Ein paar Wochen im Voraus

Montagabend, Zeit für ein Schwätzchen mit dem anderen Ende der Welt, doch Skype spinnt grad auf meinem Handy. Ja, ich skype noch – nicht, weil ich finde, das sei jetzt die ultimative Art des Ferngesprächs, sondern, weil ich es für das kleinere Übel halte – wegen der Schindluderei mit meinen Daten, Sie wissen schon.

Hallo Microsoft: Bitte ernst nehmen.

Skype weigert sich, mich beim Server anzumelden. „Vorgang misslungen … versuchen Sie es später“ oder so ähnlich wird mir mitgeteilt. Doch später geht eben auch nichts. Nicht mal neu installieren hilft.

Ich befragte das Web und lande in einem Forum. (Ja, ich treibe mich noch in Foren rum – nicht, weil ich die für die coolsten Informationsquellen hielte, aber Sie wissen schon…) Jedenfalls erfahre ich dort, dass mein Betriebssystem, also Windows Phone (WP) 8.1, Skype nicht mehr unterstützt. (Und ja, ich nutzte noch Windows Phone, nicht, weil ich es für die angesagteste Plattform hielte – aber Sie wissen schon…)

Als wäre das nicht schon genug, muss ich auch zur Kenntnis nehmen, dass WP 8.1 gar selbst nicht mehr unterstützt wird, von Microsoft nämlich. Was für eine Kacke! Und überhaupt, warum muss ich das eigentlich in irgend so einem Forum erfahren? Microsoft hätte weissgott die Möglichkeit gehabt, mich beispielsweise über ihren eigenen Schnatterkanal („Mit Skype bleibt die Welt im Gespräch“) mal kurz anzuchatten.

Ein paar Wochen im Voraus wären nett gewesen und ein wenig Zerknirschtheit im Unterton auch. Man hätte mir ans Herz legen können, doch bitte auf WP 10 hochzurüsten. Selbiges, und das sei die gute Nachricht, laufe nämlich auf meinem Handy tipptopp. Bei der Gelegenheit hätte mir auch gleich gestanden werden können, dass das neue System nicht über die Update-Funktion des alten zu bekommen ist, sondern nur über erst zu installierende App.

Ich hätte sicher kurz geflucht, mich dann aber an die Arbeit gemacht. Vielleicht hätte ich mich gar aufs neue Betriebssystem gefreut. Aber so, wie das jetzt gelaufen ist? Da komme ich mir schon akut vergackeiert vor und dafür wünsche ich den Heinis in Redmond erstmal sämtliche sieben biblischen Plagen an den Hals und Schweissfüsse noch dazu.

Glückauf!

Da wollte unser lieber Herr Bundespräsident Schneider-Ammann letzthin wieder mal richtig auf die Pauke hauen. 50 „Digital Shapers“ hat er zusammengetrommelt, um sich publikumswirksam mit ihnen um die digitale Zukunft der Schweiz zu sorgen. Herausgekommen ist das „Digitale Manifest für die Schweiz“ – ein Papierchen, von dem man sich fragt, ob’s wohl gar der Trumpschen Wahlkampfküche entflattert sein könnte.

Den Wirbel hör ich wohl, Herr Präsident, nur die Botschaft will sich nicht erschliessen. (Bild: Trommler, 1512, Scan by NYPL via Wiki Commons)

Den Wirbel hör ich wohl, Herr Präsident, nur die Botschaft will sich nicht erschliessen. (Bild: Trommler, 1512, Scan by NYPL via Wiki Commons)

Doch der Reihe nach. Was sind eigentlich „Digital Shapers“, wie wird man zu so einem und warum wurde ich zu der Sause nicht eingeladen? Wenn ich das Gruppenbild so ansehe, denk ich mir, da würde ich doch eigentlich recht gut reinpassen. Ein Mann bin ich jedenfalls, und das scheint eines der Hauptkriterien gewesen zu sein. Gut, vielleicht bin ich ja kein Shaper? Ein Shaper ist nach Fremdwörterduden so etwas wie ein Former, Gestalter. Mal ehrlich, hätten Sie’s gewusst? Wie auch immer – die Bloggerei hier scheint mich in Herrn Schneider-Ammanns Augen jedenfalls noch nicht als Shaper zu qualifizieren. Damit kann ich leben. Und immerhin, hier hat wieder jemand einen konstruktiven Beitrag zum Managervokabular geleistet. Wurde auch Zeit – mit „Opinion Leaders“ und „Decision Makers“ lässt sich ja schon kaum mehr imponieren.

