Ein paar Wochen im Voraus

Montagabend, Zeit für ein Schwätzchen mit dem anderen Ende der Welt, doch Skype spinnt grad auf meinem Handy. Ja, ich skype noch – nicht, weil ich finde, das sei jetzt die ultimative Art des Ferngesprächs, sondern, weil ich es für das kleinere Übel halte – wegen der Schindluderei mit meinen Daten, Sie wissen schon.

Hallo Microsoft: Bitte ernst nehmen.

Skype weigert sich, mich beim Server anzumelden. „Vorgang misslungen … versuchen Sie es später“ oder so ähnlich wird mir mitgeteilt. Doch später geht eben auch nichts. Nicht mal neu installieren hilft.

Ich befragte das Web und lande in einem Forum. (Ja, ich treibe mich noch in Foren rum – nicht, weil ich die für die coolsten Informationsquellen hielte, aber Sie wissen schon…) Jedenfalls erfahre ich dort, dass mein Betriebssystem, also Windows Phone (WP) 8.1, Skype nicht mehr unterstützt. (Und ja, ich nutzte noch Windows Phone, nicht, weil ich es für die angesagteste Plattform hielte – aber Sie wissen schon…)

Als wäre das nicht schon genug, muss ich auch zur Kenntnis nehmen, dass WP 8.1 gar selbst nicht mehr unterstützt wird, von Microsoft nämlich. Was für eine Kacke! Und überhaupt, warum muss ich das eigentlich in irgend so einem Forum erfahren? Microsoft hätte weissgott die Möglichkeit gehabt, mich beispielsweise über ihren eigenen Schnatterkanal („Mit Skype bleibt die Welt im Gespräch“) mal kurz anzuchatten.

Ein paar Wochen im Voraus wären nett gewesen und ein wenig Zerknirschtheit im Unterton auch. Man hätte mir ans Herz legen können, doch bitte auf WP 10 hochzurüsten. Selbiges, und das sei die gute Nachricht, laufe nämlich auf meinem Handy tipptopp. Bei der Gelegenheit hätte mir auch gleich gestanden werden können, dass das neue System nicht über die Update-Funktion des alten zu bekommen ist, sondern nur über erst zu installierende App.

Ich hätte sicher kurz geflucht, mich dann aber an die Arbeit gemacht. Vielleicht hätte ich mich gar aufs neue Betriebssystem gefreut. Aber so, wie das jetzt gelaufen ist? Da komme ich mir schon akut vergackeiert vor und dafür wünsche ich den Heinis in Redmond erstmal sämtliche sieben biblischen Plagen an den Hals und Schweissfüsse noch dazu.

Schlange stehen

Seit Mai gibt es auch in Zürich eine Gelateria die Berna. Am Brupbacherplatz, in Sichtweite zum Lochergut. Seither stehen Glaceliebhaber dort an schönen Abenden Schlange. Bis auf die Strasse. Und das, obwohl der Platz nicht gerade klein ist.

Quelle: flickr.com // Abi Porter // CC BY 2.0

Diese lange Schlange hat mich bisher davon abgehalten, dort Glace essen zu gehen. Doch eines Abends wage ich es. Es ist eher bewölkt und nicht übermässig warm. Dementsprechend stehen die Chancen gut, dass ich nicht allzu lange warten muss.
Während ich anstehe, überlege ich mir, dass es eigentlich gut wäre, wenn die Betreiber der Gelateria eine Webcam installieren würden. Dann könnte ich schon von zu Hause aus abschätzen, wie lange ich etwa anstehen müsste. Allerdings würde das Datenschützer auf den Plan rufen und vermutlich auch die Glaceliebhaber betrüben. Beispielsweise solche, die offiziell gerade auf Diät sind und ihre Glace deswegen heimlich essen müssen. Oder die Mitarbeiter, die sich von einem Arbeitsapéro davongestohlen haben, um sich ihre Lieblingsglace zu genehmigen. Klar könnte man die Aufnahmen stark verpixeln oder die Webcam so installieren, dass Gesichter nicht mehr klar erkennbar sind. Aber das würde vermutlich wenig helfen. Kameras im öffentlichen Raum sind nun mal ein heikles Thema.

