Das Gesundheitskartell hat neue Partner

Man lernt jeden Tag was Neues. Die Erkenntnis von letztem Samstag war: Die „Quantified Self“-Bewegung  ist nun definitiv dem Kommerz anheim gefallen. Nachdem zuerst die Elektronikhersteller abkassiert haben, treten nicht überraschend neue Player auf die Bühne. Die Krankenkasse im Plakat verspricht Prämiensenkungen für alle, die die Anzahl der eigenen Schritte durch eine App und das Smartphone überwachen  lassen.

Foto eines Plakates der Krankenkasse CSS.

Die Zukunft ist schon da. Mit jedem Schritt zur kostengünstigen Gesundheit.

Die freundliche Interpretation
Es wäre zwar interessant zu sehen, wie sich die Krankenkasse das so vorgestellt hat, doch die Abscheu ist in diesem Fall grösser als die Neugierde. Ja, natürlich, es gibt verschiedene Sichtweisen: Man kann das als Versuch verstehen, die Prävention attraktiver zu gestalten. Nebenbei versucht die Krankenkasse eine neue, spezifische Zielgruppe (wohl gute Risiken aka gesunde Versicherte) anzuziehen. So weit, so nett.

Mehr Daten. MEHR!!!
Ich sehe das hingegen als den Versuch, so viel Informationen/Daten aus dem Leben der Kunden zu quetschen, damit man sie dann für vermeintlich gutes oder schlechtes Verhalten belohnen oder bestrafen kann. Es geht selbstverständlich auch darum, den Kunden komplett die Verantwortung für die eigenen Krankheiten anzuhängen und so letztlich Geld zu sparen. Über kurz oder lang werden die Krankenkassen bestimmen, welches eine gesunde Lebensweise ist (X Schritte, Y Lebensmittel, Z Stunden Schlaf) und alles andere wird dann zum selbst gewählten Gesundheitsrisiko, welches man mit höheren Prämien bezahlen muss.

Zukunft absehbar – keine Sache für Erbsenzähler
Wer eins und eins zusammenzählen kann, der kann in die Zukunft sehen. Als nächster Schritt steht schon die Gamifizierung dieser App ins Haus. Wettbewerbe um die Anzahl Schritte, die Zahl der Schlafstunden oder den maximalen Ruhepuls ist die logische Weiterentwicklung dieses Konzeptes. Mir ist jeder letzte Rest an Neugier an dieser Art der Motivation zur Bewegung vergangen. Die Gesundheit ist mir zu wichtig, um sie den Erbsenzählern zu überlassen.

Licht im Tunnel – Ausgang oder Gegenzug?

Eigentlich leben wir Menschen in der wohlbehüteten westlichen Welt in interessanten Zeiten. Überall geht die Post ab. Ein Umwälzungsprozess nach dem anderen kündigt sich an.  So türmen sich die Themen, die eigentlich einer ausführlichen Diskussion bedürfen würden, doch sie finden einfach zu selten statt. Das Resultat davon: Mit Sorge, berechtigterweise, blicken wir in die Zukunft, da sie so volatil wie noch nie scheint.

Zwei Strassen die um einen Berg führen treffen sich vor dem nächsten Berg.

Stehen wir schon am Scheideweg? Wäre schön und es gibt durchaus Gründe zur Hoffnung.

Mit Vollgas in den Untergang
Es sind auch schizophrene Zeiten. Die etablierten Medien versagen immer häufiger darin, uns die Welt zu erklären (zuletzt bei der Wahl von Donald Trump). Zudem müssen sie zusehen, dass ihr Geschäftsmodell ihnen wie Sand zwischen den Fingern verrinnt. Nun versuchen sie, mit täglichen Meldungen über neue Gerüchte und Vermutungen über Trump rauszuholen, was an Klicks noch zu holen ist. Das Orchester auf der Titanic hat die Lautstärke nochmals aufgedreht.

Aufrührerische Gedanken
Man kann über die Wahl von Trump denken, was man will. Er scheint mir ein hässliches Symptom unserer Zeit. Doch zum Glück gibt es auch Anzeichen der Hoffnung. Da und dort geistert der Gedanke umher, ob es angesichts der zukünftigen US-amerikanischen Regierung vielleicht doch angebracht wäre, sich in der Datensammelei zurückzuhalten oder mit Verschlüsselung besser die Privatsphäre zu schützen? Hört hört!

