Amazon, der Bombenlieferant Deines Vertrauens

Bisher habe ich einmal bei Amazon etwas gekauft und mich entschieden, nicht mehr dort einzukaufen. Das war im Jahr 2006. Noch lange bevor man wusste, dass Menschen für die 24-Stunden-Verfügbarkeit zu Arbeitsbedingungen arbeiten müssen, die unter aller Sau sind. Hingegen konnte man schon damals erkennen,  wie sehr die Shop-Besucher ausgespäht werden. Dabei steckte die Überwachung des Internet-Nutzers noch in den Kinderschuhen.

Sieben Stangen Dynamit und Streichhölzer. Aufschrift auf den Streichhölzern: Frequently bought together

Sieben Stangen Dynamit und Streichhölzer. Werden oft zusammen gekauft.

Vorschläge nerven mich
In welche Richtung es geht, zeigten die nervigen Vorschläge. „Leute die X gekauft haben interessierten sich auch für Y…“ Als ob das ein relevanter Hinweis wäre.  Manche Leute finden die Hilfe von Algorithmen gut und andere wünschen nicht belästigt bzw. manipuliert zu werden. Ich gehöre auf jeden Fall zur zweiten Gruppe. Wer aber darüber nachdenkt, zu Hause selbst gemachte Sprengsätze zu bauen, sollte vielleicht auf diese Hinweise hören.

Häufig zusammen gekauft
Der britische Fernsehsender Channel 4 News berichtete von einem Problem mit den Algorithmen von Amazon. Leute, die sich für eine handelsübliche und an sich harmlose Zutat für einen Sprengsatz interessierten, hätten auch weitere Bombenkomponenten als Vorschlag angezeigt bekommen – in der Rubrik „Frequently bought together“ (Häufig zusammen gekauf). Gemäss New York Times habe Amazon angekündigt, es werde seine Algorithmen überprüfen. Da können wir ja nochmals aufatmen.

Bomben basteln für Dummies
Man muss sich also nicht durch die Memoiren der RAF wühlen oder das Inspire-Magazin konsultieren, um die Zutaten für eine Bombe aus Haushaltsprodukten herauszufinden. Es geht auch einfacher. Das dies passieren könnte, ist weniger überraschend als witzig. Bitterböse wird es hingegen, wenn man darüber nachdenkt, wie viele Kunden diese Kombinationen wohl gekauft haben mögen, damit sie als Muster erkenn- und vorschlagbar wurden?

Zu fehleranfällig

Nun gut, seit letzter Woche ist es amtlich: Die Briten sind schwach im Rechnen. Ein Fünftel der Erwachsenen dort kann weder Bruch- noch Prozentrechnen. Ein gutes Viertel ist ausserstande, die Fläche eines Kreises oder einen Durchschnitt zu berechnen, von Trigonometrie oder Statistik ganz zu schweigen.

Rechnen-mit-Briten

Schöner rechnen mit Briten (Bild: Dree’Ja via Wikicommons)

Überraschen sollte uns das eigentlich nicht. Wer wollte, konnte ja schon Ende der 1970er-Jahre vermuten, dass man auf der Insel 1 und 1 nicht zusammenzählen kann. Wie sonst liess sich erklären, dass man ein gewisse Frau Thatcher zur Premierministerin wählte und so ein ganzes Königreich dem neoliberalen Mob zum Frass vorwarf?

Das war in der Tat fatal. Aber heute? Mal ehrlich, ist Rechnen gesellschaftlich überhaupt noch relevant? Mittlerweile trägt doch jeder Brite rund 1,23 Smartphones herum, auf denen eine bestens ausgestattete Rechner-App nur darauf wartet, genutzt zu werden. Kommt dazu, dass heute jeder ein paar Hundert Facebook-Freunde hat, die ihm allzeit bei kleinen Rechenproblemen gerne aus der Patsche helfen. Also nochmal: Spielt Rechenschwäche noch irgendeine Rolle?