Zurück zum Manifest: Eigentlich ist es nicht der Rede wert. Wer sich hin und wieder Schundliteratur à la „Wired“ gönnt und die neoliberalen Traktätchen der letzten 30 Jahre nicht komplett verpasst hat, wird nichts Neues finden. Ein Müsterchen: „Regulierung muss primär neue Ideen ermöglichen, statt bestehende Geschäftsmodelle schützen. Geltende Gesetze sollen auf ihre Tauglichkeit für die digitale Transformation überprüft werden.“ Will heissen: Der Staat ist eigentlich ja nur dazu da, den Unternehmern das Leben so weit wie irgend möglich zu versüssen. Schliesslich sind sie ja die wahren Helden unserer Zeit. Das meinen die Bauern schon lang und die Banker neuerdings auch wieder.

Ganz putzig auch: „Neue Ideen dürfen nicht besteuert werden, bevor sie Gewinne abwerfen. Firmengründer, Investoren und Mitarbeiter, die sich an einem Start-up beteiligen, dürfen steuerlich gegenüber einem klassischen Investment am Kapitalmarkt nicht benachteiligt werden.“ Nett gemeint, liebe Shapers, aber falsch gedacht. Nicht die Besteuerung der Start-ups ist das wesentliche Problem unserer Zeit, sondern die Nichtbesteuerung des global schmarotzenden Kapitals.

Und besonders gut gefällt mir noch: „Grosse etablierte Firmen haben die Aufgabe, ihre Geschäftsmodelle im digitalen Umfeld kannibalisieren zu lassen und die Zusammenarbeit mit Start-ups zu unterstützen und zu fördern.“ Na dann, glückauf!

Sie Rabenvater, Antonio Garcia Martinez!

Zwei Jahre lang hatten Sie Zeit, für unsere liebste virtuelle Schunkelbude eine neue Produktstrategie zu entwickeln. Haufenweise Geld haben Sie dabei verdient und doch nichts Gescheites hingekriegt. Klar, dass Zucki Sie gefeuert hat, und klar, dass Ihnen das stinkt.

Zitat: Antonio Garcia Martinez: "Was die Zukunft meiner Kinder angeht: Ich werde sie nicht auf Facebook lassen."

Antonio Garcia Martinez: geschasster Facebook-Boy und herzloser Erzieher in „Das Magazin“, 27. August 2016

Aber nun das: Sie wollen Ihren Kleinen das infantile Kommunikationsmittel schlechthin verbieten? So etwas, mein Lieber, grenzt an Isolationshaft, an Folter und dürfte der Sozialisation Ihrer Sprösslinge schlecht bekommen. Wie man weiss, neigen derart misshandelte Kinder später zur Überkompensation. Die werden im Leben dann Aussendienstler, Sprachtherapeutinnen, Hassprediger oder sonst was Zweifelhaftes. Wenn Sie grosses Pech haben, werden sie gar Politiker, und zwar von der liberalen Sorte. Das sind bekanntlich die, die für die Abschaffung Ihrer Altersrente stimmen werden. Also, vielleicht doch nochmal drüber nachdenken?

Konfliktmanagement

Lassen Sie mich nochmals auf die selbstfahrenden Autos zurückkommen. Also, erstens habe ich unterdessen erfahren, dass diese lustigen Spielzeuge doch mehr Mist bauen, als ich eigentlich erwartet hatte. Wer’s nicht glaubt, darf sich auf Youtube gerne selbst ein Bild davon machen.

Rajiv im Knast

Das Leben als Programmierer hatte sich Rajif auch anders vorgestellt. (Bild: Mohanatnow via Wiki Commons)

Zweitens hat die Sache bei näherem Hinsehen ungeahnt verzwickte Seiten: Nehmen wir an, eine selbstfahrende Karosse zieht innerorts ein wenig um die Häuser – brav im Rahmen des Tempolimits. Nehmen wir weiter an, ihr kommt einer dieser riesigen, gelben Bagger entgegen, die jeden, der nicht selbst drauf sitzt, in tiefste Minderwertigkeitsdepressionen stürzen. Wie auch immer: Kurz bevor sich die beiden kreuzen, schert hinter dem Bagger in ein Motorrad zum Überholen aus. Der Autopilot rechnet kurz nach und kommt zum Ergebnis: Bremsen wird wohl nicht reichen.