Am historischen Scheideweg?
Natürlich gefährden solche Ideen, die im Silicon Valley an Blasphemie grenzen, echte und imaginäre Geschäftsmodelle. Die (Möchtegern-)Goldgräber werden sich das nicht so einfach nehmen lassen. Wie auch immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ausserdem hege ich im Gegensatz zu manchen Untergangspropheten immer noch die Hoffnung, dass sich diese US-Wahl vielleicht noch als Beginn der Katharsis entpuppen wird. Denn das gesamte Ausmass unserer politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme wird zunehmend sichtbar.

Online Werbung schlecht? Geschwätz von gestern!

Zu Beginn hier mal eine kleine Frage: Warst Du überrascht, als letzte Woche bekannt wurde, dass Whatsapp in Zukunft doch Nutzerinformationen an Facebook liefern wird? Beim Verkauf von Whatsapp wurde das zwar noch ausgeschlossen, aber schliesslich hat Facebook vor zwei Jahren einen zweistelligen Milliarden-Betrag gezahlt. Ausserdem hatte sich Mark Zuckerberg, Gründer und Mehrheitsbesitzer von Facebook, Anfang 2016 entschieden, kein Geld mehr für Whatsapp zu verlangen. Irgendwie muss sich der Kauf ja rentieren …

Screenshot von der Facebook-Seite www.facebook.com/ads/preferences

Hier gibt Facebook uns die Möglichkeit das eigene Profil zu „schärfen“. Damit man uns noch besser übers Ohr hauen kann. Wie grosszügig.

Möglichst wenig wissen?
Da spielt es ja auch keine Rolle, was früher mal gesagt wurde. So wird Jan Koum, Gründer von Whatsapp, folgendermassen zitiert: „Unser Modell basiert ja eben nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen und Daten zu sammeln. Wir kennen nur seine Telefonnummer. Aber wir speichern die Nachrichten nicht. […] Wir wollen so wenig wissen wie möglich.“ Was soll man da noch sagen?

Das brennende Loch im Portmonnaie
So gibt es für den Verkauf an Facebook nur zwei mögliche Gründe: Entweder liegt bei Jan Koum ein akuter Fall von multipler Persönlichkeitsstörung vor, oder der Wunsch, nicht mehr in der Suppenküche essen zu müssen, war zu gross. Auf jeden Fall sollte man den Vermerk auf Wikipedia, wie kritisch sich Koum zu Online-Werbung geäussert haben soll, ersatzlos streichen.

Mehr Wissen ist das neue Schwarz
Und was hat der Datenaustausch nun für Folgen? Sie wissen mehr über uns. Einen kleinen Einblick in das, was Facebook mit diesen Daten macht, kann man sich anschauen, wenn man ein Facebook-Konto besitzt. Auf der Seite www.facebook.com/ads/preferences ist zumindest ein kleiner Teil desjenigen Profils sichtbar, das Facebook über die eigene Person erstellt hat. Schau Dich um, das kann lustig sein. Oder auch erschreckend. Das bleibt jedem selbst überlassen. Beispielsweise habe ich nicht gewusst, dass ich mich für Berbersprachen interessiere.

Da werde ich dann auch noch aufgefordert, Verbesserungen anzubringen – sozusagen mein Profil zu schärfen. Für wie bescheuert halten die mich eigentlich?

Unheimlich? Ja, unheimlich schlecht, Mozilla!

Der Browserhersteller meiner Wahl sucht seit einiger Zeit auf neuen Wegen nach Geld und entwickelte deswegen wohl das grosse Bedürfnis, mit seinen Kunden zu sprechen. Da ich ein freundlicher Mensch bin (und Kunde seit der Geburt von Firefox), hab ich das Gesprächsangebot von Mozilla angenommen und mich beim Newsletter angemeldet. Es kam, wie es kommen musste: Die leise Hoffnung, vielleicht etwas Interessantes zu lesen, verflüchtigt sich dann doch recht schnell … und verdichtet sich zur Erkenntnis, dass ich wieder einmal auf Werbung reingefallen bin.

Screenshot auf dem aktuellsten Mozilla Newsletter

Nur eine von sechs Behauptungen stimmt. Von Firefox kann man mehr erwarten. Wie schlecht sind dann andere Datensammler mit ihrer Profilierung?

