Wäre ja nett gewesen

Gegen Ende des Jahres wird man in der Glotze mit Jahresrückblicken so lange belästigt, bis man sich wünscht, der Rest des Jahres möge bitte ganz schnell ein Ende finden. Leider liegt es in der Natur der Sache, dass nur auf diejenigen Dinge zurückgeblickt werden kann, die zuvor medial auch stattgefunden haben. Trotzdem: diese Tage der Rückbesinnung haben auch etwas Gutes. Sie erinnern mich daran, was man dieses Jahr nicht oder kaum erfahren hat, wenn man sich nur in den sogenannten Qualitätsmedien umhergetrieben hat.

Jesus und Teufel beim Armdrücken.

Ein corpus delicti: Eines der sogenannten staatszersetzenden Werbebilder für Facebook. Bei genauer Betrachtung steckt da wenig Raffinesse drin.

Nicht einmal die Hälfte des Geldes vor den Wahlen ausgegeben
Ein Beispiel ist das ganze Brouhaha um die Meistermanipulatoren aus Russland, die die Wahlen dem Donald zugeschanzt haben sollen. Es wäre nett gewesen zu erfahren, dass von den 100 000 US-Dollar (die diese russisch-staatliche Trollfabrik gebraucht haben soll um die Wahlen zu kippen) nur gerade 46 000 Dollar vor dem Wahltag ausgegeben wurden. Der Rest dieser sogenannten staatszersetzenden Anzeigen wurde nach den Wahlen geschaltet. Ist das nicht raffiniert? Ich bin sicher, diese Trolle lernten ihr Handwerk an Webinaren mit Machiavelli höchstpersönlich.

Facebook steckt in der Argumentationsgülle fest
Es wäre nett gewesen zu hören, was ein Facebook-Werbe-Experte zu diesem Thema zu sagen gehabt hätte. Was kann man mit diesen Beträgen wirklich erreichen? Meiner Erfahrung nach ist das ein derart kleiner Tropfen auf den heissen Stein, dass es schlichtweg eine grobe Veruntreuung von Staatsgeldern ist, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Politiker, die von der Materie keinen blassen Schimmer haben, sind natürlich scharf darauf herauszufinden, wie man sich Wahlen für wenig Kohle unter den Nagel reissen kann. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass Facebook und die anderen grossen Plattformen in der Argumentationsgülle stecken: Sie können diese „russische Einflussnahme“ weder abstreiten, noch zugeben, dass ihre Werbung eigentlich gar nicht so wirkungsvoll ist, wie sie immer behaupten.

Was macht Uber eigentlich so wertvoll?
Es wäre auch schön gewesen dieses Jahr mal erklärt zu bekommen, welches Geschäftsmodell wirklich hinter dem Taxi-Dienst Uber steht. Hierzulande wird ständig nur darüber berichtet, welche Gesetze letzthin gebrochen wurden und wer gerade die Nummer eins auf der internen Macho-Liste ist. Erklärungen oder Vermutungen zum eigentlichen Geschäftsmodell sehe ich keine. Das Unternehmen ist ja immer noch weit davon entfernt, profitabel zu sein. Wenn man dann noch verfolgt, wie stark sich Uber an seine von den Leuten gewonnenen Daten klammert, könnte man meinen, dass es eigentlich ums Verhökern von Mobilitätsdaten geht. Nein, stattdessen wird mir dargelegt, was der Staat von Uber und Co. lernen könnte.

Überlebensstrategie?
Es wäre nett gewesen, solche Analysen zu hören, denn das soll ja gemäss den Medienhäusern die neue Überlebensstrategie des Journalismus sein. Ja, es wäre nett gewesen… aber wie sagen es unsere nördlichen Nachbarn: „Hätte, hätte, Fahrradkette!“

Um ehrlich zu sein ist das Schrott!

Hätte sich letzten Monat Zucki, der Chef von Facebook, nicht entschieden, diese App zu kaufen, hätte ich vielleicht nie von ihr erfahren. Aber es war eine Schlagzeile wert, dass Facebook für unter 100 Millionen US-Dollar eine Firma mit dem Namen Midnight Labs, ein Start-up mit vier Nasen, aufgeschnupft hat.

