Virtual Reality am Strand

„Wir fliegen einen Looping über den oberen Zürichsee bei Rapperswil. Der beginnt bei rund 300 Meter und am oberen Kulminationspunkt sind wir etwa 3000 Meter hoch.“ Das ist die Stimme von Gunnar Jansen, einem Piloten der Patrouille Suisse. Ich sitze mit ihm in seinem Tiger F-5-Kampfjet und sehe den ganzen Zürichsee über meinem Kopf.

Die Fliehkräfte, die bei dem Manöver an der F5 zerren, spüre ich aber nicht. Denn in Wirklichkeit sitze ich am Boden unter freiem Himmel und schaue mir den Flug von Jansen als Film durch eine Virtual-Reality-Brille an.

Besucher der Web-2.0-Konferenz re:publica von 2016 in Berlin testen VR-Brillen aus. Quelle: flickr.com // re:publica/Jan Michalko // CC BY 2.0

Der Film über Jansen war Teil des Virtual Reality Openair Cinemas, das Ende August im Zürcher Strandbad Mythenquai stattfand. Eine Vorstellung beinhaltete mehrere Kurzfilme, die ich mir durch eine VR-Brille ansehen konnte. Die Brille erhielt ich vor Ort, und nach einer kurzen Einführung begann das 360-Grad-Kinoerlebnis.

Unausgereift und improvisiert

Was gut klingt, wirkte in der Realität leider sehr improvisiert: Wir sassen auf Bänken an den Tischen, die den Besuchern des Badirestaurant üblicherweise als Sitzplatz dienen. Das Platzangebot war klein. Was eher schwierig ist, wenn man sich einen 360-Grad-Film anschaut. Denn wenn ich mich drehte, um eine andere Perspektive des Films zu sehen, stiess ich immer wieder mit dem Kopf beziehungsweise der Brille meines Sitznachbarn zusammen. Glücklicherweise kannte ich ihn.

Eigentlich hätte es anders laufen sollen. Denn die Veranstalter hatten das virtuelle Kinoerlebnis im Vorfeld mit Drehsesseln beworben. Was für einen solchen Event perfekt gewesen wäre. Hinzu kam, dass die Auflösung der Videos schlecht war, die besagten Sitzbänke hart und der Akku der VR-Brille meines Sitznachbarn nach drei Minuten leer. Glücklicherweise konnte er eine andere Brille aufsetzen, die noch auf dem Tisch lag.

Zudem kosteten die Tickets pro Person 19 Franken, also gleich viel wie ein regulärer Kinoeintritt. Dort sitzt man aber in Polstersesseln und sieht sich einen Film in erstklassiger Qualität an. Immerhin beinhaltete das Gesamtprogramm des Virtual Reality Openair Cinemas eine gute Mischung: Von der Geschichte eines syrischen Flüchtlings über die Besteigung des Eigers bis hin zu einer Reise durchs Weltall war alles dabei. Einzig die drei Filme über Pancho, den Chihuahua aus Los Angeles, hätten die Veranstalter getrost weglassen können.

Bei unserer Vorstellung bekamen wir insgesamt drei vom „Blick“ produzierte Filme zu sehen, die man allesamt schon seit längerer Zeit auf Youtube findet: Neben dem Flug mit Gunnar Jansen gab es eine Kurzreportage über die Bergretter der Air Zermatt zu sehen, bei der man im Helikopter mitfliegt. In einer weiteren Kurzreportage erzählen Patent Ochsner von ihrem Leben als Band. Zuletzt gab es noch einen Werbefilm zum Volvo XC90 zu sehen. Auch diesen findet man auf Youtube. Dass das entsprechende Volvo-Modell nach dem Filmende gut sichtbar beim Ausgang stand, versteht sich von selbst.

Acht, nicht drei

Organisiert hatten den Event der Gastrobetrieb Hiltl und We Are Cinema, hinter dem das Unternehmens Vertical Ventures steht. Hiltl führt das vegetarische Restaurant im Mythenquai – daher auch die Location beim Badirestaurant. We Are Cinema startete hinterher via E-Mail eine Umfrage, um herauszufinden, ob den Besuchern das Kinoerlebnis gefallen hatte. Wer mitmachte, nahm automatisch an der Verlosung einer „Spectacles“- Sonnenbrille mit integrierter Kamera von Snapchat teil.

Die Umfrage hätte gemäss den Angaben von We Are Cinema maximal drei Minuten in Anspruch nehmen sollen. Ich habe dafür acht Minuten benötigt. Zwölf Fragen mit Unterfragen, bei denen ich mich teilweise fragte, was sie damit bezwecken wollten: das Setting des Festivals, die Dekoration vor Ort oder die Freundlichkeit der Hosts. Mit jeweils fünf Abstufungen von miserabel bis sehr gut. Abkürzungen waren unmöglich. Ich. Musste. Jede. Frage. Einzeln. Ausfüllen. Ich wüsste gerne, ob sie selbst versucht haben, ihre Umfrage unter drei Minuten sorgfältig auszufüllen.

Sollte es in in Zukunft also mehr VR-Kinoanlässe in der Schweiz geben, müssen sich die jeweiligen Veranstalter meiner Meinung nach ein besseres Konzept ausdenken. Bequeme Drehsessel mit genügend Abstand zum Sitznachbarn und Filme in HD-Qualität würden helfen.

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