Wieso sind die nicht besser?
Trotzdem hat mich die aktuelle Ausgabe über Big Data und privates Surfen recht amüsiert: Die im Newsletter gezeigte Auflistung von vermeintlichen Fakten über mich (s. Bild) sollte mir wohl Angst machen. Blöd nur, wenn nur eine von sechs Angaben stimmt. Firefox ist immerhin mein persönliches Fenster zum Internet. Dass Mozilla Daten über mich sammelt, ist nicht weiter überraschend. Aber woher haben sie den ganzen Scheiss? Und wieso wissen sie es nicht besser? Für die sollte ich ein offenes Buch sein.

Endverbraucher haben nichts davon
Alle reden von Big Data und den verheissungsvollen neuen Möglichkeiten. Leider hat der völlig misslungene Versuch, mich zu beeindrucken, wieder einmal gezeigt: Daten sind wie Rohöl. Solange man es nicht raffinieren kann, hat der Endverbraucher nichts davon. Nur die Zwischenhändler profitieren davon. Und es weckt Begehrlichkeiten bei allen, die keine eigene Quelle haben.

R.I.P. „Safe Harbor“ – ich werde Dich nicht vermissen

Als einen „Meilenstein“ bezeichnete Max Schrems das, was sich am Dienstag, 06.10.2015, ereignet hat. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat der Argumentation von Schrems zugestimmt und folgerichtig das „Safe Harbor“-Abkommen zwischen der EU-Kommission und dem US-amerikanischen Wirtschaftsministerium für ungültig erklärt. Damit entzieht der EuGH der digitalen Industrie von einem Tag auf den anderen den Blankoscheck für den grenzüberschreitenden Verkehr von Daten, die dem Datenschutzgesetz unterstellt sind (Personendaten). Es gibt weder Berufungsmöglichkeiten noch eine Übergangsphase.

Grabstein mit dem aufgespraytem "Safe Harbor".

Safe Harbor – es gibt keinen Grund Dich zu vermissen.

Ratlosigkeit, jetzt, da der Kaiser keine Kleider mehr hat
Von Triumph bis grosser Verunsicherung waren bisher alle Reaktionen in den Online-Gazetten zu finden. Doch in der Regel waren die Reaktionen ziemlich zurückhaltend. Vermutlich herrscht Ratlosigkeit vor. Sind doch alle Datentransfers in die USA gemäss Hanspeter Thür, dem obersten Datenschützer der Schweiz, nun nicht mehr per se legal. Insbesondere hat das EuGH festgehalten, dass die Zugriffspraktiken von US-amerikanischen Behörden nicht mit europäischem Datenschutz vereinbar sind. Das war eine offensichtliche Tatsache, über die man in der Branche Bescheid wusste.

Ein Schlag ins Gesicht
Konkret heisst das: Diejenigen, die Services in den USA und in Europa anbieten, müssen nun getrennte Infrastrukturen anbieten und alle, die Dienstleistungen beziehen, müssen dafür sorgen, dass entsprechenden Daten nicht auf US-amerikanische Server gelangen. Zu Recht weist Thür darauf hin, dass dies eine Weile dauern wird. Ausserdem sei auch das Safe-Harbor-Abkommen mit der Schweiz davon betroffen. Was genau das heisst, bleibt offen, solange die Medien nicht nachzufragen gedenken (aber das ist eine andere Baustelle).

Enttäuschung und Apokalypse
Die Sicht aus den USA scheint hingegen recht klar: Unverständnis. Das US-Handelsministerium lässt grüssen und ist tief enttäuscht. Das sei doch bis jetzt so super gewesen, das Abkommen habe doch gut funktioniert und man sei besorgt um die transatlantische Digitalökonomie. Süss, aber was soll es sonst auch anderes sagen. Im Business Insider UK sieht man hingegen die bürokratische Apokalypse am Horizont … die alten Kalauer also.
Ich verstehe diese Haltung. Man stelle sich vor, US-amerikanische Digitalunternehmen müssten sich an die Gesetze derjenigen Länder halten, in denen sie tätig sind. Ja, ich weiss, an dieser Niederlage sind nicht die Unternehmen schuld, sondern die Regierung der USA. Aber da haben die Unternehmen einfach geschlafen, als man vor ihrer Nase diesen Überwachungsstaat aufgezogen hat.

