Idealismus allein reicht nicht

Die Schweizer Suchmaschine Swisscows braucht Geld. Denn anders als Google finanziert sie sich nicht mit Nutzerdaten und personalisierter Werbung, sondern verspricht eine anonyme Suche. Weder IP-Adressen noch Suchbegriffe der Nutzer würden gespeichert, zudem würden die Nutzer nicht getrackt, heisst es auf der firmeneigenen Website.

„Gemeinsam für mehr Datenschutz und ein sicheres Internet: Es klingt schon fast unrealistisch, aber wir glauben daran und folgen dieser Vision.“ (Bild: Screenshot von swisscows.ch)

Im Rahmen einer Spendenaktion sind bisher erst 170’000 der erforderlichen 500’00 Franken zusammengekommen. Andreas Wiebe, CEO von Hulbee, dem Unternehmen, das hinter Swisscows steht, lässt sich davon nicht beirren: Der Spendenaufruf verlaufe positiv, zwar nicht wie bei Wikipedia oder Mozilla, „aber wir sind zufrieden“. Allerdings wird er mit dem Erlös nicht alle Kosten für Technik, Infrastruktur und Entwicklung decken können, wie er sagt.

Immerhin erhält er nach eigenen Aussagen „Tausende Briefe von Nutzern, die sich bei uns bedanken und uns weiterhin Ausdauer und Glück wünschen.“ Sie wüssten, dass man eine Suchmaschine „nicht aus purem Eifer am Leben erhalten kann“.

Lösung für Unternehmen

Neben Einnahmen aus Spenden finanziert sich Swisscows unter anderem mit einer semantischen Suchlösung für Unternehmen, mit der man unstrukturierte Daten finden kann. Beispielsweise Office-Dateien, die unter Umständen neu erstellt werden müssten, weil man sie nicht mehr findet. Die Lösung namens „Hulbee Entreprise Search“ besteht entweder aus der Suchsoftware allein oder einem Paket bestehend aus Software- und Hardware (Server). Google hatte ein ähnliches Produkt, Google Search Appliance, im Februar dieses Jahres nach 14 Jahren Laufzeit beerdigt. Bleibt also zu hoffen, dass Swisscows mit der eigenen Lösung erfolgreicher sein wird.

Natürlich können Unternehmen bei Swisscows auch Werbung schalten, müssen aber akzeptieren, dass die Suchmaschine nicht die gleiche Reichweite bietet wie Google und keine auf den Nutzer zugeschnittene Werbung möglich ist.

Umkämpfter Markt

Die Zeit wird zeigen, ob sich Wiebes Unternehmen am Markt behaupten kann. Derzeit verarbeitet Swisscows 17 Millionen Suchanfragen pro Monat. Das klingt nicht schlecht. Nur: Google verarbeitet 3,5 Milliarden Suchanfragen pro Tag. Auch sind die Suchergebnisse von Swisscows nicht so gut wie bei Google. Das liegt allerdings auch daran, dass Swisscows erst seit 2,5 Jahren existiert und noch am eigenen Index arbeitet. Ursprünglich setzte das Unternehmen überall den Index von Bing ein, inzwischen kommt dieser laut Wiebe nur noch in den USA und anderen weit entfernten Ländern zum Einsatz.

Letztlich ist Wiebe darauf angewiesen, dass Menschen sein Unternehmen unterstützen, weil sie dessen Konzept gut finden und mithelfen wollen, eine Alternative zum Datensammler Google zu entwickeln. Wer so etwas durchziehen will, braucht eine gehörige Portion Idealismus. Wiebe scheint diese zu haben: Er hofft, Swisscows zur „datensichersten Suchmaschine der Welt“ aufzubauen und es in den nächsten fünf Jahren auf den dritten Platz hinter Google und Bing zu schaffen. Zudem will Wiebe seine Suchmaschine in eine Stiftung integrieren. Auch dafür braucht er Menschen, die bereit sind, in seine Geschäftsidee zu investieren.