Eine junge Frau in Tanzpose auf einer Strasse.

Tanke Lebensfreude! Lade noch heute tbh runter.

Ein positives Lebensgefühl für Jugendliche
Das Corpus Delicti ist eine App fürs iPhone, die den Namen „to be honest“ (um ehrlich zu sein – tbh) trägt. Was in Gesprächen wie der Auftakt zu einer unangenehmen Wahrheit klingt, soll sowas wie ein soziales Netzwerk sein. Gemäss einem Bericht auf der Website von Der Bund  soll es darum gehen, Jugendlichen ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Ist das nicht toll? Ein soziales Netz, das glücklich macht und die Menschen nicht isoliert. Das klingt doch mal nach einem innovativen Ansatz.

Wer am meisten Edelsteine hat ist DER Hecht
Nun ja, die Freude ist dann doch ein wenig getrübt. Der „psychologisch wertvolle Ansatz“ (klingt schon ein wenig nach PR-Geschwafel) wird dadurch umgesetzt, dass man einen Beliebtheitswettbewerb nach dem anderen durchführt. Die Fragen können lauten: Wer ist der lustigste Junge? Wer hat die längste Nase? Oder was auch immer. Die anderen Teilnehmer dürfen dann mit virtuellen Edelsteinen den oder die Siegerin bestimmen. Mit dieser Grundidee hat es die App im App-Store von Apple eine gewisse Zeit zur Nummer eins gebracht.

Die Sache stinkt
Es wäre Zeitverschwendung, die Funktionalitäten der App noch näher zu beschreiben, denn diese App stinkt von der ersten Idee an. Ein positives Lebens- oder Selbstwertgefühl durch die Bewertung von Anderen entwickeln? Das ist schlichtweg absurd. Nein, „to be honest“ ist eine weitere Plattform, die Psychometrie und Gamification in ein Werbe-Geschäftsmodell packt.

Hot or not?
In der Ankündigung von tbh stand, beim Zusammentreffen mit den Facebook-Leuten hätten sie Ähnlichkeiten in den Kernwerten festgestellt. Ich glaube ja auch, dass Zucki sich durch diese Abstimmungen an die Anfänge von Facebook erinnert fühlt: Damals hat er Fotos von College-Kolleginnen und Kollegen nebeneinander gelegt und darüber abstimmen lassen…

Bibliothek 2.0

Als Kind liebte ich Bibliotheken über alles. Insbesondere die Bibliothek meiner Stadt. Ich verbrachte ganze Nachmittage dort und lieh im Wochentakt fünf bis zehn Bücher aus. Die Bibliothek war mein zweites Zuhause, die Mitarbeiter kannten mich und lächelten, wenn sie mich sahen.

Eine moderne Bibliothek bietet heutzutage mehr als nur Bücherregale. Quelle: Bild aus der Vancouver Public Library auf flickr.com // GoToVan // CC by 2.0

Als ich älter wurde, gewannen andere Dinge an Bedeutung. Trotzdem ging ich noch etwa einmal im Monat in die Bibliothek. Sie wurde mit der Zeit moderner und hatte irgendwann Musik-CDs und Audiobücher auf CD im Angebot. Als ich später begann, vermehrt Bücher an Flohmärkten oder in Büchereien zu kaufen, war ich noch seltener dort.

Irgendwann merkte ich, dass sich vieles verändert hatte: Die Ausleihe und die Rückgabe funktionierten neuerdings über Automaten. Das gefiel mir, obwohl ich mir etwas Sorgen um die Jobs der Mitarbeiter machte. Doch die waren alle noch da und schienen so beschäftigt und zufrieden wie eh und je.

Neue Stadt, neue Möglichkeiten

Vor einiger Zeit bin ich in eine grössere Stadt gezogen. Seither habe ich mehrere Bibliotheken zur Auswahl. Eine davon ist praktisch bei mir um die Ecke. Also beschloss ich, eine Jahreskarte zu lösen. Vor Ort erklärte mir ein hilfsbereiter Mitarbeiter, wie ich Bücher ausleihen und zurückgeben kann. Die Ausleihe funktioniert über einen Automaten, wie ich ihn schon kenne. Die Rückgabe hingegen ist noch nicht automatisiert. Der Mitarbeiter erklärte mir noch, was ich wo finden würde und händigte mir schliesslich die Kundenkarte aus.