Keine einfachen Lösungen mehr
Dieser Dienstag war ein guter Tag. Ungeachtet anderer Meinungen werde ich „Safe Harbor“ auf jeden Fall nicht vermissen. Schon alleine deswegen, weil „Safe Harbor 2“ seit einiger Zeit in Verhandlung ist. Darauf setzt die Industrie jetzt ihre Hoffnung. Doch ich habe meine Zweifel, ob diese berechtigt ist. Seit diesem Urteil kommt die EU-Kommission nicht mehr an den Datenschützern vorbei. Sie wird also nicht noch einmal so einen weissen Hasen aus dem Hut zaubern können. Und bis eine neue gesamtheitliche Lösung gefunden und umgesetzt ist, hat sich die Industrie angepasst.

Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Oh, heiliges Big Data, belüge uns heute

In einer längst vergangenen Zeit, so steht es in den Büchern die Antike, gab es einen Ort, an dem die Wahrheit ein Zuhause hatte. Dieser Ort hiess Delphi. Die geflügelte Schlange Pytha, durch Dämpfe aus einer Erdspalte in Trance gehalten, orakelte nur an bestimmten Tagen. Da es ja nicht einfach ist, neun Monate im Jahr high zu sein, machte sie im Winter während drei Monaten Pause.  Ausserdem, so wie bei hochklassigen Abzockereien üblich,  stand Pytha nur den Wohlhabenden zur Verfügung.

Ruinen in Delphi, Griechenland

Mit den heutigen Orakeln kann die alte Pytha nicht mithalten. Bild: Mr.checker – CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

An den Segnungen der Algorithmen teilhaben
Wir können von Glück reden, dass sich die Lage seither für das Prekariat deutlich verbessert hat. Die Segnungen des allwissenden Big Data haben sich teilweise demokratisiert. Heute kann sich eine grosse Schicht der Bevölkerung am Wissen des grossen Datenhaufens laben, was das Leben vieler Menschen erleichtert. Und das finden wir alle toll.

Schwierige Fragen
Nur scheinen sich aber neue Fragen zu stellen. So las ich letztens den Artikel „Should Google Always Tell the Truth?“ auf der Website theatlantic.com. Darin stellt der Autor die Frage, wie Google antworten soll, wenn jemand z.B. die Frage „Are humans causing climate change?“ oder „Should I vaccinate my child?“ im Suchfeld eingibt.

Die Wahrheit aus dem grossen Datenhaufen
Ich kann gar nicht sagen, wie irreführend und realitätsfremd die Gedankenspiele in diesem Text sind. Es fängt schon beim Titel an: Jedem halbwegs intelligenten Menschen sollte klar sein, dass es DIE Wahrheit nicht gibt und sie erst recht nicht durch das Eingabefeld einer Suchmaschine zu finden ist. Da findet man im besten Fall nur Fakten. Und nicht zuletzt führt der Umkehrschluss des Titels zur Frage: In welchen Fällen sollen uns denn die Computer anlügen? (Zu unserem Wohl natürlich!) Ja, ganz genau, das ist so absurd wie es im ersten Moment klingt.

Zweifelhafte Segnungen aus dem Suchschlitz
Trotzdem halte ich den kurzen Artikel für lesenswert. Es handelt sich hierbei aus verschiedenen Gründen um ein Lehrstück. Man kann darin nachlesen, was passiert, wenn man das eigene Denken auslagert. Und man sieht, was die Qualitätskontrolle in Redaktionsstuben noch wert ist.

Das Gute an der heutigen Situation ist, dass sich – und da sind wir der griechischen Pytha weit voraus – ziemlich genau beziffern lässt,  um wie viel das moderne Orakel namens Big Data uns das Leben erleichtert. So ziemlich genau um das Gewicht des menschlichen Hirns …

OPM – ein Hoch auf die gelebte Daten-Transparenz

OPM – in der Schweiz oder in Europa kaum bekannt, etabliert sich in den USA diese blasse und bürokratische Behörde gerade zu einem stehenden Begriff für Datenverlust in unbekanntem Ausmass und Missmanagement in der Informatik-Sicherheit, der seinesgleichen sucht. OPM, kurz für Office for Personnel Management, ist sozusagen die HR-Abteilung der Bundesbehörden in den USA.  OPM ist aber nicht nur für durchschnittliche Bürojobs verantwortlich, sondern kümmert sich unter anderem auch um die Background-Checks bei hoch-sensitiven Jobs. Dementsprechend ausführlich sind die erstellten Dossiers.