Jemand tippt mir auf die Schulter. Vor mir ist eine Lücke entstanden und ich habe nicht bemerkt, dass ich aufschliessen müsste.

Ich grüble weiter: Wie wäre es mit Gewichtssensoren, die die Bodenbelastung des Platzes messen? Dafür müsste man den Platz aufreissen und danach die Fläche kennzeichnen, auf der die Kunden sich anstellen müssten. Die Betreiber der Gelateria dürften wohl schon bei der Baubewilligung scheitern. Zumal die Gelateria mitten in einem Wohnquartier steht.

Ein Hund läuft schnüffelt an meinem Bein. Er ist wohl der Einzige hier weit und breit, der sich mehr für die Schlange als für Glace interessiert.

Vielleicht könnten die Glacemeister einen Mitarbeiter anstellen, der die Kunden in der Schlange zählt. Ihn könnte man anrufen und fragen, wies aussieht. Fragt sich nur, ob man jemanden findet, der diesen Job übernehmen will.

Ok. Ich hab’s. Ein Ticketsystem, wie man es von der Post her kennt. Damit könnte man direkt die Wartezeit abschätzen. Allerdings würde die Elektronik nasses Wetter nicht so gut vertragen und von zu Hause aus geht das auch nicht. Ich kann wieder ein paar Meter aufrücken und bin schon fast in der Gelateria! Eigentlich sollte ich nun schon mal die Glacekarte studieren, damit ich nachher schneller bestellen kann.

Stattdessen grüble ich weiter. Die Betreiber könnten einen wasserfesten Buzzer installieren, den jeder drücken müsste, wenn er kommt und sobald er geht, müsste er … „Was möchten Sie?“ Die Stimme des Glaceverkäufers reisst mich aus meinen Gedanken. Ich bestelle und denke bei mir, dass es vielleicht doch besser ist, wenn alles beim Alten bleibt. Sonst hat man ja gar keine Überraschung mehr, wenn man zur Gelateria läuft.

Abbruchstimmung

Noch vor einem Monat schien die Welt des journalistischen Online-Magazins Coup zumindest äusserlich gesehen mehr oder weniger in Ordnung. Jetzt ist die Schweizer Publikation, die sich nur durch ihre Leser finanziert und keine Werbung schaltet, finanziell am Ende.

Coup steht kurz vor dem Abbruch des Projekts. Bild: Screenshot von http://www.coup-magazin.ch/rette-coup

Man kann dem Magazin nicht vorwerfen, dass seine Geschichten schlecht sind. Denn das sind sie nicht, im Gegenteil. Einmal im Monat findet man dort eine gut geschriebene und gut recherchierte Geschichte über ein bestimmtes Thema. Das Credo des Magazins lautet weniger, aber dafür sorgfältiger recherchierte Geschichten zu publizieren. Das ist an und für sich ein guter Ansatz. Aber das Team hinter Coup vermarktet sich schlecht. Das hat es inzwischen selbst erkann, wie es auf der eigenen Website schreibt:

„Man kann Millionen von Zeichen schreiben, ohne damit einen Franken zu verdienen. Umgekehrt kann man Millionen Franken einnehmen, ohne auch nur ein einziges Zeichen geschrieben zu haben. Um dereinst selbsttragend zu sein, braucht es dieselbe Akribie nicht nur im Journalismus, sondern auch in allen anderen Bereichen. Wir müssen ebenso seriös Mitglieder werben, eine Community aufbauen, Events veranstalten oder Budgetanträge schreiben.“

40’000 Franken fehlen

Nun haben die fünf Initianten von Coup, Joel Bedetti, Pascal Sigg, Andres Eberhard, Konrad Mazanowski und Anna Miller, einen Aufruf gestartet. Dieser läuft bis Ende Juni. Wer das Magazin unterstützen will, kann ein Versprechen abgeben, bis im Juli entweder Abonnent, Mitglied oder Investor zu werden. Je nachdem zahlt man 50, 150 oder 3’000 Franken. Oder man kann auch einfach Geld spenden. Falls es den fünf Initianten gelingt, mindestens 40’000 Franken zu beschaffen, wird die Stiftung für Medienvielfalt weitere 40‘000 Franken beisteuern.

