Rechner, zum Diktat!

Hallo, liebe Leser. Heute will ich euch wieder eine spannende Geschichte aus meinem digitalen Leben erzählen. Und die geht so: An einem trüben Sonntagmorgen wachte ich auf und hatte eine supertolle Idee: „Sapperlot!“ dachte ich mir, „Wäre es nicht fabelhaft, wenn ich fortan meine Posts diktieren statt tippen könnte?“ Es geht ja schon ein Weilchen die Sage um, den Rechenknechten seien inzwischen Ohren gewachsen.

Spracherkennung

Artig, doch schwer von Begriff – der Rechenknecht mit Öhrchen.

Doch, wie bringt man einem selbigen bei, dass er zuhören und das, was er hört, auch mitschreiben soll? Ich wende mich an die Hilfefunktion, bin danach aber auch nicht schlauer. Also frage ich etwas im Netz herum, und finde in einer nerdigen Plauderecke prompt Beistand. Aha! Man muss die Spracherkennung in den Einstellungen erst aktivieren und dann das Mikrofon einpegeln. Dabei stellt einem das Betriebssystem einen freundlichen Gehilfen zur Seite, der munter Tipps verteilt. Und tatsächlich, nach einer Dreiviertelstunde klebt ganz oben am Bildschirm das Fensterchen der Spracherkennung, knapp erkennbar am grauen Knopf mit hellgrauem Mikrofon.

Doch ich kann plappern wie ich will, es passiert ziemlich gar nichts. Ich versuche dann, was ich immer tue, wenn ich nicht weiterkomme: Ich klicke mit der rechten Maustaste hinein. Und siehe da, es klappt ein Dropdownmenü herunter. Dort finde ich den Befehl „Zuhören starten“, den ich dankbar anklicke. Wenn ich jetzt ins Mikro brabble, verfärbt sich der Knopf manchmal gelb und das Fensterchen fragt artig: „Wie bitte?“. Ferner finde ich im besagten Menü den Befehl „Sprachlernprogramm starten“. Ja klar, dem armen Kerlchen muss erstmal beigebracht werden, wie sein Meister klingt, und was er meint, wenn er spricht. Das tue ich gewissenhaft und eine gute halbe Stunde lang. Dabei beherzige den Rat der Maschine, setze mich anständig hin, forme meine Wörter mit dem Mund, wie kleine Perlen zu einer Kette und intoniere klar wie ein Wiener Sängerknabe.

Inzwischen habe ich auch gelernt, dass man dem Rechner zuerst sagen muss, in welches Büchlein er schreiben soll. Sonst fuchtelt der mit seinem Bleistift bloss fruchtlos in der Luft herum – virtuell, Sie verstehen? Doch nun kann es beginnen. „Word öffnen!“, befehle ich, und Word geht auf.

„Computer, zum Diktat!“ sage ich.

Er notiert: „Somit zum Diktator“.

Ich: „Rechner, zum Diktat!“

Er: „Wenn man zum Diktat“.

Ich: „Hast du Tomaten auf den Ohren?“

Er: „Kostprobe Tomaten auf dem Roten“.

Ich: „Ich bin enttäuscht!“

Er: „Ich bin enttäuscht“.

Ich: „Geht doch!“

Er: „Geht’s noch“.

Fortsetzung folgt.

Zuversicht

Hallo und willkommen im 2016. Was es uns wohl bringen mag? Ich jedenfalls wünsche Ihnen alles Gute, Berge von Likes und Horden von Followern. Die Chancen dafür stehen gut und mehr noch: Laut glaubhaften Quellen soll es insbesondere wirtschaftlich wieder rasant vorwärtsgehen. Der Bitcoin zum Beispiel wird ein wahres Kursfeuerwerk lostreten. Es werden endlich viele lahme Zeitungen hops gehen und durch agile Blogs ersetzt. Die IT-Multis werden wieder Gewinne scheffeln, die dem Staatsbudget eines durchschnittlichen osteuropäischen Landes entsprechen.

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

2016 wird der Hammer, Sie werden sehen. (Bild: Alice Chodura via Wiki Commons)

Aber auch für gute Unterhaltung wird gesorgt sein. Das Kalifat hat angekündigt, uns auch heuer via seinen Distributionspartner Youtube mit packenden Meuchelvideos zu versorgen. Pinterest will im Gegenzug und als Ausgleich sozusagen seine Abteilung für flauschige Haustiere massiv ausbauen. Und, noch eine gute Nachricht für die wachsende Gruppe der einfachen Gemüter: Die Weltorganisation der privaten TV-Sender hat mit grossem Mehr an ihrer letzten Vollversammlung beschlossen, dieses Jahr noch grössere Anstrengungen dahingehend zu unternehmen, ihre Sendeformate frei von jeglicher geistigen Herausforderung zu halten.