Nahaufnahme eines Dollarscheines. Zu sehen ist der Satz: In God We Trust.

Ja, manchmal bleibt uns nichts anderes übrig, als auf den Schutz des Allmächtigen zu hoffen. Aber Vertrauen? Woher?

Datenschutz ist was für Warmduscher
Da könnte man ja meinen, da würde mit den Daten besonders vorsichtig umgegangen. Und es würden sicherlich keine Kosten und Mühen gescheut, die Vertraulichkeit der Angestellten und denjenigen, die es werden wollten, zu schützen.

Naja, nicht ganz. Sagen wir mal so: Der Himmel ist blau, das Wasser ist nass und Datenschutz ist nur was für Schattenparkierer … Wäre ich zynisch, würde ich denken, das Motto von OPM sei: Alle fordern ständig Transparenz – wir gehen mit gutem Beispiel voran und speichern die Dossiers transparent in kaum geschützten Datenbanken.

Grossraum Zürich kompromittiert
Im Juni dieses Jahres sickerte durch, dass das ganze Informatik-System kompromittiert und einige der OPM-Datenbanken kopiert wurden. Die Zahl der geleckten Dossiers wirkt auf den ersten Blick recht gross: über 22 Millionen Menschen (je nach Quelle) führen von nun an ein deutlich transparenteres Leben. Setzt man die Zahl in den richtigen Kontext, wirkt sie noch monströser als vorher: Über 22 Millionen Menschen sind mehr als ein Achtel aller Arbeitstätigen in der USA!  Man stelle sich vor, die Lebensläufe und Dossiers von allen Menschen im Grossraum Zürich (ca. 600 000 Menschen) würden von einem Tag auf den anderen unkontrolliert im Internet rumgeistern.

Datensicherheit – keine Frage des Geldes sondern eine Geisteshaltung
Ein vertiefter Blick auf die Geschichte offenbart eine grosse Menge an Fehlern und einen hohen Grad an Ahnungslosigkeit, mit dem operiert wurde. Klar, diese toxische Kombination gibt es öfters. Deswegen ist der Reflex, diese Episode als weiteren Datenverlust abzubuchen, sofort da. Etwas sollte uns aber doch zu denken geben: Es gibt sie wirklich, diese Monsterdatenbanken, in denen wir alle drin stecken und deren Sicherheit nicht gewährleistet wird. Nicht alle Unternehmen und Organisationen haben unser Vertrauen bezüglich Datensicherheit verdient. Und es sind nicht die grossen Unternehmen, die es besser machen: OPM hat ein jährliches Budget von 2 Milliarden US-Dollar und erst Anfang des Jahres Wind davon bekommen, dass da so einiges schief läuft…

Das Ende des Internet-Märchens aus dem Silicon Valley

Defektes Rücklicht eines alten Autos

In den Märchen aus Silicon Valley zeigen sich schon mehr als ein paar Risse.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass der (ehemalige) Internet-Enthusiast Sascha Lobo mit seinem Satz „Das Internet ist kaputt!“ aufhorchen liess. Schon damals hätte ich ihm am liebsten zugerufen: „Sascha, mein lieber, Du hast es wohl noch nicht ganz begriffen. Das Internet ist nicht kaputt. Es ist zum Business geworden. Und die durchgeknallten Überwachungsinstrumente der Regierungen dieser Welt sind nicht einmal das grösste Problem.“ Aber man soll ja frisch Aufgewachte nicht gleich überfordern.

Digitale Heilsversprechen kleben wie Hundekacke am Schuh
Leider hat die Offenbarung seines massiven Sinneswandels viel weniger Resonanz hervorgerufen, als ich mir das gewünscht hatte. Wohl zu stark steckt das Mantra vom Silicon Valley in Köpfen der Menschen fest, als das man sich so einfach und schmerzlos davon verabschieden wollte. Falls Sie zu denjenigen gehören, die tief im Bauch spüren (es aber nicht richtig formulieren können), dass die digitale Revolution nicht nur Kaffee und Kuchen mit sich bringt, hier ein Buchhinweis:

Andrew Keen: Das digitale Debakel. Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können. DVA, 2014. 320 Seiten.