Weiter will er künftig eine sichere E-Mail- und Messaginglösung anbieten und sich vermehrt im Bildungssektor und in Schulen engagieren. Schon heute bietet Swisscows einen Ratgeber für digitale Medienerziehung an. Dazu passt auch, dass pornographische und gewaltorientierte Inhalte gesperrt werden, um Kinder zu schützen. Damit kann sich die Suchmaschine „familienfreundlich“ nennen. Dies erhöht vermutlich ihren Sympathiebonus und somit ihre Lebenschancen.

Glückauf!

Da wollte unser lieber Herr Bundespräsident Schneider-Ammann letzthin wieder mal richtig auf die Pauke hauen. 50 „Digital Shapers“ hat er zusammengetrommelt, um sich publikumswirksam mit ihnen um die digitale Zukunft der Schweiz zu sorgen. Herausgekommen ist das „Digitale Manifest für die Schweiz“ – ein Papierchen, von dem man sich fragt, ob’s wohl gar der Trumpschen Wahlkampfküche entflattert sein könnte.

Den Wirbel hör ich wohl, Herr Präsident, nur die Botschaft will sich nicht erschliessen. (Bild: Trommler, 1512, Scan by NYPL via Wiki Commons)

Den Wirbel hör ich wohl, Herr Präsident, nur die Botschaft will sich nicht erschliessen. (Bild: Trommler, 1512, Scan by NYPL via Wiki Commons)

Doch der Reihe nach. Was sind eigentlich „Digital Shapers“, wie wird man zu so einem und warum wurde ich zu der Sause nicht eingeladen? Wenn ich das Gruppenbild so ansehe, denk ich mir, da würde ich doch eigentlich recht gut reinpassen. Ein Mann bin ich jedenfalls, und das scheint eines der Hauptkriterien gewesen zu sein. Gut, vielleicht bin ich ja kein Shaper? Ein Shaper ist nach Fremdwörterduden so etwas wie ein Former, Gestalter. Mal ehrlich, hätten Sie’s gewusst? Wie auch immer – die Bloggerei hier scheint mich in Herrn Schneider-Ammanns Augen jedenfalls noch nicht als Shaper zu qualifizieren. Damit kann ich leben. Und immerhin, hier hat wieder jemand einen konstruktiven Beitrag zum Managervokabular geleistet. Wurde auch Zeit – mit „Opinion Leaders“ und „Decision Makers“ lässt sich ja schon kaum mehr imponieren.

Zurück zum Manifest: Eigentlich ist es nicht der Rede wert. Wer sich hin und wieder Schundliteratur à la „Wired“ gönnt und die neoliberalen Traktätchen der letzten 30 Jahre nicht komplett verpasst hat, wird nichts Neues finden. Ein Müsterchen: „Regulierung muss primär neue Ideen ermöglichen, statt bestehende Geschäftsmodelle schützen. Geltende Gesetze sollen auf ihre Tauglichkeit für die digitale Transformation überprüft werden.“ Will heissen: Der Staat ist eigentlich ja nur dazu da, den Unternehmern das Leben so weit wie irgend möglich zu versüssen. Schliesslich sind sie ja die wahren Helden unserer Zeit. Das meinen die Bauern schon lang und die Banker neuerdings auch wieder.

Ganz putzig auch: „Neue Ideen dürfen nicht besteuert werden, bevor sie Gewinne abwerfen. Firmengründer, Investoren und Mitarbeiter, die sich an einem Start-up beteiligen, dürfen steuerlich gegenüber einem klassischen Investment am Kapitalmarkt nicht benachteiligt werden.“ Nett gemeint, liebe Shapers, aber falsch gedacht. Nicht die Besteuerung der Start-ups ist das wesentliche Problem unserer Zeit, sondern die Nichtbesteuerung des global schmarotzenden Kapitals.

Und besonders gut gefällt mir noch: „Grosse etablierte Firmen haben die Aufgabe, ihre Geschäftsmodelle im digitalen Umfeld kannibalisieren zu lassen und die Zusammenarbeit mit Start-ups zu unterstützen und zu fördern.“ Na dann, glückauf!

Licht im Tunnel – Ausgang oder Gegenzug?