Als religiös veranlagter Mensch und Konsument schöpft man Zuversicht aus der Prophezeiung, dass im Herbst die siebte Reinkarnation des iPhones erscheinen wird. Als Chinese, darf man sich auf den Fortschritt freuen, den Millionen von Uber-Fahrern übers Land bringen. Als Twitterer hat man es sowieso gut, weil einem Herr Trump dort weiterhin und noch verstärkt die Welt in 140 Zeichen erklären wird. Apropos: Das Darknet eröffnet demnächst einen Store, in dem willige Politiker zum Kauf angeboten werden.

Sie sehen: Die Welt liegt uns zu Füssen – treten wir drauf!

Grundversorgt

Dem alten Onkel Ferdinand haben „die da oben“ vor drei Wochen sein Fernsehen abgestellt. Klar, er war zuvor angeschrieben worden, dass „die Verbreitung des analogen TV-Signals über terrestrischen Funk eingestellt wird“. Aber man hatte ihn versichert, dass „inskünftig die Grundversorgung der Bevölkerung über das digitale DVB-T sichergestellt“ werde.

Eine Fernbedienung mit Klebeband

Von diesen Tasten sollst du die Finger lassen, Ferdi.

„Sichergestellt“ klang gut und damit hatte sich die Sache für ihn erledigt. Doch dann kam der Abend, an dem er statt des Musikantenstadels nur den schwarzen Bildschirm sah. Die Wut war gross. Sie wich indes rasch der Verzweiflung, als am nächsten und am übernächsten Tag auch kein Bild mehr zu bekommen war.

Ferdi tat, was er in solchen Fällen immer tut: Er jammerte seiner Verwandtschaft die Ohren voll. Viel brachte das vorerst nicht, weil ja alle längst schon digital fernsehen und beim besten Willen keine Ahnung hatten, was hier zu tun wäre. So ging das hin, bis sich seine Lieblingsnichte der Sache annahm. Sie besorgte das nötig DVB-T-Kistchen und schloss es an. Sie erklärte ihm begeistert, dass er ab sofort nicht mehr nur drei Sender sehen könne, sondern so gegen die 20 und teilweise gar in HD. Ferdi interessierte das wenig, er war bloss froh, sich wieder grundversorgt zu wähnen.

Dummerweise zeigte sich rasch, dass Ferdi nicht begriff, warum er zwei Fernsteuerungen für einen (1!) Fernseher brauchen sollte. Er hatte keine Ahnung, was auf der Alten, was auf der Neuen zu steuern wäre. Die Nichte – per Telefon alarmiert – versucht ihm das viele Male zu erklären. Sie übte mit ihm das begleitete TV-Starten. Sie klebte all die Tasten der alten Fernbedienung mit Klebeband ab, die Ferdi nicht bedienen sollte. Sie fotografierte die Menus der DVB-T-Box mit dem Handy, um ihm telefonisch leichter auf den richtigen Pfad zurück zu lotsen. Alles vergebens, der alte Herr war nicht ins digitale Zeitalter hochzuhieven.

Unterdessen pfeift der alte Schwerenöter komplett aufs Digital-TV. Er hat nämlich eine flotte Rentnerin in der Nachbarschaft entdeckt. Bei der klopft er immer öfter mit einer Flasche unterm Arm an. Dem Vernehmen nach pflegt man dann das gemeinsame Kartenspiel, geht essen und besucht hin und wieder ein Konzert.

Ganz und gar Revolutionäres

Um nochmal auf die Apfelwatsch zurückzukommen: Was eigentlich fangen die stolzen Besitzer mit ihr an, wenn sie sie nicht gerade laden oder wegen Mobbinggefahr unter dem Ärmel verstecken müssen? Eine kleine Umfrage von giga.de gibt Auskunft.