Auf Twitter finden sich unter dem Hashtag #RetteCoup erst fünf Beiträge. Hoffen wir, das sich das noch ändert. Unter anderem mit diesem Beitrag hier.

P.S. Das geplante Food-Magazin „gut“, das sich ebenfalls über ein Crowdfunding vorfinanzieren wollte, hat sein finanzielles Ziel von 360’000 Franken nicht erreicht. Die Frist für das Crowdfunding ist am 1. Juni abgelaufen.

Einkauf mit Hindernissen

Es ist Abend und die Warteschlange vor den vier Self-Checkout-Automaten im Coop ist lang. Als ich an der Reihe bin, gehe ich zum leeren Checkout, um meine Einkäufe einzuscannen. Doch da sehe ich, dass dort eine Flasche Eistee liegt, zusammen mit einer Packung Kaugummis. Der Bildschirm meldet, dass noch 40 Rappen fehlen, um den Einkauf abzuschliessen.

flickr.com / slgckgc / CC BY 2.0

Ich versuche den verlorenen Käufer ausfindig zu machen. Da kommt er schon um die Ecke: ein Junge, etwa sieben Jahre alt. Ihm fehlen nicht 40, sondern nur 5 Rappen, denn 35 Rappen hält er in seiner Hand. Bis ich das aber verstehe, vergeht eine Weile. Schliesslich zahle ich ihm den fehlenden Betrag und er bedankt sich überschwänglich und geht. An der Kasse hätte man ihm die 5 Rappen wahrscheinlich durchgehen lassen. Oder einer der Kunden hätte sie ihm gezahlt. Aber ein Checkout-Automat versteht da keinen Spass.

Die Warteschlange ist inzwischen um einiges länger geworden.

Zwei von vier stehen still

Nach etwa fünf Minuten fällt mir auf, dass der Checkout-Automat rechts neben mir frei ist. Eine Frau steht zuvorderst in der Warteschlange und starrt gedankenverloren ins Leere. Ich winke ihr zu, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie eigentlich an der Reihe wäre. Doch sie schüttelt nur den Kopf und erklärt, der Checkout-Automat funktioniere nicht.

Ich beuge mich zum Bildschirm des Automaten hinüber. Dort steht „Papierrolle leer“. Die gedankenverlorene Frau macht mich darauf aufmerksam, dass ein zweiter Checkout-Automat hinter mir ebenfalls eine Fehlermeldung anzeigt und nicht mehr funktioniert. „Ich habe schon nach Hilfe gerufen, aber niemand kommt“, meint sie schulterzuckend.

Zwei von vier Checkout-Automaten sind also ausser Betrieb. Etwa zehn Menschen stehen stoisch in der Warteschlange und niemand regt sich.

Ich erkläre der nächstbesten Kassiererin die Situation. Welcher der vier Automaten denn kaputt sei, will sie wissen. Ich verstehe nicht, wieso das relevant sein soll und mache eine vage Handbewegung zur Seite: „Na, die beiden dort drüben halt“, antworte ich, inzwischen leicht genervt.

Sie bittet eine Kollegin um Hilfe und ich fahre fort, meine Einkäufe zu scannen.

Keine zweite Runde mehr

Als ich meine drei Avocados einpacken will, merke ich, dass eine davon faul ist. Neben mir steht inzwischen eine Coop-Mitarbeiterin und wechselt die Papierrolle. Ich mache sie auf mein Avocado-Problem aufmerksam und frage sie höflich, ob ich ihr die faule Avocado geben könne und mir stattdessen nach dem Zahlvorgang im Früchteregal eine neue holen könne. Sie schüttelt den Kopf und erklärt mir, ich solle die Avocado einfach löschen, mir dann eine neue holen und erneut anstehen, um diese zu zahlen. Wie zur Bestätigung löscht sie mir ungefragt die dritte Avocado auf meinem Bildschirm.