Eigentlich leben wir Menschen in der wohlbehüteten westlichen Welt in interessanten Zeiten. Überall geht die Post ab. Ein Umwälzungsprozess nach dem anderen kündigt sich an.  So türmen sich die Themen, die eigentlich einer ausführlichen Diskussion bedürfen würden, doch sie finden einfach zu selten statt. Das Resultat davon: Mit Sorge, berechtigterweise, blicken wir in die Zukunft, da sie so volatil wie noch nie scheint.

Zwei Strassen die um einen Berg führen treffen sich vor dem nächsten Berg.

Stehen wir schon am Scheideweg? Wäre schön und es gibt durchaus Gründe zur Hoffnung.

Mit Vollgas in den Untergang
Es sind auch schizophrene Zeiten. Die etablierten Medien versagen immer häufiger darin, uns die Welt zu erklären (zuletzt bei der Wahl von Donald Trump). Zudem müssen sie zusehen, dass ihr Geschäftsmodell ihnen wie Sand zwischen den Fingern verrinnt. Nun versuchen sie, mit täglichen Meldungen über neue Gerüchte und Vermutungen über Trump rauszuholen, was an Klicks noch zu holen ist. Das Orchester auf der Titanic hat die Lautstärke nochmals aufgedreht.

Aufrührerische Gedanken
Man kann über die Wahl von Trump denken, was man will. Er scheint mir ein hässliches Symptom unserer Zeit. Doch zum Glück gibt es auch Anzeichen der Hoffnung. Da und dort geistert der Gedanke umher, ob es angesichts der zukünftigen US-amerikanischen Regierung vielleicht doch angebracht wäre, sich in der Datensammelei zurückzuhalten oder mit Verschlüsselung besser die Privatsphäre zu schützen? Hört hört!

Am historischen Scheideweg?
Natürlich gefährden solche Ideen, die im Silicon Valley an Blasphemie grenzen, echte und imaginäre Geschäftsmodelle. Die (Möchtegern-)Goldgräber werden sich das nicht so einfach nehmen lassen. Wie auch immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ausserdem hege ich im Gegensatz zu manchen Untergangspropheten immer noch die Hoffnung, dass sich diese US-Wahl vielleicht noch als Beginn der Katharsis entpuppen wird. Denn das gesamte Ausmass unserer politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme wird zunehmend sichtbar.

Tag eins nach dem Weltuntergang

Egal ob man sich dafür interessiert hat oder nicht: In der westlichen Hemisphäre ist niemand an den US-amerikanischen Wahlen vorbeigekommen. Ein Skandal jagte den anderen. Die beiden Bewerber ums Weisse Haus schenkten sich nichts. Nun hat das Präsidenten-Casting ein Ende gefunden und das ist gut so. Die Zerrissenheit der US-amerikanischen Bevölkerung breitete sich zunehmend aus. Auch bis in die Schweiz. Vom Spektakel gleichermassen angeekelt und fasziniert schmökerte auch ich in der Nacht streckenweise auf Twitter und konnte wie immer das ganze Spektrum menschlicher Emotionen in Satz-Häppchen aufnehmen.

Trump schielt beim Wählen auf den Wahlzettel seiner Frau Melania.

Hey Schatz, wo genau muss ich ankreuzen?

Masochistische Verzweiflung bis Galgenhumor
Twitter ist diesbezüglich ein wunderbares Medium für Erwachsene. Erwachsene deswegen, weil es schon ein wenig Reife braucht, um mit dem umzugehen, was einem da um die Ohren fliegt. Von Neo-Apologeten Jeff Jarvis, die heute die Welt brennen sehen und ihr eigenes Geschlecht verdammen, weil es den sexistischen Trump gewählt hat. Über Uber, die damit werben, ihren Kunden zu helfen, einfacher das richtige Wahllokal zu finden. Bis hin zu Leuten, die wirklich glauben, dass nun der Messias zurückgekommen ist. Am liebsten ist mir, wenn man solche Situationen mit Humor nimmt wie Victor Giacobbo: „Zwar nicht die erste Frau im Weissen Haus, aber immerhin der erste Troll.“

Welchen Teil der Verantwortung trägt Social Media?
Da der Wahlkampf nun zu Ende ist, beginnt die Zeit des Zurückblickens und der Analyse. In diesem unglücklichen Ende stecken viele Lektionen drin. Eine Lektion ist schon jetzt mal klar: Wer mit Social Media einen weltweiten Marktplatz anbietet und jedem ein Megaphon in die Hand drückt, muss eine Strategie für den Fall auf Lager haben, wenn das Ganze ausufert. Zu behaupten, dass man nur den Marktplatz anbietet und für das, was dort passiert nicht verantwortlich ist, geht in dieser Grössenordnung nicht mehr.