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Selten, aber ungemein nützlich: die Apple Watch, diesmal auf rotem Grund. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Also, nach abnehmender Beliebtheit: 68 Prozent finden es unglaublich angesagt, Benachrichtigungen am Handgelenk zu sehen. Klar, das verstehe ich jetzt voll. Als vielbeschäftigter Sozialschwätzer erhält man ja im Schnitt alle 10 Sekunden einen potenziell eminent wichtigen Post aus seinem immensen Freundeskreis. Wo käme man da ohne Apple Watch auch hin? Man wäre sozusagen pausenlos damit beschäftigt, sein Handy aus der Tasche, dem Hosensack oder sonst wo hervorzuklauben und es gleich wieder wegzustecken, weil sich 90 Prozent der Posts dann doch als nicht soo wichtig entpuppen.

Grossartige 67 Prozent halten es für deutlich angebrachter, die Zeit von einer Apple Watch abzulesen als von einer dieser knickrigen analogen Uhren. Ist ja auch wahr, jetzt haben wir uns seit dem Mittelalter mit echten Zeigern und Ziffernblättern herumgeschlagen, da war es höchste Zeit, dass endlich jemand die falschen erfand.

58 Prozent finden die Sensoren für die Fitness-Aktivitäten supertoll. Womit bewiesen wäre, dass Apfelprodukte gut für Ihre Gesundheit sind. 48 Prozent sind so vernarrt in das ultracoole Design, dass sie weiter gar nichts tun, als ihr Ührchen zu streicheln und liebkosen. 45 Prozent versuchen mit ihm, ihr nicht minder verehrtes iPhone fernzusteuern. Immerhin 27 Prozent lieben die Herausforderung, all die  Benachrichtigungen, die ja neuerdings an ihrem Handgelenk landen, auch dort zu bearbeiten. 23 Prozent sind die Funktionen eh Wurst, weil sie sowieso jeden neuen Digitalkram ausprobieren. 5 Prozent finden nichts besonders toll, 4 Prozent anderes und 2 Prozent behaupten, es lasse sich gut spielen, auf zwei Quadratzentimetern Glas. Da soll noch einer sagen, Apple hätte nicht schon wieder ganz und gar Revolutionäres geschaffen!

Meist ist sie ja dunkel

Jetzt wird seit einem halben Jahr ein unglaublicher Wirbel um diese Apple Watch gemacht – aber kennen Sie eigentlich jemanden, der eine hat? Ich jedenfalls komme in meinem weiteren Bekanntenkreis genau eine einzige bekennende Trägerin. Oder haben Sie schon je jemanden gesehen, der irgendwas mit diesem Teil anstellt – eine seiner unglaublich coolen Funktionen nutzt? Meist ist sie ja dunkel, die Watch, weil ihr sonst noch vor dem Mittagessen der Saft ausgeht. Sicher, gelegentlich hebt einer in der S-Bahn seltsam ungelenk seinen Arm in Richtung Kopf, um kurz die Zeit zu prüfen. Aber Nachrichten beantworten auf der zweimal daumennagelgrossen Anzeige? Oder in die Uhr reinquasseln zum Telefonieren?   Navigieren? Mit Siri plaudern? Nöö, ist alles offensichtlich zu unpraktisch, oder zu peinlich in der Öffentlichkeit.

Apple Watch mit der Uhrzeit auf der Anzeige

Selten in freier Wildbahn anzutreffen: Eine Apple Watch und erst noch was drauf. (Quelle: Justin14 – Eigenes Werk. über Wikimedia Commons)

Überhaupt scheint mir, als fühlten sich viele Halter einer Apple Watch ein wenig schikaniert. Das bestätigt etwa BranBern, indem er auf Giga.de beichtet: „… ich ertappe mich dabei, wenn ich vom Büro in allgemeine Räume gehe (Raucherzimmer, Küche), dass ich meine hochgekrempelten Ärmel runterlasse (und somit die Uhr überdecke)“ – und dies nur, um ja nicht in den Verdacht zu kommen, dass er damit angeben will. Sowas ist natürlich schlimm und sollte dringend stärker thematisiert werden in unserer Gesellschaft.

Kein Wunder also, wenn sich die derart Geschubsten am liebsten nur in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen vier Wände diesem Wunder modernster Technik widmen. Neuerdings sollen auch die Treffen der Anonymen Apple-Watch-User (AAWU) grossen Zulauf erhalten. Dort können sie sich in solidarischer Umgebung ihrer Leidenschaft hingeben. Dort wird dann gemeinschaftlich der Force Touch geübt. Man eignet sich in moderierten Zweiergruppen die Bedeutung der verschiedenen Vibrationssignale an und verfasst Petitionen an Tim  für grössere Akkus. Das Wichtigste aber sei, sagt meine Informantin, dass man sich gegenseitig aufbaue, gegen die Tyrannei einer missgünstigen Welt stütze und veganen Grüntee trinke. Am besten gefällt ihr jeweils, wenn sich am Ende des Abends alle im Kreis versammeln und den eigenen Herzschlag mit ihren Nächsten teilen.

