Wider die Daten-Demenz

 

"Laufwerke" für Magnetlaufbänder

Früher wurden die Daten noch auf Magnetlaufbändern gespeichert. Das war nicht gerade eine Speicherlösung für die Ewigkeit. Bild: Joachim Schwanter, gefunden auf cray-cyber.org

Kennen Sie Vint Cerf? Der Mann mit dem exotischen Namen gilt als einer der Väter des Internets. Er schrieb das TCP/IP-Protokoll mit (1974!). Das war zu der Zeit, als alle IP-Adressen des Internets von einem Typen mit einer Tabelle verwaltet wurden. Wenn man eine IP-Adresse brauchte, dann rief man ihn an und der sagte dann so Sätze wie: „Ja, der Block ist frei. Den kannst Du haben.“

Babylonisches Sprachengewirr
Wie auch immer… Letztens hörte ich ein einstündiges Interview mit Vint Cerf. Er sprach unter anderem über die grosse Herausforderung, die gesammelten und digitalisierten Daten für die Zukunft zu erhalten. Es geht ja nicht nur darum, dass alle Nullen und Einser so gespeichert werden, dass sie auch noch in hundert Jahren lesbar bleiben (was bis heute nur auf säurefreiem und konserviertem Papier möglich ist). Die andere Herausforderung ist das digitale Kauderwelsch auch in Zukunft verstehen zu können. Ohne eine gründliche Dokumentation der Programmiersprachen usw. werden wir nicht eine Silbe verstehen. Und das Problem betrifft uns jetzt schon. Manche Systeme laufen auf Sprachen, die fast niemand mehr kennt. Die Leute dafür zu finden gleich der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Das Vergessen macht uns alle gleich
So gesehen stimmt mich das tröstlich. Auch die fleissigsten Eichhörnchen, die die süssen Infobits sammeln, um uns alle besser zu „verstehen“ (egal ob sie uns etwas verkaufen wollen oder wissen wollen, wann wir zu Amokläufern werden), kämpfen gegen die digitale Demenz wie alle anderen auch. Wann haben sie das letzte Mal ihre alten und selbstgebrannten CDs übertragen?

P.S. Vint Cerf ist heute Chief „irgendwas blabla“ bei Google. Ein anderer Vater des Internets, Tim Berners-Lee, sagte vor ein paar Jahren, dass die grossen Cloud-Anbieter das Internet in seinem Urgedanken kaputt machen, weil das Netz damit zentralisiert wird. Und ich denke mir: Wenn sich schon die Eltern nicht einig sind, wohin das führen soll, dann kann ja aus der Brut nichts werden.

NSA: Schuld ist immer der Velokurier

Grossaufnahme einer 3,5 Zoll Diskette.

Für alle, die schon lange oder noch nie mit einer 3,5 Zoll-Diskette zu tun hatten. Darauf befand sich der CompuServe Information Manager. Das Medium konnte max. sagenhafte 1,44 MB speichern.

Der Ausdruck „Big Brother is watching you“ hat seit einigen Monaten Hochkonjunktur. Kein Wunder wird das Mantra aus George Orwell’s Buch „1984“ aufgesagt, wenn es darum geht die Enthüllungen von Edward Snowden zu kommentieren. Wie auch im Buch scheinen die Fähigkeiten der us-amerikanischen und britischen Geheimdienste unendlich zu ein. Die NSA (National Security Agency) alleine hat ein offizielles jährliches Budget von 11 Milliarden US-Dollar zur Verfügung.

Quantencomputer aus der Portokasse
Bei so viel Kohle verwenden die digitalen Schlapphüte, so wurde jetzt bekannt, auch einige Millionen für die Entwicklung eines Quantencomputers. (Fragen Sie nicht, wie so ein Ding funktioniert und wie lange es geht, bis es brauchbar ist.) Auf jeden Fall sollen, so berichten zum Beispiel golem.de oder die Washington Post, auch raffinierteste Verschlüsselungssysteme damit zu einer Alibiübung verkommen. Es gibt also kein Entrinnen vor den Augen und Ohren der staatlich geprüften Datenstaubsauger.

Am liebsten auf Papier
Doch musste ich mich letzthin fragen, ob es hier um die gleichen USA geht, deren Nationalregister mit Sitz in Washington für den Schutz und Erhalt historischer und staatlicher Dokumente verantwortlich ist. Dieser Teil der Administration arbeitet nämlich auch mit Technik auf der Höhe der Zeit… Nur etwa dreissig Jahr zu spät. Dokumente werden, das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen, auf 3,5 Zoll Disketten per Kurier verschoben. Oder auf CD-Roms. SD-Karten oder Flash-Laufwerke entsprechen nicht den zertifizierten Verfahren. Ach ja, signierte Papierstapel werden auch akzeptiert. Für ein gesichertes E-Mail-System gäbe es anscheinend kein Geld. Da fragt man sich doch glatt, woher die ihre Disketten beziehen. Wann haben Sie zum letzten Mal eine Diskette im Schaufenster gesehen? Ich habe mir sagen lassen, es gäbe in der Nähe von Washington einen riesigen IT-Flohmarkt wo man alles kaufen kann.

„There’s no central method to search an email“
Vergleicht man diese Tatsachen, ist man geneigt festzustellen: Das müssen zwei verschiedene USA sein. Das war auch meine Meinung bis ich von einer dritten Geschichte gehört hatte: Die NSA hat vor einiger Zeit eine Anfrage gemäss dem Freedom of Information Act mit der Begründung abgelehnt, man habe nicht die technischen Möglichkeiten nach Stichwörtern in den E-Mails  ihre Mitarbeiter zu suchen. Tja, Pech gehabt. Dieser Fehler wird der NSA nach Snowden nicht noch einmal passieren.

Naja ich weiss nicht. Irgendwie überzeugt mich die Begründung nicht. Genauso gut hätte die Pressesprecherin in professionell höflichem Ton sagen können: „Wir bedauern die Unannehmlichkeiten, aber die Diskette mit den betreffenden Suchergebnissen ist dem Velokurier aus der Tasche gefallen.“