Wenn er das Zweirad samt Fahrer verschonen will, bleiben ihm zwei Optionen: a) Er reisst das Auto nach links vor den Bagger oder b), er weicht rechts übers Trottoir aus. Mit a) gefährdet er seinen eigenen Passagier. Mit b) riskiert er Leib und Leben zweier Rentnerinnen, die vor dem Gartentürchen gerade munter schwatzen.

Was tut ein guter Roboter in solch einem Fall? Schiesst er das Motorrad ab, weil dessen Pilot ja schliesslich Schuld am ganzen Schlamassel ist? Wirft er sich vor den Bagger, weil sein Fahrer von allen Gefährdeten die besten Knautschzonen drumrum hat (den Baggerfahrer darf er aufgrund der herrschenden Massenverhältnisse ja vernachlässigen)? Fährt er die Rentnerinnen platt, weil er die verbleibende Lebenserwartung der Beteiligten gegeneinander aufrechnet? Egal was – jemand wird zu Schaden kommen, soviel ist klar.

Unklar hingegen ist, wer im folgenden Gerichtsverfahren für die Entscheidung des Roboters gerade stehen muss. Naheliegend wäre ja der Autohersteller. Dessen Anwälte werden aber bestimmt mit dem Finger auf den Hersteller des Autopiloten zeigen. Jener wiederum wird die Klage flugs an den Unterlieferanten weiterreichen, der für Softwaremodul 22b „Konfliktmanagement“ zuständig ist. Der findet nach eingehender Prüfung des Codes in Zeile 52 596 der Subroutine AFS/32-5 einen Hack, der nicht konform mit Chapter 3.5 der Programming Guidelines ist. Besagte Subroutine behandelt zwar bloss den Defekt eines der beiden Aussentemperatursensoren, aber immerhin, da hätten wir schon mal was Gerichtsverwertbares. Und weil sich der Unfall in Oracle, Arizona (USA), zugetragen hat, die Subroutine aber in Indien geschrieben wurde, hat Programmierer Rajif aus Mubai nun Klagen am Hals, dass ihm die Ohren schlackern.

Vom Untergang des Abendlandes

Jessas, Maria und Josef, jetzt haben wir doch tatsächlich den ersten Toten durch ein selbstfahrendes Auto! Und ganz blöd lief das noch dazu: Der Autopilot eines Tesla (was sonst?) hat – doof, wie er ist – den Aufbau eines Sattelschleppers mit einem Verkehrsschild verwechselt und folgerichtig angenommen, da komme er locker untendurch. Dem Fahrer (des Tesla, nicht minder doof) fällt auch nichts auf, weil er gerade anderweitig beschäftigt war – mit Videogucken,  sagt man. Und rums! der Tesla kracht seitlich in den Lastwagen. Beim Versuch, unter ihm durchzutauchen verliert er zwar Dach und Eigentümer, aber immerhin, er kommt auf der anderen Seite wieder raus. Der Autopilot, dieser unsensible Kerl, ist zwar etwas verwirrt, findet aber, das sei ja gar nicht so schlecht gelaufen. Also fährt noch „einige Hundert Fuss“ weiter, bis ihn ein standhafter Strommast doch noch  zum Stehen bringt.

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Teuer, doof, Tesla (Bild: ReubenGBrewer via Wikicommons)

Die Medien stellen seither eifrig die Haftungsfrage, die Verkehrsbehörden reiben sich verschlafen die Augen. Die Bedenkenträger wussten es ja immer schon – autonome Autos sind des Teufels. In den digitalen Kuschelecken wird krass Betroffenheit zelebriert, der Aktienkurs von Tesla taucht kurz um drei Prozent, rappelt sich indes gleich wieder auf – also: keine Panik auf der Titanic?

Natürlich ist das tragisch, natürlich ist es elend, wenn einer so brutal und unverhofft aus dem Leben gerissen wird. Aber wissen Sie, was das Schlimmste am Ganzen ist? Der vielgepriesene Elon Musk himself samt seiner treudoofen Fangemeinde. Der traut sich am Tag 1 nach dem Sündenfall tatsächlich, ein lakonisches „Our condolences for the tragic loss!“ über Twitter (wo sonst?) auf die Hinterbliebenen abzufeuern. Und als wäre das nicht schon genug: Der Dödel hängt auch noch einen Link zur offiziellen, garantiert keimfreien Stellungnahme seiner PR-Abteilung hintan.

