Konfliktmanagement

Lassen Sie mich nochmals auf die selbstfahrenden Autos zurückkommen. Also, erstens habe ich unterdessen erfahren, dass diese lustigen Spielzeuge doch mehr Mist bauen, als ich eigentlich erwartet hatte. Wer’s nicht glaubt, darf sich auf Youtube gerne selbst ein Bild davon machen.

Rajiv im Knast

Das Leben als Programmierer hatte sich Rajif auch anders vorgestellt. (Bild: Mohanatnow via Wiki Commons)

Zweitens hat die Sache bei näherem Hinsehen ungeahnt verzwickte Seiten: Nehmen wir an, eine selbstfahrende Karosse zieht innerorts ein wenig um die Häuser – brav im Rahmen des Tempolimits. Nehmen wir weiter an, ihr kommt einer dieser riesigen, gelben Bagger entgegen, die jeden, der nicht selbst drauf sitzt, in tiefste Minderwertigkeitsdepressionen stürzen. Wie auch immer: Kurz bevor sich die beiden kreuzen, schert hinter dem Bagger in ein Motorrad zum Überholen aus. Der Autopilot rechnet kurz nach und kommt zum Ergebnis: Bremsen wird wohl nicht reichen.

Wenn er das Zweirad samt Fahrer verschonen will, bleiben ihm zwei Optionen: a) Er reisst das Auto nach links vor den Bagger oder b), er weicht rechts übers Trottoir aus. Mit a) gefährdet er seinen eigenen Passagier. Mit b) riskiert er Leib und Leben zweier Rentnerinnen, die vor dem Gartentürchen gerade munter schwatzen.

Was tut ein guter Roboter in solch einem Fall? Schiesst er das Motorrad ab, weil dessen Pilot ja schliesslich Schuld am ganzen Schlamassel ist? Wirft er sich vor den Bagger, weil sein Fahrer von allen Gefährdeten die besten Knautschzonen drumrum hat (den Baggerfahrer darf er aufgrund der herrschenden Massenverhältnisse ja vernachlässigen)? Fährt er die Rentnerinnen platt, weil er die verbleibende Lebenserwartung der Beteiligten gegeneinander aufrechnet? Egal was – jemand wird zu Schaden kommen, soviel ist klar.

Unklar hingegen ist, wer im folgenden Gerichtsverfahren für die Entscheidung des Roboters gerade stehen muss. Naheliegend wäre ja der Autohersteller. Dessen Anwälte werden aber bestimmt mit dem Finger auf den Hersteller des Autopiloten zeigen. Jener wiederum wird die Klage flugs an den Unterlieferanten weiterreichen, der für Softwaremodul 22b „Konfliktmanagement“ zuständig ist. Der findet nach eingehender Prüfung des Codes in Zeile 52 596 der Subroutine AFS/32-5 einen Hack, der nicht konform mit Chapter 3.5 der Programming Guidelines ist. Besagte Subroutine behandelt zwar bloss den Defekt eines der beiden Aussentemperatursensoren, aber immerhin, da hätten wir schon mal was Gerichtsverwertbares. Und weil sich der Unfall in Oracle, Arizona (USA), zugetragen hat, die Subroutine aber in Indien geschrieben wurde, hat Programmierer Rajif aus Mubai nun Klagen am Hals, dass ihm die Ohren schlackern.

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