Statt einer Beschreibung meinerseits, ich habe das Buch selbst auch noch nicht lesen können, hier die ersten zwei Absätze des Vorwortes:

Das Internet ist die Antwort. Es demokratisiert die Guten, schadet den Bösen und schafft eine offenere und gerechtere Welt. Je mehr Menschen Zugang zum Internet erhalten, umso wertvoller ist es für seine Nutzer und die gesamte Gesellschaft. Das versprechen uns zumindest die Internetpropheten, darunter Milliardäre aus Silicon Valley, die Marketingabteilungen der sozialen Medien und Netzwerkidealisten. Sie feiern das Internet als magische Aufwärtsspirale, endlosen Selbstverstärker und wirtschaftlichen als auch kulturellen Gewinn für Milliarden von Nutzern.
Doch heute, da das Internet fast alles und jeden auf unserem Planeten vernetzt hat, wird immer offensichtlicher, dass es seine Versprechen nicht hält. Die Internetpropheten verheissen uns vielmehr etwas, das in Silicon Valley als „Reality Distortion Field“ bezeichnet wird – eine Vision die die Wirklichkeit verzerrt. Das Internet ist kein Gewinn für alle, sondern eher ein Teufelskreis, in dem die Nutzer nicht Nutzniesser, sondern Opfer sind. Das Internet ist keineswegs die Antwort, sondern die zentrale Frage in unserer vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich freue mich schon auf diese Lektüre. Hast Du das Buch gelesen? Was ist Deine Meinung?

Zusatzinformationen zum Aufwärmen:
Andrew Keen im Interview mit dem Debattenmagazin The European: „Der freie Markt funktioniert nicht
Andrew Keen im Interview auf twit.tv (Video/Englisch)

Werbung: Klicken bis zum Erbrechen

Symbolbild zum Erbrechen

Auf Werbung klicken bis zum Erbrechen. Das kleine Bisschen Subversion, dass uns allen gegönnt sein sollte.

Als journalistisch veranlagter Informationsmensch frage ich mich immer wieder, wann die Zeit kommt, in der die Leute wieder bereit sind, etwas für gute Information zu zahlen. Da momentan fast alle Medienunternehmen auf Werbefinanzierung setzen, könnte es noch eine Weile dauern. Es gibt zwar schon einige Anbieter, die von diesem Paradigma wegzukommen versuchen, wie zuletzt gesehen bei Golem.de. Aber Beispiele mit durchschlagendem Erfolg lassen noch auf sich warten. Immerhin, so der Branchenverband digitaler Medien in Deutschland (BITKOM), zahlt schon jede(r) Dritte für journalistische Inhalte im Internet.

Zerbrechen eines Geschäftsmodells
Ob auf Werbung künftig verzichtet werden kann, steht noch in den Sternen. Ich jedenfalls hoffe das – selbst wenn damit ein deutlicher Stellenabbau in der Informationsverbreitungsbranche einhergehen wird. Warum? Weil Werbung immer korrumpiert. Recht sicher bin ich hingegen, dass sich die Branche rasch von der Werbefinanzierung verabschieden wird, wenn das Werbe-Manna nicht mehr fliessen sollte und die Informationskonsumenten (heutzutage sind wir ja alle nur noch Konsumenten) plötzlich auf dem Trockenen sitzen. Doch dazu müsste man aber zuerst einmal das Geschäftsmodell der Werbebranche brechen.

Für solche Ideen bin ich natürlich immer zu haben. Deswegen hier mein bescheidener Beitrag: Es gibt seit kurzem ein Plugin für den Firefox-Browser mit dem Namen ADNAUSEAM (erst im Beta-Stadium). Benannt nach dem lateinischen Ausdruck „Ad nauseam“, was so viel heisst, wie „bis zum Erbrechen“, hat das Plugin die Aufgabe, mithilfe eines Werbeblockers im Hintergrund alle Werbung auf einer Website anzuklicken. Das verursacht zusätzlichen Verkehr und ist für mobile Datenverbindungen beschränkt geeignet, aber im Festnetz ist das wohl kein Problem.

Datenprofil verunstalten
Die Idee dahinter: Wenn wir uns schon der allgegenwärtigen und alles durchdringenden Werbung und ihren Spionen nicht entziehen können, dann können wir wenigstens den umgekehrten Weg gehen: Wir überfluten die Werbe-Server mit Informationen und verwässern unsere Profile bis zur Unkenntlichkeit.