Dort kriegt man unter dem Titel „A Tragic Loss“ gleich mal die Perspektive zurechtgerückt: Der Autopilot sei bitteschön schon mehr als 130 Millionen Meilen gefahren, bevor er jetzt den ersten Toten produziert habe. Demgegenüber töteten konventionelle, also von Menschen gesteuerte Autos, in den USA durchschnittlich schon alle 94 Millionen Meilen einen Menschen – und weltweit gar schon nach 60 Millionen Meilen. Das tröstet doch ungemein und 4425 Twitterfuzzis gefällt es auch noch. Wenn das mal nicht der Anfang vom Untergang des Abendlandes ist.

Und die Moral von der Geschichte? Erstens: Man sperre all diesen grössenwahnsinnigen Hightechbubis ihre Twitter-Konten. Zweitens: Man verbiete dem Menschen endlich, Kraftfahrzeuge zu fahren, denn so bescheuert wie der dürfte sich selbst der lausigst programmierte Autopilot kaum je aufführen.

Arg handycapiert

Letzthin im Zug, da war mir ziemlich langweilig. Es war schon stockdunkel draussen, und es gab überhaupt nichts Interessantes zu gucken im Fenster. So sah ich mich nach etwas Lesbarem um im Abteil und fand eine dieser netten, bunten Frauenzeitschriften. Die sind ja nicht durchgängig uninteressant für unsereins, weil es neben all dem aufgeregten Kosmetik- und Modegeplapper ja oft noch so Ratgeber zum Thema Männer gibt. Da kann man fast immer was lernen.

Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons

Glückliches Mädchen, als der Gebrauch von Kommunikationsmitteln noch nicht gesundheitsgefährdend war. (Winslow Homer: The Dinner Horn (Blowing the Horn at Seaside), 1870, via Wiki Commons)

Aber darum geht es jetzt gar nicht, sondern um einen erschütternden Beitrag einer Barbara Sonnentag und Erkenntnis, dass unsere Damen noch viel stärker durch die Digitalisierung gefährdet sind als gedacht. Rund um den Erdball ringen offensichtlich Orthopäden die Hände, weil ihnen immer mehr weibliche Opfer die Praxen mit einem neuen Krankheitsbild einrennen: dem Handynacken. Medizinisch gesehen handelt es sich dabei um eine Überlastung der oberen Wirbelsäule infolge ständigen Blicks auf das Handy. Menschlich gesehen ist das eine Tragödie, weil so was nicht nur höllisch wehtun, sondern schlimmstenfalls den ganzen Oberkörpers auf Dauer immobilisieren kann. Kurz: Die Betroffenen sind arg handycapiert.

Schöne Kacke, nicht? Jetzt sind die Mädels schon im Büro ständig dieser ungesunden Informatik ausgesetzt, wo sie sich dann laufend Mausarme, gereizte Augen und Kribbelfinger einfangen. Nein, jetzt werden sie auch noch in ihrer Freizeit – von ihrem liebsten Gadget notabene – an Leib und Gesundheit bedroht. Und all das nur, weil ihnen ein paar geldgeile Jungs aus dem Silicon Valley auf Teufel komm raus Designerdrogen wie Facebook, Whatsapp oder Pinterest verdealen.

Herrje, François Flückiger!

Ich wünschte mir, dass Menschen im Web mehr Ideen austauschen und weniger über sich selbst reden.

François Flückiger in Weltwoche 19-20/2015

Also wirklich, lieber Herr Flückiger, da haben Sie sich ja total global in die Nesseln gesetzt. Sie, als Computerwissenschaftler am Cern, immerhin die Wiege des WWW, und Mitglied der Internet Hall of Fame, derart kulturpessimistisch? Immerhin verdanken wir dem neu entdeckten Narzismus im Web so erlesene Errungenschaften wie die Nacktfotos von Kim Kardashian, die Videopredigten von Roger Köppel, die Fanpage der Bözen Onkels.

Das, mein Lieber, sind die Dinge, die das Volk sehen will – Millionen von Freunden, Zigtausende von Followers können nicht irren. Aber Ideen austauschen? Braucht‘s nicht, bringt‘s nicht, gibt Kopfweh und klingt weiss Gott nicht lustig. Das Leben ist schliesslich, wie man heute weiss, eine Casting-Show und keine Erfindermesse.