Milliardenschäden

Letzthin, beim Bier erzählt mir doch Kollege Zirin, es gebe einen internationalen Tag des Werbeblockens. Hätten Sie es gewusst? Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, was eigentlich peinlich ist, für einen, der hier regelmässig schreibt. Das kann ich unmöglich auf mir sitzen lassen, jetzt schreibe ich zum Trotz einen Post dazu.

Wachstum Werbeblocker: 180 Millionen sind weltweit installiert.

180 Millionen Werbeblocker? Das sind noch lange nicht genug. (Quelle: PageFair/Adobe)

Gut: Die Suchmaschine meines Vertrauens nach „Tag des Adblockers“ befragt, liefert 303 000 Treffer, von „Measure how many of your visitors that are using Adblock“ bis „Is ad blocking theft?“. Hm, neuer Versuch: „Tag des Werbeblockers“ liefert so Geschichten wie „1:0 im Streit zwischen Werbeblocker und Springer“ – keinerlei Spuren aber zu einem Werbeblocker-Tag. Ob ich da wohl einem Scherzchen aufgesessen bin?

Egal, das Thema scheint relevant, die Quellenlage ist rosig, also bleibe ich dabei. Weiteres Schnorcheln fördert dann „Adblocker verursachen Milliardenschäden“ zu Tage. Das gefällt mit gut, weil, ich diesen Dingern ja schon immer misstraut habe. Ein Stück Code, das behauptet, Lästiges zuverlässig von Nützlichem unterscheiden zu können, kommt mir per se ziemlich grossmäulig vor. Im Weiteren sind die Dinger ja oft gratis, werden ergo in rauchigen Verliessen unter Tage zusammengeschustert und produzieren täglich viele, viele Abstürze…

Ich klicke den Link also an – und staune. Hier geht es nicht um marodierende Software, sondern um einen Journalisten, der blindlings (?) aus einer PR-Studie von PageFair und Adobe abschreibt. Was die meinen, sind entgangene Einnahmen durch geblockte Werbung. Und die versuchen sie uns jetzt unverschämterweise als Milliardenschäden zu verkaufen. Das ist doch ein guter Grund, demnächst auch mal einen Werbeblocker auszuprobieren, finden Sie nicht?

Zu Gast bei einem Fabrikanten

Wir befinden uns in einer dieser protzigen neoklasizistischen Konzerthallen, von denen in der Welt noch immer viel zu viele stehen: Aus dem dunklen Bühnenhintergrund tritt ein graues Männlein. Das Publikum johlt.

Tim Cook an der Apple-Show vom 9. September 2015

Graues Männlein auf viel zu grosser Bühne (Quelle: Apple)

Das propere blaue Hemd wirkt ein wenig eng über dem leichten Bauchansatz. Die Jeans ist sauber gebügelt. Dazu gibt es Lehrergesicht mit Brille, die Haare, korrekt gescheitelt, links. Etwas fahl wirkt es, das Männlein auf der viel zu grossen Bühne. Doch es dreht wacker eine Runde und winkt und winkt und lächelt, so gut es eben geht, in solch aufregenden Momenten.

„Danke! Danke!“, winke, winke. Das Volk gerät langsam aus dem Häuschen, klatscht sich die Hände wund, als sei es in eine dieser wüsten deutschen Koch-Shows geraten.

„Guten Morgen! Guten Moorgeeen!“ Jetzt schenkt es dem Volk gar ein keckes kleines Joe-Ackermann-V.

„Danke, fürs Kommen!“ würgt es aus einem Hals, der bereits schon trocken zu laufen droht. Auf den Rängen wird eifrig gefilmt.

„Willkommen in San Francisco und im legendären Bill Graham Civic Auditorium! Wir sind ja soo aufgeregt, hier zu sein, heute Morgen! Und wir sind soo glücklich, dass soo viele Menschen aus der ganzen Welt mit uns zusammen sein können – inklusive vieler unserer Mitarbeiter – hallo Jungs!“ Wieder winkt es in die Finsternis hinein. Dort fangen die Mädels zu kreischen an, die Jungs pfeifen, die Opas klatschen, die Omas ringen ihre Hände – 5 Sekunden, 10 Sekunden, 15 Sekunden.

