Fast wie bei den Scientologen

Keep Calm and Tweet

Die Mailbox wird’s Ihnen danken. Quelle: Wiki Commons

Was passiert eigentlich, wenn man zwar Mitglied in einem sozialen Netz ist, aber dort nicht regelmässig herumlungert? Richtig, man gerät alsbald ins Visier des Kundendienstes und wird sozial betreut, heisst: ordentlich bespamt. Klar, das Ziel dabei ist stets dasselbe, nämlich die verirrten Schäfchen wieder zurück zur Herde zu leiten, aber die Mittel, die sind doch erstaunlich unterschiedlich.

Fangen wir an bei Google+: Dort scheint man mich inzwischen entweder vergessen oder meine Posts in diesem Blog gelesen zu haben. Jedenfalls hat man mir im innerhalb eines Jahres gerade vier Mails gewidmet. Weiter so!

Pins

Pinterest wiederum schickt mir stoisch jede Woche eine Sammlung von „Pins, die dir gefallen werden“. Weil aber mein Östrogenspiegel immer noch zu wünschen übrig lässt, bleibt das natürlich folgenlos. Mir gefallen weder die „Wedding Photo Ideas“ von Erin noch die lustigen „Yummy Mummy Dogs“ von Stacey (obwohl – die sehen eigentlich recht unanständig aus). Und Beth’s great Ideas zum Organisieren von Kühlschränken helfen auch nicht weiter. Das Gute daran: der Link zum Abbestellen.

Freunde

Facebook ist schon deutlich fürsorglicher: Von dort kriege ich im Schnitt alle drei Tage den netten Hinweis: „Du hast mehr Freunde auf Facebook als du denkst“. Das beruhigt doch ungemein. Aber Spass beiseite: In Wirklichkeit will Zucki ja nur an meine Kontakte. Das klingt dann so: „Du findest alle deine Freunde am schnellsten auf Facebook, indem du deine E-Mail-Kontakte importierst.“ Netter Versuch, aber leider nein.

Auch den Rechnern von Twitter ist rasch aufgefallen, dass ich mich so gut wie nie sozial betätige. Deshalb versorgen sie mich plusminus zweimal wöchentlich mit Motivations-Mails. Hier scheint man aber richtig Geld für die Programmierung einer mehrstufig eskalierenden Kundenbetreuungslösung ausgegeben zu haben. Es fängt an mit den „Trends dieser Woche auf Twitter“. Das sind eine Handvoll Tweets, von denen der Server meint, sie interessierten mich. Typischerweise sind das solche, mit denen SRF für seine Sendungen oder Rafi Hazera für seinen Blog wirbt. Wahlweise lässt sich auch Herr Hugi nochmals zum Grippen vernehmen und der FC Zürich zu seinem Unentschieden gegen Aarau. Faszinierend.

Fehlende Profilfotos

Hilft das nichts, stuft mich der Algorithmus nach ein paar weiteren Wochen als renitent ein, legt einen Zacken zu und mahnt: „Rene Mosbacher, vervollständige Dein Twitter Profil noch heute!“ Er legt mir nahe, endlich mein Profilfoto abzuliefern, einen Hintergrundheader einzufüllen und eine kurze Biografie nachzureichen – „Worauf wartest Du?“ Gute Frage.

Diese Phase dauert ein, zwei Wochen. Dann schaltet die Logik wieder auf nett: „Twitter hat Vorschläge für Dich!“ Weil sie mich für unfähig hält, schlägt sie mir ein paar Leute vor, denen ich folgen kann, um an die Informationen zu kommen, die für mich „heute wirklich wichtig sind oder es morgen vielleicht sein werden.“ Das klingt ja schon fast wie bei den Scientologen.

Abgesehen davon: Mir ist schleierhaft, was mir die vorgeschlagenen Leute bringen sollen. Zwei Journalisten der NZZ sind darunter, deren Artikel ich im realen Leben stets zu überblättern pflege. Dazu kommt noch einer aus dem Tessin. Der macht den Eindruck, er sei gerade auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung und vertreibe sich derweil die Zeit mit Posten in so gut wie allen sozialen Netzen, und zwar auf Italienisch.

So geht noch etwas Zeit ins Land, bevor Twitter dann winseln beginnt: „Hallo Rene Mosbacher! Nimm Dir zwei Minuten und komme zu Twitter zurück! … Wir haben Dich auf Twitter vermisst!“ Ist das nicht rührend?