Ich wollte mich schon bedanken, da zückte er noch einen unscheinbaren Zettel mit einer aufgedruckten URL. „Fast hätte ich es vergessen: Wenn Sie bei uns Kundin sind, haben Sie Zugang zu unserem Online-Portal“, erklärte er mir. Was dieses denn umfasse, wollte ich wissen. „Nun … Audiobücher, E-Books, E-Papers … sowas halt“, meinte er achselzuckend. Für ihn die normalste Sache der Welt. Ich hingegen lebte zu diesem Zeitpunkt immer noch in einer Welt, in der man in einer Bibliothek ein Audiobuch auf CD ausleiht.

Elektronisch und in verschiedenen Sprachen

An diesem Tag ging ich mit einem grossen Bücherstapel und einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause. Daheim loggte ich mich auf dem Online-Portal ein: Von Literaturwerken über Romane bis hin zu Kurzgeschichten konnte ich alles ausleihen. Als Audiobücher sowie E-Books. Auf Knopfdruck. Und das alles erst noch in verschiedenen Sprachen.

Ich schätze, ich bin der Welt der Bibliothek 2.0 angekommen.

Wenn Hass hilft

Bisher glaubte ich, Hass habe nur eine destruktive Seite und sonst nichts. Darum war es mir eine umso grössere Freude vor einigen Wochen dem Vortrag von Fabian Wichmann gespannt zu lauschen. Er stellte das Projekt „Rechts gegen Rechts“ vor. Darin geht’s um die Fragestellung, wie man aus Scheisse Süssigkeiten macht. Und das haben die Leute um Fabian Wichmann genial geschafft!

Hassen für den rechten Zweck steht auf dem Bild

Jeder Hass-Kommentar wird mit einer kleinen Mitteilung, einem Bild wie diesem und einem Euro verdankt. Bild: www.hasshilft.de

Mit jedem Meter weiter gegen Rechts
Mit dem „unfreiwilligsten Spendenmarsch Deutschlands“ machte sich das Projekt weltweit einen Namen. Unfreiwillig war der Spendenmarsch, weil es die Leute um Fabian Wichmann schafften einen Naziaufmarsch zu einem Fundraising-Event für eine Organisation zu machen, die Nazis hilft auszusteigen. Das Video „Mein Mampf“ dazu ist sehenswert: Die Gesichter der Spendenläufer einfach unbezahlbar. Obwohl die Aktion medial bekannt geworden war, konnte sie anschliessend häufig kopiert werden.

Facebook: Dorthin gehen, wo sich die Nazis rumtreiben
Um dem Ganzen noch einen drauf zu setzen, wurde die Idee verfeinert und weiterentwickelt. Die neue Aktion heisst ganz einfach „Hass hilft“ und spielt sich auf Facebook ab . An dem Ort, wo Nazis sich so unbelästigt tummeln können wie Vogelscheuchen an der Fasnacht. Die Aktion verläuft in drei Schritten: 1. Jemand schreibt einen Hass-Kommentar auf Facebook, der durch das „Hass hilft“-Team oder eine aussenstehende Person gefunden wird. 2. Eine Person des Teams antwortet auf den Kommentar in einer freundlich-ironischen Art inklusive einem Bild wie hier im Text abgebildet. 3. Durch die Antwort wird der Kommentar gezählt und dafür wird ein Euro gespendet.

Siegen durch Nachgeben
Die Aktion erinnert mich an eine dieser asiatischen Kampfsportarten, bei der man die Energie bzw. den Schwung des Gegners für den eigenen Angriff nützt. Naja, der Vergleich passt nicht ganz auf „Hass hilft“ , da für die Spenden SponsorInnen gebraucht werden. Am Besten wäre es, wenn die Nazis gleich selbst dafür zahlen müssten. (Wo bleiben die Ideologen, die von der verursachergerechten Finanzierung schwafeln, wenn man sie braucht…) Aber man kann nicht alles haben. Trotzdem bin ich davon begeistert.