Da reisst mir der Geduldsfaden. „Hören Sie, ich zahle jetzt drei Avocados, packe zwei davon ein und hole mir nachher eine dritte. Ich stehe hier nicht noch einmal an. Und diese hier nehmen Sie bitte mit.“ Ich drücke ihr die faule Avocado in die Hand, sie starrt mich wortlos an und sagt nichts mehr. Vermutlich fragt sie sich, was mit mir los ist. Sie weiss nicht, dass ich seit einer gefühlten halben Stunde an diesem Checkout stehe und versuche, meinen Einkauf zu Ende zu bringen.

Als ich endlich zahlen könnte, erscheint eine Meldung auf meinem Bildschirm: „Altersüberprüfung“. Ich stöhne innerlich auf. Ich habe zwei Flaschen Bier gekauft. Natürlich. Glücklicherweise steht die Verkäuferin immer noch neben mir und bringt die Sache wortlos in Ordnung. Sie vermeidet es, mich dabei anzusehen und ich fühle mich schlecht, weil ich sie vorhin so angefahren habe.

Endlich kann ich zahlen, packe meine Einkaufstüten und gehe zurück zum Früchteregal. Dort hole ich mir die schönste Avocado, die ich finden kann. Als ich zum Ausgang laufe, erwarte ich halbwegs, dass mich ein Mitarbeiter stoppt und mich fragt, ob ich die Avocado nicht zahlen will. Aber niemand beachtet mich und ich verlasse den Laden.

Bis zu diesem Tag habe ich Self-Checkout-Automaten gemocht.

FTC mit einem Schuss vor den Bug von D-Link

Jeder kennt diesen Moment, wenn man voller Bestätigung zu sich selbst sagt: „Endlich! War aber auch schon höchste Zeit!“. So einen angenehmen Moment durfte ich vor zwei Wochen erleben, als ich auf dem Weg ins Training war. In einem meiner Podcasts hörte ich, wie die Federal Trade Commission  (FTC) in den USA ihre eigene Subline „Protecting America’s Consumers“ auch mal in einem neuen Bereich der Konsumentenwelt ernst genommen hatte: Sie klagte den taiwanesischen Hersteller D-Link wegen mangelnder IT-Sicherheit bei mehreren seiner Produkte an.

Webkamera auf einem Flachbildschirm

D-Link ist hoffentlich nur der erste Hersteller, der von einer Klage betroffen sein wird.

Schludriger Umgang mit der Sicherheit
Unter den von der FTC aufgelisteten Verfehlungen fanden sich z.B. das „harte codieren“ von Passwörtern in Hardware, sodass die Passwörter nicht geändert werden können (so ist der Zugang von Fremden auf die Life-Feeds von Webcams im eigenen Haus möglich). Ausserdem speichern die Apps von D-Link die Login-Daten auf dem Smartphones unverschlüsselt. Dies ermöglicht es anderen Apps diese auszulesen und Fremden zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt hatte der falsche Umgang mit dem geheimen Sicherheitsschlüssel von D-Link zur Folge, dass der Sicherheitsschlüssel sechs Monate lang online der Öffentlichkeit zugänglich war…

D-Link meiden
Gemäss diesen Erkenntnissen argumentiert die FTC in der Klage, dass D-Link irreführende (Sicherheits)-Versprechen gegenüber den Kunden gemacht und dadurch die Privatsphäre der Nutzer riskiert habe, indem minimale IT-Sicherheitsstandards nicht eingehalten worden seien. Diese Klage erstreckt sich über verschiedene Produkte und sollte allen Nutzern ernsthaft zu denken geben. Sogar ich, wahrlich kein Experte für IT-Sicherheit, weiss, dass es sich hier um Anfängerfehler handelt. Ich werde D-Link von meiner Einkaufsliste streichen.

Wo kein Schaden, da kein Kläger?
Interessant war dann noch die Reaktion des angeklagten Unternehmens. Gemäss eines Artikels von PCWorld reagierte D-Link mit dem Argument, dass die FTC keinen Schaden nachweisen könne. Es bleibt abzuwarten, ob die FTC noch mit Fällen von Geschädigten aufwarten kann. Auf jeden Fall lohnt es sich, diesen Fall weiter zu beobachten, denn hier wird indirekt über den Wert von Privatsphäre im digitalen Raum verhandelt.