Zu rollenden Assistenzcomputern mutiert

Ich kam also letzthin in meinem fortgeschrittenen Alter auf die – laut meiner Liebsten – Schnapsidee, ein Motorrad zu kaufen. Nun ist es ja nicht so, dass ich mich zu diesen Spätberufenen zählen würde, die sich irgendwo jenseits der 50-er-Grenze beweisen müssen, dass sie noch immer vollwertige Macker sind. Sie wissen schon: Das sind die, die dann anfangen Marathons zu rennen, ihre Gattinen gegen 25-jährige Blondinen eintauschen oder sich, eben, schwergewichtige Maschinen samt martialischem Outfit zulegen. Nö, ich bin bloss einer, der seinen letzten Töff vor 20 Jahren verkauft und letzthin den Fehler gemacht hat, in den Ferien einen Roller zu mieten.

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Motorrad oder Blondine? Am besten beides. (Bild: Andreas Praefcke via Wiki Commons)

Ich suche also einen seriösen Händler auf, frage ihn, ob er etwas Kleines, Gemütliches zu vermieten hätte. Ich wolle bloss herauszufinden, wie sich das anfühlt nach so langer Zeit. Der gute Mann nickt, guckt nach und sagt, er hätte da noch eine 800-er, die sei genau das Richtige für mich. Ich schlucke leer, denn die grösste Maschine, die ich seinerzeit gefahren bin, war eine 250-er-Zweitakt. Die hatte 30 PS, wog 160 kg und galt immerhin als recht flott. Jetzt will mir der eine Maschine mit 85 PS und knapp über 200 kg anvertrauen?

Das sei doch überhaupt kein Problem. Mittlerweile gelte so etwas als Einsteigermaschine und überhaupt, die heutige Technik unterstütze den Fahrer doch in allen Lebenslagen. ABS lasse ihn sorglos bremsen, selbst in Kurven und auf Schotter. ASC sorge dafür, dass das Hinterrad auf glatter Strasse nicht durchdreht. ESA stimme Federn und Dämpfung aufs Gelände ab. ESC passe ganz allgemein auf, dass da ja nix ins Schlingern gerät. Drive by Wire lasse den Motor mitdenken und das sei bei weitem noch nicht alles.

„Aha!“, denke ich mir, „Motorräder sind also inzwischen auch zu rollenden Assistenzcomputern mutiert, die jeder Dödel fahren kann.“ Ich miete das Teil trotzdem, und wissen Sie was? Es stimmt.

Nicht vordrängeln

Mein Internetradio spinnt und deshalb sehe ich mich gerade nach einem neuen um. Das sollte in unserer freien Marktwirtschaft kein Problem sein, möchte man meinen. Aber weit gefehlt – das Angebot ist mickrig. Mir jedenfalls scheint es heute eher kleiner als vor ein paar Jahren noch. Es gibt kaum mehr Geräte, die man nicht auf den ersten Blick als Ramsch abschreiben muss. Es wird gespart, wo es nur geht: am Material, an der Klangqualität, am Design. Offensichtlich ist diese Art von Radio mittlerweile zum Gadget einer geizgeilen Randgruppe verkommen. Dabei: Wie soll man heute bitteschön noch Radio hören, wenn nicht übers Internet? Über UKW ist ja nur dieser Formatradiobrei zu bekommen. Der lässt sich allenfalls zu Beschallung von Bahnhofklos verwenden, aber hören kann ich das pubertäre Gedudel schon lang nicht mehr.

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Daten gehören ins Kabel. (Bild: dhester via Morguefiles.com)

Doch zurück zum Thema. Da finde ich trotz allem ein Radio, das gut aussieht und auch sonst solide wirkt. Ich besuche also den Händler, drücke dran rum und höre hinein. Es klingt so gut, wie es aussieht und fühlt sich auch so an. Doch als ich es umdrehe, fehlt tatsächlich die Buchse für das Netzwerkkabel. Das, klärt mich der Verkäufer auf, brauche heute doch eh kein Mensch mehr. Kein Mensch? Gut, ich hatte schon öfter den Verdacht, ein Ausserirdischer zu sein. Aber auch die haben so Wünsche und Vorstellungen, oder?