Psychologische Tricks

Sie hat mir in den letzten Minuten mindestens fünfmal versichert, dass ich den besten Preis herausgeholt habe. Und dass ich unwahrscheinliches Glück habe, einen Platz zum Schlafen gefunden zu haben.

Hotel

Ein Hotelzimmer zu finden ist manchmal gar nicht so einfach. Bild: flickr.com // FFCU // CC BY-SA 2.0

Bis zum unwahrscheinlichen Glück fehlt aber noch ein Schritt: Meine Mailadresse und ein Passwort muss ich noch eingeben. Und dann, vielleicht, kann ich die vier Tage im Hotel buchen. Doch die Website streikt. Erst stürzt sie ab, dann bin ich zu langsam und sie ermahnt mich, meine Buchung doch endlich zu Ende zu führen, bevor sie wieder abstürzt. Beim dritten Mal verliere ich aus unerfindlichen Gründen alle meine Daten und kann wieder von vorne anfangen. Beim vierten Mal schaffen wir es.

Nicht nutzerfreundlich

Nun gratuliert sie mir und macht schon fast Luftsprünge vor Freude. Ich auch, aber aus anderen Gründen. Doch die Odyssee ist noch nicht abgeschlossen. Denn die Website will jetzt noch ganz viele Dinge von mir wissen: Wann ich denn anzukommen gedenke? Ob ich mit dem Auto oder mit dem Zug anreise? Ob ich irgendwelche Sonderwünsche habe? Als ich die Buchung endlich abschliessen kann, bin ich erschöpft.

Dabei wollte ich eigentlich direkt beim Hotel buchen. Doch das gibt weder eine Telefonnummer noch eine Website bekannt. Stattdessen landete ich auf dieser Website, die immer wieder abstürzt.

Nicht alle Portale dieser Art funktionieren so schlecht. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie wollen einen mit psychologischen Tricks zu einer schnellen Entscheidung zwingen. „Buchen Sie schnell, es hat nur noch ein Zimmer zu diesem Preis!“ Oder: „Drei andere Personen schauen sich in diesem Moment genau dieses Hotelzimmer auch an!“ Oder, in roter Schrift: „Sie sind leider zu spät, alle Zimmer sind schon belegt.“

Kontingent ausgeschöpft

Und selbst wenn ein Hotel eine eigene Website hat, kann es sein, dass man trotzdem nicht direkt buchen kann: Ein Freund von mir musste in einer Hotellobby auf Bitte des Hotelpersonals sein Zimmer über eine externe Plattform buchen. Das Hotel hatte zwar noch freie Zimmer, konnte ihm aber über das interne Buchungssystem keins mehr vergeben, weil das interne Kontingent ausgeschöpft war. Immerhin stürzte dabei die Buchungswebsite nicht dreimal ab.

Amazon, der Bombenlieferant Deines Vertrauens

Bisher habe ich einmal bei Amazon etwas gekauft und mich entschieden, nicht mehr dort einzukaufen. Das war im Jahr 2006. Noch lange bevor man wusste, dass Menschen für die 24-Stunden-Verfügbarkeit zu Arbeitsbedingungen arbeiten müssen, die unter aller Sau sind. Hingegen konnte man schon damals erkennen,  wie sehr die Shop-Besucher ausgespäht werden. Dabei steckte die Überwachung des Internet-Nutzers noch in den Kinderschuhen.

Sieben Stangen Dynamit und Streichhölzer. Aufschrift auf den Streichhölzern: Frequently bought together

Sieben Stangen Dynamit und Streichhölzer. Werden oft zusammen gekauft.

Vorschläge nerven mich
In welche Richtung es geht, zeigten die nervigen Vorschläge. „Leute die X gekauft haben interessierten sich auch für Y…“ Als ob das ein relevanter Hinweis wäre.  Manche Leute finden die Hilfe von Algorithmen gut und andere wünschen nicht belästigt bzw. manipuliert zu werden. Ich gehöre auf jeden Fall zur zweiten Gruppe. Wer aber darüber nachdenkt, zu Hause selbst gemachte Sprengsätze zu bauen, sollte vielleicht auf diese Hinweise hören.