„Es war ein unglaubliches Jahr für …“ ja, für wen denn eigentlich? Für den Regionalsparkassenverein Kalifornien? Für die Mormonengesellschaft, die sich mal wieder eine Delegiertenversammlung im sündigen Süden gönnt? Oder für den Weltverband der Motivationstrainer und -innen?

Falsch, falsch, falsch! Wir sind hier zu Gast bei einem Fabrikanten elektronischer Konsumgüter, der ein paar Verbesserungen für seine Gerätchen ankündigt. Das ist ja nett und nötig, aber was bitte gibt es denn da zu johlen? Und wer zum Geier ist dieses graue Männlein?

Zu Hause im Netz

Die kennen jetzt aber auch gar nichts mehr, diese Hacker. Jetzt haben die doch grad die Daten von 36 Millionen Kunden des Seitensprungportals Ashley Madison ins (Dark-)Netz gestellt – samt Bedienungsanleitung. So eine Kacke aber auch! Ich hoffe jetzt, Sie sind dort nicht auch dabei…

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Das mit der Diskretion versuchen wir noch mal von vorn, gell Ashley?

Mal ganz unsentimental: Solche Dienste erleichtern es einem Viertel oder – je nach Studie – einem Drittel der Menschheit, einem Bedürfnis nachzukommen, das zwar moralisch zweifelhaft, aber offensichtlich angeboren ist. Niemand braucht sich mehr hormongetrieben in viel zu lauten Clubs und Bars um Schlaf und Gesundheit zu bringen. Ein kurzer Besuch bei Ashley genügt – vorzugsweise via Handy, in der Strassenbahn zum Beispiel, unterwegs vom Büro ins traute Heim. Rasch Geschlecht, Zivilstand und sexuelle Ausrichtung eingegeben, und schon gibt’s ein paar Leckerli zum Gucken. Freilich, bevor das Abenteuer in Reichweite kommt, gilt es noch das üppige Registrierformular zu meistern, aber das sind wir uns ja gewohnt.

Solche Techtelmechtelmärkte ersparen einem allerlei ungelenken Smalltalk und Peinlichkeiten. Sie sind billig und vergleichsweise gesund, weil niemand dauernd Drinks spendieren und in sich hineinzuschütten braucht. Sie schonen die Nerven, weil sich keiner 10 mal blamieren muss, um 1 mal zu landen. Sie sind diskret, weil die Chance, beim Baggern vom Schwager ertappt zu werden, gegen null tendiert. Und so weiter. Sie sind also alles in allem eine saubere Lösung für eine schmuddelige Angelegenheit. Effizient, zielführend, zeitnah – wie der Manager zu sagen pflegt.

Und warum hackt man nun ausgerechnet diese Plattform? Wohl kaum aus moralischem Antrieb, wie die Jungs vorzuschieben versuchen. Wahrscheinlich einfach, weil sich die Gelegenheit bot und weil sie berühmt oder reich werden wollen oder beides. So läuft das, hier zu Hause im Netz.

Von eigenen Sachen und schwelenden Konfliktherden

Ich hole jetzt gerne nach, was eigentlich vor einer Woche schon hätte getan werden müssen: Ich begrüsse aufs Freundlichste unsere neue Mitstreiterin Janine Aegerter!

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Hurra, Frau an Bord! (Schackmonster von Silje Bergum Kinsten via Wiki Commons)