Das Silicon Valley und seine Fanboys haben sich bisher gern mit Revolutionen in anderen Ländern geschmückt und so getan, als hätten sie massgeblich zum Weltfrieden beigetragen. Jetzt ist die Revolution in die USA zurückgekehrt. Was jetzt, Mark Zuckerberg und wie ihr alle heisst?

Daten teilen

Es ist gar noch nicht so lange her, dass den Begriff „Open Government Data“ nur ein paar Visionäre benutzten. Manch einer lachte sie wohl damals aus, nannte sie verrückt und dachte, sie würden bald wieder von der Bildfläche verschwinden. Die Visionäre aber liessen sich nicht beirren. Sie gründeten den Verein opendata.ch, organisierten regelmässig Hackathons und Open Data Hackdays und klopften an unzählige Türen, in der Hoffnung, dass diese sich öffnen würden. Denn sie träumten von einem Land, dessen Regierung (nicht sensible) Daten zur Verfügung stellt, damit die Bevölkerung diese für sich nutzen kann.

Quelle: flickr.com // velkr0 // CC BY 2.0

Quelle: flickr.com // velkr0 // CC BY 2.0

Inzwischen ist Open Government Data vermutlich das, was man „salonfähig“ nennen könnte: Das Behördenportal opendata.swiss ist kürzlich neben fünf anderen Gewinnern mit dem CH Open Source Award 2016 ausgezeichnet worden. Es ist aus der Open-Government-Data-Strategie Schweiz 2014-2018 des Bundes entstanden. Bisher stehen auf opendata.swiss neun Anwendungen zur Verfügung: unter anderem das Meteodaten-Portal windundwetter.ch für Segel- und Naturfreunde oder der „Dichtestressomat“, der zeigt, was Dichtestress wirklich bedeutet. Diese Anwendungen sind aber nur ein Bruchteil dessen, was in den letzten Jahren auf der Basis von offenen Behördendaten an Applikationen und Visualisierungen entwickelt wurde.

Das Prinzip hinter Open Government Data ist einfach: Teilen statt nur im eigenen Gärtli denken. Indem man andere einlädt, bisher unter Verschluss gehaltene Daten zu nutzen, können neue Anwendungen entstehen. So entwickelte das Zürcher Softwareunternehmen Ubique beispielsweise auf Basis der Rohdaten des Bundesamtes für Verkehr (fahrplanfelder.ch) die Fahrplan-App Viadi und den dazugehörigen Online-Fahrplan vbot.ch. Als Viadi auf den Markt kam, schlug sie die damalige SBB-App in der Schnelligkeit der Fahrplanabfrage um Längen. Dafür bietet sie im Gegensatz zur SBB-App keine In-App-Ticketkäufe und keine Verspätungsmeldungen.

Statt sich zu bekämpfen, haben die beiden Unternehmen ihre Kräfte gebündelt und die neue Version der SBB-App, die ab heute für iOS und Android erhältlich ist, zusammen entwickelt. User konnten die Preview-Version der App zudem über Monate hinweg testen und Verbesserungsvorschläge anbringen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die App „SBB Mobile“ kommt um einiges sexier und benutzerfreundlicher daher als ihre Vorgängerversion. Teilen lohnt sich manchmal eben schon.

Checkst Du schon oder rätselst Du noch?

Google, der Filterblasen-Lieferant unseres Vertrauens, hat sich letzte Woche entschieden, in der U.S.-Version seines News-Services eine weitere „Info“-Rubrik einzufügen: Fact Check. Wenn eine News zu einem bestimmten Thema auftaucht, wird (sofern vorhanden) auch ein Artikel hinzugefügt, der die in der News beschriebenen Fakten überprüft.

