Was die Nutzer wollen

Banka_mydlana

Filterblasen fürs Volk! Quelle: Wiki Commons

Altpapier entsorgen ist ja keine sonderlich aufregende Sache. Bisweilen jedoch stösst man dabei auf ungeahnte Trouvaillen. So neulich bei mir zu Hause, als mir beim Bündelschnüren folgende Schlagzeile ins Auge stach: „Die europäischen Populisten haben einen neuen Feind: Google“, hiess es da. Es war der Titel zu einem Kommentar in der NZZ am Sonntag. Der Autor hiess Chanchal Biswas und er ist der stellvertretende Chefredaktor dort. Der Beitrag war schon eine Woche alt – ich muss ihn übersehen haben, wahrscheinlich, weil ich Kommentare eigentlich nie lese. Die halte ich in der Regel für etwa so überflüssig wie die Schlagzeugsoli an Jazzkonzerten.

Herr Biswas also fand, er müsse sich dringend über die Google-Kritik in Europa lustig machen. Er schnödet ein wenig über die hängige Klage der Konkurrenz, die sich durch die Geschäftspraktiken von Google benachteiligt fühlt. Er rümpft das Näschen über die linken Wirtschaftsminister Deutschlands und Frankreichs, die den EU-Wettbewerbskommissar auffordern, gegen Google vorzugehen. Er findet es lächerlich, wenn der deutsche Minister öffentlich vor totalitären Tendenzen im Internet warnt und die Zerschlagung des Suchmaschinenbetreibers anregt. Herr Biswas hält das alles für „Google-Bashing“ im Zeichen des Europawahlkampfs.

„Google ist eine Macht. Aber muss der Konzern deswegen auch reguliert werden?“ fragt er – und das, nachdem er ein paar Zeilen zuvor festgestellt hat, dass 90 Prozent der Internetsuche in Europa über Server eben dieser Firma laufen. So ein bisschen Oligopol hat ja noch keiner realen Marktwirtschaft geschadet, gell. Google zu zerschlagen hingegen hiesse, die Internetsuche zu regulieren und das wäre dann nichts weniger als Häresie! Völlig undenkbar, denn: „Würden alle Vorschläge der Google-Kritiker umgesetzt, hätte man am Schluss eine staatlich festgelegte Trefferliste. Das ist nicht das, was die Nutzer wollen“.

Hier erklärt uns also ein offensichtlich geschichtsresistenter Ökonom, was die Nutzer so wollen. Hier plädiert einer im Jahr sieben der Bankenkrise dafür, das Volk voll liberal und in hübschen, bunten Filterblasen verblöden zu lassen. Wie antidemokratisch ist das denn? Ich als Nutzer zöge eine staatlich regulierte Trefferliste dem jetzigen Gemauschel jedenfalls eindeutig vor. Das gäbe mir wenigsten die Illusion von ein wenig Transparenz und demokratischer Legitimation.