Solcherlei Liedgut

Dislike_Bliss

Sag’s mit Bliss, aber sag’s. (Immanuel Giel über Wiki Commons)

„Gefällt mir! Dass es ’n Mädchen wird.
Shitstorm-Angriff, Para installiert.
Gefällt mir! Riesen-Oktopus entdeckt.
Like den Button. Scroll to the next.
Gefällt mir! Der neue Fixiestore.
Warum hab ich’s geliked? Ich verabscheue Sport.
Gefällt mir! Dass dir das nicht gefällt.
Klappe zu, Stecker ziehen, raus in die Welt.“

Hübsch, nicht? lst leider nicht von mir, sondern von einer norddeutschen Kapelle namens Deichkind und stammt aus dem Stück „Like mich am Arsch“. Schön, dass es nach andere gibt, denen dieses Trata um das digitale Lebensgefühl auf den Wecker geht. Nun gut – musikalisch ist es vielleicht nicht der ganz grosse Hammer. Aber das waren Protestsongs eh noch nie – nicht wahr, Bob, gell, Alice? Aber ich mag die Jungs. Immerhin pisst hier mal jemand auf die schöne neue Weltordnung und ein wenig auch auf die Datenbonzen, die sie uns mit all ihrer Macht und fiesen Methoden ins Hirn reinhämmern:

„Folgen, posten, hiden, hosten,
ich muss ins Netz, bin am Verdursten.
Ich muss Freunde filtern, Bild aus, Bild an.
Singlehunter sind am Wildern.
Ich muss Jesus liken, Learjets ordern.
Styles und neue Statements fordern.
Spielen im Team und streamen und schwärmen,
Random Standpunkt, danke gern!“

Solcherlei Liedgut nährt in mir die Hoffnung, dass diese geschundene Generation Digital nicht schon bald vollständig aussterben wird, weil sie ihre Tage dumpfbackig und naiv in den digitalen Klamaukbuden verdämmert und dabei – einer nach dem anderen – an Dehydrierung zugrunde geht.

Aufkaufen und abschalten

Drei Gläser Bier auf einer WOZ-Rückseite.

Bier, Essen und Musik: Das Jubiläum wurde standesgemäss in der Esse-Bar begossen, wo das Elend auch seinen Anfang genommen hat.

Falls Sie es nicht bemerkt haben sollten: Genau heute vor einem Jahr ging dieser unser Blog auf Sendung. Zeit also, zu feiern und uns für den Moment analogen Dingen wie Bier, Brezeln und Blechmusik zu widmen. Zeit auch, um Bilanz zu ziehen.

54 Post, 2 Logos, ungezählte durchschriebene Nächte und Tage aufwendiger Recherchen sind ins Land gegangen. Ein paar Dutzend treue Leser haben sich gefunden, eine geschätzte Gönnerin, zwei Follower und acht Kommentare – man kann also sagen, die Welt ist nicht ganz genau dieselbe wie zuvor. Und weil sich noch niemand bei uns beschwert hat, nehmen wir gut schweizerisch mal an, es sei ziemlich in Ordnung, was wir hier so treiben – danke!

Mit den Millionen hat es allerdings noch nicht so geklappt. Deshalb haben wir am letzten Board Meeting eine duale Strategie beschlossen. Auf der einen Seite wollen wir noch dreister auf die Büsche klopfen. Damit werden wir dem einen Konzern oder der anderen Commuity über kurz oder lang derart auf die Nerven gehen, dass sie uns aufkaufen und abschalten wird. Auf der anderen Seite wollen wir mit verstärktem sozialen Engagement unser Image schärfen. Davon profitieren soll an erster Stelle der notleidende Qualitätsjournalismus in diesem Lande. Also haben wir der WOZ ein Inserat spendiert.