Sie werden alle sterben

Zalando ist böse. Das ist nicht neu. Der Online-Händler fördert das Lädelisterben. Er drückt die Preise. Er ist aggressiv. Er ermöglicht einen massiven Päckli-Retourversand, ohne dass der Kunde einen Rappen dafür ausgeben muss. Er ist schier unschlagbar, weil es nun mal viel bequemer ist, Kleider und Schuhe vom Sofa aus zu bestellen, statt in einen Laden zu gehen, der nur die Hälfte an Auswahl bietet.

Schuhe

Quelle: flickr.com // Markus Pichlmaier // CC BY-ND 2.0

Dass aber Zalando dafür verantwortlich sein soll, dass Jugendliche bald keine Arbeit mehr finden, weiss ich erst seit gestern. Erfahren habe ich das in einem ehrwürdigen, alteingesessenen Schuhladen. Einem, der noch richtig schöne Schuhe aus echtem Leder verkauft, die man anderswo nicht so einfach findet. Als ich dort fündig werde, freue mich und sage der Verkäuferin, wie toll ich ihren Laden finde, weil er sich vom Einheitsbrei abhebt. Ihre Reaktion auf das Lob ist verhalten: „Fragt sich nur , wie lange wir noch überleben“, sagt sie lapidar.

Wo denn das Problem liege, will ich wissen.

„Wissen Sie, die Leute kaufen nur noch bei Zalando ein“, klagt sie. „Die Jungen sind sich gar nicht bewusst, was sie damit anrichten. Sie schneiden sich ja direkt ins eigene Fleisch.“

Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen.

Die Verkäuferin redet sich in Rage: „Alle kleinen Läden werden in Zukunft aussterben, wenn es so weitergeht. Die Stadt wird aussterben. Shoppen und flanieren können Sie dann vergessen. Und dabei ist es das, was die Jugendlichen mögen. Shoppen. Man müsste sie schon in der Schule sensibilisieren, damit sie sich bewusst sind, was sie damit anrichten. Oder die Medien müssten darüber berichten. Und Lehrstellen wird es dann auch nicht mehr geben. Die Jugendlichen werden in Zukunft keine Arbeit mehr finden! Ich fürchte mich richtig, wenn ich an die Zukunft meiner Grosskinder denke.“

Ich bin sprachlos. Ihre Sichtweise erscheint mir etwas gar tiefschwarz. Und Schulen oder Medien in die Verantwortung zu ziehen, wenn es einem Teil der Wirtschaft schlecht geht, finde ich etwas gar abenteuerlich. Klar kann ich ihren Frust verstehen. Vor allem dann, wenn Kunden in ihren Laden kommen, Schuhe probieren und diese dann online bestellen, nur weil sie dort fünf bis zehn Franken günstiger zu haben sind.

Nur wer sich anpasst, überlebt

Aber gleichzeitig denke ich bei mir, dass es neben einer Verkäuferlehre noch ganz viele andere Ausbildungsplätze gibt. Will einwenden, dass kleine Läden nur dann überleben können, wenn sie sich eine Nische suchen, in der sie sich behaupten können. Und dass es nichts bringt, an alten Mustern festzuhalten, statt sich dem Markt anzupassen. So bietet der besagte Schuhladen zwar eine etwas zusammengebastelte Website an, aber keinen Online-Shop. Bestimmt gibt es dafür Gründe. Aber zukunftsträchtig ist es sicher nicht.

Das alles behalte ich aber für mich. Höre der Verkäuferin so lange zu, wie es der Anstand gebietet und verabschiede mich dann. Solange es den Laden noch gibt, werde ich weiterhin dort Schuhe kaufen. Aber sollte es ihn mal nicht mehr geben, werde ich vermutlich wissen, woran es liegt.