Screenshot aus Google News

Fact Check: Das Einfallstor in die neue Wahrheit. Nur eine Rubrik von vielen. Das kann sich aber auch jederzeit ändern.

Die Qualität wird von Google beurteilt
Welche Texte als Fakten-Checker-Texte taugen, entscheidet Google anhand des Inhalts und anhand von Kennzeichnungen im Quelltext der Seite. Google nennt als gutes Beispiel das International Fact-Checking Network. Gemäss NZZ behält sich Google auch das Recht vor, Inhalte von Websites in News und der Suche herabzustufen, wenn missbräuchlich behauptet wird, auf Fact Checking zu setzen. Dies wird aber im Blogpost von Richard Gingras, Head von Google News, nicht erwähnt.

Mit Faktenkontrolle gegen den Beelzebub-Kandidaten im Wahlkampf
Fact Checking ist das Hysterie-Wort des Jahres in den USA. Ausgelöst durch die zahlreichen falschen und bis zur Unkenntlichkeit übertriebenen Behauptungen im U.S.-amerikanischen Wahlkampf schreien die Demokraten danach, um Donald Trump den Saft abzudrehen. Und die Medienhäuser versuchen damit wieder zu kitten, dass sie Donald Trump so viel Sendezeit gegeben und zu diesem Schlamassel beigetragen haben.

Wieder mal eine technische Lösung für ein gesellschaftliches Problem
Nun ging Google, noch vor den Wahlen, noch einen Schritt weiter. Was wie eine hilfreiche Funktion im Dickicht des Internet-Dschungels klingt, stellt eher eine potenzielle Gefahr für die Demokratie dar. Und das gleich aus mehreren Gründen:

  • Nur einfache Behauptungen (z.B. „die meisten Ausländer sind kriminell“) können eindeutig widerlegt werden. Alles andere sind Interpretationen von Informationen. Und Menschen interpretieren nie ausgewogen.
  • Wer entscheidet, wann ein Fakt in den Texten geklärt ist? Und wie gründlich hat dies zu geschehen? Google hat darauf zwar keinen Einfluss, aber wählt die Kontrollorgane aus. Diese erhalten damit sehr viel Macht.
  • Google entscheidet nun nicht nur, was wir sehen (Filterblase), sondern auch noch, was wahr ist. Google bestimmt, welche Organisationen vertrauenswürdig sind und verleiht ihnen somit zusätzliche Glaubwürdigkeit.
  • Wenn uns ständig jemand vorgibt, was stimmt und was nicht, wird unsere Medienkompetenz noch weiter sinken.

Man kann mir gerne vorwerfen hier „Technopanik“ zu verbreiten. Das mag zwar sein, doch ist bei Google immer grosse Vorsicht geboten. Nicht nur, weil die Jungs aus dem Silicon Valley in einem Verzerrungsfeld leben, sondern weil sie auch noch verdammt viel Macht haben.

Berndeutsch in 23 Minuten

„Es gibt auf der Welt nicht nur Berner. Dies muss ich immer wieder mit Erstaunen feststellen. Ja, es gibt sogar so manche, die verstehen kein Berndeutsch. Unglaublich, eigentlich. Man muss sich dies einmal vorstellen: ein Leben ohne Berndeutsch! Dabei ist es ja nicht so schwer. Berndeutsch lernt man in dreiundzwanzig Minuten. Nicht das beste Berndeutsch, das gebe ich zu, aber immerhin öppys.“

Screenshot von berndeutsch.be

Screenshot von berndeutsch.be

Dieser Begrüssungstext springt einem auf der Website www.berndeutsch.be entgegen. Wer weiterliest, wird wie versprochen Schritt für Schritt in den Berner Dialekt eingeführt. Dazu gehört beispielsweise, gewisse Endungen am richtigen Ort abzuschneiden. Das macht man mit der sogenannten „Wegschnayd-Reegel“, die ein „ich habe“ zu einem „i ha“ zurechtstutzt oder ein „gemacht“ zu einem „gmacht“. Weiter wird erklärt, dass man ein „Sp“ durch ein „Schp“ ersetzen soll. Aus „Spass“ wird so „Schpass“, aus „kostbar“ wird „koschtbaar“ etc.