Häufig zusammen gekauft
Der britische Fernsehsender Channel 4 News berichtete von einem Problem mit den Algorithmen von Amazon. Leute, die sich für eine handelsübliche und an sich harmlose Zutat für einen Sprengsatz interessierten, hätten auch weitere Bombenkomponenten als Vorschlag angezeigt bekommen – in der Rubrik „Frequently bought together“ (Häufig zusammen gekauf). Gemäss New York Times habe Amazon angekündigt, es werde seine Algorithmen überprüfen. Da können wir ja nochmals aufatmen.

Bomben basteln für Dummies
Man muss sich also nicht durch die Memoiren der RAF wühlen oder das Inspire-Magazin konsultieren, um die Zutaten für eine Bombe aus Haushaltsprodukten herauszufinden. Es geht auch einfacher. Das dies passieren könnte, ist weniger überraschend als witzig. Bitterböse wird es hingegen, wenn man darüber nachdenkt, wie viele Kunden diese Kombinationen wohl gekauft haben mögen, damit sie als Muster erkenn- und vorschlagbar wurden?

Mein Tesla, mein ferngesteuertes Auto

Hurrikan Irma hat sich aufs Meer verzogen und die nächste Verwüsterin, Hurrikan Maria, ist schon unterwegs. Für die Medien sind diese Wirbelstürme ein gefundenes Fressen. Damit kann man unzählige Stunden Fernsehmaterial senden und wunderbare Geschichten über Zerstörung, Trauer und Elend erzählen. Die Aufmerksamkeitsstatistiker kommen aus dem Fingerabschlecken nicht mehr heraus. Und wie immer produzieren solche Ereignisse auch Helden.

Tesla-Sportwagen auf einer Wiese im Grünen

Wem gehört eigentlich dieser schicke Sportwagen? Und weiss der Besitzer das auch? Foto: Pixabay.com

Update durch die Luft
Meistens sind es die üblichen Verdächtigen: Feuerwehrleute, Rettungsmannschaften, Polizisten oder Privatpersonen, die kleine Viecher vom Baum retten. Dieses Mal kommt aber eine neue Person dazu: Elon Musk. Der Chef von Tesla. Sein Unternehmen hat vom Hurrikan Irma betroffenen Fahrern seiner Elektromobile eine zusätzliche Funktion gewährt. Sie durften für die Flucht vor dem Unwetter zum ersten Mal ihre ganze Batterieladung ausschöpfen. Tesla verschickte dafür auf die Schnelle, ohne grosse Ankündigung, ein Softwareupdate durch die Luft und setzte dem ganzen Zauber auch ein Ablaufdatum. Am 16. September war der Spuk schon wieder vorbei. Wie bei einer App auf einem Smartphone.

Von der netten Geste zur Preis-Diskriminierung
Die Reaktionen in den Medien waren unterschiedlich. Während im Business Insider von einer netten Geste die Rede war, berichtete man auf dem Nachrichtensender CNN und dem Portal The Verge neutral über die Sache. Kritischer hingegen  wird im Guardian darüber geschrieben. In Artikel wird immerhin das Thema Preis-Diskriminierung erwähnt. Ausserdem stellt der Autor die Frage, ob sich der Kunde vielleicht nicht ein wenig betrogen fühle. Der Experte meint am Ende nur: „Gewöhnen sie sich daran“.

Konsumgüter-Elektronik trifft auf die Autobranche
Ähnlich kritisch ist das deutsche Magazin Der Spiegel. Der Autor sieht darin letztlich eine PR-Aktion. Es würde sich ja nicht besonders gut machen, wenn Teslas auf der Flucht vor dem Unwetter liegen bleiben würden.  Und damit liegt er sicherlich nicht falsch. Interessant ist auch die Feststellung in einem Artikel der New York Times. Ein Analytiker einer Bank hält fest: „Du bringst damit eine Mentalität aus der Konsumgüter-Elektronik in ein langlebiges Produkt“. Meinen tut er: Da prallen zwei Welten aufeinander. Kritisch hinterfragt oder eingeordnet wird aber auch hier nicht.