Traraaaa! Die Schlacht ist eröffnet!
Wie auch immer dieser Gerichtsfall ausgeht: Ich sehe diese Anklage als ersten Wink mit dem Zaunpfahl an die Hersteller der Internet-of-Things-Produkte, sich in Sachen Sicherheit mehr anzustrengen. Endlich! War aber auch schon höchste Zeit!

Überflutet

Es gibt sie noch. Die Menschen, die weder ein Handy noch einen Internetanschluss besitzen. Die keine Ahnung haben, was ein „Like“ oder ein Hashtag ist und wofür Xing gut sein soll. Beziehungsweise, dass Xing überhaupt existiert. Oder Whatsapp.

Bild: Janine Aegerter

Ich kenne einen von ihnen. Er nutzt das Internet etwa einmal im Monat, um auf Youtube Musikvideos zu hören. Von den Stones. Oder Chuck Berry. Das macht er aber nicht daheim. Denn er hat zu Hause keinen Internetanschluss. Hätte er einen, würde es ihm „den Ärmel reinziehen“, wie er selbst sagt. Er würde Stunden damit verbraten, sich Videos anzusehen. Er fürchtet sich davor, sich in den unzähligen Verweislinks auf Youtube zu verlieren.

Geniessen, aber nicht zu lange
So lässt er sich lieber ein, zwei oder drei Stunden berieseln, bis er merkt, dass er aufhören muss. Dann reisst er sich los und geht heim. Meistens kocht er dann oder spielt auf seiner Gitarre, um wieder zurück auf den Boden zu kommen. Das braucht er auch. Denn diese Ausflüge in die Tiefen des mächtigen Videoportals sind für ihn sehr gefährlich. Sagt er.
Ich habe ihm das lange nicht geglaubt. Bis ich ihn einmal während einer seiner Youtube-Sessions getroffen habe. Seine Augen strahlten, waren aber gleichzeitig seltsam starr, als wäre er auf einem Drogentrip. Er wirkte nicht wie er selbst, sprach viel schneller als sonst. Er schwärmte von der Musik, sagte, sie transportiere ihn in seine Jugendzeit zurück.
Seine alten Erinnerungen wurden wieder wach, er sah wieder die Mädchen vor sich, für die er damals geschwärmt hatte und fühlte sich, als wäre er wieder 15. Sein Hirn, von Glückshormonen überflutet, versetzte ihn in eine Art Trance. Die Informationsflut, die ihm entgegenfloss, hielt ihn gefangen. Er hat nie gelernt, mit den Reizen des Internets umzugehen. Oder sie zu ignorieren. Als wäre er aus den Fünfzigerjahren in die Zukunft gereist.
Sind wir alle überflutet?
Auch ich bin manchmal gefangen vom Bildschirm meines Handys. Wenn ich es bemerke, schaue ich mich um und sehe dann oft ganz viele Menschen um mich herum, die auch von ihren Handys gefesselt sind. Dann verstehe ich ein bisschen besser, was er meint, wenn er sagt, dass das Internet für ihn gefährlich ist. Es ist für uns alle gefährlich, bis zu einem gewissen Grad. Das Internet ist zu einer Art Droge für die Massen geworden.
Aber pragmatisch betrachtet ist es wie mit Schoggi: Jeden Tag ein bisschen ist kein Problem. Solange wir noch miteinander reden und lachen, Flausen im Kopf haben, füreinander kochen und die Natur geniessen, haben wir nichts zu befürchten.

Emotionaler Sprachkurs

Seit ich einen Teil meiner Sommerferien in Spanien verbracht habe, bin ich motiviert, meine Spanischkenntnisse aufzufrischen. Jeden Tag investiere ich seither meine 10 bis 15 Minuten in die Sprachlern-App Duolingo, um mein selbst gestecktes Ziel zu erreichen.

Screenshot von de.duolingo.com

Bild: Screenshot von de.duolingo.com

Duolingo zählt dabei jeden Tag, den ich ohne Unterbruch übe. In der englischen Version heisst dieser Zähler „streak“. Nach einer Woche hat man also einen „7 day streak“ beisammen, nach einem Monat einen „30 days streak“ und so weiter. Übt man einen Tag lang nicht, beginnt der „streak“ wieder bei null. Auf die Funktionen der App hat dies keinen Einfluss.