Aber sicher! Doch anders als Sie nun denken mögen: Wer nicht rechnen kann, wird im Pub beschissen. Das ist gerade bei den Briten, mit ihrer Vorliebe für vergorene Getreideprodukte besonders heikel. Und weil die Rechenleistung menschlicher Gehirne mit steigendem Alkoholspiegel noch weiter sinkt, wird der Anteil an Beschissenen bald die kritische Grenze von 50 Prozent überschreiten. Dann wird sich also die Mehrheit der Briten beschissen vorkommen – entweder vom Pub oder vom Alkohol. Das Resultat davon dürften allerlei Facebook-Initiativen für die Schliessung der Pubs und das Verbot von Alkohol sein. Und wie man die Angelsachsen so kennt, werden sie auf die eine oder andere Art Erfolg haben.

Was dann folgt, lässt sich in Geschichtsbüchern nachlesen: Prohibition, Mafia, Mord und Totschlag. In Nordirland werden sich Katholiken und Protestanten mit alter Verve und neuem Elan die Birnen einhauen. Die Schotten werden die Gelegenheit nutzen und sich aus dem Reich verdrücken. Das wird gewiss den Geheimdienst auf den Plan rufen. Der wird das Volk dank umfassender Schnüffellizenz nach allen Regeln der Kunst schikanieren. Letzteres wird sich endlich auch vom Staat beschissen fühlen. Ein Shitstorm biblischen Ausmasses wird sich übers Land ergiessen, ein Aufstand wird folgen, dann eine Revolution. Die wird gelingen und es der dannzumal meistgeliketen Community ermöglichen, die Regierungsarbeit durch Menschen zu verbieten (zu fehleranfällig, zu korrumpierbar). Daraufhin wird sie die Geschäfte der Exekutive einer gigantischen Cloud übertragen. Die wird von drei autonomen Megarechnern bestellt, die auf die Namen Peace, Happiness und Pancake hören. Der erste steht bei Google, der zweite bei Facebook und der dritte bei Amazon. Well, well, well: wilkommen im Staat 3.0!

Heutzutage immer gut

Pest oder Cholera oder beides? Konkurrenz belebt in jeden Fall. (Unbekannter Künstler, Wiki Commons)

Pest oder Cholera oder beides? Konkurrenz belebt in jeden Fall. (Unbekannter Künstler, Wiki Commons)

Nun will also Amazon eine eigene Werbeplattform aufmachen. Davon verspreche man sich nicht nur noch mehr Umsatz, sondern auch endlich mehr Gewinn und vor allen die Hoheit über die eigenen Kundendaten. Bis jetzt wurden die nämlich von Google verarbeitet und in Form von personalisierter Werbung wieder auf die Seiten von Amazon zurückgespeist.
Langfristig geht es aber offensichtlich nicht nur darum, Google im eigenen Shop loszuwerden, sondern sich als alternativer Kanal für Werbung im Netz anzudienen. Das hiesse dann: Google bekäme ernstzunehmende Konkurrenz. So etwas klingt heutzutage immer gut und vermag zunächst einmal all die Freunde freier Märkte zu begeistern – schon nur aus ideologischen Gründen. Toll finden es bestimmt auch die Werbevermarkter – also, die, die dafür sorgen, dass uns die Werbung im Web nie ausgeht. Und weil sie gemeinhin noch immer glauben, Konkurrenz mache alles billiger, werden auch jene applaudieren, die die Werbung letztlich bezahlen – die Hersteller und der Handel.
„Endlich mal einer, der es Google zeigt!“, müsste man selbst als besorgter Betrachter der Gegenwart jetzt eigentlich jubeln. Doch richtig froh macht mich so ein neuer Werbekanal nun auch wieder nicht. Erstens ist nicht anzunehmen, dass die Werbung dadurch weniger wird. Zweitens und aus historischer Sicht frage ich mich, ob es die Menscheit wirklich weitergebracht hat, als ihr der liebe Gott oder wer auch immer nach der Pest auch noch die Cholera zur Seite stellte.