Wem gehört eigentlich mein Auto?
Die Frage, die mir bei der ganzen Sache in den Sinn kam, wurde aber nirgends gestellt. Wenn der Hersteller nach Gutdünken Funktionen übers Netz ein und ausschalten kann: Wer hat über welche Eigenschaften die Kontrolle? Und wenn ich die Kontrolle nicht habe, gehört mir der Wagen eigentlich noch?

Virtual Reality am Strand

„Wir fliegen einen Looping über den oberen Zürichsee bei Rapperswil. Der beginnt bei rund 300 Meter und am oberen Kulminationspunkt sind wir etwa 3000 Meter hoch.“ Das ist die Stimme von Gunnar Jansen, einem Piloten der Patrouille Suisse. Ich sitze mit ihm in seinem Tiger F-5-Kampfjet und sehe den ganzen Zürichsee über meinem Kopf.

Die Fliehkräfte, die bei dem Manöver an der F5 zerren, spüre ich aber nicht. Denn in Wirklichkeit sitze ich am Boden unter freiem Himmel und schaue mir den Flug von Jansen als Film durch eine Virtual-Reality-Brille an.

Besucher der Web-2.0-Konferenz re:publica von 2016 in Berlin testen VR-Brillen aus. Quelle: flickr.com // re:publica/Jan Michalko // CC BY 2.0

Der Film über Jansen war Teil des Virtual Reality Openair Cinemas, das Ende August im Zürcher Strandbad Mythenquai stattfand. Eine Vorstellung beinhaltete mehrere Kurzfilme, die ich mir durch eine VR-Brille ansehen konnte. Die Brille erhielt ich vor Ort, und nach einer kurzen Einführung begann das 360-Grad-Kinoerlebnis.

Unausgereift und improvisiert

Was gut klingt, wirkte in der Realität leider sehr improvisiert: Wir sassen auf Bänken an den Tischen, die den Besuchern des Badirestaurant üblicherweise als Sitzplatz dienen. Das Platzangebot war klein. Was eher schwierig ist, wenn man sich einen 360-Grad-Film anschaut. Denn wenn ich mich drehte, um eine andere Perspektive des Films zu sehen, stiess ich immer wieder mit dem Kopf beziehungsweise der Brille meines Sitznachbarn zusammen. Glücklicherweise kannte ich ihn.

Eigentlich hätte es anders laufen sollen. Denn die Veranstalter hatten das virtuelle Kinoerlebnis im Vorfeld mit Drehsesseln beworben. Was für einen solchen Event perfekt gewesen wäre. Hinzu kam, dass die Auflösung der Videos schlecht war, die besagten Sitzbänke hart und der Akku der VR-Brille meines Sitznachbarn nach drei Minuten leer. Glücklicherweise konnte er eine andere Brille aufsetzen, die noch auf dem Tisch lag.

Zudem kosteten die Tickets pro Person 19 Franken, also gleich viel wie ein regulärer Kinoeintritt. Dort sitzt man aber in Polstersesseln und sieht sich einen Film in erstklassiger Qualität an. Immerhin beinhaltete das Gesamtprogramm des Virtual Reality Openair Cinemas eine gute Mischung: Von der Geschichte eines syrischen Flüchtlings über die Besteigung des Eigers bis hin zu einer Reise durchs Weltall war alles dabei. Einzig die drei Filme über Pancho, den Chihuahua aus Los Angeles, hätten die Veranstalter getrost weglassen können.

Bei unserer Vorstellung bekamen wir insgesamt drei vom „Blick“ produzierte Filme zu sehen, die man allesamt schon seit längerer Zeit auf Youtube findet: Neben dem Flug mit Gunnar Jansen gab es eine Kurzreportage über die Bergretter der Air Zermatt zu sehen, bei der man im Helikopter mitfliegt. In einer weiteren Kurzreportage erzählen Patent Ochsner von ihrem Leben als Band. Zuletzt gab es noch einen Werbefilm zum Volvo XC90 zu sehen. Auch diesen findet man auf Youtube. Dass das entsprechende Volvo-Modell nach dem Filmende gut sichtbar beim Ausgang stand, versteht sich von selbst.