Will man seinen „streak“-Wert dennoch erhalten und einen Tag Pause einlegen, kann man über den In-App-Store einen sogenannten „streak freeze“ für einen Tag kaufen – und zwar nicht mit Geld, sondern mit Punkten, die man sich durchs Üben verdient hat.

Das klingt alles soweit logisch und klar.

Emotional belastet

In Wahrheit aber ist das Thema hoch emotional belastet. Im Duolingo-Forum etwa weinen sich enttäuschte Duolingo-Nutzer gegenseitig ins Gilet, um sich zu beklagen, wie viele Tage sie verloren haben und wie wütend sie auf Duolingo sind (obwohl Duolingo ja letztlich nichts dafür kann, wenn es einen solchen Unterbruch gibt, auch wenn sie die App entwickelt haben). Da gibt es beispielsweise einen Nutzer, der ganze 140 Tage verloren hat. Ein anderer beklagt den Verlust von immerhin 76 Tagen. Ein Dritter verliess Duolingo „nach einer ähnlichen Erfahrung“ für einen ganzen Monat, bis er sich wieder dazu imstande fühlte, der App in die Augen bzw. den Bildschirm zu schauen.

Der Haken an der ganzen Sache ist nämlich der: Erstens muss man den „streak freeze“ zum Voraus kaufen. Man muss also damit rechnen, dass es einen Tag X geben wird, an dem man keine Zeit haben wird, 10-15 Minuten in „seine“ Sprache zu investieren. Das kann viele Gründe haben: Man wird krank, hat auf einmal keine funktionierende Datenverbindung mehr, weil man zwei Tage in den Bergen wandern geht. Oder man vergisst schlicht und einfach, die App zu starten. Zweitens kann man nur einen „streak freeze“ pro Mal kaufen, nicht mehrere. Zu sparen und dann zwei Wochen in die Ferien zu fahren funktioniert also nur im richtigen Leben, nicht aber in dieser App.

Und da natürlich viele Duolingo-Nutzer denken, sie benötigten keine vorausgekaufte Pause, ist das Drama entsprechend gross, wenn es doch passiert. Denn es fühlt sich an, also ob die ganze investierte Zeit für die Katz gewesen wäre. Alles ist weg. Der Zähler ist auf null. Da nützt es auch  nichts, wenn man am gleichen Punkt weiterfahren kann wie zuvor. Es fehlt einfach etwas. Und wer sein Profil mit anderen teilt, muss noch zusätzlich mit der Schmach leben, dass andere den schmerzlichen Verlust mitbekommen.

Tag zurückkaufen

Ich spreche aus eigener Erfahrung. Auch ich hatte einen hübschen, zweistelligen „streak“-Wert beisammen, übte brav jeden Tag meine Wörtli und war ziemlich stolz auf mich. Einen „streak freeze“ hatte ich keinen gekauft, weil ich (natürlich) dachte, das sei nicht nötig. Und eines Tages vergass ich Duolingo. Am nächsten Tag öffnete ich die App mit einem unguten Gefühl. Und da sah ich sie, die grosse Null. Gut fühlte sich das nicht an. Immerhin teile ich mein Profil nicht. Die MItleidsbekündigungen meiner Mitstreiter blieben mir also erspart.

Ich gebe zu, dass ich danach ein bisschen deprimiert war. Doch inzwischen habe ich mich recht gut davon erholt. Und seit es mir zum zweiten Mal passiert ist, habe ich sogar herausgefunden, dass man inzwischen seinen verlorenen Tag „zurückkaufen“ kann – mit richtigem Geld! Rund 3 Franken kostet der Spass. Mit Emotionen kann man halt schon gute Geschäfte machen.

Zu rollenden Assistenzcomputern mutiert

Ich kam also letzthin in meinem fortgeschrittenen Alter auf die – laut meiner Liebsten – Schnapsidee, ein Motorrad zu kaufen. Nun ist es ja nicht so, dass ich mich zu diesen Spätberufenen zählen würde, die sich irgendwo jenseits der 50-er-Grenze beweisen müssen, dass sie noch immer vollwertige Macker sind. Sie wissen schon: Das sind die, die dann anfangen Marathons zu rennen, ihre Gattinen gegen 25-jährige Blondinen eintauschen oder sich, eben, schwergewichtige Maschinen samt martialischem Outfit zulegen. Nö, ich bin bloss einer, der seinen letzten Töff vor 20 Jahren verkauft und letzthin den Fehler gemacht hat, in den Ferien einen Roller zu mieten.

