Offline

Neulich war ich an ein Fest auf dem Land eingeladen. Zwar nur knapp eine halbe Stunde von Zürich entfernt, aber es fühlte sich an, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Inmitten von Hühnern und Schafen spielten Bands aus der ganzen Schweiz, mit Kontrabass, Akkordeon und Geige inklusive. Ein Mini-Musik-Festival. Um mich herum wuselte eine bunte Mischung aus geschminkten und verkleideten Hippies, Veganern und Kindern. Menschen, denen gelebtes Glück wichtiger ist als eine dicke Geldbörse.

Baum

Es kann nicht schaden, zwischendurch eine andere Perspektive einzunehmen. (Quelle: flickr.com // CC BY-NC-ND 2.0 // Philipp Zieger)

Das an und für sich war schon speziell genug. Aber etwas anderes fiel mir auf: Niemand hatte ein Handy in der Hand. Niemand starrte auf einen Bildschirm. Niemand schrieb Mails. Niemand smste. Niemand telefonierte. Wobei, ein paar wenige Handys blitzten schon ab und zu auf. Aber die durften lediglich als digitales Fotoalbum herhalten oder als Kamera für ein Gruppenbild. Keine Selfies weit und breit.

Ein einziges Mal linste ich an diesem Abend auf mein Handy und fühlte mich dabei abgrundtief schlecht. Zwar beobachtete mich niemand dabei, aber es fühlte sich einfach falsch an. Schliesslich gab es gute Musik, schöne und bunte Kostüme und veganes Essen in Hülle und Fülle. Die Desserts waren zwar nicht gerade der Hammer –  kein Wunder, wenn man weder Rahm noch Milchschokolade noch Eier nutzen kann, aber trotzdem Schoggikuchen anbieten will. Aber das ist eine andere Geschichte.

Daher mein Vorschlag: Schlüpfen Sie mal einen Tag lang in die Rolle eines Hippies und finden Sie heraus, wie sich das anfühlt. Am besten zusammen mit einer Gruppe von Gleichgesinnten. Die Kleider müssen Sie dafür nicht wechseln. Es reicht, wenn Sie Ihr Handy in der Ecke liegen lassen und sich Ihren Pflanzen widmen. Oder etwas Feines kochen – es muss ja nicht gerade vegan sein (und wenn doch, lassen Sie Ihren Gästen zuliebe den Schoggikuchen vielleicht besser weg). Gehen Sie ganz einfach offline. Und nehmen Sie die Welt um sich herum wieder mal mit Ihren eigenen Augen wahr.

Hör auf zu flennen, Alina.

Digitale Depression

Quelle: Wikimedia Commons

Seit letztem Donnerstag habe ich ein neues Lieblingswort. Es nennt sich „digitale Depression“ und fand sich eher unerwartet in einer Medienmitteilung von Microsoft. Kann sein, dass jetzt einige die Augen verdrehen und finden, das sei nun wirklich schon ein alter Hut. Egal, mir ist‘s neu, und ich find’s toll.

Digitale Depression klingt einfach cool. Als modernes psychosoziales Syndrom hat es das Zeug, den öden Burnout genauso abzulösen wie das schnöde ADHS. Sein Profil ist schwammig genug, dass es sich bei vielen Gelegenheiten gewinnbringend einflechten lässt. Es macht sich gut beim Freitagsbier unter Managerkollegen: „Jungs, ich sag es ungern, aber unser Pace im Q1 und die permanente 24/7-Accessibility treiben mich noch in die digitale Depression. Ich brauche jetzt zeitnah ein Time Out“. Es sorgt für Aufmerksamkeit in den Betroffenheitsecken des Webs: „Hi Leute, ich weiss nicht, wie ihr das erlebt, aber der soziale Darwinismus in diesem Forum hier, der macht mich digital schon langsam irgendwie depressiv.“

Es liefert Zuckerbuben einen Vorwand, sich mal eben im Weissen Haus zu melden: „Bei allem Respekt, Mr. President, Ihr NSA-Schlamassel ist gar nicht gut fürs Geschäft. Wenn wir nicht bald einen New Deal hinbekommen, rutscht uns die Branche in eine digitale Depression.“ Es verhilft schliesslich dem besorgten Erzieher zu mehr Credibility bei der Würstchenpredigt am Küchentisch: „Jetzt hör auf zu flennen, Alina. Hab ich dir nicht schon immer gesagt, dass du dir noch eine digitale Depression holst mit deiner Smartphone-Manie?“ (Was natürlich völlig zwecklos war, weil Halbwüchsige ständig schicke Krankheitsbilder suchen, die sie zur Differenzierung in der Gruppe nutzen können. Aber das nur nebenbei.)

Voilà – die digitale Depression bringt allen etwas und passt hervorragend zu einem aufgeschlossenen Lebensstil. Ich habe sie als Wort des Jahres vorgeschlagen – helfen Sie mit!