Nachdem wir uns als Altherrenduo nun eineinhalb Jahre durch die digitale Wildnis geschrieben und gekalauert haben, ist das schon ein ausserordentliches Ereignis. Weil: Erstens fühlen wir uns nun nicht mehr gar so alleine in den dunklen, beklemmenden Niederungen des Bloggerreichs. Zweitens schreiten wir nun noch kompetenter in die Zukunft, weil Janine wirklich weiss, was sie meint, wenn sie über Digitales schreibt. Drittens gewinnen wir mit ihr an Sozialkompetenz und Optimismus.
Ihre ersten Spuren hat sie jedenfalls schon hinterlassen, im Blog wie im Team. An den Redaktionskonferenzen beispielsweise wird (pro Kopf) nun deutlich weniger Alkohol konsumiert. Wir üben uns in gendergerechtem Verhalten und kommunizieren Unternehmenskritisches neuerdings über Threema:
Janine: Stimmt dieser Satz? „Dieser zuckt nicht einmal mit der Wimper, zieht sein Android-Handy hervor und scannt via NFC lässig die kreditkartengrosse Fahrkarte, der Stolz der SBB und die Zukunft aller Zugreisenden.“ Irgendwie klingt er komisch, finde ich.
Filip: Jep, ein Fallfehler. Ausser, du hättest da einen Gedankenstrich eingefügt. Für solche Fragen ist die Sprachpolizei besser. Ich bin da mehr der intuitive Typ, korrigiere dann, wenn es auffällig klingt…
Janine: Ok *grins*, danke!
Ich: Auch wenn ich bei Filip ein leichtes Frotzeln in meine Richtung herauszuhören glaube: Das mit dem Gedankenstrich klingt vernünftig.
Filip: Was heisst hier frotzeln? Ich beantrage für René eine Sprachpolizeimarke, zur Stärkung seiner Autorität. Aus welchem Budget finanzieren wir das?
Ich: Ich sag’s ja: Wer sich heute für eine anständige Ausdrucksweise im Netz einsetzt, wird auch noch verhöhnt.
Janine: Ich lasse den Gedankenstrich doch lieber weg.
Filip: Ich bin erschüttert!
Janine: Sollten wir mal über schwelende Konfliktherde reden? Ich stelle mich gern als Mediator zur Verfügung.
Ich: Mediatorin, heisst das bitteschön! Und Konfliktherde gibt’s hier nicht, nur vernachlässigte Satzzeichen.
Filip: Ich freue mich schon auf die Workshops. Baue doch bitte Bongos und Triangel ein. Da stehe ich drauf. @René: Steh doch zu unseren Problemen!
Ich: (stumm, weil in einer Sitzung)
Janine: Bongos und Triangel – klingt schauderhaft nach „hebsch mi, gschpürsch mi“.
Filip: ÖFFNE DICH!

Begehung allerlei groben Unfugs

„Eine Selfie-Stange (auch Selfie-Stick oder Selfie-Stab) ist eine zumeist teleskopierbare Stange, die als Armverlängerung für den Fotografen dient. Wesentlicher Verwendungszweck ist das Sich-selbst-Fotografieren mit einer richtungsjustierbaren Kamera am dem Handgriff gegenüberliegenden Ende, insbesondere einem Smartphone, also das Erstellen eines sogenannten Selfies.“ Alles klar? So steht’s jedenfalls in Wikipedia aber so richtig elegant scheint mir das dann doch nicht formuliert zu sein.

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„Selfie, Louvre, Paris 12 June 2015“ von Douglas O’Brien from Canada über Wikimedia Commons

Was soll’s! Dieser Zauberstab ist ein Renner und gehört in den Fundus jedes ambitionierten Egomanen. Er ist so ab 30 Franken zu haben, in verschiedenen Materialien und Farben versteht sich. So ermöglicht er nun „den perfekten Schnappschuss. Von oben, unten und von vorne. Tolle Winkel – tolle Bilder!“ Es gibt welche mit einer Fernbedienung, die 10 m weit reichen soll – wofür, erschliesst sich zwar nicht, aber gut zu wissen. Es gibt solche mit extra weich gepolstertem Smartphone-Halter, der das gute Stück vor Kratzern schützt.

In der freien Wildbahn indes macht sich nicht nur zum Affen, wer damit hantiert, sondern gefährdet auch noch seine Umgebung und sich selbst. Im Tram steht er meist quer und neigt dazu, ins Auge zu gehen. In Museen zerschrammt er mit Vorliebe Expressionisten. Im öffentlichen Raum lässt er seine Eigentümer rückwärts vors heranrasende Auto stolpern. Auf Brücken nötigt er sie, sich noch einen Tick weiter übers Geländer zu lehnen. Im Fussballstadium wird er flugs zum Schlag-Stick. Im Urlaub verursacht er Beziehungskrisen, wenn vergessen, und ganz generell begünstigt er die Begehung allerlei groben Unfugs.

Im Römer Kolosseum ist er deshalb verboten. Das hat zwei amerikanische Reisende nun allerdings nicht daran gehindert, a) ihre Namen in eine der antiken Wände zu ritzen und sich b) anschliessend mit dem Selfie-Stick damit abzulichten. Verhaftet worden sollen sie sein – recht so.