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Motorrad oder Blondine? Am besten beides. (Bild: Andreas Praefcke via Wiki Commons)

Ich suche also einen seriösen Händler auf, frage ihn, ob er etwas Kleines, Gemütliches zu vermieten hätte. Ich wolle bloss herauszufinden, wie sich das anfühlt nach so langer Zeit. Der gute Mann nickt, guckt nach und sagt, er hätte da noch eine 800-er, die sei genau das Richtige für mich. Ich schlucke leer, denn die grösste Maschine, die ich seinerzeit gefahren bin, war eine 250-er-Zweitakt. Die hatte 30 PS, wog 160 kg und galt immerhin als recht flott. Jetzt will mir der eine Maschine mit 85 PS und knapp über 200 kg anvertrauen?

Das sei doch überhaupt kein Problem. Mittlerweile gelte so etwas als Einsteigermaschine und überhaupt, die heutige Technik unterstütze den Fahrer doch in allen Lebenslagen. ABS lasse ihn sorglos bremsen, selbst in Kurven und auf Schotter. ASC sorge dafür, dass das Hinterrad auf glatter Strasse nicht durchdreht. ESA stimme Federn und Dämpfung aufs Gelände ab. ESC passe ganz allgemein auf, dass da ja nix ins Schlingern gerät. Drive by Wire lasse den Motor mitdenken und das sei bei weitem noch nicht alles.

„Aha!“, denke ich mir, „Motorräder sind also inzwischen auch zu rollenden Assistenzcomputern mutiert, die jeder Dödel fahren kann.“ Ich miete das Teil trotzdem, und wissen Sie was? Es stimmt.

Gebrochen und gewaschen

Meine Smartphone-Statistik der letzten Monate sieht übel aus. Dreimal habe ich in den letzten zwölf Monaten das Handy gewechselt. Aber nicht, weil ich jedes Mal das neueste Gerät ergattern wollte. Sondern weil die drei Geräte Schaden erlitten.

Quelle: flickr.com //  Willi Heidelbach // CC BY 2.0

Quelle: flickr.com // Willi Heidelbach // CC BY 2.0

Angefangen hat es letzten Frühling, als ich mein damaliges Smartphone zum wiederholten Male fallen liess. Wie es sich herausstellte, war das einmal zu viel. Der Bildschirm brach innerlich und färbte sich innerhalb weniger Stunden pink – Flüssigkristalle ade. Glücklicherweise war das Gerät schon mehr als zwei Jahre alt, sodass ich nur meinen Vertrag verlängern musste, um gratis ein neues und erst noch gutes Smartphone zu bekommen.

Zu viel Wasser

Dieses hielt immerhin fast ein Jahr und überlebte wie schon sein Vorgänger etliche Stürze schadlos. Bis zum ersten schönen Tag des Jahres, als ich es auf eine Rennvelotour mitnahm und es danach mit den Velohosen in die Waschmaschine steckte. Alle Notfallmassnahmen wie Trocknen und In-Reis-Einlegen brachten nichts. Das arme Ding war nicht mehr zu retten (an dieser Stelle möchte ich allerdings noch erwähnen, dass der Akku mit dem Restmaterial verklebt war, weswegen ich das Gerät nicht in seine Einzelteile zerlegen konnte. Auch wenn dies vermutlich nicht viel geholfen hätte.)

Den Handyvertrag konnte ich nicht schon wieder erneuern, musste mir also ein neues Gerät kaufen. Ich entschied mich für eine günstige Variante – leider eine schlechte Wahl. Dieses Gerät überlebte gerade einmal drei Tage schadlos. Danach rutschte es mir aus der Hand und landete unsanft auf der Strasse. Seither ist sein Display zwar noch brauchbar, aber zersplittert. Reparieren kann ich es bei den üblichen Smartphone-Doktoren leider nicht, weil diese nicht über die nötigen Ersatzteile verfügen (das Handy ist französischen Fabrikats und noch nicht so etabliert am Markt). Ich müsste es nach Frankreich schicken. Und eine Reparatur würde in etwa gleich viel kosten wie das Handy selbst.