Auch die Betonung wird erklärt:

„Das Berndöytsche ist etwas laaangsaaaamer aals daas Hooochdöööytsche und wiiird schtäärker betOOOnt. Fersuuchen Sy das: IIIIIch SEEEhe ayn SCHÖÖÖnes MÄÄÄdkcheen.“ (Das Berndeutsche ist etwas langsamer als das Hochdeutsche und wird stärker betont. Versuchen Sie das: ‚Ich sehe ein schönes Mädchen.'“)

Und so weiter. Ob man allerdings alle diese Infos in 23 Minuten ins Gedächtnis bekommt, ist eine andere Frage. Lustig ist der Versuch allemal.

„Njusletter abonyere“

Auch sonst ist auf dieser Website alles dem Berndeutschen angepasst. Aus Newsletter wird „Njusletter“ aus E-Mail „Y-Meyl“ und Neuigkeiten werden als „Nöykeyte“ bezeichnet. Die Schreibweise mit dem „Y“ (Igregg, wie ihn die Berner und die Romands nennen), mag zwar etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber da es im Schweizerdeutschen bekanntlich keine Schreibregeln gibt, kann man das vor dem inneren Auge nach eigenem Gusto anpassen.

Leider scheint die Website nicht allzu aktuell zu sein. Ein Eintrag weist darauf hin, dass ab 14. April neue berndeutsche Flirt-Wörter vorgestellt werden. Und der aktuellste Beitrag der gleichnamigen Facebook-Seite stammt vom 1. Dezember 2015. „Häärzig“ und herzerwärmend ist die Website trotzdem. Auch wenn man weiss, dass die Top Level Domain „.be“ zwar vordergründig für den Kanton Bern, aber in Wirklichkeit für Belgien steht.

P.S. Der Betreiber der Website, René Frauchiger, möchte eines Tages ein Berndeutschwörterbuch herausbringen. Ob er seinem Ziel schon näher gekommen ist, will ich noch in Erfahrung bringen.

Passwörter: den eigenen Schweinehund überwinden

Aufgrund meiner Interessen und meiner Arbeit gehöre ich zu dem Teil der Bevölkerung, die gelegentlich dem anderen Teil der Bevölkerung Fragen zu Computern, dem Internet und zur Informatik im Allgemeinen beantwortet. Ausserdem biete ich, wie wohl auch viele unserer Leser, erweiterten Supportdienst in meinem sozialen Netzwerk (nein ich meine nicht Facebook). Deswegen erreichen mich zuweilen auch unterhaltsame Anfragen wie die im Bild an Sonntag-Abenden um 21 Uhr.

Screenshot von Handy

Informatik-Support kann eine unterhaltsame, aber auch hoffnungslose Angelgenheit sein…

Zeitverzögertes Verantwortungsbewusstsein
Unter diese Anfragen fallen auch solche zur Sicherheit im Netz – und diesbezüglich bin ich Skeptiker. Regelmässig berichten kleine und grosse Unternehmen, dass die Daten ihrer Nutzer gestohlen wurden. Zuletzt wurde das Riesenunternehmen Yahoo mit dem Verlust von sicherheitsrelevanten Daten von 500 Millionen Nutzern (über 70% aller Nutzer) durch die Schlagzeilen gezogen. Obwohl der Diebstahl schon 2014 stattfand, fühlte sich das Unternehmen erst jetzt genötigt, vor dem Kauf durch Verizon die Sache öffentlich zu machen. Dieses Versagen auf multiplen Ebenen ist ein heisser Kandidat fürs Lehrbuch im Kapitel „Wie bescheuert kann man sein?“

Regelmässige Erneuerung
Wie auch immer. Sicherheit ist ein stetiger Prozess – kein Zustand. Sozusagen ein andauerndes Katz und Maus-Spiel mit den bösen Buben. Und da müssen auch wir als Nutzer unseren wichtigen Teil dazu beitragen und gegen unsere Faulheit ankämpfen: Die Faulheit bezüglich der eigenen Passwörter. Was uns die Datenlecks nämlich lehren, ist die elementare Bedeutung des regelmässig geänderten Passwortes. Tut man das nicht, dann ist es völlig sinnlos, sich über die Liste der beliebtesten Passwörter des Jahres zu amüsieren. Mit regelmässig geänderten Passwörtern reduziert sich auch das Risiko wie im Fall Yahoo.