Zu meinen gehört jedenfalls, dass Daten in ein Kabel gehören und nicht in die Luft. Dort sind sie sicher aufgehoben, wissen wo’s lang geht, werden nicht gestört und können keinen Schaden anrichten. Glauben Sie jetzt jetzt aber ja nicht, ich gehöre nicht zu den hypersensitiven Zeitgenossen, die schon beim Anblick einer Handyantenne Migräne kriegen. Ich behaupte auch nicht, dass funkende Geräte grundsätzlich des Teufels sind. Aber: Man weiss es einfach nicht, ob und was der Wellensalat in unseren Körpern anrichtet, der täglich auf uns einprasselt. Das werden wir erst in 10, 20 oder 30 Jahren erfahren. So lange dauert es halt, das gross angelegte Strahlenexperiment, an dem wir alle teilnehmen. Bis dahin will ich mich nicht vordrängeln, wenn es darum geht, wer jetzt die grösste Dosis abbekommt. Sie verstehen?

Zu fehleranfällig

Nun gut, seit letzter Woche ist es amtlich: Die Briten sind schwach im Rechnen. Ein Fünftel der Erwachsenen dort kann weder Bruch- noch Prozentrechnen. Ein gutes Viertel ist ausserstande, die Fläche eines Kreises oder einen Durchschnitt zu berechnen, von Trigonometrie oder Statistik ganz zu schweigen.

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Schöner rechnen mit Briten (Bild: Dree’Ja via Wikicommons)

Überraschen sollte uns das eigentlich nicht. Wer wollte, konnte ja schon Ende der 1970er-Jahre vermuten, dass man auf der Insel 1 und 1 nicht zusammenzählen kann. Wie sonst liess sich erklären, dass man ein gewisse Frau Thatcher zur Premierministerin wählte und so ein ganzes Königreich dem neoliberalen Mob zum Frass vorwarf?

Das war in der Tat fatal. Aber heute? Mal ehrlich, ist Rechnen gesellschaftlich überhaupt noch relevant? Mittlerweile trägt doch jeder Brite rund 1,23 Smartphones herum, auf denen eine bestens ausgestattete Rechner-App nur darauf wartet, genutzt zu werden. Kommt dazu, dass heute jeder ein paar Hundert Facebook-Freunde hat, die ihm allzeit bei kleinen Rechenproblemen gerne aus der Patsche helfen. Also nochmal: Spielt Rechenschwäche noch irgendeine Rolle?

Aber sicher! Doch anders als Sie nun denken mögen: Wer nicht rechnen kann, wird im Pub beschissen. Das ist gerade bei den Briten, mit ihrer Vorliebe für vergorene Getreideprodukte besonders heikel. Und weil die Rechenleistung menschlicher Gehirne mit steigendem Alkoholspiegel noch weiter sinkt, wird der Anteil an Beschissenen bald die kritische Grenze von 50 Prozent überschreiten. Dann wird sich also die Mehrheit der Briten beschissen vorkommen – entweder vom Pub oder vom Alkohol. Das Resultat davon dürften allerlei Facebook-Initiativen für die Schliessung der Pubs und das Verbot von Alkohol sein. Und wie man die Angelsachsen so kennt, werden sie auf die eine oder andere Art Erfolg haben.

Was dann folgt, lässt sich in Geschichtsbüchern nachlesen: Prohibition, Mafia, Mord und Totschlag. In Nordirland werden sich Katholiken und Protestanten mit alter Verve und neuem Elan die Birnen einhauen. Die Schotten werden die Gelegenheit nutzen und sich aus dem Reich verdrücken. Das wird gewiss den Geheimdienst auf den Plan rufen. Der wird das Volk dank umfassender Schnüffellizenz nach allen Regeln der Kunst schikanieren. Letzteres wird sich endlich auch vom Staat beschissen fühlen. Ein Shitstorm biblischen Ausmasses wird sich übers Land ergiessen, ein Aufstand wird folgen, dann eine Revolution. Die wird gelingen und es der dannzumal meistgeliketen Community ermöglichen, die Regierungsarbeit durch Menschen zu verbieten (zu fehleranfällig, zu korrumpierbar). Daraufhin wird sie die Geschäfte der Exekutive einer gigantischen Cloud übertragen. Die wird von drei autonomen Megarechnern bestellt, die auf die Namen Peace, Happiness und Pancake hören. Der erste steht bei Google, der zweite bei Facebook und der dritte bei Amazon. Well, well, well: wilkommen im Staat 3.0!