„Predictive policing“: Das Polizei-Orakel im Server-Raum

Drei ältere Männer in alten Polizeiuniformen.

„If you end up on that list, there’s a reason you’re there.“ sagt Commander Steven Caluris vom kalifornischen Polizeidepartement. Und Besuch kriegt man nicht von denen da oben.

Glauben Sie daran, dass sich Menschen ändern können? Wenn nein, dann können Sie diesen Blogpost getrost vergessen und beruhigt weitersurfen. Wenn ja, dann geben Sie doch nach dem Lesen mal „predictive policing“ in die Suchmaschine Ihrer Wahl ein und lesen Sie in aller Gemütlichkeit, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Es braucht kein besonders geschultes Auge und Gehirn, um sich vorzustellen, welches Marianengraben-artige, dunkle Loch sich vor uns hier öffnet.

Das Big-Data-Orakel ist sich für nichts zu schade
Damit Sie wissen, worüber ich schreibe, hier eine kleine Einführung. Vielleicht kennen Sie den Film „Minority Report“ mit Tom Cruise. Nichts weniger als ein solcher Polizeistaat bahnt sich gerade an. In den USA durchsuchen Server der Polizei das Web und indexieren Millionen von Websites und Social-Media-Präsenzen. Telefonate werden abgehört, analysiert und personenbezogene Bewegungsdaten erhoben. Alles wird gespeichert. Dann verrichten „schlaue“ Algorithmen ihren Dienst anhand von vordefinierten Psychogrammen und vermuteten Verhaltensmustern. Am Ende dieses Prozesses stehen dann Hot-Spots (für mögliche Verbrechen) und sogar sogenannte heat lists“ von möglichen Verdächtigen für Straftaten, die noch nicht begangen wurden! Die Behörden, die diese Spielzeuge zur Verfügung haben, lassen die möglichen Verdächtigen auch gerne in persönlichen Besuchen wissen, dass man sie im Auge behält.

Der nette Kaffeeplausch mit den Freunden in Uniform
Wir dürfen uns freuen, denn wir wissen ja aus Erfahrung wie gut diese Algorithmen sind, die einem nach dem Buchen eines Hotelzimmer superpraktische Werbung mit weiteren Angeboten im selben Hotel auf den Bilschirm spülen. Und übrigens: Als verantwortlicher Mitmensch wird man von der Polizei auch aufgefordert, sich in den gefährdeten Gegenden aufzuhalten und damit mögliche Straftaten durch seine Präsenz zu verhindern. (Und womöglich alles Verdächtige zu melden.)

Haha!! Schon passiert!
Und wenn Sie denken, so etwas Bescheuertes könne es nur in den USA geben, dann sage ich: „Zu früh gefreut!“ Eine deutsche Software ist (nach einer Testphase) seit Juli 2014 in Zürich im Dauerbetrieb, wie golem.de berichtet.

Update 22.08.2014: Auf meine Anfrage vom 19.08.2014 zu Handen der Stadtpolizeit Zürich, ob die Software PRECOBS (wie im Artikel von golem.de beschrieben) nun dauerhaft verwendet wird, habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen. Ich werte das vorerst mal als eine Bestätigung…

Update: 08.10.2014: Nach über einem Monat habe ich eine Antwort auf meine Anfrage bei der Stadtpolizei bekommen:

Sehr geehrter Herr Zirin
Im Auftrag von Herrn Cortesi, Chef Mediendienst, Stadtpolizei Zürich kann ich Ihnen folgende Angaben machen:

Die Pilotphase dauerte vom 1.11.13 bis Ende April 14.
Die Übergangsphase dauerte von Mai 14 bis Ende Oktober 14.
Seit dem 1. November 2014 ist das Ganze nun im Dauerbetrieb.

Freundliche Grüsse
Judith Hödl

Am gleichen Tag hat SRF über die definitive Einführung berichtet.  Da eine ähnliche Anfrage des watson.ch-Redaktors Daniel Schürter einige Tage zuvor auch nicht beantwortet wurde, gab es diesbezüglich offenbar eine mediale Sperrfrist mit exklusiver Zusammenarbeit von SRF. Nebenbei: Ich empfinde im Anbetracht des möglichen Folgen den Vergleich von SRF und Daniel Schürter mit der Wettervorhersage als eine grobe Verharmlosung des Themas.