Robust und stark muss es sein

Die Suche nach einem Nachfolger läuft. Eins steht zumindest fest: Mein künftiges Gerät muss Stürze aushalten können. Ein Rugged Smartphone wäre sicher nicht schlecht. Oder ein Fairphone. Dann könnte ich zumindest das Display eigenhändig auswechseln. Und zusammengeklebt wäre es erst recht nicht.

Zu fehleranfällig

Nun gut, seit letzter Woche ist es amtlich: Die Briten sind schwach im Rechnen. Ein Fünftel der Erwachsenen dort kann weder Bruch- noch Prozentrechnen. Ein gutes Viertel ist ausserstande, die Fläche eines Kreises oder einen Durchschnitt zu berechnen, von Trigonometrie oder Statistik ganz zu schweigen.

Rechnen-mit-Briten

Schöner rechnen mit Briten (Bild: Dree’Ja via Wikicommons)

Überraschen sollte uns das eigentlich nicht. Wer wollte, konnte ja schon Ende der 1970er-Jahre vermuten, dass man auf der Insel 1 und 1 nicht zusammenzählen kann. Wie sonst liess sich erklären, dass man ein gewisse Frau Thatcher zur Premierministerin wählte und so ein ganzes Königreich dem neoliberalen Mob zum Frass vorwarf?

Das war in der Tat fatal. Aber heute? Mal ehrlich, ist Rechnen gesellschaftlich überhaupt noch relevant? Mittlerweile trägt doch jeder Brite rund 1,23 Smartphones herum, auf denen eine bestens ausgestattete Rechner-App nur darauf wartet, genutzt zu werden. Kommt dazu, dass heute jeder ein paar Hundert Facebook-Freunde hat, die ihm allzeit bei kleinen Rechenproblemen gerne aus der Patsche helfen. Also nochmal: Spielt Rechenschwäche noch irgendeine Rolle?

Aber sicher! Doch anders als Sie nun denken mögen: Wer nicht rechnen kann, wird im Pub beschissen. Das ist gerade bei den Briten, mit ihrer Vorliebe für vergorene Getreideprodukte besonders heikel. Und weil die Rechenleistung menschlicher Gehirne mit steigendem Alkoholspiegel noch weiter sinkt, wird der Anteil an Beschissenen bald die kritische Grenze von 50 Prozent überschreiten. Dann wird sich also die Mehrheit der Briten beschissen vorkommen – entweder vom Pub oder vom Alkohol. Das Resultat davon dürften allerlei Facebook-Initiativen für die Schliessung der Pubs und das Verbot von Alkohol sein. Und wie man die Angelsachsen so kennt, werden sie auf die eine oder andere Art Erfolg haben.

Was dann folgt, lässt sich in Geschichtsbüchern nachlesen: Prohibition, Mafia, Mord und Totschlag. In Nordirland werden sich Katholiken und Protestanten mit alter Verve und neuem Elan die Birnen einhauen. Die Schotten werden die Gelegenheit nutzen und sich aus dem Reich verdrücken. Das wird gewiss den Geheimdienst auf den Plan rufen. Der wird das Volk dank umfassender Schnüffellizenz nach allen Regeln der Kunst schikanieren. Letzteres wird sich endlich auch vom Staat beschissen fühlen. Ein Shitstorm biblischen Ausmasses wird sich übers Land ergiessen, ein Aufstand wird folgen, dann eine Revolution. Die wird gelingen und es der dannzumal meistgeliketen Community ermöglichen, die Regierungsarbeit durch Menschen zu verbieten (zu fehleranfällig, zu korrumpierbar). Daraufhin wird sie die Geschäfte der Exekutive einer gigantischen Cloud übertragen. Die wird von drei autonomen Megarechnern bestellt, die auf die Namen Peace, Happiness und Pancake hören. Der erste steht bei Google, der zweite bei Facebook und der dritte bei Amazon. Well, well, well: wilkommen im Staat 3.0!