#sotchi

Keine Medaille für Skijaeger

Letzthin auf Twitter

Nachdem ich letzthin über Twitter gefrotzelt habe und sich gar niemand so recht darüber aufgeregen wollte, nehme ich das gerne nochmal auf. Also, ich will Ihnen jetzt die Geschichte von Franz erzählen. Franz ist schon ein etwas älteres Modell. Er hält sich aber geistig für durchaus noch rege und trägt sich schon länger mit dem Gedanken, einem dieser famosen sozialen Netzwerke beizutreten. Weil er in seiner Pendlerzeitung letzthin aufgeschnappt hat, dass es Twitter zwar gerade nicht so gut gehe, sich dort aber vergleichsweise doch die gehobeneren Kreise aufhalten sollen, entscheidet er sich spontan.

Er nimmt also all seinen Mut zusammen und hangelt sich durch den leicht interpretationsbedürftigen Registrationsprozess des Kurz-Nachrichtendienstes. Auf der heiligen Startseite angekommen, bestaunt er deren stupende Sprödheit. Er lässt sich von der sorgsam gepflegten Wir-sind-die-Insider!-Atitüde berücken, von all den sprachlichen Artefakten und den grassierenden Sonderzeichen. Das alles erinnert ihn an die ASCII-Mailboxen, an die fiependen Modems der frühen 1990er-Jahre; er seufzt.

Seine Augen tänzeln über den Bildschirm, auf der Suche nach etwas Bekanntem, etwas Verständlichem. Dann bleibt er dankbar bei #sotchi hängen – Sport verbindet und trägt ja zur Völkerverständigung bei, wie man hört. Er klickt also auf #sotchi und freut sich darauf, gleich alles Wichtige über die Olympiade serviert zu bekommen, „gerade so wie eine Zeitung, in der Dich alle Überschriften interessieren„.

Franz bekommt zuerst vier Bilder von durchwegs fragwürdiger Güte zu sehen, die wohl irgendwas mit Sotchi zu tun haben sollen. Das erste zeigt einen Zeitungsausschnitt, auf dem zu lesen ist: „Keine Medaillen für Skijäger“ und „Die deutschen Biathlon-Männer scheiterten gestern wieder beim Scheissen. Heute sollen es die Frauen rausholen“. „Bah“, denkt sich Franz, „die deutschen Biathlon-Männer gehen mir am Arsch vorbei!“ Aber wie das so läuft im digitalen Leben, er klickt trotzdem drauf. Es öffnet sich ein Rahmen, dort drin breitet sich das Foto doppelt so gross aus wie zuvor, und es wird dadurch nicht besser.

Franz bewundert die Schlieren um die Buchstaben herum und fragt sich, ob das jetzt Kunst sei. Während sein Blick wieder zu vagabundieren beginnt, hellt sich sein Gesicht unversehen auf. Unter dem Bild sieht er eine Box, in der Box findet er das Profilbild vom Absender des Auschnitts und das zeigt ein bekanntes Gesicht. Es gehört Oliver Pocher, den er von Rundfunk und Fernsehen her kennt und verehrt. Franz ist entzückt, findet rasch die Schaltfläche für „Antworten“, klickt drauf und schreibt mit feuchten Fingern: „Sehr geehrter Herr Pocher, das ist aber schön, dass Sie auch hier sind. Freundliche Grüsse Franz, Schweiz“.

Franz wird noch ein par Mal wiederkommen und vergeblich auf eine Antwort warten. Doch irgendwann wird ihm das zu blöd. Er wird sich die Adresse von Herrn Pochers Website erschnorcheln und sich dort direkt via fananfragen@oliverpocher.de über den offensichtlich mangelnden Anstand in deutschen Komikerkreisen beschweren.