Passwort-Software eine gute Idee?
Über die Nützlichkeit von Programmen und Apps die Passwörter verwalten kann man sich streiten. Sie ermöglichen zwar die Verwendung von langen und sicheren Passwörtern, aber nützen auch nichts, wenn diese gestohlen werden. Andererseits gibt es mit einem Masterpasswort einen Single Point of Failure und das Sicherheitsproblem bei Lastpass zeigte, dass auch diese Software nicht von Lücken verschont bleibt. Ich persönlich empfehle auch die Sicherheitsfragen, so weit es geht, zu vermeiden. Und wenn das nicht geht, dann eine völlig falsche Antwort zu geben und diese wie ein Passwort gut zu verwahren. Die gleichen Sicherheitsfragen werden an verschiedenen Orten verwendet und ein Leck auf Plattform A kann das Konto auf Plattform B gefährden.

Emotionaler Sprachkurs

Seit ich einen Teil meiner Sommerferien in Spanien verbracht habe, bin ich motiviert, meine Spanischkenntnisse aufzufrischen. Jeden Tag investiere ich seither meine 10 bis 15 Minuten in die Sprachlern-App Duolingo, um mein selbst gestecktes Ziel zu erreichen.

Screenshot von de.duolingo.com

Bild: Screenshot von de.duolingo.com

Duolingo zählt dabei jeden Tag, den ich ohne Unterbruch übe. In der englischen Version heisst dieser Zähler „streak“. Nach einer Woche hat man also einen „7 day streak“ beisammen, nach einem Monat einen „30 days streak“ und so weiter. Übt man einen Tag lang nicht, beginnt der „streak“ wieder bei null. Auf die Funktionen der App hat dies keinen Einfluss.

Will man seinen „streak“-Wert dennoch erhalten und einen Tag Pause einlegen, kann man über den In-App-Store einen sogenannten „streak freeze“ für einen Tag kaufen – und zwar nicht mit Geld, sondern mit Punkten, die man sich durchs Üben verdient hat.

Das klingt alles soweit logisch und klar.

Emotional belastet

In Wahrheit aber ist das Thema hoch emotional belastet. Im Duolingo-Forum etwa weinen sich enttäuschte Duolingo-Nutzer gegenseitig ins Gilet, um sich zu beklagen, wie viele Tage sie verloren haben und wie wütend sie auf Duolingo sind (obwohl Duolingo ja letztlich nichts dafür kann, wenn es einen solchen Unterbruch gibt, auch wenn sie die App entwickelt haben). Da gibt es beispielsweise einen Nutzer, der ganze 140 Tage verloren hat. Ein anderer beklagt den Verlust von immerhin 76 Tagen. Ein Dritter verliess Duolingo „nach einer ähnlichen Erfahrung“ für einen ganzen Monat, bis er sich wieder dazu imstande fühlte, der App in die Augen bzw. den Bildschirm zu schauen.

Der Haken an der ganzen Sache ist nämlich der: Erstens muss man den „streak freeze“ zum Voraus kaufen. Man muss also damit rechnen, dass es einen Tag X geben wird, an dem man keine Zeit haben wird, 10-15 Minuten in „seine“ Sprache zu investieren. Das kann viele Gründe haben: Man wird krank, hat auf einmal keine funktionierende Datenverbindung mehr, weil man zwei Tage in den Bergen wandern geht. Oder man vergisst schlicht und einfach, die App zu starten. Zweitens kann man nur einen „streak freeze“ pro Mal kaufen, nicht mehrere. Zu sparen und dann zwei Wochen in die Ferien zu fahren funktioniert also nur im richtigen Leben, nicht aber in dieser App.

Und da natürlich viele Duolingo-Nutzer denken, sie benötigten keine vorausgekaufte Pause, ist das Drama entsprechend gross, wenn es doch passiert. Denn es fühlt sich an, also ob die ganze investierte Zeit für die Katz gewesen wäre. Alles ist weg. Der Zähler ist auf null. Da nützt es auch  nichts, wenn man am gleichen Punkt weiterfahren kann wie zuvor. Es fehlt einfach etwas. Und wer sein Profil mit anderen teilt, muss noch zusätzlich mit der Schmach leben, dass andere den schmerzlichen Verlust mitbekommen.

