Verschiedene Welten

pixabay.com // Rupert Kittinger-Sereinig

Ein Nerd und ein technikfremder Mensch unterhalten sich.

Du, ich habe ein Problem.

Ja, welches denn?

Ich habe mehrere Mailadressen und muss die immer einzeln aufrufen. Vor allem diejenigen meiner Arbeits-Mailadresse. Das nervt.

Verstehe ich. Das kannst du aber ganz einfach lösen.

Echt, wie denn?

Du kannst dir einfach alle Mails auf ein einziges Mailkonto umleiten lassen. Dann musst du sie nur auf einem Konto aufrufen.

Oh, das wäre genial.

Ok, auf welche Adresse möchstes du denn deine Mails umleiten lassen?

Auf meine private Adresse.

Bei welchem Anbieter ist die?

Es ist eine gmail.com-Adresse.

Also eine Google-Adresse.

Wie?

Gmail ist der Mailservice von Google.

Ah … ja. Genau.

Ich schicke dir einen Link für eine Anleitung, ok? Ist ganz einfach.

Hmm … ja … ok.

(Zwei Wochen später)

Und, hast du dein Mailproblem lösen können?

Mmm … ich muss deine Anleitung noch lesen. Bin noch nicht dazu gekommen.

Es wirklich ganz einfach, du wist sehen. Du musst nur den Instruktionen folgen.

Ok.

Und wenn es wirklich nicht geht, rufst du mich an. Dann machen wir es auf meinem Notebook.

Auf deinem Notebook?!

Ja. Gibt es damit ein Problem?

Dann hast du aber Zugriff auf meine Mails. Das will ich nicht.

Nein, nein, du loggst dich einfach ein, wir machen das zusammen auf deinem Gmail-Konto und dann loggst du dich wieder aus. Ich werde danach keinen Zugriff auf deine Mails haben, weil du dich ja ausgeloggt hast. Und wenn du ganz sicher sein willst, löschen wir noch alle Cookies und den Browserverlauf und die Sache ist gebongt.

Ich verstehe kein Wort.

(Seufzt) Ich mag dir das jetzt nicht im Detail erklären. Aber du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich werde keinen Zugriff auf dein Mailkonto haben.

Ok. Ich versuchs jetzt mal noch mit der Anleitung, sonst rufe ich dich an.

Wir könnten es sonst auch noch anders machen.

Wie denn?

Du kannst alle deine Mails auf deinem Handy einrichten.

Ich möchte aber mein Arbeitsmail nicht auf meinem Handy bekommen.

Aber deine Mails von Gmail bekommst du auf deinem Handy?

Ja, die natürlich schon.

Wenn du aber deine Arbeitsmails auf deine Gmail-Adresse umleitest, wirst du sie dann auch auf deinem Handy haben.

Das verstehe ich jetzt nicht.

(Atmet tief ein und aus). Ich zeichne es dir auf. (Zeichnet eine Skizze) Siehst du, deine Arbeitsmails werden auf deinem Handy landen.

Das möchte ich nicht.

Dann kannst du sie aber nicht auf deine Gmail-Adresse umleiten lassen.

Das möchte ich aber.

(Rauft sich die Haare) Also, nochmal von vorn: Du willst deine Arbeitsmails in deinem Gmail-Konto erhalten, willst aber nicht das Mail deines Arbeitgebers auf deinem Handy einrichten?

Ja, genau.

(Der Nerd murmelt etwas Unverständliches)

Was hast du gesagt?

Nichts Wichtiges. Du, ich muss jetzt los. Du versuchst das mit der Anleitung und wenn es nicht geht, rufst du mich an. Ok?

Perfekt.

(Drei Wochen später)

Und?

Es funktioniert nicht. Ich bekomme irgendwie gar keine Mails mehr seit ein paar Tagen.

Hast du alles genauso gemacht, wie es in der Anleitung steht?

Wort für Wort. Ich schwöre.

Ok, wir schauen uns das jetzt zusammen an.

(30 Minuten später)

Ich weiss nicht genau, was du gemacht hast. Aber jetzt funktioniert es auf jeden Fall. Wir machen jetzt einen Test. Ich schreibe dir auf deine Arbeitsadresse ein Mail und dann sehen wir, ob du sie auf deinem Handy auf deiner Gmail-Adresse bekommst.

(Schickt das Mail)

Und?

Ja. Es funktioniert!

Na siehst du.

Und wie hast du das jetzt genau gemacht?

Ich zeigs dir.

(Zeigt den Ablauf)

Das war so einfach? Das hätte ich ja selbst auch gekonnt.

Das sage ich dir ja die ganze Zeit!

Sie Rabenvater, Antonio Garcia Martinez!

Zwei Jahre lang hatten Sie Zeit, für unsere liebste virtuelle Schunkelbude eine neue Produktstrategie zu entwickeln. Haufenweise Geld haben Sie dabei verdient und doch nichts Gescheites hingekriegt. Klar, dass Zucki Sie gefeuert hat, und klar, dass Ihnen das stinkt.

Zitat: Antonio Garcia Martinez: "Was die Zukunft meiner Kinder angeht: Ich werde sie nicht auf Facebook lassen."

Antonio Garcia Martinez: geschasster Facebook-Boy und herzloser Erzieher in „Das Magazin“, 27. August 2016

Aber nun das: Sie wollen Ihren Kleinen das infantile Kommunikationsmittel schlechthin verbieten? So etwas, mein Lieber, grenzt an Isolationshaft, an Folter und dürfte der Sozialisation Ihrer Sprösslinge schlecht bekommen. Wie man weiss, neigen derart misshandelte Kinder später zur Überkompensation. Die werden im Leben dann Aussendienstler, Sprachtherapeutinnen, Hassprediger oder sonst was Zweifelhaftes. Wenn Sie grosses Pech haben, werden sie gar Politiker, und zwar von der liberalen Sorte. Das sind bekanntlich die, die für die Abschaffung Ihrer Altersrente stimmen werden. Also, vielleicht doch nochmal drüber nachdenken?

Herrje, François Flückiger!

Ich wünschte mir, dass Menschen im Web mehr Ideen austauschen und weniger über sich selbst reden.

François Flückiger in Weltwoche 19-20/2015

Also wirklich, lieber Herr Flückiger, da haben Sie sich ja total global in die Nesseln gesetzt. Sie, als Computerwissenschaftler am Cern, immerhin die Wiege des WWW, und Mitglied der Internet Hall of Fame, derart kulturpessimistisch? Immerhin verdanken wir dem neu entdeckten Narzismus im Web so erlesene Errungenschaften wie die Nacktfotos von Kim Kardashian, die Videopredigten von Roger Köppel, die Fanpage der Bözen Onkels.

Das, mein Lieber, sind die Dinge, die das Volk sehen will – Millionen von Freunden, Zigtausende von Followers können nicht irren. Aber Ideen austauschen? Braucht‘s nicht, bringt‘s nicht, gibt Kopfweh und klingt weiss Gott nicht lustig. Das Leben ist schliesslich, wie man heute weiss, eine Casting-Show und keine Erfindermesse.