, Gründer von Whatsapp, folgendermassen zitiert: „Unser Modell basiert ja eben nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen und Daten zu sammeln. Wir kennen nur seine Telefonnummer. Aber wir speichern die Nachrichten nicht. […] Wir wollen so wenig wissen wie möglich.“ Was soll man da noch sagen?

Das brennende Loch im Portmonnaie
So gibt es für den Verkauf an Facebook nur zwei mögliche Gründe: Entweder liegt bei Jan Koum ein akuter Fall von multipler Persönlichkeitsstörung vor, oder der Wunsch, nicht mehr in der Suppenküche essen zu müssen, war zu gross. Auf jeden Fall sollte man den Vermerk auf Wikipedia, wie kritisch sich Koum zu Online-Werbung geäussert haben soll, ersatzlos streichen.

Mehr Wissen ist das neue Schwarz
Und was hat der Datenaustausch nun für Folgen? Sie wissen mehr über uns. Einen kleinen Einblick in das, was Facebook mit diesen Daten macht, kann man sich anschauen, wenn man ein Facebook-Konto besitzt. Auf der Seite www.facebook.com/ads/preferences ist zumindest ein kleiner Teil desjenigen Profils sichtbar, das Facebook über die eigene Person erstellt hat. Schau Dich um, das kann lustig sein. Oder auch erschreckend. Das bleibt jedem selbst überlassen. Beispielsweise habe ich nicht gewusst, dass ich mich für Berbersprachen interessiere.

Da werde ich dann auch noch aufgefordert, Verbesserungen anzubringen – sozusagen mein Profil zu schärfen. Für wie bescheuert halten die mich eigentlich?

Sie Rabenvater, Antonio Garcia Martinez!

Zwei Jahre lang hatten Sie Zeit, für unsere liebste virtuelle Schunkelbude eine neue Produktstrategie zu entwickeln. Haufenweise Geld haben Sie dabei verdient und doch nichts Gescheites hingekriegt. Klar, dass Zucki Sie gefeuert hat, und klar, dass Ihnen das stinkt.

Zitat: Antonio Garcia Martinez: "Was die Zukunft meiner Kinder angeht: Ich werde sie nicht auf Facebook lassen."

Antonio Garcia Martinez: geschasster Facebook-Boy und herzloser Erzieher in „Das Magazin“, 27. August 2016

Aber nun das: Sie wollen Ihren Kleinen das infantile Kommunikationsmittel schlechthin verbieten? So etwas, mein Lieber, grenzt an Isolationshaft, an Folter und dürfte der Sozialisation Ihrer Sprösslinge schlecht bekommen. Wie man weiss, neigen derart misshandelte Kinder später zur Überkompensation. Die werden im Leben dann Aussendienstler, Sprachtherapeutinnen, Hassprediger oder sonst was Zweifelhaftes. Wenn Sie grosses Pech haben, werden sie gar Politiker, und zwar von der liberalen Sorte. Das sind bekanntlich die, die für die Abschaffung Ihrer Altersrente stimmen werden. Also, vielleicht doch nochmal drüber nachdenken?