Tag zurückkaufen

Ich spreche aus eigener Erfahrung. Auch ich hatte einen hübschen, zweistelligen „streak“-Wert beisammen, übte brav jeden Tag meine Wörtli und war ziemlich stolz auf mich. Einen „streak freeze“ hatte ich keinen gekauft, weil ich (natürlich) dachte, das sei nicht nötig. Und eines Tages vergass ich Duolingo. Am nächsten Tag öffnete ich die App mit einem unguten Gefühl. Und da sah ich sie, die grosse Null. Gut fühlte sich das nicht an. Immerhin teile ich mein Profil nicht. Die MItleidsbekündigungen meiner Mitstreiter blieben mir also erspart.

Ich gebe zu, dass ich danach ein bisschen deprimiert war. Doch inzwischen habe ich mich recht gut davon erholt. Und seit es mir zum zweiten Mal passiert ist, habe ich sogar herausgefunden, dass man inzwischen seinen verlorenen Tag „zurückkaufen“ kann – mit richtigem Geld! Rund 3 Franken kostet der Spass. Mit Emotionen kann man halt schon gute Geschäfte machen.

Online Werbung schlecht? Geschwätz von gestern!

Zu Beginn hier mal eine kleine Frage: Warst Du überrascht, als letzte Woche bekannt wurde, dass Whatsapp in Zukunft doch Nutzerinformationen an Facebook liefern wird? Beim Verkauf von Whatsapp wurde das zwar noch ausgeschlossen, aber schliesslich hat Facebook vor zwei Jahren einen zweistelligen Milliarden-Betrag gezahlt. Ausserdem hatte sich Mark Zuckerberg, Gründer und Mehrheitsbesitzer von Facebook, Anfang 2016 entschieden, kein Geld mehr für Whatsapp zu verlangen. Irgendwie muss sich der Kauf ja rentieren …

Screenshot von der Facebook-Seite www.facebook.com/ads/preferences

Hier gibt Facebook uns die Möglichkeit das eigene Profil zu „schärfen“. Damit man uns noch besser übers Ohr hauen kann. Wie grosszügig.

Möglichst wenig wissen?
Da spielt es ja auch keine Rolle, was früher mal gesagt wurde. So wird Jan Koum, Gründer von Whatsapp, folgendermassen zitiert: „Unser Modell basiert ja eben nicht darauf, möglichst viel über unsere Nutzer zu wissen und Daten zu sammeln. Wir kennen nur seine Telefonnummer. Aber wir speichern die Nachrichten nicht. […] Wir wollen so wenig wissen wie möglich.“ Was soll man da noch sagen?

Das brennende Loch im Portmonnaie
So gibt es für den Verkauf an Facebook nur zwei mögliche Gründe: Entweder liegt bei Jan Koum ein akuter Fall von multipler Persönlichkeitsstörung vor, oder der Wunsch, nicht mehr in der Suppenküche essen zu müssen, war zu gross. Auf jeden Fall sollte man den Vermerk auf Wikipedia, wie kritisch sich Koum zu Online-Werbung geäussert haben soll, ersatzlos streichen.

Mehr Wissen ist das neue Schwarz
Und was hat der Datenaustausch nun für Folgen? Sie wissen mehr über uns. Einen kleinen Einblick in das, was Facebook mit diesen Daten macht, kann man sich anschauen, wenn man ein Facebook-Konto besitzt. Auf der Seite www.facebook.com/ads/preferences ist zumindest ein kleiner Teil desjenigen Profils sichtbar, das Facebook über die eigene Person erstellt hat. Schau Dich um, das kann lustig sein. Oder auch erschreckend. Das bleibt jedem selbst überlassen. Beispielsweise habe ich nicht gewusst, dass ich mich für Berbersprachen interessiere.

Da werde ich dann auch noch aufgefordert, Verbesserungen anzubringen – sozusagen mein Profil zu schärfen. Für wie bescheuert halten die mich eigentlich?