Acht, nicht drei

Organisiert hatten den Event der Gastrobetrieb Hiltl und We Are Cinema, hinter dem das Unternehmens Vertical Ventures steht. Hiltl führt das vegetarische Restaurant im Mythenquai – daher auch die Location beim Badirestaurant. We Are Cinema startete hinterher via E-Mail eine Umfrage, um herauszufinden, ob den Besuchern das Kinoerlebnis gefallen hatte. Wer mitmachte, nahm automatisch an der Verlosung einer „Spectacles“- Sonnenbrille mit integrierter Kamera von Snapchat teil.

Die Umfrage hätte gemäss den Angaben von We Are Cinema maximal drei Minuten in Anspruch nehmen sollen. Ich habe dafür acht Minuten benötigt. Zwölf Fragen mit Unterfragen, bei denen ich mich teilweise fragte, was sie damit bezwecken wollten: das Setting des Festivals, die Dekoration vor Ort oder die Freundlichkeit der Hosts. Mit jeweils fünf Abstufungen von miserabel bis sehr gut. Abkürzungen waren unmöglich. Ich. Musste. Jede. Frage. Einzeln. Ausfüllen. Ich wüsste gerne, ob sie selbst versucht haben, ihre Umfrage unter drei Minuten sorgfältig auszufüllen.

Sollte es in in Zukunft also mehr VR-Kinoanlässe in der Schweiz geben, müssen sich die jeweiligen Veranstalter meiner Meinung nach ein besseres Konzept ausdenken. Bequeme Drehsessel mit genügend Abstand zum Sitznachbarn und Filme in HD-Qualität würden helfen.

E-Voting: Wieso eigentlich?

Noch im April liess sich der (Schweizer) Bundeskanzler Walter Thurnherr mit dem Satz zitieren: „Das ist ein Signal zugunsten der politischen Rechte im 21. Jahrhundert. Es ist jetzt Zeit.“ Gemeint hat er damit die Einführung des E-Votings in der Schweiz. Was für ein schönes Zitat: Es klingt so bedeutungsschwanger und doch kann man es nur auf den letzten Satz reduzieren: „Es ist jetzt Zeit.“ Der Bundesrat will also jetzt ernst machen mit dem elektronischen Abstimmen und Wählen. Der Rest ist blabla.

Eine schwarze Holztafel mit der weissen Aufschrift: Polling Station.

Ist es wirklich Zeit, das E-Voting einzuführen? Es ist einfach nicht sicher.

Geht’s wieder einmal um Geld?
Ich frage mich nur: Wieso eigentlich? Funktionieren unsere bisherigen Prozeduren plötzlich nicht mehr? Ist jemand davon ausgeschlossen?  Ich höre keine Klagen. Liegt es daran, dass man glaubt, dadurch die Wahl- und Abstimmungsbeteiligung zu erhöhen? Kann der Bund damit Geld sparen? Vermutlich geht es darum, dass gewisse Unternehmen Geld damit verdienen wollen. So wie z. B. die Post. Die schreckt dann auch nicht davor zurück Sätze wie diesen zu verbreiten: „Als die vertrauenswürdige Übermittlerin von über 20 Mio. Sendungen mit Stimmunterlagen und brieflichen Stimmabgaben pro Jahr ist die Post dazu prädestiniert, mit E-Voting auch bei der elektronischen Stimmabgabe für den sicheren und vertraulichen Transport von Stimmen zu sorgen.“ Das ist Schwachsinn der Extraklasse.

Digitalisierung hat an sich keinen Wert
Nur weil etwas digitalisiert werden kann, muss man es nicht gleich tun. Digitalisierung ist kein Wert an sich. Sie ist lediglich ein Mittel zum Zweck. In diesem Fall steht ein erhoffter kleiner Nutzen (erhöhte Wahlbeteiligung) einem grossen Risiko des Missbrauchs gegenüber. Und  das Missbrauchsrisiko ist sehr klar und konkret. Sobald Informatik und eine Datenbank ins Spiel kommen, steigt das Missbrauchspotenzial rasant. Zu glauben, man könne sichere Systeme herstellen, ist reines Wunschdenken. Es gibt keine sicheren Systeme. Es ist nur eine Frage des Anreizes.

Restlos alle Wahlmaschinen in den USA haben versagt
Die vielen Nachrichten der letzten Jahre über den Verlust von ganzen Datenbanken mit sensiblen Informationen sollte uns zu denken geben. Aber mehr noch: Die Ergebnisse eines Versuches an der Sicherheitskonferenz DEF CON Ende Juli 2017 in Las Vegas sprechen eine eindeutige Sprache. Hackern und Sicherheitsexperten wurden 30 ihnen unbekannte Wahlmaschinen zum Spielen bereitgestellt. Alle 30 Wahlautomaten wurden in wenigen Minuten bis mehreren Stunden gehackt. Bei der einen Maschine war es nicht mal nötig, physisch Hand anzulegen. Sie war, wie unglaublich dumm, per W-Lan ans Netz angeschlossen. Eine andere hatte noch Teile des Wahlregisters auf der Festplatte. Alle Maschinen waren gebraucht online gekauft und vorher in Betrieb gewesen. Ein erschreckendes Ergebnis.

Was soll man dazu noch sagen? Im Fernsehkrimi hiesse es jetzt vom Staatsanwalt: „Euer Ehren, ich habe keine weiteren Fragen.“ Die Beweisführung ist abgeschlossen.

Ein paar Wochen im Voraus

Montagabend, Zeit für ein Schwätzchen mit dem anderen Ende der Welt, doch Skype spinnt grad auf meinem Handy. Ja, ich skype noch – nicht, weil ich finde, das sei jetzt die ultimative Art des Ferngesprächs, sondern, weil ich es für das kleinere Übel halte – wegen der Schindluderei mit meinen Daten, Sie wissen schon.

Hallo Microsoft: Bitte ernst nehmen.

Skype weigert sich, mich beim Server anzumelden. „Vorgang misslungen … versuchen Sie es später“ oder so ähnlich wird mir mitgeteilt. Doch später geht eben auch nichts. Nicht mal neu installieren hilft.

Ich befragte das Web und lande in einem Forum. (Ja, ich treibe mich noch in Foren rum – nicht, weil ich die für die coolsten Informationsquellen hielte, aber Sie wissen schon…) Jedenfalls erfahre ich dort, dass mein Betriebssystem, also Windows Phone (WP) 8.1, Skype nicht mehr unterstützt. (Und ja, ich nutzte noch Windows Phone, nicht, weil ich es für die angesagteste Plattform hielte – aber Sie wissen schon…)

Als wäre das nicht schon genug, muss ich auch zur Kenntnis nehmen, dass WP 8.1 gar selbst nicht mehr unterstützt wird, von Microsoft nämlich. Was für eine Kacke! Und überhaupt, warum muss ich das eigentlich in irgend so einem Forum erfahren? Microsoft hätte weissgott die Möglichkeit gehabt, mich beispielsweise über ihren eigenen Schnatterkanal („Mit Skype bleibt die Welt im Gespräch“) mal kurz anzuchatten.

Ein paar Wochen im Voraus wären nett gewesen und ein wenig Zerknirschtheit im Unterton auch. Man hätte mir ans Herz legen können, doch bitte auf WP 10 hochzurüsten. Selbiges, und das sei die gute Nachricht, laufe nämlich auf meinem Handy tipptopp. Bei der Gelegenheit hätte mir auch gleich gestanden werden können, dass das neue System nicht über die Update-Funktion des alten zu bekommen ist, sondern nur über erst zu installierende App.

Ich hätte sicher kurz geflucht, mich dann aber an die Arbeit gemacht. Vielleicht hätte ich mich gar aufs neue Betriebssystem gefreut. Aber so, wie das jetzt gelaufen ist? Da komme ich mir schon akut vergackeiert vor und dafür wünsche ich den Heinis in Redmond erstmal sämtliche sieben biblischen Plagen an den Hals und Schweissfüsse noch dazu.